Shoghi Effendi

Gott Geht Vorüber

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Shoghi Effendis, des Hüters der Bahá'í-Religion, große Rede zum Zentenar der Bábí-Bahá'í-Religion im Jahr 1944, eingeleitet durch einen Essay von George Townshend M. A., emeritus Kanonikus der St. Patrickskathedrale zu Dublin und Erzdiakon von Clonfert

























Abbildung: Shoghi Effendi

Titel des englischen Originals : GOD PASSES BY


(c) 1944 by the NSA of USA Bahá'í Publishing Trust, Wilmette, Ill., US.A.
(c) 1954, 1974, 1997 Bahá'í-Verlag GmbH, 65719 Langenhain, ISBN 3-87037-...-. 423-053
3. revidierte Auflage







Inhalt

Einführung von George Townshend 5

Vorwort 15

Erste Periode: Die Zeit des Báb, 1844-1853, Kapitel 1-5

1. Die Geburt der Bábí-Offenbarung 23

Der Báb erklärt Seine Sendung (3) - Die Ernennung der Buchstaben des Lebendigen (8) -
Die Pilgerfahrt des Báb nach Mekka (10) - Gefangennahme des Báb (14), Die Reise nach Isfahán (20) -
Aufenthalt des Báb in Isfahán (21)

2. Der Báb gefangen in Adhirbáyján 38

Der Báb ein Häftling (2) - Seine Kerkerhaft in Máh-Kú und Chihríq (3, 5) - Sein Verhör in Tabríz (7) -
Seine Schriften (8) - Sein Bund (15)(26?) - Die Konferenz von Badasht (27)

3. Aufstände in Mázindarán, Nayríz und Zanján 56

Höhepunkte des Aufstands in Mázindarán (7) - Hervorstechende Züge des Aufstands in Nayríz (19) -
Episoden des Aufstands in Zanján (12) - Die Sieben Märtyrer von Tihrán (14)

4. Die Hinrichtung des Báb 70

Ereignisse vor Seinem Tod (1) - Das Martyrium (6) - Würdigung Seines Gedächtnisses (12) -
Vergleich Seiner Sendung mit derjenigen Jesu Christi (15) - Die Eigenart Seiner Sendung (16)

5. Das Attentat auf den Sháh und seine Folgen 82

Der Anschlag auf Násiri'd-Dín Sháh (3) - Blutbad unter den Bábí in Tihrán (7) -
Die Rolle Bahá'u'lláhs zur Wirkenszeit des Báb (10) - Seine Kerkerhaft im Síyáh-Chál (14) -
Gefangenschaft und Märtyrertod Táhirihs (16) - Die Hinrichtung prominenter Jünger des Báb (22) -
Würdigungen des Heldentums der Bábí (26) - Das Schicksal der Verfolger des Báb und Seiner Jünger (31)

Zweite Periode: Die Zeit Bahá'u'lláhs, 1853-1892, Kapitel 6-13

6. Die Geburt der Bahá'í-Offenbarung 108

Die Situatuion nach dem Attentat auf den Sháh (1) - Die Offenbarung Bahá'u'lláhs (5) -
Deren Bedeutung (9) - Prophetische Hinweise (13) - Die Umstände der Geburt (26)

7. Bahá'u'lláhs Exil im Iráq. Erster Teil 125

Seine Entlassung aus dem Síyáh-Chál und Abreise nach Baghdád (3) -
Bedeutung Seiner Verbannung (7) - Seine Zeit in Baghdád vor Seinem Rückzug nach Kurdistán (13) -
Die zwei Jahre Seiner Zurückgezogenheit in Kurdistán (35)

8. Bahá'u'lláhs Exil im Iráq. Zweiter Teil 150

Wachsendes Ansehen der Bábí-Gemeinde (6) - Erneuerung der Sitten der Gemeinde (12) -
Zunehmende Anerkennung der Stellung Bahá'u'lláhs (16) - Vermehrung der Bábí-Literatur (24) -
Niederlage der Glaubensfeinde (31) - Bahá'u'lláhs Abreise von Baghdád (36)

9. Die Erklärung Bahá'u'lláhs und Seine Reise nach Konstantinopel 176

Bedeutung Seiner Erklärung (7) - Sein Aufbruch vom Garten Ridván (8) -
Geschehnisse während der Reise (9) - Sein Aufenthalt in Konstantinopel (13)

10. Die Auflehnung Mírzá Yahyás und die Proklamation Bahá'u'lláhs in Adrianopel 189

Mírzá Yahyá erkennt die Sendung Bahá'u'lláhs nicht an (1) -
Die Verkündigung der Botschaft Bahá'u'lláhs (16) - Verbannung nach Akká (38)

11. Bahá'u'lláhs Gefangenschaft in Akká 211

Bedeutung Seiner Verbannung in das Heilige Land (1) -
Die ersten Jahre Seiner Gefangenschaft (6) - Allmähliche Erleichterung der Haftbedingungen (21)

12. Bahá'u'lláhs Gefangenschaft in Akká. Zweiter Teil 226

Erneute Verfolgungen in Persien (4) - Folgen der Verkündigung Seiner Sendung in Adrianopel (19) -
Die Offenbarung der Gesetze und Gebote der Bahá'í-Sendung (41) -
Darlegung der Grundsätze der Bahá'í-Offenbarung (48)

13. Das Hinscheiden Bahá'u'lláhs 253

Der Abschied (3) - Schicksal der Glaubensfeinde während der Zeit Seines Wirkens (10)

Dritte Periode: Die Zeit Abdu'l-Bahás, 1892-1921, Kapitel 14-21

14. Der Bund Bahá'u'lláhs 267

Bedeutung des Bundes (3) - Hauptpunkte in Seinem Buch des Bundes (7) -
Die Rolle Abdu'l-Bahás während der Wirkenszeit Seines Vaters (8)

15. Die Auflehnung Mírzá Muhammad-Alís 275

Anwürfe der Bundesbrüchigen gegen Abdu'l-Bahá (8) -
Das Verhalten Mírzá Muhammad-Alís und seiner Genossen (9) -
Hinweise Bahá'u'lláhs und Abdu'l-Bahás auf Verletzer des Bundes (13)

16. Der Aufstieg des Glaubens im Westen 283

Hinweise der heiligen Bahá'í-Schriften auf den Westen und seine zukünftige Bedeutung (4) -
Die ersten Pilger aus dem Westen in Akká (11) - Erste Entfaltung des Glaubens in Nordamerika (16)

17. Erneute Gefangenschaft Abdu'l-Bahás 295

Wühlarbeit der Verletzer des Bundes (3) -
Ernennung einer Untersuchungskommission durch Sultán Abdu'l-Hamíd (8) -
Wirken Abdu'l-Bahás in der Gefangenschaft (9) - Untersuchungen und Abruf der Kommission (14) -
Ausbruch der Jungtürkischen Revolution und Befreiung Abdu'l-Bahás (22)

18. Die Beisetzung der sterblichen Reste des Báb am Karmel 306

Bergung und Überführung der Überreste ins Heilige Land (2) - Beisetzung durch Abdu'l-Bahá (9)

19. Abdu'l-Bahás Reisen in Europa und Amerika 311

Seine Besuche in Ägypten (9) - Reisen nach Europa (10) - Aufenthalt in Deutschland (16) - Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika (18) - Höhepunkte Seiner Reisen (19)

20. Wachstum und Ausbreitung des Glaubens in Ost und West 328

Erneute Verfolgungen in Persien (4) - Bau des ersten Mashriqu'l-Adhkár in Ishqábád (12) -
Festigung des Glaubens im Osten, in Europa und in Nordamerika (14) -
Der Krieg von 1914-1918 und seine Auswirkung auf das Zentrum des Glaubens (21) -
Ausweitung der Bahá'í-Tätigkeit und Erschließung des australischen Kontinents (28)

21. Abdu'l-Bahás Abschied von dieser Welt 343

Die Ereignisse vor Seinem Hinscheiden (2) - Das Begräbnis (13) -
Die Bedeutung Seiner Aufgabe (16) - Das Schicksal der Glaubensfeinde während Seines Wirkens (21)

Vierte Periode: Beginn der Gestaltungszeit des Bahá'í-Glaubens, 1921-1944, Kapitel 22-25

22. Anfänge und Bau der Bahá'í-Verwaltungsordnung 356

Die Ursprünge (1) - Wesen der Gestaltenden Periode (3) -
Die Wesensart der Bahá'í-Verwaltungsordnung (7) - Angriffe auf die Bahá'í-Verwaltungsordnung (8) -
Grundzüge des Testamentes Abdu'l-Bahás (9) - Anfänge der Bahá'í-Verwaltungsordnung (10) -
Örtliche Geistige Räte (13) - Nationale Geistige Räte (15) - Nationale Ausschüsse (16) -
Hilfseinrichtungen (16) - Verfassung der Bahá'í-Gemeinden (17) - Bahá'í-Stiftungen (18) -
Die Einrichtung des Hazíratu'l-Quds (23) - Sommerschulen (28) - Jugendarbeit und dergleichen (30) -
Aufnahme von Beziehungen zu wohltätigen Einrichtungen und Regierungsbehörden (32) -
Konsolidierung der Bahá'í-Einrichtungen im Heiligen Land (34) -
Bau des Mashriqu'l-Adhkár in Wilmette, Ill. (41)

23. Angriffe auf Bahá'í-Institutionen 389

Verletzer des Bundes nehmen den Schlüssel zu Bahá'u'lláhs Grab an sich (4) -
Schiiten beschlagnahmen Bahá'u'lláhs Haus in Baghdád (6) -
Verfolgung des Glaubens und Aufhebung seiner Institutionen in Rußland (17) -
Unterdrückungsmaßnahmen gegen Bahá'í-Institutionen in Deutschland (20) -
Beschränkungen für Bahá'í-Institutionen in Persien (21)

24. Emanzipation und Anerkennung des Glaubens und seiner Institutionen 400

Formelle Scheidung des Glaubens vom Islám in Ägypten (4) -
Anerkennung des unabhängigen Status des Glaubens in seinem Weltzentrum (14) -
Die Verfechtung der Unabhängigkeit des Glaubens durch seine Anhänger in Persien (15) -
Offizielle Anerkennung der Bahá'í-Verwaltungsinstitutionen in den Vereinigten Staaten von Amerika (21)

25. Weltweite Lehrtätigkeit 413

Ausdehnung der Grenzen des Glaubens (1) - Vermehrung der Bahá'í-Literatur (11) -
Weltweite Lehrtätigkeit von Martha Root (22) -
Bekenntnis der Königin Maria von Rumänien zum Glauben (31) -
Durchführung des Siebenjahresplans durch die Amerikanische Bahá'í-Gemeinde (48)

Rückschau und Ausblick 441

Index (not implemented in this file) 452







Einführung von George Townshend M.A.¹

¹ ehemals Domherr der St. Patrick-Kathedrale in Dublin, Archidiakon von Clonfert, Verfasser mehrerer Bücher über die Bahá'í-Religion, unter anderen `The Promise of All Ages` und `The Old Churches and the New World Religion`


Hier steht eine Geschichte aus unserer Zeit, über einen sehr ungewöhnlichen und wenig bekannten Stoff, eine Geschichte voll Liebe und Glück, voll geistiger Schau und Kraft. Sie kündet von Siegen und eröffnet den Ausblick auf noch größere Triumphe. Soviel herbe Tragik sie auch enthält - am Ende entläßt sie die Menschheit doch nicht in eine düstere, unwirtliche Zukunft, sondern läßt sie aus deren Schatten heraustreten auf den Höhenweg ihres unausweichlichen Schicksals zu den offenen Toren der verheißenen Stadt des Ewigen Friedens.

Die vergangenen hundert Jahre sind, wie wir sehen, durch menschliche Großtaten und wahre Wunder gekennzeichnet, ohne Beispiel in den Annalen der Welt, aber auch von nie zuvor erlebten Enttäuschungen und Verlusten. Indessen berichtet die vorliegende Geschichte von Wundern, die zur selben Zeit geschahen, doch um vieles größer, machtvoller und segensreicher. Statt von Kummer und Tränen kündet sie von der längst vergessenen Freude und der dahingeschwundenen Kraft, die nun erneut vom Himmel in unsere geschäftige Welt herabstiegen unter die sterblichen Menschen. Sie erzählt von göttlichen Dingen: von der Geburt einer neuen Weltreligion mitten unter uns, einem Glauben, der die Reihe all der früheren Weltreligionen fortsetzt, der sie alle anerkennt, sie alle erfüllt, die allen gemeinsame Grundabsicht zur Vollendung führt und an die Christenheit, das »Volk des Evangeliums«, den besonderen Aufruf richtet, es solle sich aufmachen und helfen, daß der Glaube sich bald über die ganze Erde verbreite.

Im Mittelpunkt der Handlung steht eine einzige, unvergleichliche, majestätische Gestalt, und das Handlungsmotiv ist deren grenzenlose, überirdische Liebe, die sie für die ganze Menschheit hegt, sowie die Gegenliebe, die sie in den Herzen der Gläubigen erweckt.

Auf menschlicher Seite handelt das Buch von Liebe, Kampf und Tod. Es erzählt von Männern und Frauen gleich uns, die aus reiner Liebe alles, was sie gewesen und besessen, aufs Spiel setzten, spricht von verlassenen Heimen, von gebrochenen Herzen, von Raub, Vertreibung, Leid und unzähmbarem Zielstreben.

Lange schien es, als wäre die Welt zu trist und zu satt vom Alltag, um eine derart geisterfüllte und allumfassende Offenbarung aufnehmen zu können. Immer wieder schien der Glaube durch die wütende Gewalt der Unterdrückung endgültig ausgerottet. Wohl gab es in verschiedenen Ländern viele Menschen in hoher Stellung, die vom Glauben wußten, über die grausame Verfolgung seiner Bekenner unterrichtet waren und die Proteste und Rufe nach Gerechtigkeit wohl hörten, doch keiner merkte auf, keiner half.

Seltsam und beklagenswert, daß ein so emsig forschendes Zeitalter, welches so viele Wahrheiten entdeckte, das Reich des Geistes unerforscht lassen und an der wichtigsten aller Wahrheiten vorbeigehen sollte.

Kein Prophet kam mit authentischeren Beweisen Seiner Prophetenschaft in die Welt als Bahá'u'lláh, und keine der früheren Religionen hat im ersten Jahrhundert ihres Bestehens so viel erreicht und sich so weit über die Erde verbreitet wie die Seine.

Der stärkste Beweis für einen Propheten lag immer in Ihm selbst und in der Wirksamkeit Seines Wortes. Bahá'u'lláh hat aufs neue das Feuer des Glaubens und des Glücks in den Herzen entfacht. Sein Wissen hatte Er nicht aus der Schule, es war Ihm angeboren. Seine Weisheit konnte niemand bestreiten oder ihr widerstehen, und Seine Größe mußten selbst Seine ärgsten Feinde eingestehen. Alle menschliche Vollkommenheit war in Ihm verkörpert. Seine Kraft war unbegrenzt. Trübsal und Leid ließen Seine Stärke und Kraft nur wachsen. Als göttlicher Arzt erkannte Er die Krankheit der Zeit und verschrieb ihr das Heilmittel. Seine Lehren waren allumfassend und erleuchteten die ganze Menschheit. Und seit Seinem Tod strömt Seine Kraft in noch reicherer Fülle. Seine Vorausschau war einzigartig, und die Ereignisse bewiesen und beweisen noch immer deren Richtigkeit.

Ein anderer Beweis, den alle Propheten erbrachten, liegt im Zeugnis der Vergangenheit: die Erfüllung alter Prophezeiungen.

Daß die Prophezeiungen des Qur'án und der islámischen Traditionen heute in Erfüllung gingen, lag verblüffend zutage, hat aber den Islám nicht davon abgehalten, den Bahá'í-Glauben zu verfolgen.

Daß die Prophezeiungen Christi und der Bibel sich erfüllen, wußte man im Westen seit hundert und mehr Jahren und redete darüber. Das volle Ausmaß dieser Erfüllung aber wird erst durch Bahá'u'lláh deutlich. Die Verkündigung Seines Glaubens hatte im Jahre 1844 begonnen, dem Jahr, da der durch die Muslime erzwungene zwölfhundertjährige Ausschluß der Juden aus ihrem Land durch ein Toleranzedikt gemildert wurde und somit »der Heiden Zeit erfüllt«¹ war. Der Advent hatte sich lange hinausgezögert und fiel in eine Zeit der Bedrängnis und des Unrechts, der Religionsmüdigkeit und des Unglaubens, da die Gottes- und Nächstenliebe erkaltet war² und die Menschen völlig in materieller Geschäftigkeit und weltlichem Vergnügen aufgingen³. Der Gottesbote kam wie ein Dieb in der Nacht und weilte in unserer Mitte, während die Menschen tief im geistigen Schlaf lagen. Er prüfte die Seelen, schied die geistigen von den ungeistigen, die echten von den falschen Gläubigen, die Schafe von den Böcken.<4> Die Menschen aber, die dessen nicht gewahr wurden, waren unversehens wie mit dem »Fallstrick« <5> gefangen und erkannten nicht die Gefahr, bis die vergeltende Gerechtigkeit Gottes über sie hereinbrach. Doch der Auftritt des Glaubens und die Schnelle und Richtung seiner Verbreitung gleichen dem Blitz, der von Ost nach West<6> hinfährt. Im Gegensatz zur Offenbarung Muhammads hatte sich das Christentum vom Osten nach Westen ausgebreitet und war vorwiegend zu einer westlichen Religion geworden. Auch der Bahá'í-Glaube wandte sich zum Westen, doch viel rascher und kraftvoller als das Christentum.

¹ Luk. 21:24 ² Matth. 24:12/48 ³ Matth. 24:38
<4> Matth. 25:33 <5> Luk. 21:35 <6> Matth. 24:27

Seit dem Beginn unserer Epoche, seit den Tagen des Báb, des Herolds des Glaubens, bekunden die Berichte seitens der Christen aufmerksame Sympathie für die neue Lehre, ein deutlicher Kontrast zur Haltung ihrer muslimischen Nachbarn. Das wohl früheste Beispiel dafür ist das liebenswürdige Kompliment des damals in Tihrán ansässigen englischen Arztes Dr. Cormick, der den an den Folgen der Folter leidenden Báb im Gefängnis behandelte und sich dahingehend aussprach, daß die Lehre des Báb derjenigen des Christentums durchaus ähnlich sei. Der erste westliche Historiker der Bewegung, Graf Gobineau, ein französischer Diplomat, schrieb (1865) voll Begeisterung über das heilige Wesen des Báb, Seine erhabenen Ideale, den Zauber Seiner Persönlichkeit, Seine Redegewandtheit und den erstaunlichen Eindruck, den Seine Worte auf Freund und Feind machten. Ähnlich schrieben über Ihn auch Ernest Renan in »Les Apôtres« (1866), Lord Curzon in »Persia«, Professor Browne aus Cambridge in verschiedenen Werken, und viele gebildete Christen aus späterer Zeit.

Doch unter den vielen Beispielen unwillkürlicher Sympathie ist das aufsehenerregendste das, welches der Hinrichtung des Báb auf dem Marktplatz von Tabríz am 9. Juli 1850 ein ganz besonderes Gepräge gab. Der diensthabende Offizier der Exekutionsschwadron war Christ. Er ging zum Báb und bat Ihn, daß es ihm, der im Herzen keinerlei Feindschaft wider Ihn hege, erspart bleiben möge, die Schuld an einem so verabscheuungswürdigen Verbrechen auf sich zu laden. Der Báb erwiderte, Gott finde, wenn seine Bitte aufrichtig sei, gewiß auch Mittel und Wege, um diese Bitte zu erhören. Das aufsehenerregende Wunder, durch welches die Bitte Erhörung fand, und der Märtyrertod, den der Báb dann durch ein anderes Regiment unter einem muslimischen Offizier erlitt, sind in die Geschichte eingegangen.

Obgleich der christliche Westen weit weg vom Schauplatz des prophetischen Wirkens liegt, fühlte er den göttlichen Impuls in der Welt Jahrzehnte vor dem Osten und antwortete darauf in der Tat. Dichter unterschiedlichen Ranges, wie Shelley, Wordsworth und viele andere, sangen von einem neuen Morgen. Eine neue Welle der Missionstätigkeit verbreitete das christliche Evangelium über die ganze Erde: Geistig erleuchtete Männer und Frauen suchten dem Wahren und Echten in der Religion neues Leben zu verleihen, Reformatoren standen auf, um althergebrachte Übel zu beheben, Schriftsteller widmeten ihr Können den gesellschaftlichen Problemen. Wie hebt sich dies alles ab von den Taten des verrotteten, fanatischen und grausamen Orients!

Der Báb stellte Seine Lehre hinsichtlich Geist und Ziel derjenigen Christi gleich, die eine Vorläuferin Seiner eigenen war, und zitiert einige Weisungen Christi an Seine Jünger in Seinen Ernennungsbriefen an die »Buchstaben des Lebendigen«.

Bahá'u'lláh hat offenbar von Anfang an die besondere Aufnahmefähigkeit des fortschrittlichen und unternehmungslustigen Westens in Betracht gezogen. Er unternahm das Bestmögliche, um die Wahrheit des heutigen Zeitalters dem Westen und seinen führenden Persönlichkeiten nahezubringen. Da Ihm versagt war, Seine Botschaft persönlich Europa zu überbringen, richtete Er aus einem türkischen Gefängnis einen allgemeinen Sendbrief an die Christen, einen anderen an die Herrscher und führenden Männer der Welt, insbesondere die Führer der Christenheit. In fünf persönlichen Sendschreiben wandte Er sich auch an den Zaren, den Papst, die Königin Victoria und zweimal an Napoleon III. In machtvoller, majestätischer Sprache, wie der König aller Könige Seinen Vasallen Befehle erteilt, erklärte Er in den Sendschreiben die heutige Zeit als den Größten Tag Gottes und Sich selbst als den Herrn der Herren, den Vater, der in Seiner größten Herrlichkeit gekommen ist. Alles, was das Evangelium verhieß, sei nun erfüllt. Jesus hatte das Licht angekündigt, Seine Zeichen waren über den Westen verbreitet worden, damit Seine Nachfolger heute ihr Gesicht zu Bahá'u'lláh hinwenden.

Diese Briefe sind in der Tat Verkündigungen einer weit vorausschauenden göttlichen Fügung, und die Katastrophe des Westens, die seit ihrer Niederschrift eintrat, verleiht ihnen nun eine schlimme, eine schreckliche Bedeutung. Sie sind von einiger Länge, doch sei hier in kurzen Abschnitten ihr Inhalt angedeutet.

In Seinem Sendbrief an die Königin Victoria drückt Er ihrer Majestät Seine Anerkennung über die Abschaffung des Sklavenhandels aus und dafür, daß sie »die Zügel der Beratung den Händen der Volksvertreter anvertraut« hat. Die Beratenden sollten jedoch ihren Obliegenheiten im Geiste des Gebetes zu Gott und der Verantwortung für das Wohl der ganzen Menschheit nachkommen. Das Menschengeschlecht sei als ein Ganzes zu betrachten, das wie der menschliche Leib zwar vollkommen erschaffen, aber schlimm in Unordnung geraten und darum krank sei. Es stehe unter der Gewalt von Herrschern, die sich vor Stolz so blähen, daß sie nicht ihr eigenes Bestes, geschweige denn diese machtvolle Offenbarung erkennen könnten. Das wahre Heilmittel für die Leiden der Welt sei die Vereinigung aller Völker in einer allumfassenden Sache, einem gemeinsamen Glauben. Und dies könne niemand als der Göttliche Arzt bewirken. Er rief die Königin dazu auf, den Frieden zu sichern, ihren Untertanen gegenüber gerecht und umsichtig zu sein, keine übermäßigen Steuern zu erheben, eine internationale Vereinbarung über Abrüstung und gemeinsamen Widerstand der Völker gegen alle Angreifer herbeizuführen.

Sein Sendbrief an den Papst enthält einen eindringlichen, liebevollen Aufruf an die Christen, daß sie den heutigen verheißenen Tag Gottes erkennen, sich seinem Licht erschließen, ihrem Herrn entgegenjauchzen und in Seinem Namen das Königreich betreten. Zum Lichte seien sie erschaffen, Er wolle sie nicht im Dunkeln wissen. Christus habe die Welt durch Seine Liebe und Seinen Geist geläutert, auf daß sie an diesem Tag fähig sei, das Leben aus der Hand des Barmherzigen zu empfangen. Dies sei das Kommen des Vaters, von dem Jesaja sprach, und die jetzt durch Ihn offenbarte Lehre sei das, was Christus noch zurückhielt, als Er sprach: »Ich hätte euch noch viel zu sagen, doch ihr vermögt es jetzt noch nicht zu tragen.« Er fordert den Papst auf, den Kelch des Lebens hinzunehmen, daraus zu trinken und ihn dann solchen anzubieten, »die sich ihm inmitten der Völker allen Glaubens zuwenden«.

Der Sendbrief an Alexander II. ist die Antwort auf ein Gebet des Zaren zu seinem Herrn und zugleich Anerkennung für die Freundlichkeit, die ein Gesandter des Zaren Bahá'u'lláh erwiesen hatte, als Er in Ketten im Gefängnis lag. Er führt dem Zaren die überragende Größe dieser Manifestation vor Augen und berichtet ihm, wie der Künder sich um des Heils der Welt willen tausendfacher Qual aussetzte und wie die Menschen Ihm, der ihnen Leben brachte, den Tod androhten. Er fordert ihn auf, diese Ungerechtigkeit bloßzustellen und sich in seiner Liebe zu Gott und dem Reich Gottes als Lösegeld auf Seinem Pfad zu opfern; kein Leid werde ihn treffen, doch der Lohn in dieser und der jenseitigen Welt. Groß, unermeßlich groß sei der Segen, der des Königs harre, der sein Herz dem Herrn schenkt.

In zwei Sendschreiben an Napoleon 111. weist Bahá'u'lláh den Kaiser nachdrücklich auf die Einheit der Menschheit hin, deren viele Gebrechen erst dann geheilt sein werden, wenn die Völker davon ablassen, nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen, und statt dessen sich verständigen, vereint im Gehorsam gegenüber Gottes Plan. Das Menschengeschlecht solle wie ein Leib und eine Seele sein. Im heutigen Zeitalter fordere Gott von allen Menschen ein ungleich höheres Maß an Glauben, als je zuvor auf dieser Welt erreicht wurde. Jeder ist aufgefordert, die Wahrheit zu lehren und für die Sache Gottes zu wirken, doch niemand werde in diesem Dienste gute Früchte erzielen, es sei denn, er reinige und veredele zuvor sein eigenes Wesen.

Bahá'u'lláh fordert die Geistlichen auf, ihre Isolation zu beenden, sich unter das Volk zu mischen und zu heiraten. Im heutigen Zeitalter rufe Gott die Menschen zu Ihm, und alle Theologie, die ihre eigenen Thesen zum Maßtab für die Wahrheit nähme und sich von Ihm abwende, habe weder Wert noch Wirkung.

Er sei gekommen, um die ganze Menschheit wirklich und wahrhaftig neu zu schaffen und zu vereinigen, und Er werde sie versammeln um die eine große Tafel Seiner Güte und Freigebigkeit. Der Kaiser solle Seinen Namen anrufen und dem Volk Seine Wahrheit kundtun!

Alle diese Sendschreiben, besonders das an Napoleon 111., enthalten ernste Warnungen und offen oder unausgesprochen düstere Prophezeiungen für den Fall, daß die Könige die Manifestation nicht anerkennen und ihren Befehlen nicht folgen. Vor allem der Sendbrief an die Könige allesamt ist bedrohlich streng. Bahá'u'lláh warnt die Herrscher: Falls sie nicht die Armen unter ihnen als Pfand Gottes behandelten, nicht strengstens Gerechtigkeit walten ließen, nicht ihre Zwistigkeiten beilegten und ihre trennenden Meinungsverschiedenheiten überwänden, nicht ihre Rüstungen minderten und den Ratschlägen, die ihnen der Offenbarer gab, keine Beachtung schenkten, »... dann wird von allen Seiten göttliche Züchtigung über euch kommen und der Urteilsspruch Seiner Gerechtigkeit wird gegen euch verkündet werden. An jenem Tage werdet ihr keine Macht haben, Ihm zu widerstehen, und ihr werdet eure eigene Ohnmacht erkennen. Habt Erbarmen mit euch selber und mit denen, die euch unterstellt sind!«¹

¹ Die Verkündigung Bahá'u'lláhs S.23

Vor vielen Jahrhunderten hatte Christus die Stadt beweint, deren Kinder Seines Besuches nicht achteten und Seinen Schutz zurückwiesen. Nun trug sich bei Seiner Wiederkunft das Gleiche zu. Doch diesmal zog sich nicht nur ein Volk den Zorn Gottes zu, sondern die ganze Welt.

Ehe Bahá'u'lláh verschied, verkündete Er: »Die Stunde naht, da das größte Beben geschieht.« Und abermals: »Die Zeit der Vernichtung der Welt und ihrer Bewohner ist da.«

Mehr als vierzig Jahre nach dem Versand dieser Schreiben unternahm Abdu'l-Bahá, der Sohn des Künders und berufenes Vorbild Seines Glaubens, nachdem Er durch die Jungtürken schließlich aus Gefangenschaft befreit war, eine dreijährige Reise nach Europa und Amerika. Obgleich Ihn vieles, was Er dort sah, tief bekümmerte und Er wußte, welchem Schicksal die Völker in ihrer Achtlosigkeit entgegeneilten, enthielt Er sich aller Anklagen, Vorwürfe und Kritik. In Seiner gütigen, allumfassenden Liebe rief Er Seine Hörer zu hoher, heroischer Tat. Er sprach viel von dem geistigen Ziel, das der Gesellschaft in diesem erleuchteten Zeitalter von Gott gesteckt wurde, dem »Größten Frieden«. Er selbst erschien in Seiner Freude und heiteren Ruhe, Seiner Liebe zu allen Menschen, Seiner Weisheit, Kraft, Entschlossenheit und völligen Gottergebenheit als der verkörperte Geist dieses Friedens. Seine bloße Gegenwart versetzte empfängliche Seelen in einen Zustand, von dem sie vielleicht einmal gehört, den aber niemand bisher erlebt hatte. In Seiner Lehrtätigkeit legte Er viele Monate lang die ethischen und geistigen Voraussetzungen des Größten Friedens dar und erläuterte in vielen Ansprachen die praktischen Mittel, durch die man ihm näher kommt. In den Vereinigten Staaten legte Er in Wilmette am Ufer des Michigansees den Grundstein zum ersten Bahá'í-Tempel des Westens; in seinem Umkreis sollen Gebäude für soziale, humanitäre, erzieherische und wissenschaftliche Aufgaben entstehen - das Ganze als Entwurf gedacht zur Verherrlichung Gottes und zum Dienst am Menschen. Hier in Amerika sah Er auch die ersten Strukturen der administrativen Ordnung Bahá'u'lláhs sich abzeichnen.

Aber der allgemeine Widerhall in der Bevölkerung reichte nicht aus, um den heranstürmenden Krieg aufzuhalten. Vor seiner Abreise aus den Vereinigten Staaten¹ sagte Abdu'l-Bahá den Kriegsausbruch innerhalb von zwei Jahren voraus.

¹ Ende 1912


Als der Krieg vorüber und Friede geschlossen war, erklärte Er, daß der Völkerbund so, wie er beschaffen sei, keinen Krieg verhindern könne, und vor Seinem Heimgang im Jahre 1921 kündigte Er Seinen Anhängern den Ausbruch eines weiteren Krieges an, der weit schlimmer sein werde als der letzte.

Vielen mag es zu Beginn des zweiten Bahá'í-Jahrhunderts scheinen, als ob die Menschheit in einem steuerlosen Boot auf stürmischer, wildbewegter See treibe. Die Bahá'í hingegen haben eine andere Schau. Schranken, mit denen die Menschen sich den Weg des Fortschritts versperrten, werden zerstört. Menschlicher Stolz erfährt seine Erniedrigung und menschliche Weisheit erscheint töricht. Es stellt sich klar heraus, daß Nationalismus Anarchie ist und Säkularismus unzulänglich.

Langsam hebt sich der Schleier vor der Zukunft. Wohin ein denkender Mensch auch blickt, überall stößt er auf richtungweisende Wahrheiten oder Leitprinzipien, die Bahá'u'lláh uns schon vor langem gab, die die Menschen aber ausschlugen. Die Summe und der Inbegriff der besten Hoffnungen der fähigsten Köpfe unserer Zeit ist in einer so einfachen Darlegung enthalten wie den sogenannten »Zwölf Punkten« Abdu'l-Bahás: 1. unabhängige Wahrheitssuche, 2. Einheit der Menschheit, 3. Religion als Ursache der Liebe und Eintracht, 4. Religion Hand in Hand mit Wissenschaft, 5. Frieden weltweit, 6. eine internationale Sprache, 7. Erziehung für alle, 8. gleiche Chancen für Mann und Frau, 9. Gerechtigkeit für alle, 10. Arbeit für alle, 11. Beseitigung der Extreme von Armut und Reichtum, 12. der Heilige Geist als Haupttriebkraft des Lebens.

Die gewaltige, verwirrend vielschichtige Aufgabe, alle Völker zu vereinigen, wird in ihrer ganzen, selbstverständlichen Schlichtheit von sieben einprägsamen Sätzen Abdu'l-Bahás umrissen: 1. Einheit auf politischem Gebiet, 2. Einheit des Denkens in Weltangelegenheiten, 3. Einheit der Freiheit, 4. Einheit auf dem Gebiet der Religion, 5. Einheit der Völker, 6. Einheit der Rassen, 7. Einheit der Sprache.

Schon haben die Bahá'í begonnen, mit Taten das Werkzeug zu formen, das zum Muster und Kernstück des Größten Friedens bestimmt ist. Die Verwaltungsordnung ist ebenso einfach wie gut durchdacht, sie kann nur von denen gehandhabt werden, deren Leben von Liebe und Gottesfurcht beseelt ist. Sie bildet ein System, in dem Gegensätze wie Einheit und Vielseitigkeit, Praktisches und Geistiges, die Rechte des einzelnen und die der Gesellschaft völlig im Gleichgewicht sind, nicht durch irgendeinen künstlichen Ausgleich, sondern durch die Offenbarung einer inneren Harmonie. Wer die Wirkungsweise dieser Ordnung erlebt hat, dem erscheint sie wie ein menschlicher Organismus, geschaffen, um darin die Seele zum Ausdruck zu bringen.

Am Seeufer in Wilmette steht der vollendete Tempel des Lobpreises als Sinnbild des Größten Friedens und der Herrlichkeit Gottes, die herabkam, um unter den Menschen zu wohnen. Die Wände des Tempels sind durchsichtig, durchbrochenes Maßwerk aus Stein gemeißelt, mit eingesetzten Glasscheiben. Alle denkbaren Lichtsymbole bilden das Muster: die Strahlen von Sonne und Mond, Sternbilder, die Leuchten geistiger Himmel, die von den großen Offenbarern heute und gestern entfaltet worden sind, das Kreuz in seinen verschiedenen Formen, der Halbmond und der neunzackige Stern, ein Symbol des Bahá'í-Glaubens. Der Tempel ist nie dunkel; bei Tag ist er hell von Sonnenlicht, das von allen Seiten durch die fein durchbrochenen Wände hereinströmt, bei Nacht ist er künstliche beleuchtet, seine reich verzierte Silhouette hebt sich dann leuchtend gegen das Dunkel ab. Von welcher Seite man auch kommt, die aufstrebende Gestalt des Tempels erscheint als Inbegriff der Anbetung, und von oben betrachtet, gleicht er einem neunzackigen Stern, der vom Himmel herabkam, um auf der Erde seine Heimstatt zu finden.

Die Welt wartet darauf, daß daß die Christen und die Kirchen des Westens sich erheben zu der Aufgabe, zu der sie der König der Könige aufrief, damit die Völker in das Verheißene Land geführt werden, die Menschheit geistig wird und der Größte Friede eintritt.

»Wahrlich, Christus sagte: `Kommt, daß Ich euch zu Menschenfischern mache`, und heute sagen Wir: `Kommt, daß Wir durch euch die Welt erquicken.` ... Siehe! Dies ist der Tag der Gnade! Kommt, daß Ich euch zu Königen in Meinem Reiche mache! Wenn ihr Mir gehorcht, werdet ihr schauen, was Wir euch verheißen haben, und Ich will euch für immer zu Freunden Meiner Seele machen im Reiche Meiner Größe und zu Gefährten Meiner Schönheit im Himmel Meiner Macht.«

G. Townshend




















Vorwort

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Am 23. Mai dieses gesegneten Jahres¹ begeht die Bahá'í-Welt den hundertsten Stiftungstag des Glaubens Bahá'u'lláhs. Sie feiert damit zugleich den hundertsten Jahrestag des Beginns der Bábí-Sendung, die Eröffnung des Bahá'í-Zeitalters, den Auftakt des Bahá'í-Zyklus und die Geburt Abdu'l-Bahás. Welche Möglichkeiten dieser in der Geistesgeschichte der Welt beispiellose, den Höhepunkt eines universalen prophetischen Zyklus bildende Glaube birgt, übersteigt unsere Vorstellung. Das Licht tausendjährigen Glanzes, das er in der Fülle der Zeit ausstrahlen wird, muß das Auge blenden. Der große Schatten, den sein Stifter auch über künftige Gottesboten wirft, die sich nach Ihm erheben werden, entzieht sich allem Begreifen.

¹ 1944


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Schon in weniger als einem Jahrhundert hat der geheimnisvolle Prozeß, den sein schöpferischer Geist hervorrief, in der menschlichen Gesellschaft einen Aufruhr hervorgerufen, wie ihn kein Verstand begreift. Nach einer frühen Phase geschützten Heranreifens setzte der Glaube mit der Entfaltung seiner sich allmählich herauskristallisierenden Struktur im Leben der Menschheit einen Gärungsprozeß in Gang, der dazu bestimmt ist, die aus den Fugen geratene Gesellschaft bis auf den Grund zu erschüttern, ihr Blut zu reinigen, ihre Institutionen neu auszurichten und wieder aufzubauen, und schließlich ihr wahres Ziel vorzuzeichnen.

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Wem sonst kann der aufmerksame Blick, der vorurteilsfreie Geist, vertraut mit den Zeichen und Wundern, welche Bahá'u'lláhs Glauben ankündigten und seinen Aufstieg begleiten - wem sonst kann er diesen furchtbaren kosmischen Aufruhr mit seinen Begleiterscheinungen Untergang, Elend und Angst zuschreiben als dem Wachstum Seiner heranreifenden Weltordnung, von der Er selbst eindeutig verkündet, daß sie »die Welt aus dem Gleichgewicht« gebracht und »das geregelte Leben der Menschheit aufgewühlt«¹ hat? Auf was sonst könnte der Ausbruch dieser ungeheuerlichen, unfaßbaren, in der Geschichte des Menschengeschlechts offensichtlich nie dagewesene Krise zurückzuführen sein, wenn nicht auf den unwiderstehlichen Strom des die Welt erschütternden, sie belebenden und erweckenden Geistes, der, wie der Báb sagte, »im Innersten alles Erschaffenen schwingt«? In den Zuckungen der heutigen Gesellschaft, ihren wahnwitzigen, weltweit überkochenden Ideen, dem wild flammenden Streit unter allen Rassen, Konfessionen und Schichten, dem Schiffbruch der Nationen, dem Sturz der Könige, dem Zerfall der Reiche, dem Erlöschen ganzer Dynastien, dem Zusammenbruch geistlicher Hierarchien, der Verrottung altheiliger Institutionen, der Auflösung weltlicher wie religiöser Bindungen, die lange Zeit die Menschen zusammengehalten hatten - alles Erscheinungen, die seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der den Eröffnungsjahren der gestaltenden Phase des Glaubens Bahá'u'lláhs unmittelbar vorausging, in steigendem Maße zutage traten - in all dem können wir leicht die Geburtswehen eines Zeitalters sehen, das den Aufprall Seiner Offenbarung ertrug, doch auf Seinen Ruf nicht hörte und jetzt seine Last loszuwerden sich müht, die nur das unmittelbare Ergebnis des schöpferischen, reinigenden und verwandelnden Impulses Seines Geistes ist.

¹ Ährenlese 70/1


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Anläßlich eines so hochbedeutsamen Jahrestages will ich auf den folgenden Seiten einen Überblick geben über die herausragenden Ereignisse des Jahrhunderts, das diesen Geist in der Welt aufbrechen sah, sowie über die Anfangsstadien seiner Inkarnation in ein System, dem es bestimmt ist, sich zu einer Ordnung zu entwickeln, die die ganze Menschheit erfassen und sie ihr hohes Ziel auf unserem Planeten erreichen lassen wird. Trotz des kurzen zeitlichen Abstands von den Ereignissen dieser einzigartigen, ruhm- und leidvollen Jahrhundertrevolution, die vor unseren Augen abrollte, werde ich bemüht sein, sie in ihrer rechten Perspektive darzustellen. Ich werde versuchen, wenn auch kurz, in ihren Zusammenhängen die bedeutsamen Geschehnisse darzustellen, die unmerklich, aber unaufhaltsam und unter den Augen eigensinniger, gleichgültiger oder feindseliger Geschlechter einen irrgläubigen und scheinbar unbedeutenden Zweig der Ithná-Asharíyyih-Sekte des schiitischen Isláms, die Shaykhí-Schule, in eine Weltreligion verwandelt haben, deren zahllose Anhänger nun eine organische, unlösbare Einheit bilden und die ihr Licht über die Erde strahlt von Island im Norden bis zur Magellanstraße im Süden, die sich über sechzig Länder dieser Erde verzweigt, deren Schrifttum in mindestens vierzig Sprachen übersetzt und verbreitet ist¹, deren örtlicher, nationaler oder internationaler Besitz sich in den fünf Kontinenten bereits auf mehrere Millionen Dollar beläuft, deren eingetragene, aus Wahlen hervorgegangene Institutionen durch eine Anzahl von Regierungen in Ost und West öffentlich anerkannt sind, deren Anhängerschaft sich aus den unterschiedlichen Rassen und Hauptreligionen der Menschheit zusammensetzt, deren Repräsentanten sich in Hunderten von Städten Persiens und der Vereinigten Staaten von Amerika finden, zu deren Wahrheit sich wiederholt Herrscherhäuser öffentlich bekannten, deren Eigenständigkeit im maßgeblichen Zentrum der arabischen und muslimischen Welt von ihren Feinden aus den Reihen der Vorläuferreligion verkündet und bewiesen wurde, deren Ansprüche faktisch anerkannt sind und die füglich als die vierte Religion des Landes gelten kann, in dem sie ihr geistiges Zentrum errichtete, des Landes, das zugleich die Wiege des Christentums, der heiligste Schrein des jüdischen Volkes und nächst Mekka die heiligste Stätte des Isláms ist.

¹ fünfzig Jahre später lebten etwa 5 Millionen Bahá'í in 120 000 Orten, gab es Geistige Räte in mehr als 20 000 Gemeinden, Nationale Geistige Räte in 172 Staaten, war die Bahá'í-Religion in 167 unabhängigen sowie 47 abhängigen Ländern unter 2100 Volksgruppen verbreitet, Bahá'í-Literatur in über 800 Sprachen veröffentlicht


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Ich habe nicht die Absicht und es wäre auch nicht angebracht, eine ausführliche Geschichte der vergangenen hundert Jahre des Bahá'í-Glaubens zu schreiben. Ich beabsichtige auch nicht, den Ursprüngen der so gewaltigen Bewegung nachzugehen oder die Umstände ihrer Geburt zu schildern, auch nicht die Art der Religion zu untersuchen, aus der sie entstand, oder abzuschätzen, welchen Einfluß sie auf die Geschicke der Menschheit nahm. Ich will mich vielmehr auf einen Bericht über die Hauptzüge ihres Entstehens und Aufstiegs beschränken sowie auf die Anfangsstadien der Errichtung ihrer administrativen Institutionen - Institutionen, die als Kern und Auftakt jener Weltordnung zu betrachten sind, in deren Rahmen sich heute das Wesen des Gottesglaubens verkörpert, seine Gesetze ausgeführt und sein Zweck erfüllt wird.

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Ich habe nicht die Absicht, bei meinem Überblick über die Revolution eines Jahrhunderts den raschen Wechsel von scheinbaren Rückschlägen mit klaren Siegen außer acht zu lassen, woraus die Hand einer unerforschlichen Vorsehung seit seinen frühesten Tagen das Muster des Glaubens zu weben beliebte, oder die Mißgeschicke herunterzuspielen, die sich oftmals als Vorspiel neuer Triumphe erwiesen, die wiederum sein Wachstum förderten und früher Erreichtes festigten. Ja, die Geschichte der ersten hundert Jahre seiner Entfaltung zerfällt in eine Folge von mehr oder weniger schweren inneren und äußeren Krisen, die sich zunächst verheerend auswirkten, dann aber auf geheimnisvolle Weise ein entsprechendes Maß göttlicher Kraft auslösten und dadurch dem Glauben einen frischen Impuls zum Fortschritt vermittelten. Der Fortschritt wiederum beschwor weit schwereres Unheil herauf, dem wieder eine noch reichere Ausgießung göttlicher Gnade folgte, was seine Verfechter befähigte, noch rascher voranzuschreiten und in seinem Dienst noch eindrucksvollere Siege zu erringen.

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In großen Zügen umfaßt das erste Jahrhundert der Bahá'í-Zeitrechnung sozusagen die Heroische, Frühe oder Apostolische Phase des Glaubens Bahá'u'lláhs und die Anfangsstadien seiner Gestaltgebenden, Übergangs- oder Eisernen Phase, in der die von Seiner Offenbarung ausgelöste schöpferische Energie sichtbar in Formen gerann. Die ganze erste Phase nimmt, grob gerechnet, die ersten achtzig Jahre des Jahrhunderts ein, indes während der letzten zwei Jahrzehnte der Beginn der zweiten Phase zu beobachten war. Die erste beginn mit der Erklärung des Báb, umfaßt die Sendung Bahá'u'lláhs und endet mit dem Hinscheiden Abdu'l-Bahás. Die zweite wird durch das Testament Abdu'l-Bahás eröffnet, das ihren Charakter bestimmt und ihre Grundlage bildet.

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Das in Betracht stehende Jahrhundert könnte man folglich einteilen in vier verschiedene Perioden ungleicher Dauer, mit jeweils besonderem Gewicht und gewaltiger, wahrhaft unabschätzbarer Bedeutung. Die vier Perioden hängen eng miteinander zusammen, sie sind die aufeinander folgenden Akte eines einzigen in sich geschlossenen, wunderbaren, erhabenen Schauspiels, dessen verborgenen Sinn kein Intellekt ergründen, dessen dramatische Steigerung kein Auge auch nur schattenhaft wahrnehmen und dessen Schluß kein Geist angemessen erahnen kann. Jeder Akt kreist um sein besonderes Thema, stellt seine Helden ins Licht, erzählt seine besonderen Tragödien, verzeichnet seine besonderen Triumphe und trägt seinen Anteil bei im Verfolg des gemeinsamen, unabänderlichen Planes. Einen Akt von den übrigen zu trennen, die spätere Kundgabe einer einzigen, allumfassenden Offenbarung vom ursprünglichen Plan loszulösen, der sie von Anfang an beseelt, wäre gleichbedeutend mit einer Verletzung ihres tragenden Gerüsts und einer beklagenswerten Fälschung ihrer Wahrheit und Geschichte.

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Die erste Periode (1844-1853) kreist um die edle, jugendliche, unwiderstehliche Gestalt des Báb, des Unvergleichlichen in Seiner Sanftmut, unerschütterlich in Seiner heiteren Gelassenheit, magnetisch anziehend in Seiner Rede und ohnegleichen hinsichtlich der dramatischen Ereignisse Seiner kurzen, tragischen Wirkungszeit. Sie begann mit der Erklärung Seiner Sendung, gipfelte in Seinem Märtyrertod und endete mit einer wahren Orgie religiösen Massenschlachtens, revolutionär in ihrer Scheußlichkeit. Geprägt ist sie durch neun Jahre wilden, erbarmungslosen Kampfes, dessen Schauplatz ganz Persien war, in dem mehr als zehntausend Helden ihr Leben hingaben, an dem zwei Herrscher der Qájárendynastie und ihre verruchten Minister teilhatten und der von allen Rängen der schiitischen Geistlichkeit, dem militärischen Machtapparat des Staates und der unversöhnlichen Feindseligkeit der Massen geschürt wurde. Die zweite Periode (1853-1892) empfing ihren Geist von der Lichtgestalt Bahá'u'lláh, überragend in Seiner Heiligkeit, ehrfurchtgebietend in Seiner majestätischen Kraft und Macht, unerreichbar im überirdischen Glanz Seiner Herrlichkeit. Sie wird eröffnet durch die ersten Regungen der vom Báb vorausgeschauten Offenbarung in der Seele Bahá'u'lláhs während Seines Aufenthaltes im Síyáh-Chál von Tihrán, erfährt ihre Fülle in der Verkündigung Seiner Offenbarung an die Könige und geistlichen Führer der Erde und endet mit dem Hinscheiden ihres Urhebers in der Nähe der Gefängnisstadt Akká. Sie erstreckt sich über neununddreißig Jahre unablässiger, beispielloser und überwältigender Offenbarung, ist gekennzeichnet durch die Ausbreitung des Glaubens in die Nachbarländer Türkei, Rußland, Iráq, Syrien, Ägypten und Indien, und zeichnet sich aus durch entsprechend verschärfte Feindseligkeit, wie sie in den vereinten Angriffen des Sháhs von Persien und des Sultáns der Türkei, der beiden anerkannt mächtigsten Herrscher des Orients, sowie in der Feindschaft der beiden Priesterschaften des schiitischen und des sunnitischen Isláms zum Ausdruck kommt. Die dritte Periode (1892-1921) dreht sich um die kraftvolle Persönlichkeit Abdu'l-Bahás, geheimnisvoll in Seiner Art, einzig in Seiner Stufe, erstaunlich machtvoll in Seinem liebenswürdigen und zugleich festen Wesen. Sie beginnt mit der Verkündigung des Bundes Bahá'u'lláhs durch eine Urkunde, die in der Geschichte aller früheren Sendungen keine Entsprechung hat, erreicht ihren Höhepunkt in der Stadt des Bundes, wo der Mittelpunkt des Bundes die Einzigartigkeit dieses Dokumentes und seine weittragenden Folgerungen nachdrücklich bekräftigt, und endet mit Seinem Hinscheiden und der Beisetzung Seiner sterblichen Hülle am Karmel. Sie wird in die Geschichte eingehen als eine fast dreißig Jahre währende Zeit der Verflechtung von Tragödien und Siegen, in der sich zeitweilig die Sphäre des Bundes verfinsterte, dann aber wieder dessen Licht über den europäischen Kontinent und das ferne Australien, den Fernen Osten und das nordamerikanische Festland ausstrahlte. Die vierte Periode (1921-1944) ist durch die Kräfte bewegt, die das Testament Abdu'l-Bahás auslöste, jene Charta der neuen Weltordnung Bahá'u'lláhs, die Frucht der mystischen Verbindung Dessen, der der Urquell des Gesetzes Gottes ist, mit dem Geist Dessen, der der Vermittler und Interpret dieses Gesetzes ist. Der Beginn dieser vierten und letzten Periode des ersten Bahá'í-Jahrhunderts fällt zusammen mit der Geburt der Formgebenden Epoche des Bahá'í-Zeitalters, der Grundlegung zur administrativen Ordnung des Glaubens Bahá'u'lláhs, eines Systems, das zugleich Vorläufer, Kern und Muster Seiner Weltordnung ist. Diese Periode, die die ersten dreiundzwanzig Jahre der Formgebenden Zeit umfaßt, ist bereits durch den Ausbruch weiterer, anders gearteter Feindseligkeiten gekennzeichnet, die einerseits die Ausbreitung des Glaubens über weite Gebiete in allen fünf Erdteilen beschleunigen und zum andern seine Selbständigkeit und in manchen Gemeinden seines Bereichs die Anerkennung seiner Unabhängigkeit zur Folge haben.

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Die vier Perioden sind nicht nur als einzelne, untrennbare Teile eines wunderbaren Ganzen, sondern als fortschreitende Stadien einer einmaligen Entwicklung zu betrachten, die schnell, stetig und unaufhaltsam abläuft. Wenn wir das ganze Feld überblicken, das die Wirksamkeit des hundertjährigen Glaubens vor uns eröffnet, müssen wir zu dem Schluß kommen, daß die Ereignisse in diesen Perioden, unter welchem Blickwinkel wir die gewaltige Bühne auch betrachten, uns unmißverständlich die Beweise eines allmählichen Reifeprozesses vor Augen führen, einer wohlgeordneten Entwicklung, inneren Festigung und weiten Ausdehnung, einer gradweisen Befreiung von den Fesseln religiöser Orthodoxie und der entsprechenden Abnahme bürgerlicher Unmündigkeit und Beschränkung.

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Betrachten wir die Perioden der Bahá'í-Geschichte als Bestandteile eines Ganzen, so nehmen wir die Kette von Ereignissen wahr, die das Auftreten eines Vorläufers verkünden, dann die Sendung Dessen, dessen Ankunft der Vorläufer verhieß, sowie die Stiftung eines Bundes, gezeugt aus der unmittelbaren Autorität des Verheißenen selbst, und schließlich die Geburt eines Systems, ein Kind sowohl des Stifters des Bundes als auch Seines berufenen Mittelpunktes. Wir sehen, wie der Báb, der Vorläufer, den nahen Anfang einer gottgegebenen Ordnung ankündigt, wie Bahá'u'lláh, der Verheißene, ihre Gesetze und Gebote niederlegt, wie Abdu'l-Bahá, der berufene Mittelpunkt, ihre äußere Form zeichnet und wie die heutige Generation ihrer Anhänger begonnen hat, das Gerüst für ihre Institutionen aufzuschlagen. Wir erkennen, wie in allen Perioden sich das junge Licht des Glaubens von seiner Wiege aus verbreitet, ostwärts nach Indien und dem Fernen Osten, westwärts in die benachbarten Gebiete des 'Iráq, der Türkei, Rußlands und Ägyptens, seinen Weg bis zum nordamerikanischen Kontinent nimmt, darauf Schritt für Schritt die größeren Länder Europas erleuchtet, später seinen Glanz über die Antipoden ergießt, den Rand der Arktis erhellt und schließlich in Mittel- und Südamerika den Horizont erglühen läßt. Dementsprechend stellen wir eine zunehmende Vielfalt in seiner Anhängerschaft fest: In der ersten Periode ihrer Geschichte auf eine Untergrundgesellschaft beschränkt, die ihren Zulauf aus der Masse der schiitischen Perser erhielt, weitete sie sich aus zu einer Bruderschaft, in der die führenden religiösen Systeme, Menschen fast jeder Kaste und Hautfarbe, vom einfachen Handwerker und Bauern bis zum Königsadel, vertreten sind. Eine ähnliche Entwicklung stellen wir an der Verbreitung ihrer Literatur fest: Anfangs begrenzt auf eilig abgeschriebene, oft fehlerhafte, heimlich in Umlauf gesetzte Manuskripte, die verstohlen gelesen, häufig wieder verloren, zuweilen sogar von den verschreckten Mitgliedern der verbotenen Sekte aufgegessen wurden, wuchs sie innerhalb eines Jahrhunderts auf unzählige Ausgaben an und umfaßt Zehntausende gedruckter Bände in verschiedener Schrift und in nicht weniger als vierzig Sprachen - eine Literatur, die teils in kunstvollen Ausgaben, teils reich illustriert, durch den Einsatz weltweiter, sorgfältig zusammengesetzter und zweckmäßig organisierter Ausschüsse und Räte methodisch und eifrig verbreitet wird. Auf dem Gebiet ihrer Lehren sehen wir eine nicht weniger auffällige Entwicklung: Anfangs absichtlich starr, schwierig und streng, wurden sie in der folgenden Sendung umgeformt, erweitert und liberalisiert, später von einem berufenen Interpreten erläutert, bestätigt, ausgeschmückt, und schließlich systematisiert und auf die einzelnen Menschen wie auf Institutionen allgemein zur Anwendung gebracht. An der Art des Widerstands, auf den der Glaube stößt, können wir eine nicht minder deutliche Abstufung erkennen: Zunächst inmitten des schiitischen Isláms entfacht, gewann der Widerstand später Stoßkraft mit der Verbannung Bahá'u'lláhs auf das Gebiet des türkischen Sultáns und der anschließenden Feindschaft der noch mächtigeren sunnitischen Hierarchie und ihres Kalifen, des Oberhaupts der großen Mehrheit der Anhänger Muhammads - eine Feindschaft, die nun beim Auftauchen einer gottgegebenen Ordnung im christlichen Westen und ihres schon spürbaren Einflusses auf zivile und geistliche Institutionen im Begriff steht, neben den Vertretern früherer und heutiger Regierungen und Systeme auch die altverwurzelten geistlichen Hierarchien des Christentums zu erfassen. Gleichzeitig können wir im Dunst der wachsenden Feindseligkeit den Fortschritt erkennen, den manche Gemeinden im Schoß des Glaubens schmerzvoll, aber stetig durch alle Phasen der Verborgenheit, des Verbots, der Befreiung und Anerkennung erzielten, ein Stufenweg, der im Ablauf der Jahrhunderte zwangsläufig in der Durchsetzung des Glaubens gipfelt, der in der Fülle seiner Kraft und Autorität das weltumfassende Bahá'í-Gemeinwesen begründet. Ebenso läßt sich ein nicht minder nennenswerter Fortschritt beim Aufstieg seiner Institutionen feststellen, seien es Verwaltungszentren oder Andachtsstätten - Institutionen, die anfangs verborgen im Untergrund existierten, nun unmerklich ins Tageslicht der öffentlichen Anerkennung rücken, gesetzlichen Schutz genießen, reich bedacht werden durch fromme Stiftungen und ihre erste Krönung finden im Bau des Mashriqu'l-Adhkár in 'Ishqábád, des ersten Bahá'í-Hauses der Andacht, um sich neuerdings unsterblich zu machen durch die Errichtung des Muttertempels des Westens im Herzen Nordamerikas, das Vorzeichen einer göttlichen, langsam reifenden Kultur. Und schließlich können wir auch eine bedeutende Besserung bei den Umständen der Pilgerfahrt feststellen, die die ergebenen Gläubigen zu den heiligen Schreinen ihres Glaubenszentrums auf sich nehmen. Beschränkte sich die Pilgerfahrt anfangs auf eine paar erschöpfte orientalische Gläubige, die die mühsame, gefahrvolle und endlos lange Reise häufig zu Fuß unternahmen und mitunter auch daran scheiterten, so wurden bei stetig sich bessernden Verhältnissen und zunehmender Sicherheit und Bequemlichkeit allmählich immer mehr zum Glauben Bekehrte aus allen Himmelsrichtungen angezogen, bis zu dem Höhepunkt des öffentlich bekannt gewordenen, dann traurig vereitelten Besuchs einer edlen Königin, die, wie sie schrieb, vor den Toren der Stadt, nach der ihr Herz lechzte, umzukehren und einem so kostbaren Vorrecht zu entsagen gezwungen war.







Erste Periode
Die Zeit des Báb 1844-1853
Kapitel 1
Die Geburt der Bábí-Offenbarung

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Der 23. Mai 1844 bezeichnet den Beginn des bewegtesten Abschnitts im Heroischen Zeitalter der Bahá'í-Ära, einem Zeitalter, das die ruhmreichste Epoche in dem größten Zyklus einleitet, den die Geistesgeschichte der Menschheit bisher kennt. Nur neun kurze Jahre währte dieser überaus eindrucksvolle, tragische und ereignisreiche Abschnitt des ersten Bahá'í-Jahrhunderts. Er wurde eingeleitet durch die Geburt einer Offenbarung, deren Träger die Nachwelt als den »Punkt, um den die Wirklichkeiten der Propheten und Sendboten kreisen«, verherrlichen wird, und er wurde beendet durch die ersten Regungen einer noch machtvolleren Offenbarung, »deren Tag«, wie Bahá'u'lláh bezeugt, »von allen Propheten angekündigt ist«, den »die Seele eines jeden Gottesboten herbeisehnte« und durch den »Gott die Herzen aller Seiner Boten und Propheten prüft«. Kein Wunder, daß der unsterbliche Chronist der Ereignisse um die Geburt und den Aufstieg der Bahá'í-Offenbarung es für richtig hielt, nicht weniger als die Hälfte seines packenden Berichts auf die Geschehnisse zu verwenden, die in so kurzer Zeit mit ihrer Tragik und ihrem Heldentum die religiöse Geschichte der Menschheit so großartig bereicherten. Die neunjährige Epoche steht in ihrer dramatischen Wucht, in der atemraubenden Geschwindigkeit, mit der sich bedeutungsschwere Ereignisse einander jagten, angesichts der Ströme von Blut, die sie tauften, und der seltsamen Umstände des Märtyrertodes Dessen, der sie einläutete, mit den gewaltigen Möglichkeiten, die ihr innewohnten, und den Kräften, die sie auslöste, wohl einzig da unter den religiösen Erfahrungen der Menschheit. Wenn wir zurückblicken auf die Ereignisse dieses ersten Aktes des erhabenen Dramas, sehen wir die Gestalt seines Haupthelden, des Báb, wie sie einem Meteor gleich am Horizont von Shíráz aufsteigt und von Süd nach Nord den düsteren Himmel Persiens quert, wie ihre Bahn sich mit tragischer Schnelle neigt und in einem Ausbruch strahlenden Glanzes erlischt. Wir sehen Seine Trabanten, eine Sternenwolke gotterfüllter Helden, sich am selben Horizont erheben, die gleiche Lichtglut verbreiten, sich mit ebensolcher Schnelligkeit verzehren und so auch ihrerseits die stetig wachsende Triebkraft des werdenden Gottesglaubens stärken.

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Der den ersten Anstoß gab zu einer so unberechenbaren Bewegung, war kein anderer als der verheißene Qá'im¹, der Sáhibu'z-Zamán², der das ungeteilte Recht beansprucht, die gesamte qur'ánische Sendung aufzuheben, der Sich als »den Ersten Punkt« bezeichnete, »daraus alles Erschaffene gezeugt ward«, »das Antlitz Gottes, dessen Glanz sich nie verdunkeln läßt, das Licht Gottes, dessen Strahlen nie verblassen kann«.³ Die Gesellschaft, in der Er auftrat, war das verrottetste Geschlecht der zivilisierten Welt, gänzlich unwissend, wild, grausam, von Vorurteilen durchtränkt und von kriechierischer Unterwürfigkeit gegenüber einer vergötterten Priesterherrschaft, die mit ihrer Abartigkeit an die Israeliten in Ägypten zu Moses Zeit erinnert, mit ihrem Fanatismus an die Juden zur Zeit Jesu, und mit ihrer Perversität an die arabischen Götzenanbeter in den Tagen Muhammads. Der Erzfeind, der den Báb zurückwies, Seine Autorität in Frage stellte, Seine Sache verfolgte und fast Sein Licht erstickt hätte, schließlich aber unter der Wucht Seiner Offenbarung zersplitterte, war der schiitische Klerus. Von wildem Fanatismus getrieben, unsäglich korrupt, schrankenlos herrschend über die Massen, eifersüchtig bedacht, die Stellung zu halten, und völlig unversöhnlich gegenüber allen liberalen Ideen, riefen die Angehörigen dieser Kaste tausend Jahre lang den Namen des Verborgenen Imáms an, glühenden Herzens in der Erwartung Seines Advents; von ihren Kanzeln erschallte der Lobpreis Seines weltumspannenden Reiches, und immer noch murmelten sie unablässig fromme Gebete, daß sich Sein Kommen beschleunige. Die Herrscher der Qáyárendynastie machten sich zu ihren willigen Werkzeugen, die ihr hohes Amt für die üblen Absichten der Feinde mißbrauchten, allen voran der bigotte, schwächliche und schwankende Muhammad Sháh, der im letzten Augenblick den bevorstehenden Besuch des Báb in der Hauptstadt hintertrieb, und nach ihm der jugendliche, unerfahrene Násiri'd-Dín Sháh, der bereitwillig das Todesurteil über seinen hohen Gefangenen bestätigte. Die Erzschurken, die sich mit den Haupturhebern dieser verruchten Verschwörung handgemein machten, waren die beiden Großwesire Hájí Mírzá Aqásí, Muhammad Sháhs vergötterter Erzieher, ein vulgärer, verschlagener und launischer Ränkeschmied, sowie der despotische, blutdürstige und rücksichtslose Amír-Nizám Mírzá Taqí Khán; der erste verbannte den Báb in die Gebirgsfestungen nach Adhirbáyján, der zweite befahl Seinen Tod in Tabríz. Ihr Komplize an diesen und anderen abscheulichen Verbrechen war ein aufgeblasenes Regime aus eitlen schmarotzenden Höflingen und Gouverneuren, korrupt, unfähig, krampfhaft an unrechtlich erworbene Privilegien festgekrallt und willig einer offenkundig entarteten Geistlichkeit hörig. Die Helden, deren Taten aus dem Bericht über diesen leidenschaftlichen geistigen Kampf hervorleuchten, der gleichermaßen Volk und Geistlichkeit, Herrscher und Regierung einbezog, waren die erwählten Jünger des Báb, die »Buchstaben des Lebendigen« mit ihren Gefährten, die Pioniere des Neuen Tages, die gegen so viel Hinterlist, Unwissenheit, Verderbnis, Aberglauben und Feigheit einen erhabenen, unauslöschlichen, ehrfurchtgebietenden Geist stellten, ein erstaunlich tiefes Wissen, Beredsamkeit von hinreißender Kraft, Religiosität von unübertroffener Innigkeit, löwenhaft entschlossenen Mut, heilig reine Selbstverleugnung, felsenfeste Entschlossenheit, eine erstaunliche geistige Schau, eine die Gegner entwaffnende Verehrung des Propheten und Seiner Imáme, eine Überzeugungskraft, die die Feinde aufschreckte, sowie ein Glaubensmaß und einen Verhaltenskodex, der das Leben ihrer Landsleute herausforderte und umwälzte.

¹ `Er, der sich erheben wird`; der Verheißene des schiitischen Isláms
² `Herr des Zeitalters`, eine Bezeichnung des Verheißenen
³ BABSEL 1/4/4



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Der Auftakt zur ersten Szene des großen Dramas spielte im oberen Gelaß der bescheidenen Wohnung eines Kaufmannssohnes in Shíráz, in einem dunklen Winkel der Stadt gelegen, und fällt in die Stunde vor Sonnenuntergang am 22. Mai 1844. Die beiden Hauptgestalten waren der Báb, ein fünfundzwanzig Jahre alter Siyyid von reiner, heiliger Abkunft, und der junge Mullá Husayn, der erste, der an Ihn glauben sollte. Ihr Zusammentreffen unmittelbar vor dem Gespräch hatte den Anschein des rein Zufälligen. Die Unterredung selbst dauerte bis zur Morgendämmerung. Der Gastgeber blieb mit Seinem Gaste ganz allein, und die schlafende Stadt ahnte nicht im geringsten, welche Bedeutung dem Gespräch zukam, das sie dort miteinander führten. Außer dem bruchstückhaften, aber höchst aufschlußreichen Bericht aus dem Munde Mullá Husayns ist der Nachwelt keine Schilderung dieser einzigartigen Nacht überliefert.

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»lch saß von Seinen Worten ganz gebannt und hatte die Zeit und die, die auf mich warteten, vergessen«, berichtete er im Anschluß an die Wiedergabe seiner Fragen, die er dem Gastgeber gestellt, und der schlüssigen Antworten, die er von Ihm darauf erhalten hatte - Antworten, die auch nicht den leisesten Zweifel erlaubten, daß Sein Anspruch, der verheißene Qá'im zu sein, zu Recht bestand. »Plötzlich riß mich der Ruf des Mu'adhdhin, der die Gläubigen zum Morgengebet rief, aus der Verzückung, in die ich offenbar verfallen war. Mir war, als hätte ich alle Wonnen, alle unaussprechlichen, dem Volk des Paradieses vom Allmächtigen in Seinem Buch als unschätzbarer Besitz verheißenen Herrlichkeiten in jener Nacht gekostet und mich an einem Ort befunden, von dem mit Recht gesagt wird: `Dort wird uns keine Plage erreichen und keine Müdigkeit überkommen`, `keine eitle Rede wird da zu hören sein und kein falsches Wort, nichts als der Ruf: Friede! Friede!`; `ihr Ruf daselbst wird »Ruhm sei Dir, o Gott«, sein und ihr Gruß wird »Friede!« lauten und mit »Preis sei Gott, dem Herrn aller Geschöpfe!« enden`. Der Schlaf floh mich in jener Nacht. Ich war im Banne der Melodie dieser Stimme, die sich im Gesange hob und senkte - jetzt, da Er die Verse des Qayyúmu'l-Asmá' offenbarte, mächtig anschwellend, dann wieder, beim Gesang Seiner offenbarten Gebete, in ätherischen, zarten Harmonien erklingend. Am Schluß jeder Anrufung wiederholte Er den Vers: `Weit entfernt von der Herrlichkeit deines Herrn, des Allherrlichen, sind die Dinge, die Seine Geschöpfe über Ihn aussagen! Friede sei auf Seinen Sendboten! Und Preis sei Gott, dem Herrn über alles Sein!`«

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»Die Offenbarung«, berichtet Mullá Husayn weiter, »die so plötzlich und ungestüm über mich hereinbrach, war wie ein Gewittersturm und machte mich vorübergehend ganz benommen. Ich war geblendet von ihrem überirdischen Glanz und überwältigt von ihrer zermalmenden Kraft. Erregung, Freude, Furcht und Staunen wühlten mich in tiefster Seele auf. Vorherrschend unter diesen Gemütsregungen war aber ein Gefühl der Freude und einer Kraft, die mich verwandelt zu haben schien. Wie schwach und unfähig, wie niedergeschlagen und furchtsam hatte ich mich doch zuvor gefühlt! Ich konnte weder schreiben noch gehen, so zitterten mir Hände und Füße. Nun aber, da ich von Seiner Offenbarung wußte, fühlte ich mich wie elektrisiert. Ich verspürte solchen Mut in mir und eine solche Kraft, daß ich der ganzen Welt mit all ihren Völkern und Herrschern, so sie wider mich aufgestanden wären, allein und furchtlos standgehalten hätte. Das Weltall schien mir nur Staub in meiner Hand. Ich kam mir vor wie die Stimme Gabriels, die der ganzen Menschheit zuruft: `Wachet auf, denn siehe, das Morgenlicht ist angebrochen! Erhebet euch, denn Seine Sache ist kundgetan! Das Tor Seiner Gnade ist weit aufgetan; tretet ein, o Völker der Welt! Denn Er, der euch Verheißene, ist da!`«

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Diese Episode, die Erklärung des Báb, erscheint in hellerem Licht beim Studium des »ersten, bedeutsamsten und machtvollsten« aller Bücher der Bábí-Sendung, des berühmten Kommentars zur Súrih Josef, dessen ganzes erstes Kapitel, wie wir wissen, während jener Nacht der Nächte aus der Feder des göttlichen Offenbarers strömte. Wie schon die Schilderung der Ereignisse durch Mullá Husayn, so künden auch die ersten Seiten dieses Buches von der gewaltigen Kraft dieser schwerwiegenden Erklärung. Die Behauptung, das von den Propheten vergangener Zeit verheißene Sprachrohr Gottes zu sein, die Erklärung, Er sei zugleich auch der Herold eines unermeßlich Größeren als Er selbst, Sein schallender Anruf an die Könige und Fürsten der Erde, Seine düsteren Warnungen an die höchste Instanz des Reiches, Muhammad Sháh, Sein Rat an Hájí Mírzá Áqásí, Gott zu fürchten, verbunden mit dem gebieterischen Befehl, seiner Würde als Großwesir des Sháhs zu entsagen und sich ganz dem »Erben der Erde und allem darinnen« zu unterwerfen, Sein Aufruf an die Herrscher der Welt, in welchem Er die Unabhängigkeit Seiner Sache verkündet, auf die Vergänglichkeit ihrer nur kurze Zeit währenden Machtfülle verweist und sie auffordert, »allesamt ihre Herrschaft niederzulegen« und Seine Botschaft in »alle Lande im Osten und im Westen« zu tragen - dies alles gehört zu den Wesenszügen jenes ersten Zusammentreffens, das die Geburt und den Beginn des ruhmreichsten Zeitalters im Geistesleben der Menschheit bezeichnet und deren Datum für immer festlegt.

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Mit dieser historischen Erklärung war der Morgen einer Zeit angebrochen, die die Fülle aller Zeiten ankündigt. Der erste Stoß dieser gewaltigen Offenbarung wurde demjenigen übermittelt, von dem es im Buch der Gewißheit heißt: »Nur für ihn hat Gott den Sitz Seiner Barmherzigkeit errichtet und sich auf den Thron ewiger Herrlichkeit gesetzt«¹. Doch erst vierzig Tage später begann die Aufnahme der übrigen siebzehn Buchstaben des Lebendigen. Einer nach dem anderen fanden sie aus sich selbst heraus zum Gegenstand ihres Sehnens, der eine im Schlaf, andere wachend, einige durch Gebet und Fasten, andere in Träumen und Visionen, und alle reihten sich unter das Banner des neuen Glaubens. Der letzte, dem Rang nach erste dieser Buchstaben, den die Verwahrte Tafel verzeichnet, war der gebildete, zweiundzwanzigjährige Quddús, ein direkter Nachfahre des Imám Hasan und achtbarster Schüler Siyyid Kázims. Unmittelbar vor ihm wurde eine Frau, die einzige ihres Geschlechts, die im Gegensatz zu ihren Mitjüngern nie mit dem Báb zusammentraf, mit der Würde des Apostolats in dieser neuen Sendung bekleidet. Eine Dichterin aus vornehmem Hause, kaum dreißig Jahre alt, bezaubernd charmant, überzeugend redegewandt, geistig hellwach, unkonventionell in ihren Ansichten und kühn im Handeln, als Táhirih, »die Reine«, unsterblich gemacht durch die »Zunge der Herrlichkeit«, Qurratu'l-Ayn, »Augentrost« genannt von ihrem Lehrer Siyyid Kázim, hatte sie im Traum den Báb gesehen und damit den ersten Hinweis auf die Sache empfangen, die sie zu den lichtesten Höhen des Ruhmes erheben sollte und der sie durch ihr kühnes Heldentum so unvergänglichen Glanz verlieh.

¹ Kitáb-i-Iqán 248


+1:8

Diese »vom Ersten Punkt gezeugten Buchstaben«, die »am Tag Seines Kommens vor Gott stehende Engelschar«, die »Verwahrungsorte Seines Mysteriums« und »Springbrunnen aus dem Quell Seiner Offenbarung«, die ersten Gefährten, die nach den Worten des Persischen Bayán sich »größter Gottnähe erfreuen«, diese »Leuchten, die sich seit Ewigkeit und bis in alle Ewigkeit vor dem Himmelsthron verneigen«, die »Ältesten«, von denen es in der Offenbarung des Johannes heißt, daß sie »vor Gott auf ihren Thronen sitzen«¹, »mit weißen Kleidern angetan und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen«² - sie wurden alle, ehe sie sich über das Land verbreiteten, vor den Báb gerufen, der einem jeden mit Seinen Abschiedsworten ein besonderes Werk auftrug, wobei Er einigen von ihnen die Heimatprovinz als geeignetes Arbeitsfeld zuwies. Er legte ihnen größte Vorsicht und Mäßigung in ihrem Verhalten ans Herz, stellte ihnen ihren erhabenen Rang vor Augen und betonte dabei ihre große Verantwortung. Er erinnerte sie an die Worte Jesu an Seine Jünger und wies nachdrücklich auf die alles überragende Größe des Neuen Tages hin, ermahnte sie, nicht durch Abkehr das Reich Gottes zu verwirken, und versicherte ihnen, daß Gott sie, wenn sie Seine Gebote befolgen, zu Seinen Erben und geistigen Führern unter den Menschen machen werde. Er deutete auf das Geheimnis eines noch mächtigeren Tages hin, sagte sein Kommen an und gebot ihnen, sich darauf vorzubereiten. Er erinnerte an die Triumphe Abrahams über Nimrod, Moses über Pharao, Jesu über das Volk der Juden und Muhammads über die arabischen Stämme und versicherte ihnen den letztlich unausweichlichen Aufstieg Seiner eigenen Offenbarung. Mit einer Aufgabe besonderer Art und größter Tragweite betraute Er Mullá Husayn. Er bekräftigte, daß Er mit ihm einen Bund geschlossen, riet ihm warnend, gegen die Geistlichen, denen er begegne, langmütig zu sein, hieß ihn nach Tihrán zu gehen und sprach in glühenden Worten über das bislang noch nicht enthüllte Geheimnis, das diese Stadt berge - ein Geheimnis, das, wie Er versicherte, sowohl das Licht aus Hijáz wie das aus Shíráz überstrahlen werde.

¹ Off.11/16 ² Off. 4/4


+1:9

Zur Tat entflammt, machten sich die jungen Lichtgestalten, die zusammen mit dem Báb den Ersten Váhid¹ der Sendung des Bayán bildeten, an ihr gefahrvolles, revolutionäres Werk, das ihnen ihr Mandat auftrug, zerstreuten sich weit und breit über die Provinzen ihres Heimatlandes, widerstanden mit unvergleichlichem Heldenmut dem wilden, vereinten Ansturm der gegen sie aufgereihten Streitkräfte, machten ihren Glauben unsterblich durch ihre und ihrer Mitgläubigen Heldentaten, indes ein Aufruhr ihr Land erschütterte, dessen Echo noch in den Hauptstädten Westeuropas zu vernehmen war.

¹ wörtlich `Einheit`


+1:10

Sobald der Báb von Mullá Husayn, Seinem vertrauten und geliebten Statthalter, das sehnlich erwartete Schreiben erhalten hatte, das Ihm die frohe Kunde des Zusammentreffens mit Bahá'u'lláh brachte, entschloß Er sich, Seine lange und anstrengende Pilgerfahrt zu den Gräbern Seiner Ahnen anzutreten. Er, der von Vater- wie von Mutterseite ein Nachfahre der berühmten Fátimah und des Imám Husayn, des bedeutendsten der rechtmäßigen Nachfolger des Propheten des Isláms, war, machte sich im Monat Sha'bán des Jahres 1260 n.d.H.¹ nach islámischem Brauch auf den Weg zu einem Besuch der Kaaba. Am 19. Ramadán² schiffte Er sich mit Quddús, den Er beharrlich auf seine künftigen Aufgaben vorbereitete, in Bushihr auf einem Segler ein. Nach einer stürmischen Überfahrt von mehr als einem Monat Dauer ging Er in Jaddih an Land, legte das Pilgergewand an und reiste auf einem Kamel weiter nach Mekka, wo Er am ersten Dhi'l-Hajjih³ eintraf. Quddús begleitete seinen Meister, dessen Reittier am Zaum führend, zu Fuß zu dem Heiligtum. Den ganzen Tag Arafih verbrachte der Pilgerprophet aus Shíráz nach dem Bericht Seines Chronisten im Gebet. Am Tage Nahr begab Er sich nach Muná, wo Er nach altem Brauch neunzehn Lämmer opferte, neun in eigenem, sieben im Namen Quddús und drei im Namen des äthiopischen Dieners, der Ihm aufwartete. Darnach umschritt Er gemeinsam mit den andern Pilgern die Kaaba und vollzog die vorgeschriebenen Pilgerriten.

¹ September 1844 ² Oktober 1844 ³ 12. Dezember


+1:11

Von Seinem Besuch in Hijáz sind zwei Ereignisse von besonderer Bedeutung. Das erste war die Erklärung Seiner Sendung und Sein Aufruf an den stolzen Mírzá Muhít-i-Kirmání, einen hervorstechenden Vertreter der Shaykhí-Schule, der zuweilen soweit ging, sich von der Führung der Shaykhí-Schule unabhängig zu erklären, die nach dem Tode Siyyid Kázims von Hájí Muhammad Karím Khán, einem furchtbaren Gegner des Bábí-Glaubens, beansprucht wurde. Das zweite war die Einladung an den Sharífen von Mekka, übermittelt durch Quddús in Form eines Sendbriefs¹, womit der Hüter des Gotteshauses aufgefordert wurde, die Wahrheit der neuen Offenbarung anzunehmen. Der Sharíf, voll beschäftigt mit eigenen Angelegenheiten, reagierte nicht darauf. Als der Sharíf sieben Jahre später in einem Gespräch mit einem gewissen Hájí Níyáz-i-Baghdádí von der Sendung und dem Märtyrertod des Propheten aus Shíráz erfuhr, hörte er sich aufmerksam die Schilderung jener Ereignisse an und brachte seine Entrüstung über das tragische Geschick zum Ausdruck, das Ihm widerfahren war.

¹ vgl. SELBAB 1/7


+1:12

Mit dem Besuch in Medina beschloß der Báb Seine Pilgerfahrt. Über Jaddih kehrte Er nach Búshihr zurück, wo Er alsbald Seinen Reisegefährten und Jünger verabschiedete und ihm die Gewißheit auf den Weg gab, daß er dem Geliebten ihrer Herzen begegnen werde. Er kündigte ihm an, daß er die Krone des Märtyrertodes empfangen und hernach auch Er, der Báb, durch die Hand ihres gemeinsamen Feindes ein ähnliches Schicksal erleiden werde.

+1:13

Die Heimkehr des Báb¹ war das Signal für einen Aufruhr, der das ganze Land erschütterte. Die Reisen und die Tätigkeit Seiner erwählten Jünger entfachten das Feuer, das die Erklärung Seiner Sendung entzündet hatte, zur Flamme. In weniger als zwei Jahren hatte es bei Freund und Feind die Leidenschaften geweckt, und der Brand brach aus, noch ehe dessen Stifter in Seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Eine so dramatisch auf einen derart heruntergekommenen, leicht entflammbaren Menschenschlag stoßende Offenbarung mußte in der Tat in den Gemütern die heftigsten Regungen von Furcht, Haß, Wut und Neid erwecken. Der Glaube, dessen Stifter nicht nur behauptete, das Tor zu dem Verborgenen Imám zu sein, sondern sich einen Rang über dem des Sáhibu'z-Zamán zuschrieb und sich als den Vorläufer eines noch unvergleichlich Größeren als sich selbst betrachtete, der nicht nur den Untertanen des Sháhs, sondern auch dem Herrscher selbst, ja den Königen und Fürsten der Erde allesamt kategorisch befahl, allem zu entsagen und Ihm zu folgen, der beanspruchte, der Erbe der Erde und alles, was darinnen ist, zu sein - der Glaube, dessen religiöse Lehren, ethische Normen, gesellschaftliche Regeln und geistige Gesetze die gesamte Ordnung der Gesellschaft, in der er aufgekommen war, vor die Schranken forderte, stellte die Masse des Volkes alsbald mit bestürzender Geschlossenheit auf die Seite ihrer Priester und ihres Staatsoberhaupts samt seinen Ministern und Regenten und verschweißte sie zu einer Opposition, die sich verschwor, jene Bewegung eines, wie sie glaubten, gottlosen und vermessenen Thronräubers mit Stumpf und Stiel auszurotten.

¹ Safar 1261; Februar/März 1845


+1:14

Die Rückkehr des Báb nach Shíráz kann man als den Auftakt zum ersten Zusammenprall der unversöhnlichen Kräfte ansehen. Schon war der energische und tapfere Mullá Alíy-i-Bastámí, ein Buchstabe des Lebendigen, »der erste, der das Haus Gottes¹ verlassen, der erste, der um Seintwillen leiden sollte«, der vor einem führenden Repräsentanten des schiitischen Isláms, dem berühmten Shaykh Muhammad Hasan, kühn erklärt hatte, daß der Feder seines neuen Meisters innerhalb achtundvierzig Stunden so viele Verse entströmt seien wie der Qur'án enthält, zu dessen Offenbarung sein Verfasser dreiundzwanzig Jahre brauchte,- ausgestoßen, in Ketten gelegt, entehrt, eingekerkert und sehr wahrscheinlich getötet worden. Mullá Sádiq-i-Khurásání, der, vom Báb dazu veranlaßt, im Khasá'il-i-Sab'ih die geheiligte ámu'd-Dawlih Husayn Khán, der Gouverneur von Fárs, der die Herausforderung im Qayyúmu'l-Asmá' gelesen hatte, ließ Mullá Sádiq zusammen mit Quddús und noch einem Gläubigen kurzerhand öffentlich bestrafen; er ließ ihnen die Bärte abbrennen, die Nasen durchstechen und Haltestricke hindurchziehen, sie dann mit Schimpf und Schande durch die Straßen führen und hernach aus der Stadt jagen.

¹ Shíráz


+1:15

Die Einwohner von Shíráz waren damals in wilder Erregung. In Moscheen und Medresen, auf Basaren und andern öffentlichen Plätzen wogte hitziger Streit. Friede und Sicherheit waren ernsthaft in Gefahr. Voll Angst, Mißgunst und Wut sahen die Mullás ihre Felle davonschwimmen. Der in hohem Maße aufgeschreckte Gouverneur befahl, den Báb [in Búshihr¹] zu verhaften und unter Bewachung nach Shíráz zu bringen, wo Er in Gegenwart Husayn Kháns streng getadelt und dabei so heftig ins Gesicht geschlagen wurde, daß Sein Turban zu Boden fiel. Nach Fürsprache des Imám-Jum'ih wurde Er auf Ehrenwort entlassen und der Aufsicht Seines Onkels von Mutterseite Hájí Mírzá Siyyid Alí anvertraut. Es folgte eine kurze Ruhepause, die dem gefangenen Jüngling erlaubte, das Naw-Rúz-Fest dieses und des folgenden Jahres gemeinsam mit Seiner Mutter, Seiner Gattin und Seinem Onkel in einer Atmosphäre relativer Ruhe zu begehen. Inzwischen hatte sich das Fieber, das Seine Anhänger gepackt hatte, auch den Angehörigen der Geistlichkeit und des Kaufmannsstandes mitgeteilt und war im Begriff, auf die höheren Kreise der Gesellschaft überzugreifen. Ja, eine Woge leidenschaftlichen Suchens fegte über das ganze Land, und auf zahllosen Versammlungen lauschte man staunend den Zeugnissen, von denen die wandernde Boten des Báb beredt und unerschrocken erzählten.

¹ vgl. Nabíls Bericht S.181


+1:16

Die Bewegung wuchs in solchem Maße, daß der Sháh, weil er die Lage nicht länger unbeachtet lassen konnte, dem zuverlässigen Siyyid Yahyáy-i-Dárábí, genannt Vahíd, einem der gelehrtesten, redegewandtesten und einflußreichsten seiner Untertanen - einem Mann mit nicht weniger als dreißigtausend Traditionen im Gedächtnis -, den Auftrag gab, Nachforschungen anzustellen und ihm über die wahre Lage zu berichten. Mit seiner Weitherzigkeit, seiner starken Einfühlungsgabe und angeborenen Begeisterungsfähigkeit war dieser Mann, der dem Hof eng verbunden war, im Verlauf von drei Gesprächen mit dem Báb von dessen Persönlichkeit und Seiner Beweisführung völlig gewonnen. Ihr erstes Gespräch drehte sich um die metaphysischen Lehren des Isláms, die dunkelsten Stellen im Qur'án sowie die Traditionen und Prophezeiungen der Imáme. Im Verlauf des zweiten Gesprächs mußte Vahíd verblüfft feststellen, daß die beabsichtigten Fragen seinem sonst so guten Gedächtnis völlig entfallen waren, um dann mit größter Bestürzung zu erleben, wie der Báb gerade auf die vergessenen Fragen antwortete. Beim dritten Gespräch sah sich der Abgesandte des Sháhs angesichts des mindestens zweitausend Verse umfassenden Kommentars zur Sure Kawthar so überwältigt, daß er lediglich einen Bericht an die Hofkammer schrieb und sich entschloß, fortan sein Leben und Vermögen in den Dienst des Glaubens zu stellen, der ihm dies später, beim Aufstand in Nayríz, mit der Märtyrerkrone vergelten sollte. Der so fest entschlossen gewesen, die Beweise jenes unbekannten Siyyids aus Shíráz zu widerlegen, und Ihn zur Aufgabe Seiner Absicht bestimmen zu können glaubte, der Ihn zum Beweis, daß er Ihn überwunden hätte, nach Tihrán verbringen wollte, mußte sich, wie er später eingestand, so »niedrig wie der Staub zu Seinen Füßen« fühlen. Husayn Khán, bei dem Vahíd während seines Aufenthaltes in Shíráz zu Gast war, sah sich indes veranlaßt, an den Sháh zu schreiben und seiner Überzeugung Ausdruck zu geben, daß Seiner Majestät berühmter Abgesandter Bábí geworden sei.

+1:17

Ein anderer berühmter Anwalt der Sache des Báb, in seinem Eifer noch glühender als Vahíd und im Rang ihm fast ebenbürtig, war Mullá Muhammad-Alíy-i-Zanjání, genannt Hujjat. Dieser Akhbárí¹, ein leidenschaftlicher Polemiker von kühner, ungebundener Denkungsart, der keine Schranken vertrug und es gewagt hatte, die gesamte geistliche Hierarchie vom Abváb-i-Arba'ih bis herab zum kleinsten Mullá anzuprangern - er hatte mehr als einmal mit seinen überragenden Fähigkeiten und seiner glühenden Beredtsamkeit die orthodoxen schiitischen Widersacher öffentlich bloßgestellt. Ein solcher Mann konnte der Sache, die eine so tiefe Kluft zwischen seinen Landsleuten aufgerissen hatte, nicht gleichgültig gegenüberstehen. Der Schüler, den er nach Shíráz schickte, um die Sache zu erforschen, war sogleich fasziniert vom Báb. Die Lektüre einer einzigen Seite aus dem Qayyúmu'l-Asmá', den dieser Bote Hujjat überbrachte, genügte, um in ihm eine so tiefgreifende Wandlung hervorzurufen, daß er vor den versammelten Ulamá seiner Heimatstadt erklärte, er werde, wenn der Verfasser dieses Werkes den Tag zur Nacht und die Sonne zum Schatten erklärte, ohne Zögern zu diesem Urteil stehen.

¹ was?


+1:18

Auch der hervorragende Gelehrte Mírzá Ahmad-i-Azghandí reihte sich als Kämpe in die ständig wachsende Armee des neuen Glaubens ein, der gebildetste, weiseste und hervorragendste unter den 'Ulamá von Khurásán, der in Erwartung des Kommens des verheißenen Qá'im mehr als zwölftausend Traditionen und Prophezeiungen über Art und Zeit der zu erwartenden Offenbarung zusammengetragen und unter Seinen Schülern in Umlauf gebracht hatte, damit sie bei allen Zusammenkünften und sonstigen Begegnungen darüber sprächen.

+1:19

Während sich die Lage in den Provinzen mehr und mehr verschlimmerte, trieb die bittere Feindseligkeit der Bevölkerung von Shíráz rasch auf den Höhepunkt zu. Husayn Khán, durch die Berichte seiner nimmermüden Agenten erbittert, deren Berichten zufolge die Macht und der Ruhm seines Gefangenen stündlich wuchsen, beschloß in seiner unbändigen Rachsucht, nun unverzüglich zu handeln. Es wird sogar davon geredet, daß ihn sein Komplize Hájí Mírzá Áqásí angewiesen habe, den Staatsfeind und Aufrührer wider die herrschende Religion insgeheim zu töten. Auf Gouverneursbefehl stieg der Polizeichef Abdu'l-Hamíd Khán bei Nacht und Nebel über die Mauer in das Haus von Hájí Mírzá Siyyid Alí ein, wo der Báb unter Hausarrest stand, verhaftete Ihn und beschlagnahmte alle Seine Bücher und Schriften. Indessen geschah in derselben Nacht etwas derart Unerwartetes, wie es in seiner Dramatik von der Vorsehung zweifellos nur dazu bestimmt sein konnte, die Pläne der Verschwörer zu durchkreuzen und so dem Gegenstand ihres Hasses die Möglichkeit zu geben, länger zu wirken und Seine Offenbarung zu vollenden. Die Cholera brach aus, griff verheerend um sich und befiel allein seit Mitternacht mehr als hundert Menschen. Furcht vor dieser Seuche packte alle Herzen, und die Einwohner der geschlagenen Stadt flohen unter Wehgeschrei in heller Auflösung. Schon waren drei Diener des Gouverneurs gestorben. Angehörige seiner Familie lagen schwer darnieder. Verzweifelt flüchtete er, seine Toten unbegraben liegen lassend, in einen Garten außerhalb der Stadt. Nach diesem unerwarteten Verlauf der Dinge entschloß sich Abdu'l-Hamíd Khán, den Báb zu sich nach Hause zu bringen. Er erschrak zu Tode, als er bei seiner Ankunft erfuhr, daß sein Sohn ebenfalls von der Seuche befallen war und in den letzten Zügen lag. In seiner Verzweiflung warf er sich dem Báb zu Füßen, bat um Verzeihung und beschwor Ihn, den Sohn nicht um der Sünden seines Vaters willen heimzusuchen. Er gab Ihm sein Ehrenwort, auf sein Amt zu verzichten und nie mehr eine derartige Stellung anzunehmen. Als er merkte, daß sein Gebet erhört worden war, richtete er ein Gesuch an den Gouverneur und bat, den Gefangenen freizugeben und so den bösen Ausgang dieser schweren Heimsuchung abzuwenden. Husayn Khán entsprach dem Gesuch und entließ seinen Gefangenen unter der Bedingung, daß Er die Stadt verlasse.

+1:20

Von einer allmächtigen und wachsamen Vorsehung wunderbar bewahrt, begab sich der Báb in Begleitung von Siyyid Kázim-i-Zanjání nach Isfahán¹. Wiederum trat eine Pause ein, eine kurze Zeit verhältnismäßiger Ruhe, in der das von Gott in Gang gebrachte Geschehen an Schwung gewann, bis die Ereignisse sich jäh überstürzten, zur Gefangenschaft des Báb in den Festungen von Máh-Kú und Chihríq führten und in Seinem Märtyrertod auf dem Kasernenhof in Tabríz gipfelten. Der Báb war sich der bevorstehenden Prüfungen bewußt, die Ihm drohten, und hatte, ehe Er sich endgültig von Seiner Familie trennen mußte, Seinen gesamten Besitz Seiner Mutter und Seiner Frau vermacht, der Gattin auch das Geheimnis dessen, was Ihm bevorstand, anvertraut und ihr ein besonderes Gebet offenbart mit der Versicherung, daß alle Schwierigkeiten und Sorgen von ihr abfielen, wenn sie es lese. Bei Seinem Aufenthalt in Isfahán war Er auf Anordnungen des Gouverneurs der Stadt, des Mu'tamidu'd-Dawlih Manúchihr Khán, den Er brieflich um die Zuweisung einer Wohnung gebeten hatte, die ersten vierzig Tage zu Gast im Hause des Mírzá Siyyid Muhammad, des Sultánu'l-'Ulamá und Imám-Jum'ih, eines der höchsten geistlichen Würdenträger des Reiches. Er wurde feierlich empfangen, und der Zauber Seiner Persönlichkeit nahm die Einwohner der Stadt derart gefangen, daß sich eines Tages, als Er aus dem öffentlichen Bad kam, eine begeisterte Menge um das Wasser riß, das Er für Seine Waschungen benützt hatte. Seine Liebenswürdigkeit war so bestrickend, daß Sein Gastgeber, ungeachtet der Würde seines hohen Ranges, darauf bestand, Ihm persönlich aufzuwarten. Auf Ersuchen eben dieses Würdenträgers offenbarte der Báb eines Nachts nach dem Abendbrot Seinen bekannten Kommentar zur Sure Va'l-Asr. Er schrieb in erstaunlicher Schnelle innerhalb weniger Stunden Seine Darlegung über die Bedeutung des ersten Buchstabens jener Sure nieder - eines Buchstabens, den Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í besonders hervorgehoben hatte und den auch Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Aqdas erwähnt -, Verse, die an Umfang einem Drittel des Qur'án gleichkommen - ein Glanzstück, das denen, die es miterlebten, ehrfurchtsvolles Staunen abnötigte, so daß sie aufstanden und Ihm den Gewandsaum küßten.

¹ September 1846


+1:21

Unterdessen nahm die stürmische Begeisterung unter den Einwohnern Isfaháns spürbar zu. In Scharen kamen die Menschen aus der ganzen Stadt zum Haus des Imám-Jum'ih, teils aus Neugier, teils vom Wunsch nach Wahrheit oder dem Verlangen nach Heilung ihrer Leiden getrieben. Auch Manúchihr Khán, weise und verständnisvoll, konnte es sich nicht versagen, die seltsame, fesselnde Persönlichkeit aufzusuchen. Christ von Geburt und Georgier nach Herkunft, ersuchte er den Báb vor einer illustren Versammlung hochgebildeter Geistlicher, ihnen die Wahrheit der besonderen Sendung Muhammads darzulegen und zu erklären. Der Báb gab dieser Bitte, die alle Anwesenden in Verlegenheit gebracht hätte, bereitwillig statt. In weniger als zwei Stunden enthüllte Er auf fünfzig Seiten nicht nur eine präzise, kraftvolle und originelle Abhandlung dieses edlen Themas, Er setzte es darüber hinaus auch in Beziehung zum Kommen des Qá'im und der Wiederkehr des Imám Husayn - eine Darlegung, die Manúchihr Khán bewog, sich vor der Versammlung zum Glauben an den Propheten des Isláms zu bekennen und zum Ausdruck zu bringen, daß der Autor einer derart überzeugenden Abhandlung übernatürliche Gaben besitzen müsse.

+1:22

Die Beweise für den zunehmenden Einfluß dieses ungelehrten jungen Mannes auf den Gouverneur und die Bewohner der Stadt, die zu Recht als eines der Bollwerke des schiitischen Isláms galt, schreckten die Geistlichkeit auf. Offen feindliche Handlungen, die, wie sie wohl wußten, ihr Ziel verfehlt hätten, unterließen sie und schürten stattdessen die wildesten Gerüchte, um den Großwesir des Sháhs zu bewegen, die sich stündlich zuspitzende, bedrohliche Lage zu retten. Die Beliebtheit, deren sich der Báb erfreute, Sein persönliches Ansehen und die Ehren, die Ihm Seine Landsleute erwiesen, hatten ihren Höchststand erreicht. Rasch begannen sich die Schatten des drohenden Verhängnisses um Ihn zu verdichten. In schneller Folge jagten sich nun die tragischen Ereignisse, um schließlich in Seinem Tod zu gipfeln, mit dem der Einfluß Seines Glaubens scheinbar erlosch.

+1:23

Der hochfahrende, verschlagene Hájí Mírzá Aqásí, der in der Angst lebte, der Báb könne auch seinen Landesherrn in Bann schlagen und damit ihm selbst zum Verhängnis werden, war aufgeschreckt wie nie zuvor. Getrieben von dem Verdacht, daß der Báb die heimliche Gunst des Mu'tamid besitze, dem, wie er wußte, auch der Sháh Vertrauen schenkte, warf er dem Imám-Jum'ih Vernachlässigung seiner heiligen Pflicht vor. Gleichzeitig häufte er in mehreren Briefen verschwenderisch seine Gunst auf die Ulamá von Isfahán, die er bis dahin nicht beachtet hatte. Von den Kanzeln der Stadt herab begann jetzt eine aufgehetzte Geistlichkeit, ihre Schmähungen und Verleumdungen gegen den Urheber all dessen zu schleudern, was ihnen als verhaßte und gefürchtete Ketzerei galt. Der Sháh ließ sich bestimmen, den Báb in die Hauptstadt zu beordern. Manúchihr Khán, der für Seine Deportation sorgen sollte, entschloß sich, Ihn vorübergehend in seinem eigenen Haus wohnen zu lassen. Unterdessen beriefen die Mujtahide und 'Ulamá, entsetzt über die Zeichen Seines so durchdringenden Einflusses, eine Versammlung ein, auf der eine üble Schmähschrift des Inhalts, daß der Báb als Ketzer den Tod verdiene, verfaßt und von den führenden Geistlichen der Stadt unterzeichnet und gesiegelt wurde. Der Imám-Jum'ih war sogar gezwungen, ein schriftliches Gutachten anzufügen, wonach der Beschuldigte jeglicher Vernunft und Urteilsfähigkeit bar sei. Bestürzt faßte der Mu'tamid, um die wachsende Erregung im Volk zu dämpfen, den Plan, die immer unruhiger werdende Bevölkerung glauben zu machte, der Báb sei schon nach Tihrán abgereist. Damit konnte er Ihm einen kurzen Aufschub von vier Monaten in der Abgeschiedenheit des 'Imárat-i-Khurshíd, dem Privatpalast des Gouverneurs in Isfahán, sichern. Während dieser Zeit äußerte der Gastgeber den Wunsch, seinen gesamten, von den Zeitgenossen auf mindestens vierzig Millionen Franken geschätzten Besitz für die Förderung der Ziele des neuen Glaubens hinzugeben. Er wolle versuchen, Muhammad Sháh zum neuen Glauben zu bekehren, ihn dahin bringen, sich seines schändlichen und ruchlosen Ministers zu entledigen, und ihn um seine königliche Einwilligung zur Vermählung einer seiner Schwestern mit dem Báb zu bitten. Aber der plötzliche Tod des Mu'tamids, den der Báb vorausgesagt hatte, beschleunigte den Eintritt der nahen Krise. Sein skrupelloser, raubgieriger Stellvertreter Gurgín Khán veranlaßte den Sháh, eine zweite Vorladung zu erlassen mit der Anweisung, den gefangenen Jüngling verkleidet und unter berittenem Geleit nach Tihrán zu senden. Den schriftlichen Befehl des Herrschers führte der niederträchtige Gurgin Khán, der das Testament des Mu'tamids, seines Onkels, inzwischen entdeckt, vernichtet und den Besitz an sich gerissen hatte, unverzüglich aus. Doch kaum dreißig Meilen vor der Hauptstadt, in der Festung von Kinár-Gird, erhielt der Führer der Eskorte Muhammad Big durch einen Boten von Hájí Mírzá Aqásí den schriftlichen Befehl, nach Kulayn zu gehen und dort weitere Anweisungen abzuwarten. Kurz darauf folgte ein Brief, vom Sháh persönlich an den Báb gerichtet und datiert im Rabí'u'th-thání 1263¹, der trotz höflicher Redewendungen ein deutliches Zeichen für das Ausmaß des vergiftenden Einflusses darstellt, den der Großwesir auf den Herrscher ausübte. Alle wohlmeinenden Pläne Manúchihr Kháns waren damit zunichte. Die Festung Máh-Kú im entlegensten Winkel des Nordwestens von Ádhirbáyján, nicht weit von dem Dorfe gleichen Namens gelegen, dessen Bewohner lange unter dem Patronat des Großwesirs gestanden hatten, wurde vom Sháh auf Anraten des perfiden Ministers zur Kerkerstätte für den Báb bestimmt. Ein einziger Gefährte und ein Diener aus Seinem Gefolge durften Ihm Gesellschaft leisten in dieser öden, unwirtlichen Gegend. Alle Zügel in der Hand, hatte der gewiefte Minister unter dem Vorwand, ein neuerlicher Aufstand in Khurásán und eine Revolte in Kirmán erforderten jetzt alle Aufmerksamkeit seines Herrn, einen Plan vereitelt, dessen Verwirklichung für sein persönliches Geschick wie für das Schicksal der Regierung, des Herrschers und des Volkes unabsehbare Auswirkungen gehabt hätte.

¹ 19.März-17.April 1847





Kapitel 2
Der Báb gefangen in Adhirbáyján

+2:1

Die Zeit des Exils in den Bergen von Adhirbáyján, nicht weniger als drei Jahre, war die traurigste, dramatischste, in gewissem Sinn auch fruchtbarste Phase in den sechs Wirkensjahren des Báb. Sie umfaßt neun Monate strenger Festungshaft in Máh-Kú und anschließend Seine Einkerkerung in der Festung Chihríq, lediglich unterbrochen von einem kurzen, denkwürdigen Besuch in Tabríz. Die Zeit war überschattet vom wachsenden unversöhnlichen Haß der beiden mächtigsten Gegner des Glaubens: Hájí Mírzá Aqásí, Muhammad Sháhs Großwesir, und Amír-Nizám, der Großwesir Násiri'd-Dín Sháhs. Sie ist vergleichbar mit der kritischen Zeit in der Sendung Bahá'u'lláhs, als Er während Seines Exils in Adrianopel dem despotischen Sultán Abdu'l-Azíz und seinen Ministern Alí Páshá und Fu'ád Páshá konfrontiert war, und hat eine Entsprechung in den dunkelsten Tagen des Wirkens Abdu'l-Bahás im Heiligen Land unter der Gewaltherrschaft des Tyrannen Abdu'l-Hamíd und des ebenso tyrannischen Jamál Páshá. Im Leben des Báb war Shíráz der denkwürdige Schauplatz Seiner historischen Erklärung, Isfahán hatte Ihm eine wenn auch kurze Frist verhältnismäßigen Friedens und Geborgenseins geboten, Ádhirbáyján sollte zur Bühne Seines Martyriums und Seines Todes werden. Die letzten Jahre Seines irdischen Lebens werden in die Geschichte eingehen als die Zeit, da die neue Sendung ihre ganze Größe gewonnen hatte, der Anspruch ihres Stifters in seiner Fülle öffentlich anerkannt, ihre Gesetze erlassen, der Bund ihres Urhebers fest begründet, ihre Unabhängigkeit verkündet war und in unsterblichem Glanz das Heldentum ihrer Verfechter aufloderte. In diesen höchst dramatischen, schicksalsschweren Jahren wurde Seinen Jüngern die Stufe des Báb in ihrer ganzen Bedeutung deutlich vor Augen geführt und von Ihm selbst in aller Form in der Hauptstadt Adhirbáyjáns in Anwesenheit des Thronerben verkündet, wurde ferner der Persische Bayán offenbart, der die vom Báb erlassenen Gesetze enthält, wurden Zeitpunkt und Art der Sendung »Dessen, den Gott offenbaren wird«, unmißverständlich festgelegt, die Ablösung der alten Ordnung durch die Konferenz von Badasht verkündet und der dreifache große Brand von Mázindarán, Nayríz und Zanján entfacht.

+2:2

Und doch bildete sich Hájí Mírzá Aqásí töricht und kurzsichtig ein, er hätte damit, daß er die geplante Begegnung mit dem Sháh in der Hauptstadt hintertrieb und den Báb in den hintersten Winkel des Reiches verwies, die Bewegung im Keim erstickt und werde nun bald endgültig über ihren Stifter triumphieren. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß gerade die Isolation, die er seinem Gefangenen aufzwang, dem Báb die Möglichkeit gab, die Form zu entwickeln, in der sich der Geist Seines Glaubens verkörpern sollte, daß er Ihm die Gelegenheit bot, sie vor Zerfall und Spaltung zu bewahren und Seine Sendung in aller Form freimütig zu verkünden. Er ahnte auch nicht, daß gerade die Gefangenschaft die begeisterten Jünger und Gefährten seines Häftlings veranlassen werde, die Fesseln der veralteten Theologie abzuwerfen, und daß sie Ereignisse heraufbeschwören werde, die bei ihnen soviel Tapferkeit, Mut und Selbstverleugnung auslöste, wie sie ohne Beispiel sind in der Geschichte des Landes. Und er bedachte auch nicht, daß er sich gerade durch sein Handeln zum Erfüllungsgehilfen der dem Propheten des Isláms zugeschriebenen verbürgten Tradition bezüglich dessen machte, was sich unabwendbar in Adhirbáyján ereignen sollte. Er hatte nichts aus dem Beispiel des Gouverneurs von Shíráz gelernt, der bei der ersten Probe von Gottes rächendem Zorn voll Angst und Zittern schimpflich floh und seinen Gefangenen preisgab. So zog sich nun auch der Großwesir Muhammad Sháhs durch seine Anordnungen den sicheren, unvermeidlichen Fehlschlag zu und grub sich selbst die Grube für seinen Sturz.

+2:3

Seine Befehle an den Festungskommandanten in Máh-Kú, Alí Khán, waren klar und bündig. Der Báb verbrachte auf der Reise zur Festung einige Tage in Tabríz, Tage voll derart heftiger Erregung unter dem Volk, daß mit wenigen Ausnahmen niemand aus der Bevölkerung oder von Seinen Anhängern Ihn besuchen durfte. Als Ihn Seine Eskorte durch die Straßen der Stadt führte, erscholl von allen Seiten der Ruf »Alláh-u-Akbar«. Der Tumult schwoll dermaßen an, daß der Stadtausrufer die Einwohner warnen mußte, daß jeder, der den Versuch mache, mit dem Báb in Verbindung zu treten, seines gesamten Besitzes verlustig gehe und verhaftet werde. In Máh-Kú angekommen, das der Báb Jabal-i-Básit¹ nannte, durfte Er in den ersten beiden Wochen außer Seinem Gefährten Siyyid Husayn und dessen Bruder keinen Besuch empfangen. So hoffnungslos war Seine Lage in der Festung, daß Er im Persischen Bayán schreibt, nachts habe Er nicht einmal eine Lampe, an Seiner öden Backsteinkammer gäbe es nicht einmal eine Tür; und in Seinem Schreiben an Muhammad Sháh klagt Er, daß die Burgbesatzung lediglich aus zwei Wächtern und vier Hunden bestehe.

¹ `der offene Berg`


+2:4

Isoliert in den Bergen einer abgelegenen gefährlichen Grenzregion nahe dem osmanischen und russischen Reich, gefangen in den starken Mauern einer viertürmigen Festung, getrennt von Seiner Familie, Seinen Lieben, Seinen Jüngern, und gezwungen, im Umkreis eines bigotten, aufbrausenden Menschenschlags zu leben, der nach Art, Brauch, Sprache und Herkunft ganz anders war als die große Mehrheit der Einwohner Persiens, und bewacht von der Bevölkerung eines Distrikts, den der Großwesir als seine Heimat in seiner Verwaltung besonders begünstigte, schien der Gefangene von Máh-Kú in den Augen Seines Feindes dazu verdammt zu sein, in der Blüte Seiner Jahre dahinzuwelken und binnen kurzem alle Seine Hoffnungen zunichte zu sehen. Doch sollte der Feind bald merken, wie gründlich er sich täuschte - sowohl in seinem Gefangenen, als auch in denen, die er bis dahin mit seiner Gunst überschüttet hatte. Das wilde, stolze, unvernünftige Volk verfiel mehr und mehr der Freundlichkeit des Báb, ließ sich mäßigen durch das Beispiel Seiner Bescheidenheit, ließ sich aufrichten durch Seine Ratschläge und unterweisen durch Seine Weisheit. Sie waren so hingerissen von ihrer Liebe zu Ihm, daß sie allmorgendlich ungeachtet allen Tadels ihres Herrn Alí Khán und der wiederholten Androhung disziplinarischer Maßnahmen aus Tihrán als erstes den Platz aufsuchten, wo sie einen Blick auf Ihn erhaschen und aus der Ferne Seinen Segen für ihr Tagewerk empfangen konnten. Wenn Zwistigkeiten unter ihnen entstanden, pflegten sie an die Festungsmauer zu eilen, wo sie die Augen auf Seine Wohnstatt richteten, Seinen Namen anriefen und sich gegenseitig beschworen, die Wahrheit zu sagen. Unter dem Einfluß einer seltsamen Vision fand sich Alí Khán so gedemütigt, daß er seine strenge Zucht erheblich milderte als Sühne für sein bisheriges Verhalten. Seine Nachsicht führte dazu, daß ein wachsender Strom eifriger und ergebener Pilger zur Festung gelangen konnte. Unter ihnen befand sich auch der tapfere, unermüdliche Mullá Husayn, der den ganzen Weg von Mashhad in Ostpersien bis nach Máh-Kú, dem westlichsten Vorposten des Reiches, zu Fuß zurückgelegt hatte und dem es nun vergönnt war, nach der mühseligen Reise mit seinem Geliebten das Naw-Rúz-Fest¹ zu feiern.

¹ 1848


+2:5

Indessen meldeten Geheimagenten, die mit der Überwachung Alí Kháns beauftragt waren, Hájí Mírzá Áqásí, welche Wendung die Ereignisse zu nehmen begannen, worauf dieser beschloß, den Báb sogleich nach der Festung Chihríq zu verlegen¹, vom Báb der Jabal-i-Shadíd² genannt. Dort wurde Er Yahya Khán, einem Schwager Muhammad Sháhs, in Gewahrsam gegeben, der Ihn zunächst äußerst streng behandelte, schließlich aber ebenfalls der bezaubernden Persönlichkeit seines Gefangenen erlag. Auch die im Dorf Chihríq lebenden Kurden, deren Haß auf die Schiiten den der Bewohner von Máh-Kú noch übertraf, vermochten der bezwingenden Kraft des Gefangenen nicht zu widerstehen, auch sie konnte man jeden Morgen, ehe sie an ihr Tagewerk gingen, zur Festung kommen und sich in Anbetung vor dem heiligen Häftling niederwerfen sehen. Ein europäischer Augenzeuge schreibt in seinen Erinnerungen über den Báb: »So stark war der Zustrom von Menschen, daß der Hof nicht groß genug war, um alle Zuhörer zu fassen. Die meisten mußten draußen auf der Straße bleiben, wo sie hingerissen den Versen des neuen Qur'án lauschten.«

¹ um den 10. April 1848 ² `der kummervolle Berg`


+2:6

Der in Chihriq entstandene Tumult stellte selbst die in Máh-Kú erlebten Szenen in den Schatten. Siyyids von hohen Verdiensten, berühmte Ulamá und selbst Regierungsbeamte bekannten sich alsbald mutig zur Sache des Gefangenen. Die Bekehrung des berühmten Heißsporns Mírzá Asadu'lláh, genannt Dayyán, ein hervorragender Beamter von hohem literarischem Ruf, den der Báb mit »verborgener und verwahrter Erkenntnis« begabte und als »Gefäß für das Vertrauen des einen wahren Gottes« pries, sowie die Ankunft eines Derwisches, eines früheren Navvábs aus Indien, der in einer Vision vom Báb aufgefordert worden war, allem Wohlstand und Besitz zu entsagen, sich aufzumachen und zu Fuß zu Ihm nach Adhirbáyján zu eilen, trieben die Dinge auf die Spitze. Berichte über diese Aufsehen erregenden Ereignisse gelangten nach Tabríz, wurden von dort nach Tihrán weitergeleitet und zwangen Hájí Mírzá Áqásí erneut zum Eingreifen. Dayyáns Vater, ein enger Freund des Ministers, hatte diesem gegenüber bereits seine tiefe Besorgnis ausgedrückt über die Art, wie fähige Staatsbeamte für den neuen Glauben gewonnen würden. Um die wachsende Erregung einzudämmen, beorderte man den Báb nach Tabríz. Die Wachen, denen Er überantwortet war, beschlossen aus Angst vor der Begeisterung der Adhirbáyjáner, vom vorgesehenen Weg abzuweichen, sie mieden die Stadt Khuy und reisten stattdesen über Urúmíyyih. In dieser Stadt wurde Er bei der Ankunft von dem Fürsten Malik Qásim Mírzá feierlich empfangen, und man sah den Fürsten eines Freitags, als sein Gast zum öffentlichen Bad ritt, zu Fuß neben Ihm hergehen, während sein Gefolge bemüht war, die Menschen zurückzuhalten, die sich in überströmender Begeisterung herzudrängten, um einen Blick auf den ungewöhnlichen Gefangenen zu erhaschen. Tabríz wiederum, überbrodelnd von wilder Erregung, begrüßte freudig Seine Ankunft. Die Gefühlswallung im Volk war so heiß, daß man dem Báb einen Platz außerhalb des Stadttores anwies, ohne doch die herrschende Begeisterung eindämmen zu können. Alle Vorkehrungen, Warnungen und Verbote bewirkten nur, daß sich die ohnehin schon kritische Lage zuspitzte. Zu diesem Zeitpunkt erließ der Großwesir seinen historischen Befehl zur sofortigen Einberufung der geistlichen Würdenträger von Tabríz, um die wirksamsten Maßnahmen zu beraten, die die Flammen des verheerenden Brandes ein für allemal ersticken könnten.

+2:7

Wie es zu dem Verhör kam, dem sich der Báb in diesem überstürzten Akt schließlich zu unterziehen hatte, gehört wohl zu den wichtigsten Marksteinen Seiner dramatischen Lebensbahn. Die erklärte Absicht dieser Einberufung war, den Gefangenen vor Gericht zu stellen und Maßnahmen zur Ausrottung Seiner sogenannten Ketzerei zu beraten. Dadurch erhielt Er aber die beste Gelegenheit während Seiner Sendung, öffentlich, in aller Form und ohne jeden Vorbehalt den Anspruch Seiner Offenbarung zu verfechten. Im Amtssitz und in der Gegenwart des Gouverneurs von Ádhirbáyján, des Thronerben Násiri'd-Dín Mírzá, unter dem Vorsitz des Nizámu'l-Ulamá Hájí Mullá Mahmúd, des Erziehers des Prinzen, vor den versammelten geistlichen Würdenträgern von Tabríz, den Führern der Shaykhí-Gemeinde, dem Shaykhu'l-Islám und dem Imám-Jum'ih gab der Báb, der den für den Valí-Ahd, den Thronerben, vorgesehenen Ehrenplatz eingenommen hatte, mit klangvoller Stimme Seine berühmte Antwort auf die Frage des Vorsitzenden der Versammlung und rief: »Ich bin, Ich bin, Ich bin der Verheißene! Ich bin Der, Dessen Namen ihr seit einem Jahrtausend anruft, bei Dessen Gedenken ihr euch erhebt, Dessen Kommen zu erleben ihr ersehnt und um Dessentwillen ihr zu Gott fleht, daß Er die Stunde Seiner Offenbarung beschleunige. Wahrlich, Ich sage euch, die Völker des Ostens wie des Westens haben die Pflicht, Meinem Wort zu gehorchen und Mir Treue zu geloben.«

+2:8

Von Ehrfurcht ergriffen ließen die Anwesenden in stummer Bestürzung vorübergehend die Köpfe sinken. Dann nahm Mullá Muhammad-i-Mamáqání, dieser einäugige, weißbärtige Renegat, seinen Mut zusammen und schalt Ihn mit seiner üblichen Unverschämtheit einen verderbten und erbärmlichen Satansknecht, worauf der unerschrockene Jüngling erwiderte, Er bleibe bei dem, was Er bereits gesagt. Auf die anschließende Frage des Nizámu'l-'Ulamá versicherte der Báb, Seine Worte seien der unwiderlegliche Beweis für Seine Sendung. Er führte Verse aus dem Qur'án an, um die Wahrheit Seiner Erklärung zu belegen, und machte sich anheischig, innerhalb von zwei Tagen und zwei Nächten Verse im Umfang jenes heiligen Buches zu offenbaren. Als ein Anwesender kritisierte, Er habe gegen die Regeln der Grammatik verstoßen, zitierte Er bekräftigend einige Stellen aus dem Qur'án und hob dann, eine nichtige, unangebrachte Bemerkung, die Ihm einer der Anwesenden hinwarf, würdevoll und bestimmt zurückweisend, kurzerhand die Sitzung auf, indem Er aufstand und den Raum verließ. Darauf ging die Versammlung verwirrt und zerstritten auseinander, bitter grollend und gedemütigt durch das Scheitern ihrer Pläne. Es war ihr keineswegs gelungen, den Geist des Gefangenen einzuschüchtern oder Ihn gar zum Widerruf oder zur Aufgabe Seiner Sendung zu bewegen. Das einzige Ergebnis, das die Versammlung zeitigte, war nach vielem Hin und Her der Beschluß, Ihm die Bastonnade zu verordnen durch die Hand des herzlosen Geizkragens Mírzá Alí-Asghar, des Shaykhu'l-Islám jener Stadt, der sie in seinem Bethaus vollzog. Hájí Mírzá Áqásí, dessen Plan durchkreuzt war, sah sich gezwungen, den Báb nach Chihriq zurückzubeordern.

+2:9

Die dramatische, uneingeschränkte und offizielle Erklärung der prophetischen Sendung des Báb war nicht die einzige Folge der törichten Maßnahme, die den Autor einer so bedeutsamen Offenbarung zu einer dreijährigen Haft im Bergland von Adhirbáyján verdammte. Die Zeit der Gefangenschaft in einem entlegenen Winkel des Reiches, weit ab von den Sturmzentren Shíráz, Isfahán und Tihrán, gab Ihm vielmehr die nötige Muße, sich Seinem gewaltigen Werk zu widmen und sich auch mit anderen, ergänzenden Schriften zu befassen, die dazu dienen sollten, die volle Stufe Seiner kurzen, aber höchst bedeutsamen Sendung zu enthüllen und ihre ganze Kraft zu entfalten. Seine Offenbarung ist sowohl hinsichtlich des Umfangs der Schriften, die Seiner Feder entströmten, als auch der Mannigfaltigkeit der behandelten Themen ohnegleichen in den Annalen sämtlicher früheren Religionen. Er selbst bestätigt während Seiner Gefangenschaft in Máh-Kú, daß der Umfang Seiner Schriften über die unterschiedlichsten Gegenstände bis dahin mehr als fünfhunderttausend Verse betrug. »Die Verse aber, die aus dieser Wolke göttlicher Gnade geströmt sind«, bezeugt Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Iqán¹, »waren so überreich, daß noch niemand imstande war, ihre Zahl zu schätzen. Wohl zwanzig Bände sind jetzt zur Hand. Doch wie viele bleiben uns noch unerreichbar! Wie viele sind geraubt worden und in die Hände des Feindes gefallen, und niemand kennt ihr Schicksal.« Nicht weniger fesselnd ist die Vielfalt der Themen, die dieses umfangreiche Werk behandelt: Gebete, Predigten, Ansprachen, Besuchstablets, wissenschaftliche Abhandlungen, theologische Erörterungen, Ermahnungen, Kommentare zum Qur'án und verschiedenen Traditionen, Briefe an die höchsten religiösen und kirchlichen Würdenträger des Reiches, Gesetze und Gebote zur Festigung Seines Glaubens und zur Lenkung seiner Tätigkeiten.

¹ 240


+2:10

Bereits in Shíráz hatte Er in der frühesten Zeit Seines Wirkens ein Buch offenbart, das Bahá'u'lláh das »erste, größte und mächtigste aller Bücher«¹ der Bábí-Sendung nennt, den berühmten, Qayyúmu'l-Asmá' betitelten Kommentar zur Sure Josef², der im Grunde das vorhersagen sollte, was der wahre Josef³ in der folgenden Sendung von der Hand eines Mannes zu erdulden haben werde, der zugleich Sein leiblicher Bruder und Sein Erzfeind war. Dies über neuntausenddreihundert Verse umfassende und in einhundertelf Kapitel unterteilte Werk, dessen einzelne Kapitel jeweils einen Kommentar zu einem Vers der genannten Sure darstellen, beginnt mit dem hellen Ruf des Báb und schrecklichen Warnungen an die »Schar der Könige und Königssöhne«, sagt dann das Los Muhammad Sháhs an, befiehlt dem Großwesir Hájí Mírzá Aqásí, seine Herrschaft niederzulegen, warnt die gesamte muslimische Geistlichkeit und mahnt insbesondere die Mitglieder der ShíAh-Gemeinde, preist die Tugenden Bahá'u'lláhs, der »Spur Gottes«, des »Größten Meisters«, dessen Kommen Er verheißt, verkündet in unmißverständlicher Sprache die Unabhängigkeit und den allumfassenden Charakter der Bábí-Offenbarung, enthüllt ihre Bedeutung und bekräftigt den unausweichlichen Triumph ihres Stifters. Ferner weist es die »Völker des Westens« an, »aus ihren Städten hervorzukommen und der Sache Gottes beizustehen«, warnt die Völker der Erde vor der »schrecklichen, höchst schmerzlichen Vergeltung Gottes«, droht der ganzen islámischen Welt das »Größte Feuer« an, falls sie sich vom neu offenbarten Gesetz abwendet, sagt den Märtyrertod des Stifters voraus, rühmt die für das Volk Bahás, die »Gefährten der tiefroten Rubinarche«, ausersehene hohe Stufe, prophezeit einigen der größten Leuchten am Himmel der Bábí-Sendung das Verblassen und ihr völliges Verlöschen und sagt den Thronräubern des Imamats, die »im Lande des Euphrat gegen Husayn<4> Krieg führten«, »schmerzliche Qual« am »Tage Unserer Wiederkehr« und in der »zukünftigen Welt« an.

¹ Kitáb-i-Iqán 258 ² Qur'án 12 ³ Bahá'u'lláh <4> Imám Husayn



+2:11

Dieses Buch betrachteten die Bábí fast während der ganzen Zeit, da der Báb wirkte, allgemein als den Qur'án des Volkes des Bayán. Sein erstes, herausforderndstes Kapitel war in Gegenwart Mullá Husayns offenbart worden in jener Nacht der Erklärung seines Verfassers, und dieser erste Jünger hatte einige Seiten Bahá'u'lláh überbracht als erste Frucht der Offenbarung, die sofort Seine begeisterte Zustimmung fand. Sein voller Text wurde von der strahlenden, begabten Táhirih ins Persische übersetzt. Seine Inhalt entzündete die Feindschaft Husayn Kháns und verursachte letztlich den Ausbruch der Verfolgungen in Shíráz. Eine einzige Seite daraus vermochte Hujjats Geist zu fesseln und seine Seele zu entzücken, und sein Inhalt begeisterte die unerschrockenen Verteidiger der Feste Shaykh Tabarsí, die Helden von Nayríz und von Zanján.

+2:12

Nach diesem erhabenen, folgenschweren Werk offenbarte der Báb Seinen ersten Sendbrief an Muhammad Sháh, die Sendschreiben an den Sultán Abdu'l-Majíd und an Najíb Páshá, den Válí von Baghdád, sowie das Sahífiy-i-baynu'l-Haramayn, eine Antwort auf einige Fragen von Mírzá Muhít-i-Kirmáni, vom Báb zwischen Mekka und Medina offenbart, ferner den Sendbrief an den Sharífen von Mekka, den siebenhundert Suren umfassende Kitábu'r-Rúh, die Schrift Khasá'il-i-Sab'ih, welche den geänderten Wortlaut des Adhán verbindlich macht, das Werk Risáliy-i-Furu-i-Adlíyyih, das Mullá Muhammad-Taqíy-i-Harátí ins Persische übertrug, den Kommentar über die Sure Kawthar, der in Vahíds Seele eine so starke Wandlung bewirkte, den im Hause des Imám-Jum'ih von Isfahán entstandenen Kommentar zur Sure Va'l-Asr, die auf Manúchihr Kháns Ersuchen geschriebene Abhandlung über die besondere Sendung Muhammads, das zweite Sendschreiben an Muhammad Sháh mit der dringenden Bitte um eine Audienz, in der Er ihm die Wahrheit der neuen Offenbarung darlegen und seine Zweifel zerstreuen wollte, und schließlich die Briefe, die Er von dem Dorfe Síyah-Dihán aus an die 'Ulamá von Qazvín schickte sowie an Hájí Mírzá Aqásí, den Er nach dem Grund für den plötzlichen Wechsel seines Entschlusses fragt.

+2:13

Der Großteil der Schriften, die aus des Báb fruchtbarem Geist hervorgingen, blieb jedoch Seiner Haftzeit in Máh-Kú und Chihríq vorbehalten. In diese Periode gehören vermutlich die zahllosen Episteln, die der Báb, wie kein geringerer Gewährsmann als Bahá'u'lláh es bezeugt, eigens an die Geistlichen in allen Städten Persiens, in Najaf und Karbilá, schrieb um ihnen im einzelnen die Irrtümer klarzustellen, denen sie allesamt verfallen waren. In den neun Monaten Haft in Máh-Kú offenbarte der Báb, nach dem Zeugnis des Shaykh Hasan-i-Zunúzí, der damals die vom Báb Seinem Gefährten diktierten Verse abschrieb, nicht weniger als neun Kommentare zum ganzen Qur'án. Leider ist über das Schicksal dieser Kommentare nichts bekannt. Über einen von ihnen sagt der Verfasser selbst, daß er in mancher Hinsicht selbst den zu Recht berühmten Qayyúmu'l-Asmá übertreffe.

+2:14

In denselben Festungsmauern wurde auch der Bayán¹ offenbart, dieser großartige Schatz an Gesetzen und Geboten der neuen Sendung, die kostbare Fundstätte der meisten Hinweise und Würdigungen, aber auch Ermahnungen des Báb hinsichtlich »Dessen, den Gott offenbaren wird«. Das etwa achttausend Verse umfassende, im Mittelpunkt der Bábí-Literatur stehende Buch, nicht zu verwechseln mit dem im gleichen Zeitabschnitt offenbarten kleineren, weniger bedeutsamen Arabischen Bayán, ist unvergleichlich unter den Lehrwerken des Stifters der Bábí-Sendung. Bestehend aus neun Váhiden¹ zu je neunzehn - beim letzten Váhid nur zehn - Kapiteln, blieb es glücklicherweise völlig von Einschüben und Verderbnissen bewahrt, denen so manches kleinere Werk des Báb zum Opfer fiel, und muß in erster Linie eher als Preisrede auf den Verheißenen betrachtet werden, denn als Buch der Gesetze und Riten zur fortwährenden Führung künftiger Geschlechter; es erfüllt die Verheißung Muhammads, daß »ein Jüngling aus den Bani-Háshim ... ein neues Buch offenbaren und ein neues Gesetz verkünden« werde. Das Buch hebt die Gesetze und Riten, die der Qur'án bezüglich Gebet, Fasten, Ehe, Scheidung und Erbrecht vorschreibt, auf und bestätigt zugleich voll und ganz den Glauben an die prophetische Sendung Muhammads, so wie vor dem Báb der Prophet des Isláms die Verordnungen des Evangeliums aufhob und zugleich den göttlichen Ursprung des Glaubens Jesu Christi anerkannte. Ferner erläutert es in vorbildlicher Weise die Bedeutung bestimmter in den heiligen Büchern früherer Sendungen häufig vorkommender Begriffe wie Paradies, Hölle, Tod, Auferstehung, die Wiederkunft, die Waage, die Stunde, das Jüngste Gericht und dergleichen. Ausgesprochen streng in den Regeln und Riten, die es einführt, umwälzend in seinen Prinzipien, die darauf angelegt sind, Geistlichkeit und Volk aus jahrhundertelanger Lethargie aufzurütteln und den abgenutzten, korrupten Institutionen schnell den Todesstoß zu versetzen, sagt es mit seinen rigorosen Bestimmungen das Kommen des verheißenen Tages an, des Tages, da »der Bote zu einem strengen Werk ruft«, da Er alles »zerstören wird, was vor Ihm war, wie der Gesandte Gottes die Wege derer zerstörte, die vor Ihm waren«.

¹ wörtlich: `Darlegung` ² váhid = Einheit


+2:15

In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß sich im dritten Váhid des Buches eine Stelle findet, die wegen ihres deutlichen Hinweises auf den Namen des Verheißenen und ihrer Vorausschau auf die Ordnung, die eine spätere Zeit als Seine Offenbarung erkennen wird, als eine der bedeutsamsten Aussagen im gesamten Schrifttum des Báb gewertet zu werden verdient. »Wohl dem«, so verkündet Er voraus, »der seinen Blick auf die Ordnung Bahá'u'lláhs richtet und seinem Herrn dankbar ist. Denn Er wird gewiß erscheinen. So hat es Gott fürwahr unwiderruflich im Bayán verheißen.« Mit dieser Ordnung setzte zwanzig Jahre später der Stifter der angekündigten Offenbarung, indem Er im Kitáb-i-Aqdas denselben Begriff verwendete, das hier vorgesehene System gleich, wobei Er darauf hinwies, daß »diese größte Ordnung« die Welt aus dem Gleichgewicht geworfen und das geregelte Leben der Menschheit aufgewühlt habe. Auch der Mittelpunkt des Bundes Bahá'u'lláhs und berufene Interpret Seiner Lehren umriß zu einem späteren Entwicklungsstadium des Glaubens die Züge dieser Ordnung durch die Vorkehrungen Seines Testamentes. Diese Ordnung ist es auch, deren Grundgerüst nun im Gestaltenden Abschnitt des Glaubens durch die Sachwalter des Bundes und die gewählten Repräsentanten der weltweiten Bahá'í-Gemeinde mit Fleiß und vereinten Kräften errichtet wird. Wenn die Zeit erfüllt ist, wird schließlich das Goldene Zeitalter dieser Sendung die vollendete Gestalt dieser Ordnung erleben, die sie mit dem Emporkommen der Bahá'í-Weltgemeinde - dem Reich Gottes auf Erden - annehmen wird.

+2:16

Der Báb war noch in Máh-Kú, als Er das ausführlichste, erhellendste Seiner Sendschreiben an Muhammad Sháh schrieb. Mit seinem einleitenden Lobpreis auf die Einheit Gottes, Seine Boten und die zwölf Imáme, mit der unmißverständlichen Behauptung der Göttlichkeit seines Verfassers und der übernatürlichen Kraft Seiner Offenbarung, den präzisen Zitaten der Verse und Traditionen zur Stützung dieses kühnen Anspruchs, dem harten Urteil über einige Beamte und Administratoren des Sháhs, besonders des »verruchten und verfluchten« Husayn Khán, und der bewegenden Schilderung der Demütigungen und Härten, denen der Schreiber ausgesetzt ist, erinnert dieses historische Dokument in vielen Zügen an den Lawh-i-Sultán, den Sendbrief, den Bahá'u'lláh unter ähnlichen Umständen aus der Gefängnisfeste Akká an Násiri'd-Dín Sháh schrieb; es ist Sein längstes Schreiben an einen einzelnen Herrscher.

+2:17

Auch die Dalá'il-i-Sab'ih¹ wurden zur selben Zeit offenbart, die bedeutendste unter den Streitschriften des Báb. Sie ist bemerkenswert klar, bewundernswürdig genau, ungewöhnlich im Aufbau und unwiderleglich in ihrer Beweisführung; sie ist denkwürdig nicht nur wegen der vielen verschiedenen Beweise Seiner Sendung, sondern auch wegen der Rüge an die Adresse der »sieben mächtigen Souveräne, die die Welt regieren« an Seinem Tage, sowie der Art, wie sie die Verantwortung der christlichen Geistlichen vergangener Zeit unterstreicht und ihr Verhalten tadelt. Hätten sie, sagt der Báb, die Wahrheit der Sendung Muhammads anerkannt, wäre ihnen die Masse ihrer Mitgläubigen gefolgt.

¹ `Sieben Beweise`


+2:18

Während der Gefangenschaft des Báb in der Festung Chihríq, wo Er fast ganz die letzten beiden Jahre Seines Lebens zubrachte, wurde das Lawh-i-Huru'fát¹ zu Ehren Dayyáns offenbart - ein Sendbrief, der zuerst fälschlich für eine Darstellung der Weissagekunst gehalten wurde. Später erkannte man, daß er einerseits den verborgenen Sinn des Mustagháth² enthüllt und andererseits dunkel auf die neunzehn Jahre anspielt, die zwischen der Erklärung des Báb und derjenigen Bahá'u'lláhs verstreichen mußten. In diesen finsteren Jahren - finster durch die unerbittliche Gefangenschaft des Báb, die Ihm zugefügte bittere Schmach und die Kunde vom Unglück der Helden in Mázindarán und Nayríz - offenbarte Er auch, bald nach Seiner Rückkehr von Tabríz, Seine Anklageschrift gegen Hájí Mírzá Aqásí. In kühner, eindringlicher Sprache verfaßt und schonungslos mit Seinem Schuldspruch, wurde das Schreiben dem unerschrockenen Hujjat übersandt und von ihm, wie Bahá'u'lláh bestätigt, dem ruchlosen Minister ausgehändigt.

¹ Sendbrief über die Buchstaben
² `Er, der angerufen wird`, Bezeichnung des Báb für Bahá'u'lláhs Erscheinen am Tag der späteren Auferstehung



+2:19

In die überaus fruchtbare, wenn auch bitter demütigende und zunehmend leidvolle Periode der Gefangenschaft in den Festungen Máh-Kú und Chihríq fallen auch fast alle schriftlichen Hinweise auf den Stifter einer Offenbarung, die bald die Seine ersetzen sollte - Warnungen, Aufrufe und Ermahnungen, zu denen sich der Báb angesichts der nahen Stunde Seines höchsten Leides genötigt sah. Er war sich von Anfang an Seiner zweifachen Aufgabe als Träger einer unabhängigen Offenbarung und als Herold für einen noch Größeren als Er selbst bewußt und konnte sich darum nicht mit der Vielzahl von Kommentaren, Gebeten, Gesetzen und Verordnungen, Abhandlungen und Sendbriefen, Predigten und Preisliedern, die unaufhörlich Seiner Feder entströmten, begnügen. Der Große Bund mit der ganzen Menschheit hinsichtlich der kürzlich geschehenen Offenbarung, für den Gott, wie der Báb in Seinen Schriften bestätigt, seit Urzeiten durch die Propheten aller Zeiten eintrat, war nunmehr erfüllt. Er mußte nun ergänzt werden durch einen Kleineren Bund, den Er mit der Gemeinde Seiner Anhänger bezüglich Dessen zu errichten hatte, dessen Kommen Er als Frucht und höchstes Ziel Seiner Sendung bezeichnete. Ein solcher Bund war ein Wesensmerkmal aller vorausgegangenen Religion. Es gab ihn in verschiedener Form, unterschiedlich stark ausgeprägt, stets war die Rede von ihm in verschleierter Sprache, in geheimnisvollen Prophezeiungen, schwer verständlichen Bildern, unverbrieften Überlieferungen und bruchstückhaften, unklaren Stellen der heiligen Schriften. In der Bábí-Sendung aber sollte er in klarer und eindeutiger Sprache errichtet werden, wenn auch nicht in einem besonderen Dokument. Im Gegensatz zu den Propheten vor Ihm, deren Bünde geheimnisumwoben waren, wie auch im Gegensatz zu Bahá'u'lláh, dessen deutlich umrissener Bund in einem eigens niedergeschriebenen Testament, von Ihm als »das Buch Meines Bundes« bezeichnet, enthalten ist, zog der Báb es vor, in Sein Buch der Gesetze, den Persischen Bayán, unzählige Stellen einzuflechten, von denen einige absichtlich dunkel, die meisten aber unzweifelhaft klar und schlüssig sind. Er legt darin den Zeitpunkt der verheißenen Offenbarung fest, preist ihre Vorzüge, erklärt ihre überragende Eigenart, schreibt ihr unbegrenzte Kräfte und absoluten Vorrang zu und reißt alle Schranken ein, die ihrer Anerkennung im Weg stehen könnten. Bahá'u'lláh sagt in Seinem Kitáb-i-Badí vom Báb: »Er hat wahrlich Seine Pflicht nicht versäumt, das Volk des Bayán zu ermahnen und ihm Seine Botschaft zu bringen. Zu keiner Zeit und in keiner Sendung hat eine Manifestation so bis ins einzelne und in so deutlicher Sprache von der Manifestation gesprochen, die nach ihr kommen werde.«

+2:20

Der Báb bereitete einige Jünger beharrlich auf die bevorstehende Offenbarung vor. Anderen versicherte Er mündlich, daß sie den Tag der Offenbarung erleben werden. Dem Buchstaben des Lebendigen Mullá Báqir verhieß Er in einem an ihn gerichteten Sendbrief, er werde dem Verheißenen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Einem anderen Jünger, Sayyáh, gab Er eine ähnliche Zusicherung. Mullá Husayn schickte Er nach Tihrán mit der Versicherung, daß diese Stadt ein Geheimnis berge, mit dessen Licht weder Hijáz noch Shíráz sich messen könnten. Quddús verhieß Er am Vorabend seiner Trennung von Ihm, er werde in die Gegenwart Dessen gelangen, der einziges Ziel ihrer Verehrung und Liebe ist. In Máh-Kú erklärte Er dem Shaykh Hasan-i-Zunúzí, er werde in Karbilá das Antlitz des verheißenen Husayn schauen. Dayyán verlieh Er den Titel des »dritten Buchstabens, der an Ihn, den Gott offenbaren wird, glaubt«, indes Er Azím im Kitáb-i-Panj-Sha'n den Namen bekanntgab und die baldige Ankunft Dessen ankündigte, der Seine Offenbarung ablösen werde.

+2:21

Einen Nachfolger oder Stellvertreter hat der Báb nie benannt und es auch abgelehnt, einen Interpreten Seiner Lehren zu bestimmen. Klar wie Kristall waren Seine Hinweise auf den Verheißenen und so kurz bemessen die Dauer Seiner eigenen Sendung, daß weder das eine noch das andere notwendig erschien. Was Er tat, war lediglich, wie Abdu'l-Bahá in A Traveller's Narrative schreibt, die von Bahá'u'lláh und einem anderen Jünger empfohlene Ernennung Mírzá Yahyás, der nur als Strohmann auftreten sollte, solange die Offenbarung des Verheißenen noch in der Schwebe war, damit Bahá'u'lláh die Möglichkeit erhielt, in verhältnismäßiger Sicherheit die Sache zu fördern, die Ihm so ans Herz gewachsen.

+2:22

»Der Bayán«, versichert der Báb in dem Buch bezüglich des Verheißenen, »ist von Anfang bis Ende die Sammlung aller Seiner Attribute, die Schatzkammer Seines Feuers und Seines Lichtes.« »Wenn du zu Seiner Offenbarung gelangst und Ihm gehorchst«, erklärt Er in anderem Zusammenhang, »wirst du die Frucht des Bayán offenbaren; wo nicht, bist du nicht wert, vor Gott genannt zu werden.« »O Volk des Bayán«, ermahnt Er im selben Buch die Gemeinde Seiner Anhänger, »handle nicht wie das Volk des Qur'án gehandelt hat, denn wenn du also tust, werden die Früchte deiner Nacht zunichte werden.« »Dulde nicht«, gebietet Er nachdrücklich, »daß der Bayán und was in ihm offenbart wurde, dich von dem Inbegriff des Seins, dem Herrn des Sichtbaren und Unsichtbaren zurückhalte.« »Hüte dich, hüte dich«, lautet Seine bezeichnende Warnung an Vahíd, »daß dich in den Tagen Seiner Offenbarung der Váhid des Bayán¹ nicht wie ein Schleier von Ihm trenne, ist doch dieser Váhid ein bloßes Geschöpf in Seinen Augen.« Und wiederum: »O Gemeinde des Bayán und alle, die ihr dazugehört! Erkennet die Grenzen, die euch gesetzt sind, denn selbst der Punkt des Bayán hat an Ihn, den Gott offenbaren wird, geglaubt, ehe noch alle Dinge erschaffen waren! Dessen frohlocke Ich fürwahr vor allen, die im Reich des Himmels und der Erde sind.«

¹ die achtzehn Buchstaben des Lebendigen und der Báb


+2:23

»Im Jahre neun«, schrieb Er im Hinblick auf das Datum des Eintreffens der verheißenen Offenbarung ausdrücklich, »werdet ihr alles Gute erlangen«. »lm Jahre neun werdet ihr in die Gegenwart Gottes gelangen.« Und wiederum: »Nach Hín¹ wird euch eine Sache gegeben, die ihr erkennen sollt«. »Ehe nicht neun seit der Empfängnis dieser Sache vergangen«, erklärt Er im einzelnen, »werden die Wirklichkeiten der erschaffenen Dinge nicht offenbar werden. Alles, was du bis jetzt gesehen, befindet sich im Zustand des feuchten Keims, den Wir noch nicht mit Fleisch umhüllten. Sei geduldig, bis du eine neue Schöpfung schauest. Sprich: `Gepriesen sei darum Gott, der Herrlichste der Schöpfer!`« »Warte«, lautet Seine Erklärung an Azím, »bis neun seit der Zeit des Bayán verstrichen sind. Dann rufe: `Gepriesen sei darum Gott, der Herrlichste der Schöpfer!`« »Habt acht«, mahnt Er in einer bemerkenswerten Stelle über das Jahr neunzehn, »auf die Zahl Váhid² seit Empfängnis der Offenbarung«, und noch deutlicher legte Er fest: »Der Herr des Tages des Gerichts wird am Ende von Váhid und zu Beginn von achtzig³ kund werden.«. »Käme Er in diesem Augenblick«, offenbart Er in heißem Verlangen, die Menschen davor zu bewahren, daß sie sich durch die Nähe der verheißenen Offenbarung vom Verheißenen abhalten ließen, »so wäre Ich der erste, der Ihn anbetet, der erste, der sich vor Ihm verneigt.«

¹ 68 ² 19 ³ 1280 n.d.H.


+2:24

»Zu Seinem Gedenken schrieb Ich«, preist Er den Verfasser der erwarteten Offenbarung, »die Perlenworte: `Keine Anspielung von Mir kann Ihn andeuten, auch kein Hinweis im Bayán.`« »lch selbst bin nur der erste Diener, der an Ihn und Seine Zeichen glaubt...« »Der junge Keim«, sagt Er bezeichnend, »der die Möglichkeiten der künftigen Offenbarung enthält, ist mit einer Potenz begabt, wie sie die vereinten Kräfte des ganzen Bayán übertrifft.« Und wiederum: »Der ganze Bayán ist nur ein Blatt unter den Blättern Seines Paradieses.« »Du tust besser daran«, sagt Er ähnlich, »einen einzigen Vers Dessen, den Gott offenbaren wird, zu sprechen, als den ganzen Bayán abzuschreiben, denn an jenem Tag kann dich jener eine Vers retten, während der ganze Bayán dich nicht retten könnte.« »Heute ist der Bayán im Zustand des Samenkorns; zu Beginn der Offenbarung Dessen, den Gott offenbaren wird, wird sich seine höchste Vollendung zeigen.« »Der Bayán leitet all seine Herrlichkeit von Dem her, den Gott offenbaren wird.« »Alles, was im Bayán offenbart ist, ist nur ein Ring an Meiner Hand, und Ich selbst bin fürwahr nur ein Ring an der Hand Dessen, den Gott offenbaren wird... Er dreht ihn, wie es Ihm beliebt, wofür es Ihm gefällt und wodurch es Ihm gefällt. Er ist fürwahr der Helfer in Gefahr, der Höchste.« Als Antwort an Vahíd und einen Buchstaben des Lebendigen, die nach dem Verheißenen gefragt hatten, erklärte Er: »Gewißheit selbst ist beschämt, wenn aufgefordert, Seine Wahrheit zu bezeugen... und Zeugnis selbst ist beschämt, für Ihn zu zeugen.« Zu Vahíd sagte Er ferner: »Wäre Ich gewiß, daß du Ihn am Tage Seiner Offenbarung ablehntest, so würde Ich dich ohne Zögern verstoßen... Sagte man Mir andererseits, daß ein Christ, der nicht Meinem Glauben anhängt, an Ihn glaube, so schätzte Ich ihn wie Meinen Augapfel.«

+2:25

Und zum Schluß Seine ergreifende Anrufung Gottes: »Sei Du Zeuge, daß Ich durch dieses Buch mit allem Erschaffenen einen Bund geschlossen habe hinsichtlich der Sendung Dessen, den Du offenbaren wirst, noch ehe der Bund Meiner eigenen Sendung errichtet war. Genugsam Zeuge bist Du und sind die, welche an Deine Zeichen glauben.« »Wahrlich, Ich habe Meine Pflicht, dieses Volk zu ermahnen, nicht versäumt«, lautet ein anderes Zeugnis aus Seiner Feder, »... wenn am Tage Seiner Offenbarung alle, die auf Erden sind, Ihm huldigen, wird Mein Innerstes jubeln; denn sie werden alle den Gipfel ihres Daseins erreicht haben... Wenn nicht, so wird Meine Seele betrübt sein. Ich habe wahrlich alle Dinge zu diesem Zweck erzogen. Wie kann dann noch jemand von Ihm durch Schleier getrennt sein?«

+2:26

Die drei letzten, ereignisreichsten Jahre im Wirken des Báb waren, wie die vorhergehenden Seiten zeigten, geprägt nicht nur durch die feierliche, öffentliche Erklärung Seiner Sendung, sondern auch durch eine beispiellose Hochflut erleuchteter Schriften, die sowohl die Offenbarung der Grundgesetze Seiner Sendung als auch die Errichtung jenes Kleineren Bundes dokumentieren, der die Einheit Seiner Anhänger wahren und den Weg für das Kommen einer ungleich machtvolleren Offenbarung bereiten sollte. Zur gleichen Zeit, in den ersten Tagen Seiner Gefangenschaft in der Festung Chihríq, erkannten Seine Jünger klar die Unabhängigkeit des neu geborenen Glaubens und bekannten sich offen zu ihm. Waren die Gesetze der neuen Sendung durch ihren Verfasser in einer Gefängnisfestung in den Bergen Ádhirbáyjáns offenbart worden, so sollte nun die Sendung selbst auf einer Konferenz Seiner versammelten Anhänger im flachen Land an der Grenze Mázindaráns feierlich eingeführt werden.

+2:27

Bahá'u'lláh, der durch regen Schriftverkehr enge Verbindung zum Báb hielt und als lenkende Kraft hinter den mannigfachen Tätigkeiten Seiner kämpfenden Glaubensgenossen stand, hatte den Vorsitz der Konferenz und wachte unaufdringlich, aber wirksam über ihren Verlauf. Der als Vertreter des konservativen Elements in dieser Versammlung geltende Quddús hatte den vorgefaßten Plan, die bei einer solchen Konferenz mit Sicherheit zu erwartende Angst und Bestürzung zu dämpfen, und trat den von Táhirih leidenschaftlich verfochtenen, scheinbar überspitzten Ansichten entgegen. Der Hauptzweck der Versammlung war, die Offenbarung des Bayán durchzusetzen mittels eines plötzlichen, völligen und dramatischen Bruchs mit der Vergangenheit, mit ihrer Ordnung, ihrem Klerus, ihren Traditionen und Bräuchen. Außerdem sollte die Konferenz darüber beraten, wie man den Báb aus Seiner grausamen Haft in Chihríq befreien könnte. Der erste Zweck wurde mit größtem Erfolg erreicht, der zweite war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

+2:28

Schauplatz dieser herausfordernden und weittragenden Proklamation war der Weiler Badasht. Hier hatte Bahá'u'lláh in reizvoller Umgebung drei Gärten gemietet, einen wies Er Quddus zu, einen Táhirih und den dritten behielt Er für sich selbst. Die einundachtzig Jünger, die sich aus den verschiedenen Provinzen zusammenfanden, waren vom Tag ihrer Ankunft bis zu ihrer Abreise Seine Gäste. An jedem der zweiundzwanzig Tage Seines dortigen Aufenthalts offenbarte Er ein Tablet, das in Gegenwart der versammelten Gläubigen gesungen wurde. Jedem Gläubigen wies Er einen neuen Namen zu, ohne jedoch erkennen zu lassen, wer die Namen verlieh. Er selbst wurde hinfort mit dem Namen Bahá bezeichnet. Der letzte Buchstabe des Lebendigen empfing den Namen Quddús, Qurratu'l-Ayn den Titel Táhirih. Mit diesen Namen wurden sie hernach alle vom Báb angeredet in den Sendbriefen, die Er für jeden einzelnen offenbarte.

+2:29

Bahá'u'lláh, der stetig, unbeirrbar, aber auch unerwartet den Kurs jenes denkwürdigen Ereignisses steuerte, führte die Versammlung schließlich auf ihren dramatischen Höhepunkt. Eines Tages in Seiner Gegenwart - eine Erkrankung fesselte Ihn ans Bett - trat plötzlich Táhirih, die als reines, makelloses Sinnbild der Keuschheit und Verkörperung der heiligen Fátimah galt, geschmückt, aber unverschleiert vor die versammelten Gefährten und setzte sich zur Rechten des entsetzten, in Zorn geratenden Quddús. Mit feurigen Worten zerriß sie die Schleier, die die heiligen Riten des Isláms schützten, und verkündete, einem Fanfarenruf gleich, den Beginn einer neuen Sendung. Das schlug ein wie der Blitz. Die makellos Reine, so hoch geachtet, daß auch nur die Betrachtung ihres Schattens für unziemlich galt, schien im ersten Moment in den Augen ihrer schockierten Betrachter sich selbst verunehrt, Schande über den vertretenen Glauben gebracht und das unsterbliche Antlitz, dessen Symbol sie war, beschmutzt zu haben. Furcht, Zorn und Verwirrung fegten durch die Seelen und ließen sie erstarren. Abdu'l-Kháliq-i-Isfahání war so fassungslos entsetzt von dem, was er sah, daß er sich mit eigener Hand die Kehle aufschnitt. Blutbespritzt und wild erregt floh er vor ihrem Angesicht. Einige widerriefen ihren Glauben und verließen die Gefährten. Andere blieben stumm und entgeistert vor ihr stehen. Wieder andere mögen sich klopfenden Herzens der islámischen Tradition erinnert haben, derzufolge Fátimah selbst unverschleiert wiederkehren werde, wenn sie am verheißenen Gerichtstag die Brücke¹ überschreitet. Quddús, stumm vor Wut, schien nur auf den Augenblick zu warten, da er sie mit dem Schwert, das er zufällig in der Hand trug, erschlagen könnte.

¹ Sirát


+2:30

Unerschrocken, ruhig und mit triumphierender Freude erhob sich Táhirih und richtete an die noch verbliebenen Konferenzteilnehmer einen glühenden, sprachgewaltigen Aufruf, völlig frei und in einem Stil, der verblüffend an den Qur'án gemahnte, und schloß mit der kühnen Behauptung: »Ich bin das Wort, das der Qá'im sprechen muß, das Wort, das die Häupter und Edlen auf Erden in die Flucht schlagen wird!« Dann forderte sie die Anwesenden auf, einander zu umarmen und dieses große Ereignis zu feiern.

+2:31

An diesem denkwürdigen Tag war das im Qur'án erwähnte »Horn« erschallt, ist laut der »betäubende Fanfarenstoß« erklungen und die »Katastrophe« eingetreten. Nach diesem aufsehenerregenden Abrücken von den altehrwürdigen Traditionen des Isláms erlebte die unmittelbar folgende Zeit einen wahren Umsturz in den Anschauungen, dem Verhalten, den religiösen Handlungen und der Art der Gottesverehrung bei diesen bis dahin eifrigen und ergebenen Verfechtern des mohammedanischen Gesetzes. Wie erregt auch die Konferenz von Anfang bis Ende verlaufen war, wie beklagenswert die Abspaltung der wenigen, die die Aufhebung der Grundbestimmungen des islámischen Glaubens nicht unterstützen wollten - ihr Zweck war voll und ruhmreich erfüllt. Nur vier Jahre zuvor hatte der Stifter der Bábí-Offenbarung in der Verborgenheit Seines Hauses in Shíráz Mullá Husayn gegenüber Seine Sendung erklärt. Drei Jahre nach jener Erklärung diktierte Er in den Mauern der Gefängnisfestung Máh-Kú Seinem Sekretär die entscheidenden Grundlehren Seiner Sendung. Ein Jahr darauf sagten sich in dem Dörfchen Badasht Seine Jünger unter der aktiven Führung ihres Mitjüngers Bahá'u'lláh vom qur'ánischen Gesetz los, indem sie sowohl den göttlich verordneten als auch den von Menschen gemachten Regeln des Glaubens Muhammads die Autorität aberkannten und sich der Fesseln seines veralteten Systems entledigten. Fast unmittelbar darauf rechtfertigte der Báb, noch immer ein Gefangener, selbst die Handlungsweise Seiner Jünger dadurch, daß Er in aller Form und rückhaltlos in Gegenwart des Thronerben, der führenden Vertreter der Shaykhí-Gemeinde und der berühmtesten geistlichen Würdenträger, die in der Hauptstadt Ádhirbáyjáns versammelt waren, Seinen Anspruch geltend machte, der verheißene Qá'im zu sein.

+2:32

Etwas mehr als vier Jahre waren seit der Geburt der Bábí-Offenbarung vergangen, als der Posaunenruf ertönte, der feierlich das Erlöschen der alten und den Beginn der neuen Sendung kündete. Kein Pomp, kein Prunk kennzeichnete den großen Wendepunkt in der religiösen Geschichte der Welt. Sein bescheidener Beginn entsprach keineswegs der plötzlichen, überraschenden und vollständigen Emanzipation von den finsteren, kampfentschlossenen Mächten des Fanatismus, der Pfaffenlist, der religiösen Orthodoxie und des Aberglaubens. Die versammelte Schar bestand nur aus einer Frau und einer Handvoll Männern, die größtenteils aus den Reihen derer kamen, die sie angriffen, und die, mit wenigen Ausnahmen, nicht über Reichtum, Ansehen und Einfluß verfügten. Der Führer dieser Schar war abwesend, ein Gefangener in Feindeshand. Schauplatz war ein Weiler in der Ebene von Badasht an der Grenze von Mázindarán. Herold war eine einzelne Frau, die edelste Vertreterin ihres Geschlechts in dieser Sendung, selbst von einigen ihrer Mitgläubigen als Ketzerin bezeichnet. Der Ruf, den sie erschallen ließ, war das Grabgeläut des zwölfhundert Jahre alten islámischen Gesetzes.

+2:33

Beschleunigt durch einen anderen Posaunenruf zwanzig Jahre später, der den Gesetzestext einer weiteren Sendung verkündete, gewann dieser Zerfallsprozeß des überalteten, wenn auch gottgegebenen Gesetzes, weiter an Schwung. Er beschleunigte in späterer Zeit die Aufhebung des kanonischen Rechts der SharíAh in der Türkei, führte zur praktischen Preisgabe desselben Rechts im schiitischen Persien, hatte in jüngerer Zeit in Ägypten die Trennung des im Kitáb-i-Aqdas vorgesehen Systems vom sunnitischen Kirchenrecht zur Folge, bereitete den Weg für die Anerkennung des Systems im Heiligen Land und wird in der Säkularisierung der muslimischen Staaten und der universellen Anerkennung des Gesetzes Bahá'u'lláhs durch alle Nationen sowie seinem Einzug in die Herzen aller Völker der muslimischen Welt gipfeln.





Kapitel 3
Aufstände in Mázindarán, Nayríz und Zanján

+3:1

Die Gefangenschaft des Báb in einem entlegenen Winkel von Ádhirbáyján, verewigt durch die Vorgänge bei der Konferenz von Badasht und gekennzeichnet durch so denkwürdige Ereignisse wie die öffentliche Erklärung Seines göttlichen Auftrags, die Abfassung der Gesetze Seiner Sendung und die Errichtung Seines Bundes, sollte als Anlaß für die schlimmen Erschütterungen, die aus den Taten Seiner Gegner wie Seiner Jünger entstanden, noch größere Bedeutung bekommen. Die Unruhen, die während der letzten Jahre Seiner Haft aufkamen und in Seinem Märtyrertod gipfelten, lösten seitens Seiner Anhänger ein solches Maß an Heldenmut und bei Seinen Feinden derart wilde Feindseligkeit aus, wie man es in den ersten drei Jahren Seines Wirkens nie erlebt hatte. Dieser kurze, turbulente Zeitabschnitt mag mit Recht als der blutigste und dramatischste des Heroischen Zeitalters der Bahá'í-Ära gelten.

+3:2

Das mit der Haft des Báb in Máh-Kú und Chihríq verbundene denkwürdige Geschehen, das die Hochflut Seiner Offenbarung kennzeichnet, mußte glimmende Glut zu heißen Flammen entfachen: die Liebe Seiner Verehrer wie die Wut Seiner Feinde. Eine Verfolgung wurde entfesselt, grimmiger, mit noch mehr Haß und Hinterlist ersonnen, als alles, was Husayn Khán und selbst Hájí Mírzá Áqásí angezettelt hatten; und entsprechend trat ein Heldentum zutage, mit dem sich selbst die frühen Begeisterungsstürme, die die Geburt des Glaubens in Shíráz und Isfahán begrüßt hatten, nicht vergleichen lassen. Diese Zeit unaufhörlichen, beispiellosen Aufruhrs beraubte den Glauben in rascher Folge seiner Vorkämpfer, gipfelte im Tod des Glaubensstifters und hatte eine weitere, diesmal fast völlige Ausrottung seiner bedeutendsten Verfechter zur Folge - mit einziger Ausnahme Dessen, der zur dunkelsten Stunde von der göttlichen Vorsehung mit der zwiefachen Aufgabe betraut wurde, den schwer darnieder liegenden Glauben vor der Vernichtung zu bewahren, und die Sendung einzuleiten, die ihn ersetzen sollte.

+3:3

Daß der Báb in aller Form die Autorität des verheißenen Qá'im in Anspruch nahm, in derart herausforderndem Stil und unter den dramatischen Umständen einer erlauchten Versammlung prominenter, einflußreicher ShíAh-Geistlicher, die Ihm aufgeschreckt, eifersüchtig und feindlich gegenüberstanden, war der Zündfunke, der eine wahre Lawine von Trübsal über den Glauben und das Volk, aus dem er geboren war, auslöste. Er entfachte zur hellen Flamme die glühende Leidenschaft in den Seelen der verstreuten Jünger des Báb, die schon wegen der grausamen Gefangenschaft ihres Führers aufgebracht waren und deren Glaubenseifer jetzt in Wallung geriet durch die Ergüsse Seiner Feder, die ihnen aus Seinem Gefängnis ständig zuströmten. Der Funke löste im ganzen Land, in Basaren, Moscheen, Medresen und auf allen öffentlichen Plätzen hitzige, lange Glaubensdebatten aus, die die ohnedies schon bestehende Kluft im Volk vertieften. Mit Muhammad Sháh indessen ging es in der gefährlichen Zeit unter der Last seiner körperlichen Schwäche rasch bergab. Der Hohlkopf Hájí Mírzá Áqásí, nun am Ruder der Staatsgeschäfte, stellte einen Wankelmut und eine Inkompetenz zur Schau, die bei jeder Zunahme seiner schweren Verantwortung mitzuwachsen schienen. Einmal fühlte er sich bewogen, das Urteil der 'Ulamá zu unterstützen, dann wieder bekrittelte er ihre Aggressivität und mißtraute ihren Beteuerungen, ein andermal verfiel er ins Mystische und verlor, in Träume versponnen, die ernste Wirklichkeit vor seiner Nase aus dem Blick.

+3:4

Die krasse Mißwirtschaft in den Staatsgeschäften machte die Geistlichkeit kühn, deren Vertreter nun von den Kanzeln herab mit hämischem Eifer ihre Bannflüche schleuderten und die abergläubischen Versammlungen lauthals aufhetzten, gegen die Verteidiger des verhaßten Glaubens zu den Waffen zu greifen, ihre Frauen zu entehren, ihren Besitz zu plündern und ihre Kinder zu quälen und zu verletzen. »Was ist mit den Zeichen und Wundern«, brüllten sie in zahllosen Versammlungen, »die den Advent des Qá'im herbeiführen müssen? Was mit den größeren und kleinen Verborgenheiten? Was mit den Städten Jábulqá und Jábulsá? Wie soll man die Reden von Husayn-ibn-Rúh erklären, wie die Ibn-i-Mihríyár zugeschriebene authentische Tradition deuten? Wo sind die Männer des Unsichtbaren, die in einer Woche die ganze Erde überqueren sollen? Wie steht es mit der Eroberung des Ostens und des Westens, die der Qá'im bei Seinem Erscheinen bewirken soll? Wo ist der einäugige Antichrist und der Esel, den er besteigen soll? Was ist mit Sufyán und seinem Reich?« »Sollen wir«, lärmten sie weiter, »die zahllosen unbezweifelbaren Traditionen unserer heiligen Imáme etwa als tote Buchstaben betrachten, oder sollen wir nicht vielmehr diese unverschämte Ketzerei, die es wagt, in unserem Land ihr Haupt zu erheben, mit Feuer und Schwert ausrotten?«

+3:5

Getreu dem Beispiel ihres Führers verfaßten die gelehrten und entschlossenen Verfechter des derart falsch dargestellten Glaubens unverzüglich Gegendarstellungen, Kommentare und Widerlegungen gegen diese Schmähreden, Drohungen und Proteste. Unverdrossen, schlüssig in der Beweisführung, sorgfältig belegt, beredt und überzeugend bekräftigten sie ihren Glauben an die Prophetenschaft Muhammads, die Rechtmäßigkeit der Imáme und die geistige Souveränität des Sáhibu'z-Zamán¹, deuteten meisterhaft die dunklen, absichtlich allegorischen und schleierhaften Traditionen, Verse und Prophezeiungen in der islámischen heiligen Schrift, führten zur Stützung ihrer Argumente Imám Husayn an, der in seiner Sanftmut und offensichtlichen Hilflosigkeit, trotz seiner Entrechtung, seiner Niederlage und seines schimpflichen Todes von ihren Gegnern als wahre Verkörperung, als unvergleichliches Symbol von Gottes allbezwingender Herrschaft und Macht begrüßt wird.

¹ »der Herr des Zeitalters«, ein Titel des verheißenen Qá'im


+3:6

Der wilde Glaubensstreit im ganzen Land hatte beängstigendes Ausmaß angenommen, als Muhammad Sháh seiner Krankheit schließlich erlag, und das hatte den Sturz seines Günstlings und allmächtigen Ministers Hájí Mírzá Aqásí zur Folge, der sogleich seiner angesammelten Schätze beraubt in Ungnade fiel, aus der Hauptstadt ausgewiesen wurde und in Karbilá Zuflucht suchte. Der siebzehnjährige Násiri'd-Dín Mírzá bestieg den Thron und überließ die Führung der Staatsgeschäfte dem verknöcherten, hartherzigen Amír-Nizám Mírzá Taqí Khán, der ohne Rücksprache mit seinen Ministerkollegen befahl, die unglücklichen Bábí unverzüglich angemessen zu bestrafen. Gouverneure, Beamte und Angestellte, aufgehetzt von dem monströsen Schmutzkrieg, den die Geistlichkeit vom Zaun gebrochen, und getrieben von ihrer Gier nach Geldlohn, wetteiferten in allen Provinzen darum, soweit sie greifen konnten, die Anhänger des entrechteten Glaubens zu jagen und mit Demütigungen zu überhäufen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Glaubens wurde ein planmäßiger Feldzug gegen ihn geführt, bei dem sich die weltlichen mit den geistlichen Mächten verbanden, ein Feldzug, der in den von Bahá'u'lláh im Síyáh Chál von Tihrán erduldeten Greueln und Seiner anschließenden Verbannung nach dem 'Iráq gipfeln sollte. Regierung, Geistlichkeit und Volk erhoben sich wie ein Mann, um ihren gemeinsamen Feind anzufallen und zu vernichten. In abgelegenen, einsamen Zentren wurden die verstreuten Anhänger der verfolgten Gemeinde von den Feinden erbarmungslos niedergemacht, während sie in Zentren, wo sie in großer Zahl versammelt waren, Maßnahmen zur Selbstverteidigung ergriffen, die aber von den arglistigen, verschlagenen Feinden mißdeutet wurden, den Behörden Anlaß zu gesteigerter Feindseligkeit boten und die Grausamkeiten der Unterdrücker vervielfachten. Von Shaykh Tabarsí im Osten, von Nayríz im Süden, von Zanján im Westen und aus der Hauptstadt selbst kündeten Blutbäder, Aufstände, Demonstrationen, Gefechte, Belagerungen und Verrat in rascher Folge von der Gewalt des ausgebrochenen Sturms, der den Bankrott eines stolzen, doch entarteten Volkes bloßstellte und seine Annalen schwärzte.

+3:7

Die kühne Tat Mullá Husayns, der auf Geheiß des Báb sein Haupt mit dem grünen, von seinem Meister getragenen Turban schmückte, den Er ihm gesandt, die Schwarze Fahne hißte, deren Entfaltung nach den Worten des Propheten Muhammad das Kommen des Stellvertreters Gottes auf Erden ankündigen werde, sein Streitroß bestieg und an der Spitze einer Schar von zweihundertundzwei Glaubensgenossen zum Jazíriy-i-Khadrá¹ zog, um Quddús zu Hilfe zu eilen - diese kühne Tat war das Signal zu einem Getöse, das im ganzen Land widerhallte. Der Kampf währte volle elf Monate. Sein Schauplatz war größtenteils der Wald von Mázindarán. Seine Helden waren die Blüte der Jünger des Báb. Die Hälfte der »Buchstaben des Lebendigen« zählte zu seinen Märtyrern, darunter Quddús und Mullá Husayn, der letzte und der erste der Buchstaben. Die lenkende Kraft, die ihn, wenn auch unauffällig, antrieb, entsprang dem Geiste Bahá'u'lláhs. Er war entstanden aus dem unverhohlenen Entschluß der Bahnbrecher eines neuen Zeitalters, furchtlos und angemessen dessen Anbruch zu verkünden, und ihrer - sollte die Überzeugung mißlingen - nicht minder unbeugsamen Entschlossenheit, Widerstand zu leisten und sich gegen den Ansturm böswilliger, uneinsichtiger Angreifer zur Wehr zu setzen. Er zeigte sehr deutlich, was der unbezwingliche Geist einer in die Verteidigung gedrängten Schar von dreihundertdreizehn ungeübten, ungerüsteten, aber gottseligen Studenten, meist Stubenhocker aus Schulen und Klöstern, gegen ein ausgebildetes, wohlausgerüstetes Heer vermochte, das sogar von den Volksmassen unterstützt, von der Geistlichkeit gesegnet und von einem Prinzen königlichen Geblüts angeführt war, das die Hilfsmittel des Staates zum Rückhalt hatte, mit der begeisterten Zustimmung seines Herrschers kämpfte und durch die festen Ratschläge eines entschlossenen und allmächtigen Ministers angefeuert wurde. Der Ausgang war niederträchtiger Verrat, der auf eine Schlachtorgie hinauslief, die auf die Täter ewige Schande häufte, ihren Opfern eine Gloriole unvergänglichen Ruhmes wob und die Saat hervorbrachte, aus der später weltweit administrative Einrichtungen erblühen werden und die in der Fülle der Zeit goldene Früchte tragen wird in Gestalt einer welterlösenden, erdumspannenden Ordnung.

¹ `grünes Eiland`


+3:8

So bedeutsam diese tragische Episode auch ist, wie falsch feindliche Chronisten und Historiker sie auch darstellten - es bedarf hier nicht des Versuchs, sie zu erzählen, und sei es nur kurz. Für diese Seiten genügt ein Überblick auf seine Hauptzüge. Wenn wir uns die Ereignisse dieser grandiosen Tragödie vor Augen führen, nehmen wir die unerschrockene Tapferkeit ihrer Helden wahr, ihre Disziplin und ihre Wendigkeit, im Gegensatz zur schändlichen Feigheit ihrer Gegner, ihrer Schlampigkeit, ihrem Wankelmut. Wir sehen die erhabene Geduld, die vornehme Zurückhaltung einer ihrer Hauptgestalten, des beherzten Mullá Husayn, der sich hartnäckig weigerte, das Schwert zu ziehen, bis sich ein bewaffneter, aufgebrachter Haufen unter gemeinsten Schmähungen etwa einen Farsang¹ von Bárfurúsh entfernt zusammenrottete, um ihm den Weg abzuschneiden, und sieben seiner unschuldigen, standhaften Gefährten totschlug. Wir sind voll Bewunderung für die Glaubenskraft, die Mullá Husayn bewies, als er während der Belagerung in der Karawanserei von Sabzih-Maydán entschlossen den Adhán weitersingen ließ, obgleich drei Gefährten, die nacheinander auf das Dach des Gasthofs gestiegen waren, um dem heiligen Brauch zu genügen, von feindlichen Kugeln getötet wurden. Wir staunen über den Geist der Entsagung, mit dem die schwer bedrängten Dulder das von den fliehenden Feinden zurückgelassene Hab und Gut verächtlich liegen ließen, sich auch selbst ihres Besitzes entledigten und lediglich ihre Pferde und ihre Schwerter behielten, wie Badí's Vater, der zu jener Heldenschar gehörte, ohne Zögern seine Tasche voll Türkisen aus seines Vaters Mine in Nishápúr in den Straßengraben warf, wie Mírzá Muhammad-Taqíy-i-Juvayní einen ebenso wertvollen Silber- und Goldschatz wegwarf, wie die Gefährten die kostbare Ausrüstung und die Koffer voll Gold und Silber, die der sittenlose, schmachbeladene Prinz Mihdí-Qulí Mírzá, Befehlshaber der Armee von Mázindarán und Muhammad Sháhs Bruder, bei seiner kopflosen Flucht im Lager zurückgelassen hatte, mißachteten, ja nicht einmal anrührten. Hochachtung nötigt uns der leidenschaftliche Ernst ab, mit dem Mullá Husayn mit dem Prinzen verhandelte und ihm in aller Form die Zusicherung gab, daß weder er noch seine Mitgläubigen die Absicht hätten, sich Hoheitsrechte des Sháhs anzumaßen oder das Fundament seines Staates zu untergraben. Nur mit Verachtung können wir auf das Verhalten des Erzschurken, des hysterischen, grausamen, hochfahrenden Sa'ídu'l-'Ulamá schauen, der vor Schreck über die herannahenden Gefährten angesichts einer riesigen Menge von Männern und Frauen in rasender Aufregung seinen Turban zu Boden schleuderte, den Hemdkragen aufriß, über die Not jammerte, in die der Islám geraten sei, und die Anwesenden beschwor, zu den Waffen zu greifen und die herannahende Schar zu schlagen. Staunen packt uns, wenn wir über Mullá Husayns übermenschliche Kühnheit nachdenken, die ihn befähigte, trotz seiner zarten Gestalt und zitternden Hand einen tückischen Feind, der sich hinter einem Baum verbarg, samt Baum und Muskete mit einem einzigen Schwertstreich in Stücke zu schlagen. Bewegt sind wir auch von dem Ereignis des Besuchs Bahá'u'lláhs in der Festung und der unbeschreiblichen Freude, die Mullá Husayn darüber erfüllt, von dem ehrerbietigen Empfang, den Ihm Seine Glaubensgenossen bereiten, als Er die Befestigungsanlagen besichtigte, die sie zu ihrem Schutz in aller Eile errichtet hatten, und wie Er ihnen den Rat gibt, der zur wundersamen Befreiung von Quddús führte, so daß sich dieser den Verteidigern der Festung anschließen und wirksam an den Heldentaten bei der Belagerung und schließlichen Vernichtung des Forts beteiligen konnte. Voll Staunen sehen wir die heitere Ruhe und die Weisheit des Quddús, die Zuversicht, die sein Eintreffen auslöste, seinen Reichtum an Hilfe, die helle Freude, mit der die Belagerten jeden Morgen und Abend der Stimme lauschten, die die Verse seines gepriesenen Kommentars zum Sád von Samad sang, über den er noch in Sárí eine Abhandlung vom dreifachen Umfang des Qur'án verfaßt hatte und den er nun trotz der lärmvollen Angriffe der Feinde und der Entbehrungen, die er wie seine Gefährten erduldete, noch erweiterte durch ebensoviele Verse, wie er zuvor geschrieben hatte. Uns stockt das Herz beim Gedenken des unvergeßlichen Treffens, als vor Tagesanbruch Mullá Husayn mit dem Ruf: »Aufs Pferd, ihr Helden Gottes!«, mit zweihundertzwei der belagerten und schwer bedrängten Gefährten, Quddús voran, aus der Festung ausbrach und mit dem Jubelruf »Yá Sáhibu'z-Zamán!« mit voller Wucht gegen die Schanzen des Prinzen anstürmte und bis in dessen Privatgemächer vordrang, um dort zu entdecken, daß der Prinz vor Schreck aus dem rückwärtigen Fenster in den Wallgraben gesprungen und barfuß ausgerissen war, schmählich seine versprengte, geschlagene Heerschar zurücklassend. Bitter erinnern wir uns des letzten Tages in Mullá Husayns Erdenleben, wie er kurz nach Mitternacht, nachdem er seine Waschungen verrichtet, neue Gewänder angelegt und sein Haupt mit dem Turban des Báb geschmückt hatte, sein Pferd bestieg und das Festungstor öffnen ließ, um an der Spitze von dreihundertdreizehn Gefährten mit dem lauten Ruf »Yá Sáhibu'z-Zamán!« nacheinander die sieben vom Feind errichteten Barrikaden zu stürmen. Er nahm sie alle, ungeachtet des Kugelregens um ihn, erledigte rasch ihre Besatzung und hatte schon ihre Streitkräfte zerschmettert, als sich im Tumult plötzlich sein Pferd im Seil eines Zeltes verfing. Bevor er sich noch lösen konnte, traf ihn eine Kugel in die Brust, gefeuert aus dem Hinterhalt in den Zweigen eines benachbarten Baumes von dem feigen Abbás-Qulí Khán-i-Láríjání. Freudig begrüßen wir den großartigen Mut, der in einem weiteren Treffen neunzehn der beherzten Gefährten kurzerhand das feindliche Lager, bestehend aus nicht weniger als zwei Regimentern Infanterie und Kavallerie, überfallen und dort solchen Schrecken verbreiten ließ, daß einer der Anführer, derselbe Abbás-Qulí Khán, vom Pferd fiel und, in seiner Not den am Steigbügel hängengebliebenen Stiefel zurücklassend, verschreckt, nur mit einem Schuh, zum Prinzen rannte und ihm die schimpfliche Niederlage eingestand. Und wir müssen die herrliche Tapferkeit erwähnen, mit der diese Heldenseelen die Last ihrer schweren Prüfungen trugen; als sich ihre Nahrung zunächst auf das Fleisch von Pferden beschränkte, die sie aus dem verlassenen Feindlager einbrachten; als sie sich später mit Gras begnügen mußten, das sie, sooft ihnen die Belagerer eine Atempause ließen, von den Wiesen holten; als sie sich dann gezwungen sahen, Baumrinde und das Leder ihrer Sättel, ihrer Gürtel, ihrer Säbelscheiden und Schuhe zu verzehren; als sie achtzehn Tage lang nichts als Wasser hatten, von dem sie jeden Morgen einen Mundvoll tranken; wie sie dann das feindliche Kanonenfeuer zwang, in ihrer Festung unterirdische Gänge zu graben und darin in Schlamm und Wasser zu hausen, in Kleidern, die ihnen vom Leib moderten, und ihr Leben von Knochen zu fristen; und wie sie schließlich, wie ein zeitgenössischer Chronist bezeugt, von nagendem Hunger heimgesucht, sich genötigt sahen, das Pferd ihres verehrten Führers Mullá Husayn auszugraben, in Stücke zu schneiden, die Knochen zu zermahlen und mit dem verwesten Fleisch vermengt und gebraten, gierig zu verschlingen.

¹ persisches Wegemaß, die Strecke einer Reisestunde (ca. 6 km)


+3:9

Nicht zu vergessen den schimpflichen Verrat, zu dem der haltlose, unglaubwürdige Prinz schließlich griff, den Bruch seines angeblich unverbrüchlichen Eides, den er mit Siegel an den Rand der ersten Sure des Qur'áns schrieb, indem er bei dem heiligen Buch schwor, alle Verteidiger der Festung freizugeben, und seine Ehre verpfändete, daß kein Soldat und niemand aus der Umgebung sie belästigen, und daß er selbst auf eigene Kosten für ihre sichere Heimkehr sorgen werde. Und schließlich rufen wir uns den Schlußakt dieser düsteren Tragödie ins Gedächtnis, in dem unter Bruch des heiligen Versprechens des Prinzen einige der betrogenen Gefährten des Quddús im feindlichen Lager zusammengetrieben, ihrer Habseligkeiten beraubt und als Sklaven verkauft und die übrigen von den Offizieren mit Speeren und Schwertern getötet, in Stücke gerissen, an Bäume gefesselt und von Kugeln durchsiebt, vor Geschützrohre gebunden, zerfetzt und den Flammen übergeben oder sonstwie aufgeschlitzt wurden, die Köpfe auf Speere und Lanzen gespießt. Quddús, ihr geliebter Anführer, wurde von dem verschreckten Prinzen - ein weiterer Akt seiner Niedertracht - dem teuflischen Sa'ídu'l-Ulamá ausgeliefert, der in seinem unstillbarem Haß, mit Hilfe des Mobs, den er emsig zur Wut aufgestachelt hatte, seinem Opfer die Kleider vom Leibe riß und ihn in Ketten gefesselt zur Schau durch die Straßen von Bárfurúsh trieb, wo der aufgewiegelte Abschaum der Weiber ihn verfluchte, anspie, mit Messern und Äxten über ihn herfiel, seinen Leib verstümmelte und die zerfetzten Überreste ins Feuer warf.

+3:10

Auf diese aufregende Episode, so ruhmreich für den Glauben und so finster für den Ruf seiner Feinde - eine Episode, die in der jüngeren Geschichte ungewöhnlich ist - folgte bald eine weitere Erhebung gleichen Verlaufs, der ersten in wesentlichen Zügen auffallend ähnlich. Der Schauplatz schmerzlicher Trübsal verlagerte sich nun nach Süden in die Provinz Fárs, nicht weit von der Stadt, in der das Morgenlicht des Glaubens angebrochen war. Nayríz und seine Umgebung hatten jetzt den Ansturm der neuen Prüfungen in all seiner Heftigkeit zu bestehen. Die Burg von Khájih in der Nähe des Chinár-Súkhtih-Viertels jenes brodelnd erregten Dorfes wurde das Zentrum des neuen Brandherdes. Der Held, der seine Gefährten wie ein Turm überragend, so tapfer kämpfte und dem verzehrenden Brand zum Opfer fiel, war jene »einzige, unvergleichliche Gestalt ihres Zeitalters«, der weitberühmte Siyyid Yahyáy-i-Dárábí, besser bekannt unter dem Namen Vahíd. Unter seinen perfiden Feinden, die das Feuer des Aufruhrs entzündeten und schürten, stand an erster Stelle der niederträchtige und fanatische Gouverneur von Nayríz, Zaynu'l-Ábidín Khán, sekundiert von dem Shujá'u'l-Mulk Abdu'lláh Khán und bestärkt von dem Prinzen Fírúz Mírzá, dem Gouverneur von Shíráz. Wenn diese Erhebung auch viel kürzer dauerte als diejenige von Mázindarán, die sich über volle elf Monate hinzog, waren doch die Greuel, die ihr Ende kennzeichneten, im Ergebnis nicht weniger verheerend. Wiederum wurde eine Schar unschuldiger, gesetzestreuer, friedliebender, aber hoch motivierter und unbezähmbarer Männer, diesmal zum Teil ungeübt jung oder vorgerückten Alters, überrumpelt, herausgefordert, umzingelt und von der überlegenen Streitmacht eines grausamen, verschlagenen Feindes angefallen, von einer Übermacht kräftiger Männer, die zwar gut ausgebildet, entsprechend ausgerüstet und laufend verstärkt wurden, aber nicht fähig waren, ihre Gegner zu unterwerfen oder ihren Geist zu bezwingen.

+3:11

Der neue Tumult begann mit ebenso unerschrocken leidenschaftlichen Glaubensverlautbarungen, mit der Bekundung einer bald ebenso hinreißend dramatischen religiösen Begeisterung wie sie dem Aufstand in Mázindarán vorangegangen waren. Angezettelt war er durch einen ebenso andauernd heftigen Ausbruch kompromißloser klerikaler Feindschaft. Begleitet war er von entsprechenden Kundgaben blinden religiösen Fanatismus. Provoziert war er durch ähnliche Ausbrüche nackter Gewalt von seiten der Geistlichkeit wie der Bevölkerung. Er legte aufs neue dieselbe Absicht bloß, war durchweg vom selben Geist getragen und steigerte sich zu ähnlichen Höhen übermenschlichen Heldentums, der Tapferkeit, des Mutes und der Entsagung. Er brachte ein nicht weniger ausgeklügeltes Beziehungsgeflecht zwischen den Plänen und Taten ziviler und geistlicher Behörden ans Licht, die den gemeinsamen Feind herausfordern und vernichten sollten. Ihm ging voraus, daß die Bábí ebenso entschieden alle Behauptungen zurückwiesen, sie wollten sich in die zivile Rechtsprechung des Reiches einmischen oder die rechtmäßige Autorität seines Herrschers untergraben. Er lieferte den nicht minder überzeugenden Beweis für die Selbstbeherrschung und die Geduld der Opfer angesichts der erbarmungslosen, durch nichts veranlaßten Aggression der Unterdrücker. Indes er sich dem Höhepunkt näherte, legte er kaum weniger eindrucksvoll die Feigheit, Disziplinlosigkeit und Verkommenheit eines geistig bankrotten Feindes bloß. Gegen Ende zu kennzeichnete ihn ein ebenso niederträchtiger, schimpflicher Verrat, und er lief auf ein Blutbad hinaus, das noch empörender war durch das grauenhafte Elend, das es hervorrief. Er besiegelte das Schicksal Vahíds, der mit seinem grünen Turban, dem Kennzeichen seiner stolzen Abstammung, an ein Pferd gebunden und mit Schimpf und Schande durch die Straßen geschleift wurde, worauf man ihm den Kopf abschlug, ihn mit Stroh ausstopfte und als Siegestrophäe dem feiernden Prinzen nach Shíráz übersandte, indessen sein Leichnam auf Gedeih und Verderb den aufgeputschten Weibern von Nayríz ausgeliefert wurde, die ihn, vom Jubelgeschrei der triumphierenden Feinde in einen barbarischen Freudentaumel versetzt, unter Trommel- und Zimbelschlag umtanzten. Und schließlich mündete der Tumult, unterstützt von nicht weniger als fünftausend eigens zu diesem Zweck abgestellten Männern, im allgemeinen wilden Sturm auf die wehrlosen Bábí, deren Hab und Gut beschlagnahmt, deren Häuser zerstört, deren Burg bis auf den Grund niedergebrannt, deren Frauen und Kinder gefangen genommen wurden: Einigen rissen sie die Kleider vom Leib, setzten sie auf Esel, Maultiere und Kamele und trieben sie an Reihen von Köpfen vorbei, die sie den toten Leibern ihrer Väter, Brüder, Söhne und Gatten abgeschlagen hatten, nachdem sie sie zuvor gebrandmarkt, ihnen die Nägel ausgerissen, sie zu Tode gepeitscht, ihnen Nägel in die Hände und Füße getrieben, die Nasen durchbohrt, Stricke durch die Löcher gezogen und sie daran vor den Augen einer hämisch wutschreienden Menge durch die Straßen gezerrt hatten.

+3:12

Kaum war der verwüstende, qualvolle Aufruhr abgeklungen, da flammte in Zanján und seinen Nachbarorten ein noch viel verheerenderer Brand auf als die beiden vorhergehenden Aufstände. Unübertroffen hinsichtlich der Dauer wie der Zahl der Opfer, die sein Wüten hinwegfegte, ließ dieser heftige Sturm, der im Westen Persiens ausbrach und bei dem Mullá Muhammad-Alíy-i-Zanjání, genannt Hujjat - einer der fähigsten und energischsten Verfechter des Glaubens - gemeinsam mit nicht weniger als achtzehnhundert Glaubensgenossen den Kelch des Märtyrertodes leeren mußte, schärfer denn je die unüberbrückbare Kluft hervortreten, welche die Fackelträger des neugeborenen Glaubens von den weltlichen und geistlichen Vertretern einer schwer erschütterten Ordnung schied. Die Hauptverantwortlichen und unmittelbar Beteiligten an dieser gräßlichen Tragödie waren der neidvoll heuchlerische Majdu'd-Dawlih Amír Arslán Khán, ein Onkel mutterseits des Násiri'd-Dín Sháh, und seine Spießgesellen, der Sadru'd-Dawliy-i-Isfahání und der Amír-Túmán Muhammad Khán, die einerseits auf beträchtliche, auf Befehl des Amír-Nizám bereitgestellte militärische Kräfte gestützt, andererseits vom moralischen Beistand der gesamten Geistlichkeit von Zanján begeistert getragen waren. Der Ort, der zur Bühne des Heldenkampfes wurde, zum Schauplatz brennenden Leides, zur Zielscheibe wütender, wiederholter Angriffe, war die Burg Alí-Mardán Khán, die einmal nicht weniger als dreitausend Bábí, Männern, Frauen und Kindern, Zuflucht bot, deren Leidensgeschichte nicht ihresgleichen hat in den Annalen eines ganzen Jahrhunderts.

+3:13

Ein kurzer Blick auf bestimmte hervorstechende Züge dieser traurigen Episode, die den Glauben in seiner Frühzeit mit unermeßlichen Wirkkräften erfüllte, mag genügen, um seinen besonderen Charakter zu zeigen. Etwa die leidenschaftlichen Szenen im Anschluß an den Befehl des dortigen Gouverneurs, die Einwohner Zanjáns in zwei unterschiedliche Lager aufzuteilen - ein von einem Ausrufer dramatisch verkündeter Beschluß, der die Bande weltlicher Interessen und Anhänglichkeit zerriß zugunsten einer mächtigeren Gefolgschaftstreue; wie Hujjat später wiederholt die Belagerten ermahnte, alle Aggression und Gewalt zu vermeiden, ihnen versicherte, daß ihr Sieg - eingedenk der Tragödie von Mázindarán - allein in der völligen Aufopferung auf dem Altar der Sache des Sáhibu'z -Zamán bestünde, und auf die unwandelbare Absicht seiner Gefährten hinwies, ihrem Herrscher treu zu dienen und seinem Volk wohlgesonnen zu sein; mit welch erstaunlicher Unerschrockenheit ebendiese Gefährten den stürmischen Angriff des Sadru'd-Dawlih abwehrten, der sich schließlich genötigt sah, seine elende Niederlage zuzugeben, vom Sháh einen Verweis bekam und degradiert wurde; mit welcher Verachtung die Insassen der Burg den Rufen des Ausrufers begegneten, der sie im Auftrag des erbitterten Feindes zum Widerruf ihrer Sache zu verlocken und mit großzügigen Angeboten und Versprechungen des Herrschers zu verführen suchte; mit welchem Einfallsreichtum und welch unglaublicher Kühnheit Zaynab, ein Dorfmädchen, das in unbezähmbarem Verlangen, das Los der Verteidiger der Burg zu teilen, sich als Mann verkleidete, die Locken abschnitt, ein Schwert um die Hüften gürtete und mit dem Ruf »Yá Sáhibu'z-Zamán!« ungestüm den Angreifern entgegenstürzte, das Mädchen, das fünf Monate lang unablässig, ohne Rücksicht auf Nahrung und Schlaf, im dichtesten Getümmel, den Mut seiner männlichen Gefährten befeuerte und ihnen zu Hilfe eilte; oder der erstaunliche Aufruhr, als in der Nacht, da vom Báb entsprechende Anweisungen eingetroffen waren, die Wachen auf den Barrikaden die vom Báb vorgeschriebenen fünf Anrufungen erschallen ließen - ein Aufruhr, der im feindlichen Lager den jähen Tod einiger Leute verursachte, die liederlichen Offiziere veranlaßte, erschrocken ihre Weingläser zu Boden fallen zu lassen, die Spieltische umzustoßen und barfuß davonzurennen, andere halbnackt in die Wildnis hinausstürzen oder in panischem Schrecken in die Häuser der 'Ulamás fliehen ließ - dies sind herausragende Glanzlichter dieses blutigen Kampfes. Wir erinnern auch an den Gegensatz zwischen der Unordnung, den Flüchen, dem gemeinen Gelächter, den ausschweifenden Lastern, die das feindliche Lager kennzeichneten, und dem Geist ehrerbietiger Hingabe, der die Burg erfüllte, aus der ständig Lobgesänge und Freudenhymnen aufstiegen. Wir müssen auch den Appell Hujjats und seiner Schildknappen an den Sháh erwähnen, der die böswilligen Behauptungen der Feinde zurückweist, den Sháh und seine Regierung ihrer Treue versichert und ihre Bereitschaft ausdrückt, in seiner Gegenwart die Solidität ihrer Sache zu beweisen, daß der Gouverneur diese Botschaften abfing und durch gefälschte Briefe voller Beschimpfungen ersetzte und an ihrer Statt nach Tihrán sandte; und wie begeistert die Frauen in der Burg Hilfe leisteten, ihre anfeuernden Jubelrufe, ihren Eifer, mit dem einige von ihnen in Männertracht verkleidet, eilten, die Verteidiger zu unterstützen und ihre gefallenen Brüder zu ersetzen, während andere die Kranken pflegten, auf ihren Schultern Schläuche mit Wasser für die Verwundeten schleppten, ihr langes Haar gleich den alten Karthagerinnen abschnitten, um mit den daraus gedrehten Tauen die Geschütze zu festigen; und den widerwärtigen Verrat der Belagerer, die am selben Tag, da sie ein Friedensangebot formuliert, niedergeschrieben und zusammen mit einem gesiegelten Qur'ánexemplar als Bürgschaft für ihre feste Zusage an Hujjat gesandt hatten, nicht davor zurückschreckten, die Unterhändler der von Hujjat abgeordneten Delegation, darunter auch Kinder, ins Gefängnis zu werfen, dem ehrwürdigen Wortführer den Bart auszureißen und einen weiteren Glaubensgenossen grausam zu verstümmeln. Wir erinnern ferner an die Großmut Hujjats, der trotz seines Kummers über den plötzlichen Verlust von Frau und Kind seine Gefährten unentwegt weiter mit unerschütterlicher Ruhe ermahnte, Nachsicht zu üben und sich dem Willen Gottes zu unterwerfen, bis er einer Verletzung, die ihm der Feind zugefügt hatte, erlag; an die grausame Rache, die ein zahlenmäßig weit überlegener und viel besser ausgerüsteter Gegner an seinen Opfern nahm, die er der Plünderung und einem Blutbad unterwarf, maßlos und unvergleichlich wild, in welchem die raubgierige Soldateska, der habsüchtige Mob und der unersättliche Klerus hemmungslos schwelgten; daß die Gefangenen beiderlei Geschlechtes hungernd und unzureichend bekleidet nicht weniger als fünfzehn Tage und Nächte der beißenden Kälte eines ungewöhnlich strengen Winters ausgesetzt blieben, indessen Weiberscharen sie freudekreischend umtanzten, ihnen ins Gesicht spien und sie mit übelsten Schmähungen beschimpften; wie andere grausam dazu verdammt waren, von Geschützrohrmündungen geblasen, in eiskaltes Wasser gestürzt und unachsichtig ausgepeitscht zu werden, den Schädel in siedendes Oel getaucht, mit Sirup beschmiert, im Schnee dem Verderben preisgegeben; und schließlich sei an den unersättlichen Haß erinnert, der den verschlagenen Gouverneur trieb, dem siebenjährigen Sohn Hujjats mit Schmeicheleien das Geheimnis der Grabstätte seines Vaters zu entlocken, um dann das Grab zu schänden, den Leichnam auszugraben, ihn mit Pauken und Trompeten durch die Straßen von Zanján schleifen und drei Tage und drei Nächte lang unbeschreiblichen Greueln aussetzen zu lassen. Diese und ähnliche mit dem Heldenepos von Zanján verbundenen Geschehnisse, von Lord Curzon als »schreckliche Belagerung und Gemetzel« bezeichnet, hüllen den Aufstand in einen düsteren Ruhm, den keine andere vergleichbare Episode in den Annalen des Heroischen Zeitalters des Glaubens Bahá'u'lláhs übertrifft.

+3:14

Das Elend, das während der letzten Wirkungsjahre des Báb mit so unheilvoller Wucht die Provinzen Persiens im Osten, Süden und Westen überflutete, konnte auch das Herz und Zentrum des Reiches nicht aussparen. Vier Monate vor dem Märtyrertod des Báb mußte auch Tihrán, wenngleich in geringerem Maß und weniger dramatisch, an dem Blutbad teilhaben, das das Gesicht des Landes beschmutzte. In dieser Stadt wurde ein Trauerspiel inszeniert, das sich bald nur als Vorspiel zu einer Orgie von Massenmorden erwies, die nach der Hinrichtung des Báb die Bewohner schüttelte und bis in die entlegenen Provinzen Bestürzung hervorrief. Es ging aus von den Befehlen und lief ab vor den Augen des mordwütigen Amír-Nizám, wurde gestützt von Mahmúd Khán-i-Kalantar und einem gewissen Husayn, einem Ulamá aus Kashán. Die Helden der Tragödie waren die Sieben Märtyrer von Tihrán, die einflußreicheren Schichten unter ihren Landsleuten angehörten und es bewußt ablehnten, ihr Leben durch ein bloßes Lippenbekenntnis zu erkaufen, das der ShíAh-Islám seit Jahrhunderten unter der Bezeichnung Taqíyyih als völlig rechtmäßige und durchaus löbliche Ausflucht in Gefahrssituationen anerkennt. Weder die wiederholte, eindringliche Fürsprache hochgestellter Mitglieder der Stände, denen die Märtyrer angehörten, noch die beträchtlichen Summen, die sich reiche Kaufleute von Shíráz und Tihrán im Falle des edlen Hájí Mírzá Siyyid Alí, des Onkels mutterseits des Báb, als Lösegeld aufzubringen drängten, auch nicht die leidenschaftlichen Einsprüche einiger Behördenvertreter im Falle des frommen und hochgeachteten Derwischs Mírzá Qurbán-Alí, auch nicht die persönliche Vermittlung des Amír-Nizám, der diese beiden tapferen Männer zum Widerruf zu bewegen versuchte, vermochten irgendeinen der Sieben zu veranlassen, auf den ersehnten Lorbeer des Märtyrertums zu verzichten. Die stolzen Antworten, die sie ihren Verfolgern entgegenschleuderten, die ekstatische Freude, die sie ergriff, als sie den Schauplatz ihres Todes betraten, die Jubelrufe, die sie angesichts ihrer Scharfrichter ausstießen, die eindrucksvollen Verse, die einige von ihnen mit ihren letzten Atemzügen sprachen, die herausfordernden Appelle, die sie an die stumpf gaffende Zuschauermenge richteten, das Ungestüm, mit dem die letzten drei Opfer sich drängten, vor den anderen ihren Glauben mit ihrem Blut zu besiegeln, und schließlich die Greuel, zu denen ein blutdürstiger Feind sich erniedrigte, indem er die toten Leiber schändete, die unbeerdigt drei Tage und drei Nächte auf dem Sabzih-Maydán liegen blieben, indes Tausende angeblich frommer Schiiten die Leichen mit Füßen traten, ihre Gesichter bespuckten, sie mit Steinen bewarfen, verfluchten, verhöhnten und mit Unrat überhäuften - dies waren die Hauptzüge des Trauerspiels von den Sieben Märtyrern in Tihrán, einer Tragödie, die als eines der düstersten Stücke herausragt, die aus der Zeit der frühen Entwicklung des Glaubens Bahá'u'lláhs bezeugt sind. So nimmt es nicht wunder, daß der Báb, gebeugt von der Last der in der Festung Chihríq auf Ihn gehäuften Sorgen, diese Männer auf den Seiten eines langen, ihre Treue zu Seiner Sache unsterblich machenden Lobpreises als jene »Sieben Widder« rühmte, die nach islámischer Überlieferung am Tage des Gerichts dem verheißenen Qá'im »voranschreiten« würden und deren Sterben dem bevorstehenden Märtyrertod ihres treuen Hirten vorangehen sollte.





Kapitel 4
Die Hinrichtung des Báb

+4:1

Die Wogen schrecklicher Heimsuchung, die gewaltig gegen den Glauben anbrandeten und die fähigsten, liebsten und treuesten Jünger des Báb schließlich in schneller Folge verschlangen, hüllten Ihn, wie gesagt, in namenlosen Schmerz. Nicht weniger als sechs Monate lang war der Gefangene von Chihríq nach dem Bericht Seines Chronisten außerstande zu schreiben oder zu diktieren. Gramgebeugt von den schlimmen Nachrichten, die so schnell über Ihn hereinbrachen, von den endlosen Prüfungen, die Seine fähigsten Bannerträger befielen, der Todesqual, die die Belagerten erlitten, und dem schändlichen Verrat an den Überlebenden, dem jammervollen Leid, das die Gefangenen zu ertragen hatten, dem scheußlichen Gemetzel an Männern, Frauen und Kindern und den widerlichen Greueln an den Leichen, weigerte Er sich, wie Sein Sekretär mitteilt, neun Tage lang, mit irgendeinem Seiner Freunde zusammenzukommen, und wenn Ihm Speisen und Trank gereicht wurde, rührte Er sie kaum an. Während Er fünf Monate lang einsam und unglücklich in Seinem Gefängnis schmachtete, rannen Ihm unaufhörlich die Tränen über das Gesicht, und Sein wundes Herz floß über von unfaßbarem Schmerz.

+4:2

Die Stützen Seines jungen Glaubens waren größtenteils im ersten Sturm, der gegen sie losgelassen wurde, gefallen. Quddús, den Er mit dem Namen Ismu'lláhi'l-Akhir, »der Letzte Name Gottes«, unsterblich gemacht, dem Bahá'u'lláh im Sendbrief Kullu't-Ta'ám später die erhabene Bezeichnung Nuqtiy-i-Ukhrá »der Letzte Punkt« verliehen, in einem anderen Sendbrief zum Rang des Zweiten nach dem Herold Seiner Offenbarung erhoben und in einem weiteren Sendbrief mit einem der im Qur'án erwähnten »des Betrugs beschuldigten Gottesboten«, gleichgesetzt hatte, Quddús, den der Persische Bayán als den Mitpilger preist, um den sich Spiegel in der Zahl von acht Váhiden drehen, auf dessen »Loslösung und Aufrichtigkeit in seiner Hingabe an Gottes Willen Gott selbst inmitten der himmlischen Heerscharen stolz ist«, den Abdu'l-Bahá den »Mond der Führung« nannte und auf dessen Auftreten sich die Offenbarung Johannis, des Sehers, bezieht als den einen der beiden Zeugen, in die, ehe »das zweite Wehe dahin« ist, »der Geist des Lebens von Gott« eintreten müsse - dieser Mann hatte in voller Jugendblüte auf dem Sabzih-Maydán von Bárfurúsh einen Tod erlitten, wie ihm nach Bahá'u'lláhs Zeugnis selbst Jesus Christus in der Stunde Seiner größten Todesqual nicht ins Antlitz blicken mußte. Mullá Husayn, der erste »Buchstabe des Lebendigen«, genannt Bábu'l-Báb, »das Tor zum Tor«, als der »Erste Spiegel« bezeichnet, über den aus der Feder des Báb Lobpreisungen, Gebete und Besuchsgebete im dreifachen Umfang des Qur'án ausgeschüttet wurden, der in diesen Preisliedern als »Mein Herzensgeliebter« angesprochen wird, dessen Grabesstaub dieselbe Feder als so mächtig bezeichnet, daß er die Sorgenvollen zu ermuntern und die Kranken zu heilen vermöchte, den »die am Anfang und am Ende« der Bábí-Sendung »erstandenen Geschöpfe« beneiden und immerdar bis zum »Tag des Gerichts« beneiden werden, dem der Kitáb-i-Iqán als demjenigen Beifall zollt, für den allein »Gott den Sitz Seiner Barmherzigkeit errichtet und sich auf den Thron ewiger Herrlichkeit gesetzt« habe, dem Siyyid Kázim so viel Hochachtung erwies, daß bei seinen Jüngern die Vermutung aufkam, der Empfänger solcher Huldigungen könne der Verheißene selbst sein - auch er starb im frühen Mannesalter den Märtyrertod in Tabarsí. Vahíd, von dem der Kitáb-i-Iqán als »jene einzigartige, unerreichte Gestalt seiner Zeit« spricht, ein Mann von unermeßlichem Wissen und die herausragendste Gestalt unter dem Banner des neuen Glaubens, deren »Talente und Heiligkeit«, deren »hohe Errungenschaften auf den Gebieten der Wissenschaft und Philosophie« der Báb in Seinem Dalá'il-i-Sab'ih, den »Sieben Beweisen«, bezeugt, war bereits unter ähnlichen Umständen vom Strudel eines anderen Aufstands mitgerissen worden und sollte bald aus dem Kelch trinken, den auch die Märtyrerhelden von Mázindarán leerten. Hujjat, ein anderer Streiter von glänzender Kühnheit, unbezwinglichem Willen, bemerkenswerter Unabhängigkeit und gewaltigem Eifer, glitt rasch und unaufhaltsam in den feurigen Ofen, dessen Flammen schon Zanján und seine Nachbarschaft umzüngelten. Des Báb Onkel mutterseits, die einzige Vatergestalt, die Er von Kind auf gekannt hatte, Sein Schild und Ernährer, der vertraute Hüter Seiner Mutter wie Seiner Gattin, war Ihm durch das Beil des Henkers in Tihrán entrissen worden. Nicht weniger als die Hälfte Seiner erwählten Jünger, der Buchstaben des Lebendigen, waren Ihm auf dem Felde des Märtyrertums schon vorangegangen. Táhirih lebte zwar noch, schritt aber mutig einen Weg, der sie unausweichlich ihrem Untergang zutrieb.

+4:3

Dies in seinem tragischen Amt sich rasch verzehrende Leben voll Sorge, Enttäuschung, Verrat und Kummer näherte sich nun schnell seinem Gipfel. Der stürmischste Abschnitt des Heroischen Zeitalters der neuen Sendung erreichte bald seinen Höhepunkt. Der Becher bitteren Leides, den der Herold dieser Sendung zu kosten bekam, war nun randvoll. Ja, Er hatte Seinen nahen Tod schon vorausgeahnt. Im Kitáb-i-Panj-Sha'n, einem Seiner letzten Werke, hatte Er angedeutet, daß das sechste Naw-Rúz nach der Erklärung Seiner Sendung das letzte sein werde, das Ihm auf Erden zu feiern bestimmt sei. In Seiner Auslegung des Buchstabens Há hatte Er Seine Sehnsucht nach dem Märtyrertod zum Ausdruck gebracht und im Qayyúmu'l-Asmá prophezeit, daß sich Seine ruhmreiche Lebensbahn unvermeidlich auf diesem Weg erfüllen werde. Vierzig Tage vor Seiner endgültigen Abreise von Chihríq hatte Er sogar alle Dokumente, die Er besaß, genommen und zusammen mit Seinem Schreibzeug, Seinen Siegeln und Ringen Mullá Báqir, einem Buchstaben des Lebendigen, übergeben und ihn angewiesen, sie Mullá Abdu'l-Karím-i-Qazvíní, genannt Mírzá Ahmad, anzuvertrauen, damit er sie in Tihrán Bahá'u'lláh übergebe.

+4:4

Während die Beben in Mázindarín und Nayríz ihren blutigen Lauf nahmen, dachte Násiri'd-Dín Sháhs Großwesir sorgenvoll über die grausigen Ereignisse und ihre Auswirkung auf seine Landsleute, die Regierung und seinen Herrscher nach und brütete fieberhaft jene schicksalhafte Entscheidung aus, die nicht nur die Geschichte seines Landes untilgbar prägen, sondern auch unberechenbare Folgen für die Geschicke der ganzen Menschheit zeitigen sollte. Die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Anhänger des Báb hatten, wie er jetzt überzeugt war, nur dazu geführt, ihren Eifer zu entflammen, ihre Entschlossenheit zu stählen und die Treue zu ihrem verfolgten Glauben zu festigen. Die Isolationshaft des Báb hatte das Gegenteil dessen bewirkt, was der Amír-Nizám erwartet hatte. Schwer beunruhigt, verdammte er bitter die unheilvolle Milde seines Vorgängers Hájí Mírzá Aqásí, der die Dinge so weit kommen ließ. Diese in seinen Augen widerwärtige Ketzerei, die des Reiches weltliche und geistliche Institutionen beschmutzte, müsse jetzt noch drastischer, noch exemplarischer bestraft werden. Nur der Tod Dessen, der der Quell der verhaßten Lehre und die treibende Kraft ihrer dynamischen Bewegung war, könne die Flut eindämmen, die das ganze Land so verheert hatte, meinte er.

+4:5

Die Belagerung in Zanján war noch im Gange, da übermittelte der Wesir ohne ausdrücklichen Befehl seines Herrschers und ohne Rücksprache mit seinen Beratern und Ministerkollegen dem Gouverneur von Adhirbáyján, dem Hishmatu'd-Dawlih Prinz Hamzih Mírzá, den Auftrag, den Báb hinzurichten. Weil er fürchtete, daß dieses Strafmaß in der Reichshauptstadt Kräfte in Bewegung setzen könnte, die nicht zu beherrschen sind, befahl er, den Gefangenen nach Tabríz zu überführen und ihn dort zu töten. Als der Prinz sich empört weigerte, dies in seinen Augen verwerfliche Verbrechen zu begehen, beauftragte der Amír-Nizám seinen eigenen Bruder Mírzá Hasan Khán, den Befehl auszuführen. Die üblichen Formalitäten der erforderlichen Ermächtigung durch die oberen Mujtahids von Tabríz waren schnell und ohne Schwierigkeit erledigt. Weder der Mullá Muhammad-i-Mamáqání, der den Hinrichtungsbefehl für den Báb noch am Tag Seines Verhörs in Tabríz aufgesetzt hatte, noch Hájí Mírzá Báqir und Mullá Murtadá-Qulí, in deren Häuser der Farrásh-Báshí das Opfer auf Befehl des Großwesirs schmählich untergebracht hatte, ließen sich herbei, ihrem gefürchteten Feind von Angesicht zu begegnen.

+4:6

Unmittelbar vor und bald nach dieser demütigenden Behandlung des Báb ereigneten sich zwei höchst bedeutsame Vorfälle, die helles Licht auf die geheimnisvollen Umstände bei der Eröffnungsphase Seines Märtyrertodes werfen. Der Farrásh-Báshí hatte das letzte Gespräch, das der Báb in einem der Kasernenräume mit Seinem Sekretär Siyyid Husayn vertraulich führte, schroff unterbrochen und diesen zur Seite gezogen, um ihn heftig auszuschelten, als ihn der Gefangene mit den Worten anredete: »Nicht eher, als bis Ich ihm alles gesagt habe, was Ich zu sagen wünsche, kann irgendeine irdische Macht Mich zum Schweigen bringen. Stünde gleich die ganze Welt gegen Mich in Waffen, sie könnte Mich dennoch nicht daran hindern, Meine Absicht bis zum letzten Worte zu erfüllen.« Als der Christ Sám Khán, Kommandeur des mit der Hinrichtung beauftragten armenischen Regiments, den Báb voll Furcht vor Gottes Zorn, den er mit der Tat auf sich lüde, um Entbindung von dieser Pflicht bat, gab Er ihm die Zusicherung: »Folgen Sie Ihren Anweisungen, und wenn Ihre Absicht aufrichtig ist, so ist der Allmächtige sicher imstande, Sie aus Ihrer Verlegenheit zu befreien.«

+4:7

Sám Khán ging also daran, seine Pflicht zu erfüllen. In einen Pfeiler, der auf dem Hof der Kaserne zwei angrenzende Räume voneinander trennte, wurde ein Nagel getrieben, daran wurden zwei Stricke befestigt, mit denen der Báb und einer Seiner Jünger angebunden wurden, der jugendliche, fromme Mírzá Muhammad-Alí-i-Zunúzí, genannt Anís, der sich seinem Meister zu Füßen geworfen und Ihn flehentlich gebeten hatte, ihn unter keinen Umständen fortzuschicken. Das Erschießungskommando trat an in drei Reihen zu je zweihundertfünfzig Mann. Die Reihen feuerten umschichtig, bis alle Kugeln verschossen waren. Die siebenhundertfünfzig Flinten machten so dichten Rauch, daß sich der Himmel verfinsterte. Als sich der Rauch verzog, bot sich der staunenden Menge von etwa zehntausend Seelen, die sich auf den Dächern der Kaserne und der angrenzenden Häuser drängten, ein so unglaubliches Schauspiel, daß sie ihren Augen nicht trauten.

+4:8

Der Báb war nicht zu sehen. Nur Sein Gefährte stand lebend und unversehrt an der Mauer, an der sie angebunden waren. Lediglich die Stricke waren zerrissen. »Wir sehen den Siyyid-i-Báb nicht mehr!« schrien die Zuschauer verwirrt. Aufgeregt suchte man Ihn überall. Dann fand man Ihn, wie Er, unversehrt und gelassen, im gleichen Raum, in dem Er die Nacht zuvor verbracht hatte, das unterbrochene Gespräch mit Seinem Sekretär zu Ende führte. So offensichtlich durch die Vorsehung bewahrt, begrüßte der Gefangene den hereinkommenden Farrásh-Báshí mit den Worten: »Ich habe Mein Gespräch mit Siyyid Husayn beendet. Nun können Sie fortfahren und Ihre Aufgabe erledigen.« Die kühnen Worte des Gefangenen von vorhin im Ohr und erschüttert durch eine derart überwältigende Offenbarung, verließ der Farrásh-Báshí augenblicks den Schauplatz und quittierte seinen Posten.

+4:9

Auch Sám Khán gedachte mit Gefühlen heiliger Scheu und Verwunderung der beruhigenden Worte des Báb, befahl seinen Leuten, die Kaserne sofort zu verlassen, und gelobte, als er den Hofe verließ, die Tat niemals zu wiederholen, und koste es sein Leben. Aqá Ján-i-Khamsih, ein Offizier der Leibgarde, erbot sich freiwillig, ihn zu vertreten. Der Báb und Sein Gefährte wurden wieder auf die gleiche Art an die Mauer gebunden, indessen das neue Regiment antrat und feuerte. Diesmal wurde ihnen die Brust von Kugeln durchsiebt und die Leiber zerfetzt, ihre Gesichter aber blieben nahezu unverletzt. Das waren die letzten Worte des Báb an die gaffende Menge, als sich das Regiment zur Salve anschickte: »O eigensinniges Geschlecht! Hättet ihr an Mich geglaubt, jeder von euch wäre dem Beispiel dieses Jünglings, der im Rang über den meisten von euch steht, gefolgt und hätte sich willig auf Meinem Pfad geopfert. Es kommt der Tag, da ihr Mich erkennen werdet; dann aber werde Ich nicht mehr bei euch sein.«

+4:10

Doch damit nicht genug. Im gleichen Augenblick, da die Schüsse fielen, erhob sich ein Sturm und fegte mit außergewöhnlicher Heftigkeit über die Stadt. Vom Mittag bis in die Nacht hinein verdunkelte ein Sandsturm das Sonnenlicht und verschloß den Menschen die Augen. Im Jahr 1268 n.d.H. ereignete sich in Shíráz ein »Erdbeben«, das die ganze Stadt in Aufruhr versetzte und verheerend unter der Bevölkerung wirkte, sehr verschärft durch den Ausbruch der Cholera, einer Hungersnot und anderen Elends, wie es in der Offenbarung Johannis vorausgesagt war. Im selben Jahr fanden nicht weniger als zweihunderfünfzig Mann des für Sám Kháns Regiment eingesprungenen Erschießungskommandos samt ihren Offizieren bei einem schrecklichen Erdbeben den Tod; die übrigen fünfhundert Mann erlitten drei Jahre später als Strafe für eine Meuterei das gleiche Schicksal, das ihre Hand dem Báb bereitet hatte. Damit bestimmt keiner von ihnen am Leben bliebe, ließ man sie von einer zweiten Salve durchlöchern, danach ihre Leichen auf Speere und Lanzen gespießt dem Volk in Tabríz zur Schau stellen. Der Hauptanstifter bei der Tötung des Báb, der unversöhnliche Amír-Nizám, und sein Bruder und Hauptkomplize, fanden binnen zweier Jahre nach der brutalen Tat den Tod.

+4:11

Am Abend nach der Hinrichtung des Báb - sie geschah am 9. Juli 1850 (28. Sha'bán 1266 n.d.H.) in Seinem einunddreißigsten Lebensjahr und dem siebten Jahr Seines Wirkens - wurden die zerfetzten Leiber vom Hof der Kaserne an den Rand des Stadtgrabens vor dem Stadttor geschafft. Vier Mannschaften von je zehn Posten waren abgeordnet, sie umschichtig zu bewachen. Am andern Morgen suchte der russische Konsul den Ort auf und ließ einen Künstler in seiner Begleitung eine Skizze von den neben dem Graben liegenden Überresten anfertigen. Um die folgende Mitternacht konnte ein Anhänger des Báb, Hájí Sulaymán Khán, durch die Vermittlung eines gewissen Hájí Alláh-Yár, die Leichen in die Seidenfabrik eines Gläubigen aus Mílán bringen und am nächsten Tag in einem eigens angefertigen hölzernen Sarg bergen, den er später an einen sicheren Platz überführte. Mittlerweile prahlten die Mullás von den Kanzeln herab, daß die Leiche dieses Mannes, statt wie der heilige Leib des Unbefleckten Imáms gefeit zu sein gegen Raubgetier und Würmer, von wilden Tieren gefressen worden sei. Als die Nachricht von der Überführung der Gebeine des Báb und Seines Leidensgefährten Bahá'u'lláh überbracht wurde, verfügte Er, daß Sulaymán Khán sie nach Tihrán bringen solle, wo sie im Imám-Zádih-Hasan-Heiligtum unterkamen. Dann wurden sie von einem Ort zum anderen verbracht, bis schließlich Abdu'l-Bahá anordnete, sie ins Heilige Land zu überführen, und Er sie feierlich in dem eigens dazu errichteten Mausoleum am Hang des Karmel zur ewigen Ruhe bettete.

+4:12

So endete ein Leben, von dem die Nachwelt erkennen wird, daß es die Schnittstelle zweier universaler prophetischer Zyklen bildet, des Adamischen Zyklus, der bis zur ersten Morgenfrühe schriftlich überlieferter religiöser Geschichte der Welt zurückreicht, und des Bahá'í-Zyklus, dem es bestimmt ist, sich über eine noch im Zeitenschoß ruhende Zukunft von fünftausend Jahrhunderten zu erstrecken. In der Apotheose, in der dieses Leben seine Vollendung fand, gipfelt, wie man sieht, die heldischste Phase der Heldenzeit der Bahá'í-Sendung. Sie ist, man kann es nicht anders betrachten, das dramatischste und tragischste Ereignis des ganzen ersten Bahá'í-Jahrhunderts und darf mit Recht beispiellos genannt werden unter den Lebensberichten der Stifter aller auf der Welt existenten religiösen Systeme.

+4:13

Ein so bedeutendes Ereignis mußte unausweichlich breites und starkes Interesse wecken, auch jenseits der Grenzen des Landes, wo es sich zutrug. »C'est un des plus magnifiques exemples de courage qu'il ait été donné à l'humanité de contempler (Es ist eines der großartigsten Beispiele von Mut, der Menschheit zum Nachdenken gegeben)«, lautet das Zeugnis eines christlichen Gelehrten und Regierungsbeamten, der in Persien lebte und sich mit Leben und Lehren des Báb vertraut gemacht hatte, »et c'est aussi une admirable preuve de l'amour que notre héros portait à ses concitoyens. Il s'est sacrifié pour l'humanité: pour elle il a donné son corps et son âme, pour elle il a subi les privations, les affronts, les injures, la torture et le martyre. Il a scellé de son sang le pacte de la fraternité universelle, et comme Jésus il a payé de sa vie l'annonce du règne de la concorde, de l'équité et de l'amour du prochain (es ist auch ein bewundernswertes Zeugnis für die Liebe, die unser Held für seine Mitbürger hegte. Er hat sich geopfert für die Menschheit: Für sie hat er seinen Leib und seine Seele gegeben, für sie hat er Entbehrungen, Beschimpfungen und Beleidigungen, Qual und den Märtyrertod erlitten. Er hat mit seinem Blut den Bund der universalen Bruderschaft besiegelt und gleich Jesus die Verkündigung der Eintracht, der Rechtlichkeit und der Nächstenliebe mit seinem Leben bezahlt).« »Un fait étrange, unique dans les annales de l'humanité (eine seltsame Tatsache, einzigartig in den Annalen der Menschheit)«, lautet ein weiteres Zeugnis des Gelehrten in einem Kommentar zu den Begleitumständen beim Martyrium des Báb. »Ein echtes Wunder«, betont ein bekannter französischer Orientalist. »Ein wahrer Gottesmann«, urteilt ein berühmter britischer Reiseschriftsteller. »Die edelste Frucht seines Landes«, zollt Ihm ein französischer Publizist seine Hochachtung. »Dieser zeitgenössische Jesus ... ein Prophet und mehr als ein Prophet«, urteilt ein vornehmer englischer Geistlicher. Der vom Báb eingeführte Glaube könne »die wichtigste religiöse Bewegung seit Gründung des Christentums« werden, so sieht es dieser berühmte Oxforder Gelehrte, der verstorbene Meister des Balliol College.

+4:14

»Viele Menschen aus allen Teilen der Welt«, schreibt Abdu'l-Bahá, »begaben sich nach Persien und begannen aufrichtigen Herzens, der Sache nachzugehen.« Wie ein zeitgenössischer Chronist schreibt, hatte der Zar von Rußland schon kurz vor dem Märtyrertod des Báb den russischen Konsul in Tabríz angewiesen, die Umstände der aufsehenerregenden Bewegung genau zu erkunden und darüber zu berichten, ein Auftrag, der infolge der Hinrichtung des Báb nicht mehr zur Ausführung gelangen konnte. In so fernen Ländern wie Westeuropa erwachte nicht minder tiefes Interesse und verbreitete sich sehr schnell in literarischen, künstlerischen, diplomatischen und intellektuellen Kreisen. »Ganz Europa packte Mitleid und Empörung«, schreibt der erwähnte französische Publizist. »Unter den Literaten meiner Generation, im Paris von 1890, war das Martyrium des Báb noch immer ein ebenso aktuelles Thema wie die erste Nachricht von Seinem Tod. Wir schrieben Gedichte über Ihn. Sarah Bernhardt regte Catulle Mendès an, ein Stück zu schreiben mit dem Thema dieser historischen Tragödie.« Eine russische Dichterin, Mitglied der Philosophischen, der Orientalischen und der Bibliologischen Gesellschaft von St. Petersburg, veröffentlichte 1903 ein Drama mit dem Titel »Der Báb«, das ein Jahr später in einem der ersten Theater der Stadt zur Aufführung kam, danach in London Beachtung fand, in Paris ins Französische übersetzt wurde, durch den Dichter Fiedler ins Deutsche, dann im Volkstheater in Leningrad bald nach der Russischen Revolution aufgeführt wurde und die aufrichtige Sympathie und das Interesse des berühmten Tolstoi fand, dessen wohlwollende Besprechung des Stücks später in der russischen Presse veröffentlicht wurde.

+4:15

Man kann ohne zu übertreiben sagen, daß wir in der gesamten religiösen Literatur der Welt, ausgenommen die Evangelien, nirgends eine Aufzeichnung über den Tod eines Religionsstifters finden, die dem Martyrium des Propheten aus Shíráz vergleichbar wäre. Ein derart befremdliches, unerklärliches Phänomen, durch Augenzeugen verbürgt, durch bekannte Leute erhärtet, zugegeben von regierungsamtlichen wie unabhängigen Chronisten eines Volkes, das dem Bábí-Glauben ewige Feindschaft schwur, kann wahrlich als die wunderbarste Manifestation einzigartiger Wirkkräfte betrachtet werden, mit der diese von allen vergangenen Sendungen verheißene Sendung ausgestattet ist. Nur die Leidensgeschichte Jesu Christi, Sein ganzes öffentliches Wirken, bildet eine Parallele zur Sendung und zum Tod des Báb, eine Parallele, die man beim Studium vergleichender Religionsgeschichte nicht übersehen oder außer acht lassen kann. Die Jugend und die Demut des Stifters der Bábí-Sendung, die extreme Kürze und Turbulenz Seines öffentlichen Auftretens, die dramatische Schnelligkeit, mit der Sein Wirken dem Gipfel zutrieb, die von Ihm errichtete apostolische Ordnung, in der Er einem Mitglied den Primat zuwies, Seine kühne Herausforderung der altverehrten Konventionen, Riten und Vorschriften, die das Gefüge der Religion durchsetzten, in die Er hineingeboren war, die Rolle, die ein öffentlich anerkannter, fest verschanzter Klerus als Hauptanstifter der Greuel spielte, die man Ihn erleiden ließ, die Schmach, mit der man Ihn überhäufte, Seine plötzliche Verhaftung, die Befragung, der man Ihn unterwarf, der Hohn und die Geißelung, die man Ihm antat, der öffentliche Schimpf, den Er erlitt, und schließlich die schmachvolle Aufhängung vor den Augen einer feindseligen Menge - das alles ist, wie wir erkennen müssen, der Laufbahn Jesu Christi in den Hauptzügen verblüffend ähnlich.

+4:16

Doch darf man nicht vergessen, daß der Báb ungeachtet des mit Seiner Hinrichtung einhergehenden Wunders, anders als der Stifter der christlichen Religion, nicht nur als der unabhängige Autor einer von Gott offenbarten Sendung anzusehen ist, sondern auch als der Herold eines neuen Zeitalters und Eröffner eines großen universalen prophetischen Zyklus erkannt werden muß. Auch darf die wichtige Tatsache nicht übersehen werden, daß Jesus Christus Seinerzeit die jüdischen Rabbiner und deren Helfershelfer zum Hauptgegner hatte, während die gegen den Báb angetretenen Kräfte die vereinten zivilen und geistlichen Mächte Persiens umfaßten, die vom Augenblick Seiner Erklärung bis zur Stunde Seines Todes fortgesetzt einmütig und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Verfechter Seiner Offenbarung agitierten und deren Lehren verleumdeten.

+4:17

Der Báb, den Bahá'u'lláh als das »Wesen der Wesen« anruft, das »Meer der Meere«, den »Punkt, den die Wirklichkeiten der Propheten und Boten umkreisen«, »von dem Gott die Erkenntnis ausgehen ließ von allem, was war und was sein wird«, der im »Rang alle Propheten überragt« und dessen »Offenbarung all ihrer Erwählten Fassungskraft und Verständnis übersteigt«, hat Seine Botschaft ausgerichtet und Seinen Auftrag erfüllt. Der nach den Worten Abdu'l-Bahás »der Morgen der Wahrheit« war, der »Vorbote des Größten Lichtes«, dessen Advent zugleich das Ende des »prophetischen Zyklus« und den Beginn des »Zyklus der Erfüllung« bezeichnet, hat mit einem Schlag durch Seine Offenbarung die auf Seinem Land ruhenden Schatten der Nacht gebannt und den bevorstehende Aufstieg jenes unvergleichlichen Gestirns angekündigt, in dessen Glanz sich die ganze Menschheit sonnen werde. »Der erste Punkt«, wie Er sich selbst bezeichnet, »aus dem alles Erschaffene erzeugt ward«, »ein Tragpfeiler des ersten Wortes Gottes«, der »mystische Tempel«, die »große Verkündigung«, die »Flamme himmlischen Lichtes, das auf dem Sinai leuchtete«, das »Gedenken Gottes«, dessenthalben »ein besonderer Bund mit allen Propheten geschlossen ward«, hatte mit Seinem Advent plötzlich die Verheißung aller Zeiten erfüllt und die Vollendung aller Offenbarungen angekündigt. Der den Schiiten verheißene »Qá'im«¹, der von den Sunniten erwartete »Mihdí«², die von den Christen ersehnte »Wiederkehr Johannes des Täufers«, der in zoroastrischen Schriften genannte »Úshídar-Máh«, die von den Juden vorausgesagte »Wiederkehr des Elias«, dessen Offenbarung »die Zeichen und Merkmale aller Propheten« aufweisen solle, der »die Vollkommenheit Mose, den Strahlenglanz Jesu und die Geduld Hiobs« offenbaren werde, war erschienen, hatte Seine Sache verkündet, war erbarmungslos verfolgt worden und ruhmvoll gestorben. Das »zweite Wehe«, von dem in der Apokalypse des Sehers Johannes die Rede ist, war endlich erschienen, und der erste der beiden »Boten«, deren Erscheinen der Qur'án prophezeit hatte, war aufgetreten. Der erste »Posaunenstoß«, bestimmt, die Erde mit Vernichtung zu schlagen, wie es im genannten Buch angesagt ist, war erschallt. »Die Unausweichliche«, »die Katastrophe«, »die Auferstehung«, »das Erdbeben der letzten Stunde«, vom selben Buch vorausgesagt, all dies ist eingetreten. Die »klaren Zeichen» waren «herabgesandt«, der »Geist« hatte »geweht«, die »Seelen« waren »erwacht« und »der Himmel« war »gespalten«, die »Engel« hatten sich»in Reihen aufgestellt« und die »Sterne« waren »verloschen«, »die Erde hatte ihre Bürde abgeworfen« und »das Paradies« war »nahe herbeigekommen«, »die Hölle« war »entfacht« und das »Buch aufgeschlagen«, die »Brücke« war »ausgelegt«, die »Waage aufgestellt«, und die »Berge wurden zu Staub zermalmt«. Die von Daniel prophezeite und durch Jesus Christus in Seinem Hinweis auf »die Greuel der Verwüstung« bestätigte »Säuberung des Tempels« war vollbracht. Der vom Apostel Gottes in Seinem Buch vorausgesagte »Tag, der tausend Jahre währen soll«, war zu Ende. Die »zweiundvierzig Monate«, derweilen die »Heilige Stadt mit Füßen getreten« würde, wie es der Seher Johannes voraussah, waren vorbei. Die »Zeit des Endes« brach an, und der erste der »beiden Zeugen«, in die »nach drei Tagen und einem halben der Geist des Lebens aus Gott« eintreten werde, hatte sich erhoben und war »in einer Wolke zum Himmel aufgestiegen«. Von den »siebenundzwanzig Buchstaben«, aus denen nach islámischer Überlieferung Wissen besteht, sind die »restlichen fünfundzwanzig Buchstaben, die noch zu offenbaren sind«, enthüllt worden. Das im Buch der Offenbarung erwähnte »Menschenkind«, das »über alle Nationen mit eiserner Rute herrschen wird«, hat mit Seinem Kommen die schöpferische Energie ausgelöst, die, verstärkt durch die Ströme einer rasch folgenden, unendlich mächtigeren Offenbarung, der ganzen Gattung Mensch die Fähigkeit verleihen wird, seine organische Vereinigung zu vollbringen, zur Reife zu gelangen und damit die ihm von einer jahrtausendelangen Evolution bestimmte Stufe zu erreichen. Der Fanfarenruf an die »Könige und Königssöhne allesamt«, mit dem ein Prozeß begann, der, beschleunigt durch Bahá'u'lláhs anschließende Warnungen an die Gesamtheit der Herrscher in Ost und West, einen gründlichen Wandel in der Stellung des Königtums hervorrufen sollte, war im Qayyúmu'l-Asmá erschallt. Die »Ordnung«, deren Fundament der Verheißene im Kitáb-i-Aqdas legen, deren Grundzüge der Mittelpunkt des Bundes in Seinem Testament umreißen sollte und deren administrativen Rahmen die Gemeinde Seiner Anhänger jetzt errichtet, war im Persischen Bayán entschieden angekündigt. Die Gesetze, dazu bestimmt, einerseits die Privilegien und Riten, die Vorschriften und Institutionen einer überalterten Sendung mit einem Streich abzuschaffen, und andererseits die Kluft zwischen dem überholten System und den zu seiner Ablösung ausersehenen Institutionen einer weltumfassenden Ordnung zu überbrücken, waren klar abgefaßt und verkündet worden. Der Gottesbund, der trotz entschlossener Anschläge, die er zu bestehen hatte, anders als in allen vorausgehenden Sendungen, die Unverfälschtheit des Glaubens seines Stifters wahren und den Weg für die Ankunft Dessen bereiten konnte, der sein Mittelpunkt und Ziel sein sollte, war fest und unumstößlich errichtet. Das Tageslicht, das sich von seiner Quelle in Wellen allmählich bis Vancouver im Westen, bis zum Chinesischen Meer im Osten verbreiten, bis Island im Norden, bis zur Tasmansee im Süden ausstrahlen sollte, war angebrochen. Die Mächte der Finsternis, die zunächst auf die einverständliche Feindschaft der zivilen und geistlichen Kräfte des schiitischen Persiens beschränkt waren, in einem späteren Stadium Stoßkraft gewannen durch die verschworene, anhaltende Feindschaft des Kalifen des Isláms und der sunnitischen Hierarchie der Türkei und kulminieren werden im grimmen Widerstand der Priesterordnungen anderer, noch mächtigerer religiöser Systeme, hatten ihren Angriff eröffnet. Der Kern der gottverordneten, weltumfassenden Gemeinde - eine Gemeinde, die in ihrer Jugendkraft die Fesseln der schiitischen Orthodoxie schon gesprengt hat und mit jedem Schritt ihrer Ausdehung eine größere und noch deutlichere Anerkennung ihres Anspruchs auf den Rang der zukünftigen Weltreligion suchen und finden muß, hatte sich gebildet und schält sich allmählich heraus. Und schließlich hat die Saat, vom Allmächtigen mit so gewaltigen Möglichkeiten ausgestattet, obwohl roh mit Füßen getreten und scheinbar von der Erdoberfläche verschwunden, gerade dadurch die Gelegenheit erlangt, zu keimen und erneut in der Gestalt einer noch zwingenderen Offenbarung aufzugehen - einer Offenbarung, die sich in späterer Zeit zu den blühenden Institutionen eines weltweiten Verwaltungssystems entfalten und im künftigen Goldenen Zeitalter zu machvoller Wirksamkeit reifen wird, in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer die Welt vereinenden und erlösenden Ordnung.

¹ `Der sich erhebt` ² `Der geführt ist`





Kapitel 5
Das Attentat auf den Sháh und seine Folgen

+5:1

Der Glaube, der ein ganzes Volk zutiefst aufwühlte, um dessentwillen Tausende kostbarer Helden hingeschlachtet wurden und auf dessen Altar sein Stifter Sein Leben geopfert hatte, sollte nun wiederum der Zerreißprobe einer äußerst gewaltsamen Krise mit weitreichenden Folgen ausgesetzt sein. Sie war eine der über ein volles Jahrhundert hindurch periodisch wiederkehrenden Krisen, die das Glaubenslicht vorübergehend verdunkelten und das Gefüge seiner lebendigen Institutionen beinahe zerbrachen. Sie sind unvermeidlich Ausdruck der geheimnisvollen Entwicklung einer höchst lebendigen, herausfordernd anspruchsvollen, inhaltlich revolutionären Weltreligion in ihrem Kampf gegen erstickende Zöpfe, traten immer urplötzlich auf, oft unvermutet und scheinbar unheilvoll für ihren Geist wie für ihr Leben, und brachen entweder durch die Gehässigkeit ihrer erklärten Feinde von außen herein oder wurden von innen durch die Torheit ihrer Freunde, den Abfall ehemaliger Verfechter oder den Treubruch einiger sehr hochgestellter Freunde und Verwandten ihrer Stifter ausgelöst. Wie verwirrend die Krisen auch auf das Gros ihrer treuen Anhänger wirkten, wie laut auch die Feinde sie als Zeichen des Niedergangs und nahen Zerfalls ausposaunten, haben doch all diese eingestandenen Rückschläge, unter denen der Glaube immer wieder schlimm zu leiden hatte, im Rückblick betrachtet, seinen Fortschritt nicht aufzuhalten, seine Einheit nicht zu schmälern vermocht. Hoch aber war der Tribut, den sie forderten, unaussprechlich das Leid, das sie schufen, weitwirkend und zeitweise lähmend die Bestürzung, die sie verursachten. Aber im rechten Licht besehen, kann dies alles als verdeckter Segen betrachtet werden, womit die Vorsehung Mittel zur Freisetzung eines neuen Stromes himmlischer Kraft bereitstellt, als wundersame Bewahrung vor noch viel schrecklicherem Unheil, als Werkzeug zur Erfüllung uralter Verheißungen, als Mittel zur Reinigung und Belebung der Gemeinde, als Triebkraft für ihre Ausbreitung und die Ausdehnung ihres Einflusses und als zwingender Beweis für die Unzerstörbarkeit ihrer einigenden Kräfte. Manchmal hatten die Menschen den Sinn solcher Prüfungen schon auf dem Höhepunkt der Krise, häufiger noch wenn sie vorbei war, klar vor Augen, und daß all diese Erfahrungen notwendig waren, zeigte sich Freund und Feind allenthalben in aller Deutlichkeit. Das Geheimnis dieser gewaltigen, von Gott gesandten unheilvollen Aufstände, der tiefe Sinn und Zweck des Geschehens, blieb dem Verständnis der Menschen selten, wenn überhaupt irgendwann, verschlossen.

+5:2

Eine derartige Zerreißprobe sollte der Glaube des Báb, noch ganz im Frühstadium, nun zu bestehen haben. Verlästert und verfolgt seit seiner Geburt, schon früh der meisten seiner führenden Verfechter mit ihrer stärkenden Kraft beraubt, betäubt von der schlimmen plötzlichen Beseitigung seines Stifters und wankend unter den grausamen Schlägen, die er nacheinander in Mázindarán, Tihrán, Nayríz und Zanján auszuhalten hatte, sollte der schwer verfolgte Glaube jetzt durch die unverantwortliche Schandtat eines fanatischen, unzurechnungsfähigen Bábí eine nie gekannte Demütigung erfahren. Zu den Prüfungen trat nun die erdrückende Last eines neuen Unheils, schwer wie nie zuvor, schmachvoll in seiner Art und verheerend in seinen unmittelbaren Folgen.

+5:3

Ein gewisser Sádiq-i-Tabrízí, Gehilfe in einem Tihráner Kleidergeschäft, ließ sich aus Seelenqual über das bittere Martyrium seines geliebten Meisters und weil er glaubte, nur der Sháh könne Urheber und Anstifter dieses Verbrechens sein, hinreißen, Rache für die verruchte Tat nehmen zu wollen. Gemeinsam mit seinem Komplizen, einem ebenso finsteren Jüngling namens Fathu'lláh-i-Qumí, ging er eines Tages¹ nach Níyávarán, wo das kaiserliche Heer derzeit lagerte und der Herrscher residierte. Dort wartete er, anscheinend ein harmloser Zuschauer am Wegrand, und feuerte, als der Sháh zu Pferd auf seinem Morgenritt vom Palast kam, mit der Pistole auf ihn. Die Waffe, deren sich der Attentäter bediente, erlaubt nicht den geringsten Zweifel an der Torheit dieses schwachsinnigen Jünglings, und beweist eindeutig, daß kein Mensch von gesundem Verstand sich je zu einer so sinnlosen Tat hätte verleiten lassen.

¹ am 15. August 1852


+5:4

Ganz Níyávarán, wo der kaiserliche Hof und die Truppen versammelt waren, geriet durch das Attentat in unvorstellbaren Aufruhr. Die Staatsminister, an der Spitze Mírzá Aqá Khán-i-Núrí, I'timádu'd-Dawlih und Nachfolger des Amír-Nizám, eilten aufgeschreckt ihrem verletzten Herrscher zu Hilfe. Trompetengeschmetter, Trommelwirbel und schrilles Gepfeife rief von allen Seiten die Heerscharen Seiner Kaiserlichen Majestät zusammen. Der Troß des Sháhs strömte teils zu Pferd, teils zu Fuß auf das Palastgelände. Die Hölle war los, jeder gab Befehle, niemand hörte darauf, keiner gehorchte oder verstand irgend etwas. Der Gouverneur von Tihrán, Ardishír Mírzá, der zuvor schon seinen Truppen Befehl gegeben hatte, auf den verlassenen Straßen der Kapitale zu patroullieren, ließ die Tore der Festung und der Stadt absperren und die Geschütze laden. Aufgeregt schickte er einen Boten aus, um zu erkunden, was an den wilden Gerüchten im Volk Wahres sei, und um besondere Weisungen einzuholen.

+5:5

Die Untat war kaum verübt, da warf sie schon ihren Schatten über die ganze Bábí-Gemeinde. Ein Sturm öffentlichen Entsetzens, Ekels und Grolls, geschürt mit unversöhnlichem Haß von der Mutter des jugendlichen Herrschers, stob über das Volk und fegte jede Möglichkeit auch nur der einfachsten Untersuchung über Ursprung und Anstifter des Attentats hinweg. Ein Wink, ein Getuschel genügte, um einen Unschuldigen hineinzuziehen und schreckliches Elend auf ihn herabzubeschwören. Ein Heer von Feinden, Geistliche, Beamte und andere Leute, die einmütig in unbarmherzigem Haß schon lange auf die Gelegenheit lauerten, den gefürchteten Gegner in Verruf zu bringen und zu vernichten, fanden endlich den langersehnten Vorwand. Nun konnten sie ihr böses Ziel erreichen. Obgleich der Glaube von Anfang an jegliche Absicht, sich Rechte und Ansprüche des Staates anmaßen zu wollen, weit von sich wies, obgleich seine Wortführer und Jünger alles, was auch nur den leisesten Anschein wecken könnte, heiligen Krieg führen oder eine aggressive Haltung einnehmen zu wollen, geflissentlich mieden, waren die Feinde, die all die vielen Beweise betonter Zurückhaltung seitens der Anhänger der verfolgten Religion absichtlich übersahen, doch imstande, sie mit genauso barbarischen Greueln zu überziehen wie in den blutigen Episoden von Mázindarán, Nayríz und Zanján. Zu welchen Tiefen der Infamie und Grausamkeit würde sich dieser Feind nun erst versteigen, nach einer derart hochverräterischen, frechen Tat? Welche Anschuldigungen würde er nun erheben wollen, welche Behandlung denen zumessen, die man, wenn auch noch so ungerechtfertigt, mit einem so abscheulichen Verbrechen in Verbindung bringen konnte, verübt an dem, der in seiner Person die höchste Obrigkeit des Reiches und den Bevollmächtigten des »Verborgenen Imáms« vereint?

+5:6

Die nun folgende Schreckensherrschaft war unbeschreiblich empörend. Die Rachsucht derer, die ihre Schrecken entfesselten, schien unstillbar. Ihr Toben fand selbst in der europäischen Presse ein Echo, das die blutdürstigen Teilnehmer brandmarkt. Der Großwesir wollte mögliche Blutracheakte verhindern und verteilte deshalb die zum Tode Verurteilten zwecks Hinrichtung unter die Prinzen und Adligen, seine wichtigsten Ministerkollegen, die Generäle und Hofbeamten, Vertreter der Priester- und Kaufmannschaft, der Artillerie und Infanterie. Selbst der Sháh erhielt sein Opfer zugeteilt, wenn er auch, um die Würde der Krone zu wahren, seinen Haushofmeister damit beauftragte, an seiner Statt den Todesschuß zu feuern. Ardishír Mírzá ließ die Stadttore besetzen und befahl den Wachen Gesichtskontrolle aller, die hinaus wollten. Dann ließ er den Kalantar¹, den Dárúghih² und die Kadkhudás³ vor sich kommen und wies sie an, jeden, der ihnen als Bábí verdächtig vorkam, aufzustöbern und dingfest zu machen. Ein Junge namens Abbás, er war früher Diener bei einem bekannten Anhänger des Glaubens, wurde unter Androhung unmenschlicher Foltern dazu gebracht, durch die Straßen Tihráns zu gehen und auf jeden zu deuten, den er als Bábí kannte. Er war gezwungen, auch jeden zu denunzieren, von dem er annahm, daß er willig und in der Lage sei, hohe Bestechungsgelder für seine Freiheit zu zahlen.

¹ Bürgermeister ² Polizeichef ³ Ouartiervorsteher


+5:7

Der erste, der an dem verhängnisvollen Tag zu leiden hatte, war der unselige Sádiq, der sogleich am Schauplatz seines Mordversuchs erschlagen wurde. Sein Leib wurde an den Schwanz eines Maultiers gebunden und nach Tihrán geschleift, wo man ihn in zwei Stücke hieb und die beiden Hälften öffentlich zur Schau hängte, indes die Stadtbehörden die Tihráner aufforderten, auf die Wälle zu steigen und sich die verstümmelte Leiche anzuschauen. Sein Komplize bekam, nachdem er mit rotglühenden Zangen und Gliederschrauben gefoltert wurde, geschmolzenes Blei in den Schlund gegossen. Einem Leidensgenossen, Hájí Qásim, wurden die Kleider vom Leib gerissen, Löcher ins Fleisch geschnitten und brennende Kerzen hineingesteckt, dann wurde er der lästerlich johlenden Menge vorgeführt. Anderen wurden die Augen ausgequetscht, sie wurden zersägt, erdrosselt, von Mörsermündungen geblasen, in Stücke gerissen, mit Beilen und Keulen zerhauen, mit Hufeisen beschlagen, von Bajonetten aufgespießt und gesteinigt. Die Folterknechte wetteiferten miteinander auf der ganzen Skala roher Bestialität, indes der Pöbel, dem man die Leiber der unglücklichen Opfer überließ, sich auf die Beute stürzte und sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Selbst die an ihr grausiges Geschäft gewöhnten Scharfrichter staunten über die teuflische Grausamkeit des Pöbels. Man sah Frauen und Kinder, die von ihren Henkern mit zerfetztem Fleisch und brennenden Kerzen in den Wunden durch die Straßen getrieben wurden und vor stummen Zuschauern mit heller Stimme sangen: »Wahrlich, wir kommen von Gott, und zu Ihm kehren wir zurück!« Als einige der Kinder auf dem Weg starben, warfen ihre Peiniger die Leichen ihren Vätern und Schwestern vor die Füße, die stolz über sie hinwegschritten und sich nicht nach ihnen umschauten. Wie ein zuverlässiger französischer Autor bezeugt, ließ ein am Boden liegender Vater lieber seinen beiden Söhnen, die blutüberströmt auf seiner Brust lagen - der Vierzehnjährige nachdrücklich auf sein Ältestenrecht pochend, als erster sein Leben hingeben zu dürfen -, die Kehlen durchschneiden, als daß er seinem Glauben abgeschworen hätte.

+5:8

Ein österreichischer Offizier im Dienst des Sháhs, Hauptmann von Goumoens, war damals, wie zuverlässig berichtet wird, so entsetzt über die Greuel, deren er Zeuge werden mußte, daß er seinen Abschied einreichte. In einem Brief, den er zwei Wochen nach dem Attentat schrieb und der im »Soldatenfreund« veröffentlicht ist, beschreibt der Hauptmann, was er sah: »... folge mir, Freund, der Du Herz und europäische Sitte Dein nennst, folge mir zu den Beklagenswerthen, die mit ausgestochenen Augen die eigenen abgeschnittenen Ohren am Orte der That und ohne Bereitung verzehren müssen; oder zu denen, deren Zähne von der Hand des Schergen mit entmenschter Gewalt ausgebrochen wurden, und denen nur der kahle Schädel durch die Kraft der Hammerschläge zermalmt wird; - oder dorthin, wo man den Bazar mit Unglücklichen beleuchtet, indem man recht und linkseitig tiefe Löcher in die Brust und Schulter gräbt, und brennende Kerzen in die Wunden birgt. Ich sah deren, die an Ketten durch den Bazar - eine Militärmusik an der Spize - gezerrt wurden, deren Kerzen tief abgebrannt waren und nun Unschlitt gleich einer verlöschenden Lampe in der Wunde zukend flammte. Nicht selten begibt sich, daß die nie ermattende Fantasie der Orientalen zu neuen Erscheinungen schreitet. Man zieht den Babis die Haut der Sohlen ab, labt die blutende Wunde mit siedendem Oel, beschlägt den Fuß gleich dem Hufe des Pferdes, und zwingt das Opfer nun zum Laufe. Kein Laut war der Brust entstiegen, finster schweigend war die Qual an dem eiserstarrten Gefühle des Fanatikers vorübergezogen, - nun soll er laufen - der Körper kann nicht ertragen was die Seele ertrug - er sinkt; gebt ihm den erlösenden Stoß, endet seine Pein! Nein, der Scherge schwingt die Peitsche, und - ich mußte es selbst sehen - der hundertfach Gequälte läuft. Das ist der Anfang vom Ende. Das Ende selbst. Man hängt den durchbohrten, versenkten Körper bei Hand und Fuß an einen Baum, den Kopf der Erde zugeneigt, und nun mag jeder Perser von einer bestimmten nicht allzu nahen Distanz aus das Vergnügen haben, auf das edle, gelieferte Wild die Schußfertigkeit zu erproben. Ich sah Leichname, zerfezt von nahe 150 Kugeln.« Er fährt fort: »Wenn ich das Geschriebene wieder lese, überkommt mich der Gedanke, daß man bei Euch im lieben theueren Oesterreich an der vollen Wahrheit des Geschilderten zweifeln, mir eine Uebertreibung zur Last legen könnte. - Gäbe es Gott, daß ich es nicht erlebt hätte, nicht erlebte. Aber durch das Gebot meines Berufes war ich leider oft, sehr oft Zeuge der Greuel. Zur Stunde verlasse ich gar nicht mehr mein Haus, um nicht erneuten Schreckens-Scenen zu begegnen ... Da sich meine Inneres gegen solche Abscheulichkeit ... empört, will ich nicht länger dem Schauplatze dieser Frevel angehören«.¹ Kein Wunder, daß ein weitberühmter Mann wie Renan in seinem Werk Les Apôtres einen der Tage des scheußlichen Gemetzels bei dem großen Blutbad von Tihrán, beschreibt als einen »Tag wie vielleicht kein zweiter in der Geschichte der Welt!«

¹ Österreichischer Soldatenfreund, Wien, 12. Oktober 1852 (Jg.V. Nr.123 S.513ff); engl. Übersetzung in: E.G.Browne, Materials for the Study of the Bábí Religion p.268 ff


+5:9

Die Hand, die sich gegen die Anhänger des schwer geprüften Glaubens erhob, begnügte sich nicht mit schweren Schlägen auf das Fußvolk des Báb. Sie ballte sich mit gleich entschlossener Wut gegen die wenigen Führer, die überlebt hatten in den feindlich tosenden Stürmen, die so viele Glaubensverfechter hinweggefegt hatten, und erschlug auch sie mit gleicher Gewalt. Táhirih, die unsterbliche Heldin, die unvergänglichen Glanz verbreitete über ihr Geschlecht wie über die Sache, der sie sich angeschlossen hatte, wurde von dem rasenden Sturm mitgerissen und ging schließlich darin zugrunde. Siyyid Husayn, der Sekretär des Báb, der Gefährte Seines Exils, vertrauter Wahrer Seiner letzten Wünsche und Zeuge der Wunder bei Seinem Martyrium, fiel ebenfalls dem Wüten zum Opfer. Die Hand erhob sich sogar verwegen gegen die ragende Gestalt Bahá'u'lláhs. Aber wenn sie Ihn auch packte, erschlagen konnte sie Ihn nicht. Sie brachte Sein Leben in Gefahr, sie prägte Seinem Leib unauslöschliche Male ihrer erbarmungslosen Grausamkeit ein, aber sie war nicht imstande, Seine Lebensbahn abzukürzen, der es bestimmt war, das vom Geist des Báb entzündete Feuer lebendig zu halten und darüber hinaus einen Brand zu entfachen, der die Herrlichkeit dieser Offenbarung zugleich vollenden und überstrahlen sollte.

+5:10

In diesen düsteren, qualvollen Tagen, da der Báb nicht mehr lebte, die Leuchten am Firmament Seines Glaubens eine nach der andern ausgelöscht wurden, Sein Designierter als »verstörter Flüchtling im Derwischkleid, die Kashkúl¹ in der Hand«, die Gebirge und Ebenen um Rasht durchstreifte, erschien Bahá'u'lláh in den Augen des wachsamen Feindes aufgrund Seiner Taten als furchtbarster Gegner und als einzige Hoffnung für die noch immer nicht ausgerottete Häresie. Ihn festzunehmen und zu töten wurde jetzt notwendig. Er war es, der knapp drei Monate nach der Geburt des Glaubens die Schriftrolle, die Ihm die erste Kunde der jüngst verkündeten Offenbarung zutrug, von Mullá Husayn, dem Boten des Báb, empfing, sogleich ihrer Wahrheit beipflichtete und sich erhob, um für die Sache einzutreten. Es war Sein Geburts- und Wohnort, zu dem der Bote als erstes seinen Schritt gelenkt hatte, der Ort, der »ein Geheimnis von so erhabener Heiligkeit birgt, daß weder Hijáz noch Shíráz ihm gleichenzukommen hoffen können«. Daß die Verbindung mit Ihm hergestellt war, diese Nachricht hatte der Báb von Mullá Husayn mit solcher Freude empfangen, daß Er sich nun ruhigen Herzens entschloß, Seine beabsichtigte Pilgerfahrt nach Mekka und Medina anzutreten. Bahá'u'lláh allein war Gegenstand und Mittelpunkt der im Qayyúmu'l-Asmá' und im Bayán verzeichneten geheimnisvollen Anspielungen, glühenden Preislieder, inbrünstigen Gebete, freudigen Ankündigungen und schrecklichen Warnungen, die jeweils das erste und letzte schriftliche Zeugnis für die Herrlichkeit sein sollten, mit der Gott Ihn bald bekleiden würde. Er war es, der aufgrund Seines Briefwechsels mit dem Stifter des neuen Glaubens und Seiner engen Verbindung mit den herausragendsten seiner Jünger wie Vahíd, Hujjat, Quddús, Mullá Husayn und Táhirih für dessen Wachstum sorgen, seine Prinzipien erläutern, seine ethischen Grundlagen stärken, seine wichtigsten Forderungen erfüllen, einige akute Gefahren abwenden und wirksam an seinem Aufstieg und seiner Festigung mitwirken konnte. Ihn, »den einzigen Gegenstand unserer Verehrung und Liebe«, hatte der Pilgerprophet gemeint, als Er Quddús nach der Rückkehr nach Búshihr aus Seiner Gegenwart entließ und ihm die zweifache Freude verkündete, daß er in die Gegenwart ihres Geliebten gelangen und den Kelch des Martyriums leeren werde. Er war es, der auf der Höhe Seines Lebens jeglichen Gedanken an irdischen Ruhm, Reichtum und Stellung von sich wies und ungeachtet der Gefahr und der zu erwartenden Vorhaltungen seitens Seiner Kaste aufstand, um zuerst in Tihrán und später in Seiner Heimatprovinz Mázindarán für die Sache einer obskuren, geächteten Sekte einzutreten und zu ihrer Unterstützung viele Beamte und Notabeln aus Núr, auch aus dem Kreis Seiner Standesgenossen und Verwandten, zu gewinnen, der furchtlos und überzeugend den Schülern des berühmten Mujtahid Mullá Muhammad die Glaubenslehren darlegte, die erwählten Vertreter des Mujtahids unter ihr Banner versammelte, sich die vorbehaltlose Treue einer großen Zahl geistlicher Würdenträger, Regierungsbeamter, Bauern und Kaufleute sicherte und schließlich bei einer denkwürdigen Zusammenkunft den Mujtahid selbst herauszufordern vermochte. Allein der Kraft Seiner schriftlichen Botschaft, die dem Báb während Seines Aufenthalts in der Nähe des Dorfes Kulayn durch den Beauftragten, Mullá Muhammad Mihdíy-i-Kandí, ausgehändigt wurde, war es zu verdanken, daß der enttäuschte Gefangene in einer Stunde spannungsvoller Ungewißheit Seine Seelenqual loswerden konnte, die seit der Gefangennahme in Shíráz auf Ihm lastete. Bahá'u'lláh unterwarf sich um Táhirihs und ihrer gefangenen Gefährten willen willig einer demütigenden mehrtägigen Haft, der ersten, die Er ertragen mußte, im Hause eines Kad-khudá von Tihrán. Daß Táhirih ihren Feinden entkommen, aus Qazvín fliehen, wohlbehalten in Sein Haus kommen und anschließend an einen sicheren Ort in der Umgebung der Hauptstadt gelangen konnte, von wo sie nach Khurásán reiste, ist Seiner Vorsorge, Seiner Umsicht und Seinem Geschick zu verdanken. Zu Ihm wurde Mullá Husayn, als er nach Tihrán kam, heimlich geführt, und von dort reiste er im Anschluß an die Zusammenkunft nach Ádhirbáyján, um den Báb aufzusuchen, der in der Festung Máh-Kú gefangen war. Er war es, der auf der Konferenz von Badasht unauffällig aber unbeirrbar die Verhandlungen lenkte, der Quddús, Táhirih und einundachtzig Jünger, die sich hier eingefunden hatten, als Seine Gäste bewirtete, der täglich eine Tafel offenbarte und jedem Teilnehmer einen neuen Namen verlieh, der sich in Níyálá, ganz auf sich gestellt, dem Angriff eines Pöbels von mehr als fünfhundert Dorfbewohnern stellte, der Quddús vor der Wut seiner Angreifer schützte, der einen Teil der Habe wiederzugewinnen vermochte, die der Feind geplündert hatte, und der für die ständig gehetzte und viel geschmähte Táhirih Schutz und Geleit sicherstellte.

¹ Almosenkorb


Gegen Ihn richtete sich die Wut Muhammad Sháhs, der sich infolge ständiger Einwürfe der Intriganten schließlich veranlaßt sah, Seine Verhaftung und Vorladung in die Hauptstadt zu befehlen - ein Befehl, der wegen des plötzlichen Todes des Herrschers ohne Folgen blieb. Seinen Ratschlägen und Ermahnungen an die Besetzer von Shaykh Tabarsí, die Ihn bei Seinem Besuch in der Festung mit so viel Ehrerbietung und Liebe empfangen hatten, ist in hohem Maße der Geist zuzuschreiben, den die heroischen Verteidiger des Glaubens bewiesen, und Seinen ausdrücklichen Weisungen verdankten sie die wunderbare Befreiung des Quddús und seine anschließende Vereinigung mit ihnen zu den aufsehenerregenden Heldentaten, die den Aufstand von Mázindarán unsterblich machten. Und um dieser Verteidiger willen, zu denen Er stoßen wollte, erlitt Er Seine zweite Gefangenschaft, diesmal in der Moschee von Amul, wohin Er unter dem Tumult von viertausend Zuschauern geführt wurde. Um ihretwillen bezog Er im Namáz-Khánih des Mujtahids der Stadt die Bastonade, bis Seine Füße bluteten, und wurde später in der Privatresidenz ihres Gouverneurs gefangengehalten. Um ihretwillen wurde Er bitter angeklagt vom Obermullá und beschimpft vom Pöbel, der den Gouverneurssitz belagerte, Bahá'u'lláh mit Steinen bewarf und Ihm den übelsten Schimpf ins Gesicht schleuderte. Nur Ihn meinte Quddús, als er bei der Ankunft in der Festung Shaykh Tabarsí vom Pferd stieg und gegen den Schrein gelehnt die prophetischen Worte sprach: »Der Baqíyyatu'lláh¹ wird euer Bestes sein, so ihr zu denen gehört, die glauben.« Ihm allein galt der hochgestimmte Lobpreis Quddús, die meisterhafte, etwa die sechsfache Textmenge des Qur'án umfassende Interpretation des Sád von Samad, die der jugendliche Held zum Teil unter qualvollsten Umständen in derselben Festung niederschrieb. Seine bevorstehende Offenbarung ist es, auf deren Datum der Báb in Seinem - Dayyán zu Ehren in Chihríq offenbarten - Lawh-i-Hurúfat dunkel anspielt, in dem Er das Mysterium des »Mustagháth« enthüllt. Allein darauf, in Seine Gegenwart zu gelangen, solle Mullá Báqir, ein anderer Jünger und »Buchstabe des Lebendigen«, seine Aufmerksamkeit richten, wie der Báb selbst ihm ausdrücklich auftrug. Ausschließlich Ihm wurden, genau wie es der Báb vor Seiner Abreise von Chihríq anwies, Seine Dokumente zur Verwahrung übergeben, Sein Federkasten, Seine Siegel und Achatringe, zusammen mit einer Schriftrolle, auf die Er in Form eines Pentagramms dreihundertsechzig Ableitungen des Wortes Bahá geschrieben hatte. Ebenso ist es allein Seiner Initiative und Seinen strikten Anordnungen zu verdanken, daß die kostbaren sterblichen Reste des Báb wohlbehalten von Tabríz in die Hauptstadt gebracht und über all die turbulenten Jahre nach Seinem Martyrium unter größter Geheimhaltung verborgen und wohl behütet wurden. Und schließlich war Er es, der sich in den Tagen vor dem Attentat auf den Sháh während Seines Aufenthalts in Karbilá wirksam für die Verbreitung der Lehren des hingeschiedenen Führers einsetzte, ebenso begeistert und fähig wie früher in Mázindarán, und der die Interessen des Glaubens verfocht, indem Er seine niedergeschlagenen Jünger in ihrem Eifer neu belebte und die Kräfte seiner verstreuten und verwirrten Anhänger sammelte.

¹ Rest Gottes


+5:11

Ein so verdienstvoller Mann mit einer solchen Fülle von Erfolgen konnte in der Tat der Aufmerksamkeit und der Wut eines hellwachen Feindes nicht entgehen. Bahá'u'lláh, von Anfang an voll unbändiger Begeisterung für die Sache, der Er sich angelobt hatte, ohne jede Furcht beim Eintreten für die Rechte der Unterdrückten, in voller Jugendfrische, unermeßlich reich an Hilfsquellen, unvergleichlich redegewandt, begabt mit unerschöpflicher Energie und durchdringender Urteilskraft, im Besitz von Reichtum und, wie es Seinem beneidenswert hohen und vornehmen Stand gebührte, in vollem Maß Ansehen, Macht und Einfluß genießend und doch allen Pomp, irdischen Lohn, Eitelkeiten und Besitz verachtend, eng verbunden einerseits durch Seinen regelmäßigen Briefwechsel mit dem Stifter des Glaubens, für den Er stritt, und andererseits zutiefst vertraut mit den Hoffnungen und Sorgen, den Plänen und Taten seiner führenden Repräsentanten, offen voranschreitend, in der Stellung des anerkannten Führers an der Spitze derjenigen Kräfte, die für die Emanzipation des Glaubens kämpften, und sich zugleich mit vollendeter Diskretion absichtlich zurückhaltend, um unangenehme oder gefährliche Situationen wirksamer beheben zu können, allezeit wachsam und unermüdlich bereit in dem Bemühen, die Integrität des Glaubens zu hüten, seine Probleme zu lösen, seine Sache zu vertreten, seine Anhänger anzufeuern und seine Gegner abzuschmettern - trat Bahá'u'lláh schließlich zu einer für Sein Schicksal höchst kritischen Stunde ins Zentrum der Bühne, die der Báb auf so bittere Weise verlassen hatte - eine Bühne, auf der Er vierzig Jahre lang eine Rolle spielen sollte, wie sie in ihrer Majestät, ihrem Ausdruck und ihrem Glanz von keinem der großen Stifter der historischen Religionen der Welt erreicht wurde.

+5:12

Hatte die auffallende, ragende Gestalt durch die gegen Ihn erhobenen Anklagen schon den Zorn Muhammad Sháhs auf sich gezogen, so befahl dieser, nachdem er hörte, was aus Badasht durchsickerte, den Khánen von Mázindarán in einer Reihe von Farmáns, Ihn festzunehmen, und gab seine Absicht kund, Ihn töten zu lassen. Hájí Mírzá Aqásí, der sich früher schon mit dem Wesir¹ entzweit hatte und darüber grollte, daß es ihm nicht gelungen war, sich ein Bahá'u'lláh zustehendes Gut durch Betrug anzueignen, hatte Ihm, dem es so glänzend gelungen war, seine bösen Absichten zu durchkreuzen, ewige Feindschaft geschworen. Außerdem hatte der Amír-Nizám, der sich über den durchdringenden Einfluß seines tatkräftigen Gegners völlig im klaren war, Ihn vor einer erlesenen Versammlung beschuldigt, durch Seine Aktivitäten der Regierung einen Verlust von nicht weniger als fünf Kurúrs² verursacht zu haben, und Ihn in einem für das Schicksal des Glaubens sehr kritischen Moment ausdrücklich ersucht, Seinen Wohnsitz vorübergehend nach Karbilá zu verlegen. Der Nachfolger des Amír-Nizám, Mírzá Aqá Khán-i-Núrí, hatte sich gleich zu Beginn seines Amtsantritts bemüht, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen seiner Regierung und Dem, den er als die größte Stütze unter den Jüngern des Báb ansah. Kein Wunder, daß dann später, als die unbesonnene, folgenschwere Tat verübt wurde, so schlimm wie unbegründet Verdacht gegen Bahá'u'lláh in die Köpfe des Sháhs, seiner Regierung, seines Hofes und seines Volkes kroch. Allen voran die Mutter des jugendlichen Herrschers verklagte Ihn laut und zornflammend als den Möchtegernmörder ihres Sohnes.

¹ Bahá'u'lláhs Vater ² Kurúr ? Was ist das?


+5:13

Als das Attentat auf den Herrscher verübt wurde, war Bahá'u'lláh als Gast des Großwesirs in Lavásán und weilte gerade im Dorfe Afchih, als Ihn die ungeheuerliche Nachricht erreichte. Dem Rat Ja'far-Qulí Kháns, der als Bruder des Großwesirs Sein Gastgeber war und Ihn veranlassen wollte, sich eine Zeitlang in der Nachbarschaft verborgen zu halten, schenkte Er kein Gehör, Er verzichtete auf die guten Dienste eines Boten, der Ihm zum Schutz gesandt worden war, und ritt am andern Morgen unerschrocken und gelassen zum Hauptquartier der kaiserlichen Armee, die in Níyávarán im Bezirk Shimírán stationiert war. Im Dorfe Zarkandih wurde Er von Seinem Schwager Mírzá Majíd, der damals als Sekretär beim russischen Botschafter, Fürst Dolgoruki, beschäftigt war, empfangen und zu seiner neben dem Haus seines Vorgesetzten gelegenen Wohnung geleitet. Als die Bediensteten des Hájibu'd-Dawlih Hájí Alí Khán von Bahá'u'lláhs Ankunft erfuhren, informierten sie gleich ihren Herrn, der wiederum die Aufmerksamkeit des Herrschers darauf lenkte. Hoch erstaunt schickte der Sháh zuverlässige Beamte zur Gesandtschaft und verlangte, daß ihm der Beschuldigte sofort ausgeliefert werde. Der russische Botschafter weigerte sich aber, den Wünschen der königlichen Abgesandten nachzukommen, und bat Bahá'u'lláh, sich wieder in das Haus des Großwesirs zu begeben, dem er in aller Form seinen Wunsch mitteilte, daß die Sicherheit dieses teueren Pfandes, das die russische Regierung seinem Hause anvertraue, gewährleistet werde. Dieses Ziel wurde aber nicht erreicht, denn der Großwesir fürchtete seine Stellung zu verlieren, wenn er dem Beschuldigten den erbetenen Schutz gewährte.

+5:14

Seinen Feinden ausgeliefert, mußte dieser vielgefürchtete, schwer beschuldigte und berühmte Repräsentant des dauernd verfolgten Glaubens aus dem Kelch kosten, den sein anerkanntes Oberhaupt bis zur Neige geleert hatte. Von Níyávarán wurde Er »in Ketten, barhäuptig und mit bloßen Füßen«, den sengenden Strahlen der hochsommerlichen Sonne ausgesetzt, zu Fuß nach Tihrán in den Síyáh-Chál geführt. Unterwegs zog man Ihm mehrmals die Oberkleider aus, überschüttete Ihn mit Spott und Hohn und bewarf Ihn mit Steinen. Was das unterirdische Verlies anbetrifft, in das Er geworfen wurde und das ursprünglich als Wasserreservoir für ein öffentliches Bad in der Hauptstadt gedient hatte, so mögen Seine eigenen Worte in Seinem Brief an den Sohn des Wolfes von der Feuerprobe zeugen, die Er in der verpesteten Höhle auszustehen hatte. »Vier Monate lang mußten Wir in einem unbeschreiblich schmutzigen Loch verbringen... Bei Unserer Einlieferung wurden Wir zuerst einen pechschwarzen Gang entlanggeführt, von dort stiegen Wir drei steile Treppen zu dem Verlies hinab, das Uns bestimmt war. Dieser Kerker war in dichtes Dunkel gehüllt; Unsere Mitgefangenen zählten nahezu einhundertfünfzig Menschen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Trotz seiner Überfüllung hatte das Verlies keinen anderen Auslaß als den Gang, durch den Wir gekommen waren. Keine Feder kann diesen Ort beschreiben, keine Zunge seinen widerlichen Gestank schildern. Die meisten dieser Menschen hatten weder Kleider noch Stroh, darauf zu liegen. Nur Gott weiß, was Wir in diesem übelriechenden, finsteren Raum zu leiden hatten!« Bahá'u'lláhs Füße waren in den Stock gespannt und um Seinen Nacken lag die »Qará-Guhar«, eine Kette von solchem Gewicht, daß Seinem Körper die Wundmale davon bis an Sein Lebensende eingeprägt blieben. »Eine schwere Kette«, schreibt Abdu'l-Bahá, »wurde Ihm auf den Nacken gelegt, die ihn an fünf andere Bábí kettete; diese Fesseln waren durch starke, sehr schwere Bolzen und Schrauben untereinander verbunden. Seine Kleider waren in Fetzen zerrissen, ebenso Seine Kopfbedeckung. Vier Monate lang mußte Er in dieser schrecklichen Lage ausharren.« Drei Tage und drei Nächte lang wurde Ihm jegliche Speise und Trank verweigert. An Schlaf war nicht zu denken. Der Ort war frostig, feucht und voll Schmutz, von Fieberdunst, Ungeziefer und widerlichem Gestank durchdrungen. Seine Feinde gingen in ihrem unerbittlichen Haß so weit, daß sie die für Ihn bestimmte Nahrung abfingen und vergifteten, um sich dadurch in die Gunst der Mutter ihres Herrschers einzuschmeicheln, die Seine unversöhnlichste Feindin war - ein Anschlag, der seinen Zweck verfehlte, wenn auch auf Jahre hinaus Seine Gesundheit beeinträchtigt war. »Abdu'l-Bahá«, schreibt Dr. J. E. Esslemont in seinem Buch, »erzählt, wie Er eines Tages die Erlaubnis erhielt, den Gefängnishof zu betreten, um Seinen geliebten Vater zu sehen, wenn Er zum täglichen Rundgang herauskam. Bahá'u'lláh hatte sich schrecklich verändert. Er war so krank, daß Er kaum zu gehen vermochte, Haar und Bart waren wirr, Sein Nacken wund und geschwollen vom Druck eines schweren Halseisens, Sein Körper niedergebeugt von der Last Seiner Ketten.«

+5:15

Während Bahá'u'lláh derart abscheulichen, grausamen Prüfungen und Qualen unterworfen war, die jene stürmischen Tage erfüllten, ist eine andere Leuchte des Glaubens, die tapfere Táhirih, dem verheerenden Sturm erlegen. Ihre meteorgleiche Lebensbahn, in Karbilá begonnen, in Badasht auf ihrem Höhepunkt, war nun im Begriff, ihre Vollendung zu finden in einem Martyrium, das wohl als eines der ergreifendsten Ereignisse der bewegten Bahá'í-Geschichte gelten darf.

+5:16

Aus der hochangesehenen Familie des Hájí Mullá Sálih-i-Baraqání stammend, deren Glieder in der geistlichen Hierarchie Persiens beneidenswerte Stellungen innehatten, Namensschwester der berühmten Fátimih, von ihrer Familie und ihren Angehörigen Zarrín-Táj¹ und Zakíyyih² genannt, im selben Jahre geboren wie Bahá'u'lláh, von Kind auf von ihren Mitbürgern als Wunder an Intelligenz und Schönheit bestaunt, vor ihrem Glaubenswechsel wegen ihrer blendenden, originellen Ansichten selbst von einigen der hochfahrendsten und gelehrtesten 'Ulamás ihres Landes hochgeachtet, von ihrem sie bewundernden Lehrer Siyyid Kázim als Qurratu'l-Ayn³ begrüßt, von der »Zunge der Macht und Herrlichkeit« mit dem Namen Táhirih <4> ausgezeichnet, als einzige Frau vom Báb als ein »Buchstabe des Lebendigen« verzeichnet, hatte sie, wie schon erwähnt, infolge eines Traumes die erste Verbindung mit dem Glauben aufgenommen, den sie fürderhin bis zum letzten Atemzug verfocht und für den sie auch in der Zeit größter Gefahr mit dem ganzen Feuer ihres unbeugsamen Geistes einstand. Vom heftigen Protest ihres Vaters ließ sie sich nicht abschrecken, die Bannflüche ihres Onkels verachtete sie, die dringenden Bitten ihres Gatten und ihrer Brüder ließen sie ungerührt, von den Maßnahmen der zivilen und geistlichen Behörden in Karbilá, hernach in Baghdád und später in Qazvín, die ihre Aktivität beschneiden sollten, ließ sie nicht einschüchtern, sondern bestand mit zäher Beharrlichkeit auf ihrem Bábí-Glauben. Durch ihre eloquenten Reden, ihre unerschrockenen Anklagen, ihre Abhandlungen, Gedichte, Übersetzungen, Kommentare und Briefe fuhr sie fort, die Phantasie zu beflügeln, Araber wie Perser für die neue Offenbarung zu gewinnen, die Verderbtheit ihrer Generation zu verurteilen und für einen grundlegenden Wandel der Sitten und Gebräuche ihres Volkes einzutreten.

¹ `Goldene Krone` ² `die Tugendhafte` ³ `Trost meiner Augen` <4> `die Reine`



+5:17

Aus eigenem Antrieb schrieb sie in Karbilá - dem stärksten Bollwerk des schiitischen Isláms - an jeden 'Ulamá in der Stadt einen ausführlichen Sendbrief, in dem sie sich dagegen wandte, daß er die Frau herabsetze auf eine Stufe, kaum höher als ein Tier, und ihr sogar den Besitz einer Seele abspreche. Sie vertrat ihr hohes Ziel in den Briefen sehr geschickt und verwies den Empfängern ihre üble Einstellung. In offenem Trotz gegen die Gebräuche der fanatischen Stadtbewohner mißachtete sie kühn die Jahresfeier des Martyriums des Imám Husayn, die mit vielem Gepränge an den frühen Tagen im Muharram begangen wurde, und feierte dafür den Geburtstag des Báb, der auf den ersten Tag desselben Monats fiel. Eine Delegation von Würdenträgern der Schiiten, Sunniten Christen und Juden in Baghdád, die ihr mit aller Mühe das Vorhaben, die Kunde von der neuen Botschaft zu verbreiten, ausreden wollten, beschämte sie mit erstaunlichen Beweisen und bewundernswürdiger Eloquenz. Mit großem Geschick verteidigte sie ihren Glauben und ihre Haltung im Haus und in Anwesenheit des bedeutenden Rechtsgelehrten, Shaykh Mahmúd-i-Álúsí, des Muftí von Baghdád, und führte später ihre berühmten Gespräche mit den Prinzen, den 'Ulamás und den in Kirmánsháh residierenden Regierungsbeamten, in deren Verlauf der Kommentar des Báb zu der Sure Kawthar öffentlich verlesen und übersetzt wurde - Höhepunkt war der Glaubensübertritt des Amírs¹ und seiner Familie. Die hochbegabte Frau fertigte die Übersetzung des umfangreichen Kommentars des Báb zur Sure Joseph² zum Wohle ihrer persischen Mitgläubigen und tat ihr Bestes, um dies machtvolle Buch bekannt zu machen. Ihrer Unerschrockenheit, ihrer Geschicklichkeit, ihrem Organisationstalent und ihrer nimmermüden Begeisterung ist es zu verdanken, daß in einem so feindseligen Zentrum wie Qazvín, das sich rühmte, nicht weniger als hundert höchste geistliche Islámführer in seinen Mauern zu herbergen, ihre jüngst errungenen Siege von Dauer waren. Bei ihrem denkwürdigen Gespräch im Hause Bahá'u'lláhs - sie hatte das Kind Abdu'l-Bahá auf dem Schoß - unterbrach sie plötzlich den berühmten Vahíd in seiner gelehrten Rede über die Zeichen der neuen Manifestation und drang heftig darauf, daß er sich aufmache und durch heldenhafte Taten und Selbstopfer die Tiefe und Aufrichtigkeit seines Glaubens beweise. An ihrer Tür drängte sich auf der Höhe ihres Ruhmes und ihrer Popularität die Blüte der weiblichen Gesellschaft von Tihrán, um ihrer blendenden Rede über die unvergleichlichen Lehren ihres Glaubens zu lauschen. Der Zauber ihrer Worte vermochte im Hause des Mahmúd Khán-i-Kalantar, wo sie gefangengehalten wurde, sogar die Hochzeitsgäste von den Festlichkeiten wegzulocken, die anläßlich der Vermählung seines Sohnes stattfanden, so daß man sich schließlich um sie versammelte, um gierig jedes Wort von ihren Lippen zu pflücken. Nach sieben Besprechungen mit den Abgeordneten des Großwesirs, die während ihrer Haft in demselben Hause zu ihrer Vernehmung angeordnet waren, führte ihre leidenschaftliche, bedingungslose Bestätigung des Anspruchs und der Wesenszüge der neuen Offenbarung schließlich zu ihrem Todesurteil. Ihrer Feder waren Oden entströmt, die unmißverständlich nicht nur ihren Glauben an die Offenbarung des Báb, sondern auch ihre Anerkennung der erhabenen, bisher noch nicht enthüllten Sendung Bahá'u'lláhs bezeugten. Nicht zuletzt war es ihrer Initiative zu verdanken, daß bei der Konferenz von Badasht, an der sie teilnahm, die herausfordernde Bedeutung der revolutionären, bisher erst dunkel begriffenen Sendung vor ihren Mitjüngern klargestellt wurde und die neue Ordnung von nun an von den Gesetzen und Institutionen des Isláms geschieden war. All diese wunderbaren Leistungen sollten nun ihre Krönung und Vollendung finden in ihrem Märtyrertod inmitten des Sturmes, der in der Hauptstadt raste.

¹ Gouverneur ² Qayyúmu'l-Asmá


+5:18

In der Nacht, da sie ihre Todesstunde gekommen wußte, legte sie ein Brautgewand an, salbte sich mit Duftöl, sandte dann nach der Frau des Kalantar, eröffnete ihr das Geheimnis ihres nahen Märtyrertodes und vertraute ihr ihre letzten Wünsche an. Dann schloß sie sich in ihre Zimmer ein und harrte bei Gebet und Andacht der Stunde, die ihre Vereinigung mit dem Geliebten bezeugen sollte. Sie ging im Zimmer auf und ab und sang dabei eine Weise von Kummer und zugleich Triumph, bis um Mitternacht die Büttel des Azíz Khán-i-Sardár kamen und sie in den Ílkhání-Garten außerhalb der Stadt abführten, der zur Stätte ihres Märtyrertodes werden sollte. Als sie dort anlangte, saß der Sardár unter seinen Leuten bei einem Saufgelage und brüllte vor Lachen; auf der Stelle befahl er, sie zu erdrosseln und in eine Grube zu werfen. Mit dem Seidenschal, den sie aus einer Eingebung heraus für diesen Zweck mitgenommen hatte und in ihren letzten Augenblicken dem Sohn des Kalantar, der sie begleitete, übergab, wurde die unsterbliche Heldin zu Tode gebracht. Ihren Leib ließ man in einen Brunnen hinab, den man dann, wie sie es wünschte, mit Erde und Steinen verfüllte.

+5:19

So endete das Leben dieser großen Bábí-Heldin, das Martyrium der ersten Frau, die sich selbständig gemacht hatte, die in ihrer Todesstunde dem, in dessen Gewahrsam sie gegeben war, ins Gesicht sah und kühn erklärte: »Sie können mich töten, wann es Ihnen beliebt, aber die Emanzipation der Frauen können Sie nicht aufhalten.« Ihre Laufbahn war blendend und kurz, tragisch und ereignisreich. Im Gegensatz zu ihren Mitjüngern, deren Taten größtenteils nicht bekannt wurden und unbesungen blieben von ihren ausländischen Zeitgenossen, erscholl der Ruhm dieser unsterblichen Frau auch im Ausland und drang bemerkenswert schnell in die westeuropäischen Hauptstädte vor, wo Männern und Frauen der verschiedensten Nationen, Berufe und Kulturen sie begeistert feierten und aufs höchste priesen. Kein Wunder, daß Abdu'l-Bahá ihren Namen neben Sarah, Asíyih, die Jungfrau Maria und Fátimih stellte, die in verschiedenen einander folgenden Sendungen aus den Reihen ihres Geschlechts durch besondere Verdienste und ihre jeweils einzigartige Stellung herausragten. »Ihre Eloquenz«, schrieb Abdu'l-Bahá, »war der Schrecken ihres Zeitalters, und ihre Vernunft versetzte die Welt in Aufruhr«¹. An anderer Stelle nennt Er sie einen »Feuerbrand der Gottesliebe«, und eine »Lampe, aus der Gottes Güte leuchtet«.

¹ ATN 47


+5:20

Ihre wundersame Lebensgeschichte verbreitete sich ebenso schnell und weit wie die des Báb, des Quells ihrer Inspiration. »Prodige de science, mais aussi prodige de beaut髹, lautet der Tribut eines bekannten Autors an sie, der über das Leben des Báb und Seiner Jünger schrieb. »Die persische Jungfrau von Orleans, der führende Kopf der Frauenemanzipation im Orient ... sie erinnert an die mittelalterlichen Héloise wie an die neuplatonische Hypatia«, so rühmte sie ein bekannter Schauspieldichter, den Sarah Bernhardt gebeten hatte, ein Drama über sie zu schreiben. »Das Heldenleben der lieblichen aber unglücklichen Dichterin von Qazvín, Zarrín-Táj²«, bekundet Curzon, der Lord von Kedleston, »ist eine der ergreifendsten Episoden in der modernen Geschichte.« »Die Erscheinung einer Frau wie Qurratu'l-Ayn«, schrieb der bekannte britische Orientalist Prof. E. G. Browne, »ist in jedem Land und zu allen Zeiten selten, aber für ein Land wie Persien ist es ungeheuerlich, ein wahres Wunder. ... Hätte die Bábí-Religion sonst nichts zum Beweis ihrer Größe, so reichte es aus,... daß sie eine Heldin wie Qurratu'l-Ayn hervorbrachte.« »Die von Qurratu'l-Ayn in den islamischen Ländern ausgestreute Saat«, schreibt der angesehene englische Geistliche Dr.T.K.Cheyne in einem seiner Bücher vielsagend, »beginnt aufzugehen ... Diese edle Frau ... hat das Verdienst, das Werk der sozialen Reformen in Persien eröffnet zu haben.« »Zweifellos eine der auffallendsten und interessantesten Erscheinungen in dieser Religion«, schreibt der bekannte französische Diplomat und glänzende Schriftsteller Graf Gobineau über sie und fügt hinzu: »In Qazvín wurde sie mit Recht für ein Wunder gehalten.« »Viele Menschen«, schreibt er weiter, »die sie gekannt und zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens gehört haben, haben mir versichert,... daß sie sich, wenn sie sprach, zutiefst aufgewühlt fanden, daß sie voll Bewunderung und und zu Tränen gerührt waren.« »Keine Erinnerung«, schreibt Sir Valentine Chirol, »ruft tiefere Verehrung wach und entfacht mehr Begeisterung als die Erinnerung an sie, und der Einfluß, den sie zu Lebzeiten ausübte, stärkt noch heute ihr Geschlecht.« »O Táhirih«, ruft der große türkische Autor und Dichter Sulaymán Názim Bey in seinem Buch über die Bábí, »du bist tausend Násiri'd-Dín Sháhs wert!« »Das höchste Frauenideal war Táhirih«, lautet der Tribut, den ihr die Mutter eines österreichischen Präsidenten, Frau Marianne Hainisch, zollt, »ich will versuchen, für die Frauen Österreichs das zu tun, wofür Táhirih ihr Leben gab, um es für die Frauen von Persien zu erreichen.«

¹ verschwenderisch begabt mit Wissens wie mit Schönheit ² `Goldene Krone`



+5:21

Zahlreich und mannigfach sind ihre glühenden Bewunderer in allen fünf Kontinenten, die mehr über sie wissen wollen. Viele, deren Lebenswandel durch ihr begeisterndes Beispiel veredelt wurde, die ihre unvergleichlichen Oden auswendig lernten oder ihre Gedichte vertonten, vor deren geistigem Auge die Vision ihres unbezähmbaren Geistes leuchtet, in deren Herzen eine Liebe und Verehrung lebt, die kein Zeitenlauf zu mindern vermag, in deren Seele der Entschluß glüht, ebenso unerschrocken und mit derselben Treue den Pfad zu beschreiten, den sie für sich erwählt hatte und von dem sie seit dem Übertritt zum Glauben bis zur Todesstunde niemals abwich.

+5:22

Der wilde Verfolgungsturm, der Bahá'u'lláh in ein unterirdisches Gefängnis gefegt und das Licht Táhirihs ausgeblasen hatte, besiegelte auch das Schicksal des Siyyid Husayn-i-Yazdí, genannt Azíz, des berühmten Sekretärs des Báb, der Seine Gefangenschaft geteilt hatte in Máh-Kú wie in Chihríq. Ein Mensch, reich an Erfahrung und hohen Verdiensten; tief eingedrungen in die Lehren seines Meisters und sich Seines uneingeschränkten Vertrauens erfreuend, wies er alle Angebote der maßgebenden Behörden in Tihrán, sich zu retten, zurück und ersehnte ohne Unterlaß nur das Martyrium, das ihm an dem Tag, da der Báb auf dem Kasernenhof von Tabríz Sein Leben hingab, verwehrt war. Als Mitgefangener Bahá'u'lláhs im Síyáh-Chál von Tihrán, empfing er von Ihm Erleuchtung und Trost im Gedenken an die kostbaren Tage in der Gesellschaft seines Herrn in Ádhirbáyján und wurde schließlich unter beschämend grausamen Umständen durch denselben Azíz Khán-i-Sardár, der Táhirih zu Tode gebracht hatte, niedergestreckt.

+5:23

Ein weiteres Opfer der schrecklichen Foltern eines unnachgiebigen Feindes war der geistvolle, einflußreiche und mutige Hájí Sulaymán Khán. Er stand in so hohem Ansehen, daß der Amír-Nizám bei einer früheren Gelegenheit seine Verbindung zu dem Glauben, den er angenommen hatte, geflissentlich übersah und ihm damit das Leben rettete. Der Aufruhr, der als Folge des Attentats auf den Herrscher Tihrán erschütterte, brachte ihn jedoch ins Gefängnis und war Anlaß seines Märtyrertodes. Der Sháh, dem es nicht gelungen war, ihn durch den Hájibu'd-Dawlih zum Widerruf zu bewegen, befahl, daß er getötet werde auf die Art, die er selbst wählen sollte. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch wurden ihm neun Löcher ins Fleisch geschnitten und in jedes eine brennende Kerze gesteckt. Als der Scharfrichter vor dieser grausamen Aufgabe zurückschreckte, versuchte er ihm das Messer aus der Hand zu reißen, um es sich selbst in den Leib zu bohren. Aber der Scharfrichter wehrte ihn ab aus Angst, er wolle ihn damit angreifen, und wies seine Leute an, dem Opfer die Hände auf dem Rücken zu fesseln, worauf der tapfere Dulder von ihnen verlangte, sie sollten ihm zwei Löcher in die Brust, zwei in die Schultern, eines in den Nacken und vier in den Rücken schneiden - ein Wunsch, den sie erfüllten. Aufrecht wie ein Pfeil, leuchtenden Auges, mit stoischer Tapferkeit, völlig unberührt vom Gejohle der Menge und dem Anblick seines Blutes, das ihm aus den Wunden troff, führte er den drängenden Mob zur schließlichen Stätte seines Martyriums, ein Zug von Spielleuten und Trommlern voran. Alle paar Schritte hielt er auf dem Weg inne und sprach zu den verwirrten Zuschauern Worte, mit denen er den Báb verherrlichte und den Sinn seines eigenen Todes pries. Wenn seine Augen sahen, daß die Kerzen in ihren blutigen Betten flackerten, brach er in Rufe überströmenden Entzückens aus. Immer wenn eine von seinem Leib abfiel, hob er sie auf, entzündete sie an einer anderen und steckte sie mit eigener Hand wieder an ihre Stelle. »Warum tanzt du nicht«, höhnte der Scharfrichter, »wenn du den Tod so vergnüglich findest?« »Tanzen?«, rief der Dulder. »In einer Hand den Weinkelch, in der andern die Haarlocke des Geliebten, nach solchem Tanze mitten auf dem Marktplatz verlangt es mich!« Er war noch im Basar, als ein Windhauch die Kerzenflammen, die schon tief in seinem Fleisch brannten, aufflackern ließ. Da rief er die Lohe an, die sich in seine Wunden fraß: »Ihr Flammen habt euren Stachel längst verloren, und die Kraft, mich zu quälen, ist euch genommen. Macht schnell, denn aus euren Feuerzungen höre ich die Stimme, die mich zu meinem Geliebten ruft.« In einer Lichthülle schritt er dahin wie ein Eroberer zur Siegesbühne. Am Fuß des Galgens erhob er noch einmal die Stimme zum letzten Appell an die Zuschauermenge. Darauf warf er sich nieder in Richtung des Schreins des Imám-Zádih Hasan und murmelte einige arabische Worte. Dann rief er dem Henker zu: »Mein Werk ist getan, komm und tue das Deine.« Noch bei lebendigem Leib wurde sein Körper entzweigehauen, indes von seinen sterbenden Lippen der Lobpreis seines Geliebten verwehte. Die zerhackten, blutigen Hälften seines Leichnams wurden, wie er es verlangt hatte, zu beiden Seiten des Naw-Tores aufgehängt als stumme Zeugen der unauslöschlichen Liebe, die der Báb in den Herzen Seiner Jünger entfacht hatte.

+5:24

Der wütende Brand, der als Folge des Mordversuchs am Herrscher ausbrach, konnte nicht auf die Hauptstadt beschränkt bleiben. Er sprang auf die Nachbarprovinzen über, wütete in Mázindarán, der Heimatprovinz Bahá'u'lláhs, und brachte es mit sich, daß dessen Besitz beschlagnahmt, geplündert und zerstört wurde. In Tákur, einem Dorf im Bezirk Núr, wurde Sein vom Vater geerbtes, kostbar eingerichtetes Haus auf Befehl von Mírzá Abú-Tálib Khán, dem Neffen des Großwesirs, völlig ausgeplündert, und was nicht weggebracht werden konnte, mußte zerstört werden. Die prächtiger als der Palast zu Tihrán ausgestatteten Räume wurden irreparabel verwüstet. Auch die Häuser der Landleute wurden bis auf den Grund niedergerissen und das ganze Dorf hernach in Brand gesteckt.

+5:25

Der Aufruhr, der Tihrán ergriffen hatte und den Anstoß gab zu Gewaltausbrüchen und Raubzügen in Mázindarán, griff weit bis nach Yazd, Nayríz und Shíráz über, schüttelte auch die entferntesten Weiler und entfachte von neuem das Feuer der Verfolgungen. Wieder wetteiferten gierige Gouverneure und treulose Untergebene miteinander im Ausplündern unschuldiger Menschen, im Abschlachten Schuldloser, im Schänden der Edelsten ihres Geschlechts. Ein Blutbad wurde angerichtet, das alle Greuel von Nayríz und Zanján wiederholte. »Meine Feder sträubt sich vor Entsetzen«, schreibt der Chronist der blutigen Ereignisse im Zusammenhang mit Geburt und Aufstieg unseres Glaubens, »beim Versuch zu beschreiben, was alles über diese tapferen Männer und Frauen kam... Was ich über die Greuel der Belagerung von Zanján zu berichten versucht habe,... verblaßt vor den Scheußlichkeiten voll greller Grausamkeit, die wenige Jahre später in Nayríz und Shíráz verübt wurden.« Von zweihundert Opfern dieser Ausbrüche wilden Fanatismus wurden die Köpfe auf Bajonette gespießt und im Triumphzug von Shíráz nach Abádih getragen. Vierzig Frauen und Kinder wurden in eine Höhle gesperrt, dazu viel Holz aufgeschichtet, mit Öl getränkt und angezündet, so daß die Opfer verbrannten. Dreihundert Frauen wurden gezwungen, paarweise auf ungesattelten Pferden den langen Weg nach Shíráz zu reiten. Fast nackt ausgezogen, legte man sie zwischen die Reihen der Köpfe, die man den Leichen ihrer Gatten, Söhne, Väter und Brüder abgeschlagen hatte. Unsäglich geschändet wurden sie, und viele kamen unter den Qualen, die sie erlitten, um.

+5:26

Damit schließt ein Kapitel, das für alle Zeiten von der blutigsten, der tragischsten, der heroischsten Periode des ersten Bahá'í-Jahrhunderts berichtet. Das Blut, das während dieser ereignisreichen, unheilvollen Jahre in Strömen vergossen wurde, kann als die fruchtbare Saat betrachtet werden, aus der eine von der rasch folgenden, noch größeren Offenbarung verkündete Weltordnung sprießen sollte. Die Würdigung, die dem edlen Heer von Helden, Heiligen und Märtyrern dieser frühen Zeit, von Freund und Feind zugleich, von Bahá'u'lláh bis zum unbeteiligten Beobachter in fernen Landen, vom Augenblick des Entstehens bis auf den heutigen Tag zuteil wird, legt ein unvergängliches Zeugnis ab von der Herrlichkeit der Taten, die jenes Zeitalter unsterblich machten.

+5:27

»Alle Welt«, lautet Bahá'u'lláhs unvergängliches Zeugnis im Kitáb-i-Iqán¹, »geriet ins Staunen« darüber, wie »diese heiligen Seelen ... sich erhoben, das Leben für ihren Geliebten zu opfern. ... Der Geist ist bestürzt über ihre Taten, die Seele ergriffen von ihrer Tapferkeit und körperlichen Ausdauer. ... War je ein Zeitalter Zeuge eines Geschehens von so großer Tragweite?« Und wiederum: »Hat die Welt seit Adams Tagen je solchen Aufruhr, solch heftige Erregung gesehen? ... Mich dünkt, Geduld ward nur durch ihre Seelenstärke offenbart, Glaubenstreue nur durch ihre Taten bezeugt.« »Von dem Blut, das sie vergossen«, bekräftigt Er in einem Gebet, in dem Er besonders von den Märtyrern des Glaubens spricht, »wurde die Erde trächtig mit den wundersamen Offenbarungen Deiner Macht und den perlengleichen Zeichen Deiner ruhmreichen Souveränität. Binnen kurzem wird sie ihre Botschaft kundtun, wenn die festgesetzte Zeit gekommen ist.«

¹ IQAN 249, 250, 251, 264


+5:28

Wem sonst, wenn nicht den Helden Gottes, die mit ihrem Blut den verheißenen Tag ankündigten, könnten die bedeutsamen Worte Muhammads, des Gesandten Gottes, gelten, die Quddús zitierte, als er zu seinen Gefährten in der Festung Shaykh Tabarsí sprach: »O wie ich mich sehne, das Angesicht meiner Brüder zu sehen, meiner Brüder, die am Ende der Welt erscheinen! Selig sind wir und selig sind sie; größer ist ihre Seligkeit denn unsere.« Wen sonst könnte die im Káfí überlieferte und von Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Iqán¹ bestätigte Tradition namens »Hadíth-i-Jábir« gemeint haben, die in eindeutiger Sprache die Zeichen des Erscheinens des verheißenen Qá'im darlegt: »Seine Auserwählten werden an Seinem Tage erniedrigt werden. Ihre Häupter werden als Geschenke dargeboten werden wie die Häupter der Türken und der Dailamiten. Sie werden erschlagen und verbrannt werden. Furcht wird sie ergreifen, Verwirrung und Bestürzung werden Schrecken in ihre Herzen jagen. Die Erde wird mit ihrem Blut gerötet werden. Ihre Frauen werden jammern und wehklagen. Wahrlich, dies sind meine Freunde!«

¹ IQAN 273


+5:29

»Erzählungen von großartigem Heldentum«, lautet das literarische Zeugnis Curzons, des Lords von Kedleston, »erleuchten die blutigen Seiten der Bábí-Geschichte. Der Mut, den die Feuer von Smithfield entfachten, war nicht edler als der, der den raffinierteren Folterknechten von Tihrán widerstand. Umso höher sind darum die Lehren des Glaubens zu bewerten, der in seinen Anhängern einen so selten schönen Opfergeist zu erwecken vermag. Das Heldentum und das Martyrium Seiner¹ Anhänger werden bei vielen Anklang finden, die dergleichen in zeitgenössischen Berichten des Isláms nicht finden können.« »Der Bábismus«, schrieb Prof. J. Darmesteter, »der sich in weniger als fünf Jahren in Persien von einem Endes zum andern ausbreitete, der 1852 mit dem Blut seiner Märtyrer getränkt wurde, schreitet in aller Stille weiter fort und spricht für sich selbst. Falls Persien sich überhaupt regeneriert, dann durch diesen neuen Glauben«. »Des milliers de martyrs«, schreibt Renan in seinem Buch Les Apôtres, »sont accourus pour lui avec allégresse au devant de la mort. Un jour sans pareil peut-être dans l'histoire du monde fut celui de la grande boucherie qui se fit des Bábís à Teheran.«² Der bekannte Orientalist Prof. E. G. Browne spricht von »einem dieser seltsamen Ausbrüche von Enthusiasmus, Glaubenstreue, heißer Hingabe und unbezähmbarem Heldenmut«, von der »Geburt eines Glaubens, der möglicherweise einmal seinen Platz unter den großen Weltreligionen haben wird«. Und an anderer Stelle: »Der Geist, von dem die Bábí durchdrungen sind, wird unweigerlich jeden, der in seinen Bann gerät, machtvoll ergreifen... Wer es nicht erlebt hat, mag es nicht glauben, aber sollte sich dieser Geist ihm einmal offenbaren, wird er eine Gemütsbewegung erfahren, die er nicht so leicht wieder vergißt.« Comte de Gobineau versichert in seinem Buch: »J'avoue même que, si je voyais en Europe une secte d'une nature analogue au Babysme se présenter avec des avantages tels que les siens, foi aveugle, enthousiasme extrême, courage et dévouement éprouvés, respect inspiré aux indifférents, terreur profonde inspirée aux adversaires, et de plus, comme je l'ai dit, un prosélytism qui ne s'arrête pas, et donc les succès sont constants dans toutes le classes de la société; si je voyais, dis-je, tout cela exister en Europe, je n'hésiterais pas, à prédire que, dans un temps donné, la puissance et le sceptre appartiendront de toute nécessité aux possesseurs de ce grands avantages«.³

¹ des Báb

² `Tausende von Märtyrern sind mit Begeisterung für Ihn in den Tod gegangen. Der Tag des großen Blutbads unter den Bábí in Tihrán war in der Weltgeschichte wohl ohnegleichen.`

³ `Ich muß gestehen, wenn ich in Europa eine derartige Sekte wie den Bábismus entstehen sähe, mit solchen Vorzügen, blindem Glauben, höchster Begeisterung, erprobtem Mut und Opfersinn, eine Sekte, die auch Unbeteiligten Achtung einflößt, ihre Feinde zutiefst verschreckt und darüber hinaus, wie gesagt, unaufhaltsam neue Gläubige gewinnt und Erfolg in allen Gesellschaftsschichten hat - wie gesagt, wenn es das alles in Europa gäbe, ich würde ohne Zögern voraussagen, daß dem, der derart große Vorzüge besitzt, zu gegebener Zeit zwangsläufig Macht und Zepter zufallen werden.`

+5:30

Abbás-Qulí Khán-i-Láríjání, der die tödliche Kugel auf Mullá Husayn abgefeuert hat, soll auf eine Frage des Prinzen Ahmad Mírzá in Gegenwart verschiedener Zeugen geantwortet haben: »Es ist wahr, wer Karbilá nicht gesehen hätte aber Tabarsí, der wüßte, was dort vorging, und dächte nicht mehr an Karbilá. Und hätte er Mullá Husayn von Bushrúyih gesehen, wäre er überzeugt, daß der Höchste Märtyrer¹ auf die Erde zurückgekehrt sei. Und wäre er Zeuge meiner Taten geworden, so hätte er sicher gesagt: `Das ist Shimr, der mit Schwert und Lanze wiederkam ...` Wirklich, ich weiß nicht, was man diesen Leuten gezeigt hat, oder was sie gesehen haben, daß sie sich aufmachten, mit solch heiterer Freude für diese Sache zu streiten... Mit Menschenverstand ist das Ungestüm ihres beherzten Mutes nicht zu begreifen.«

¹ Imám Husayn


+5:31

Zum Schluß können wir uns nun fragen, was wohl das Schicksal der verworfenen Bande war, die, von Bosheit, Gier oder Fanatismus getrieben, das Licht auszulöschen suchte, das der Báb und Seine Anhänger über ihr Land und sein Volk verbreitete? Die Rute des göttlichen Strafgerichts traf sie rasch und mit unnachgiebiger Strenge und verschonte keinen von ihnen, weder den Obersten des Reiches, noch seine Minister und Räte, oder die geistlichen Würdenträger der Religion, mit der seine Regierung unlöslich verbunden war, nicht die Gouverneure, die als seine Repräsentanten tätig waren, und nicht die Führer seiner bewaffneten Streitmacht, die mehr oder weniger freiwillig, aus Angst oder aus Gleichgültigkeit zu den gräßlichen Prüfungen beitrugen, denen der junge Glaube so unverdient unterworfen wurde. Muhammad Sháh, ein zugleich fanatischer und unentschlossener Herrscher, der es abgelehnt hatte, auf den Ruf des Báb zu hören, Ihn in der Hauptstadt zu empfangen und Ihm Gelegenheit zu geben, die Wahrheit Seiner Lehre darzulegen, und der schließlich dem Drängen seines böswilligen Ministers nachgegeben hatte, erlebte mit vierzig Jahren, wie ihn sein bisheriges Glück plötzlich verließ und er in schwere Krankheiten fiel; er war zu jenem »Höllenfeuer« verdammt, das ihn, wie der Autor des Qayyúmu'l-Asmá' geschworen hatte, »am Tag der Auferstehung« unweigerlich verschlingen werde. Der allmächtige Hájí Mírzá Aqásí, sein böser Geist, die Macht hinter dem Thron und Hauptanstifter der Ausschreitungen gegen den Báb einschließlich Seiner Gefangenschaft im Bergland von Ádhirbáyján, wurde kaum eineinhalb Jahre, nachdem er sich zwischen den Sháh und seinen Gefangenen gedrängt hatte, aus der Bahn geschleudert, seines zu unrecht erworbenen Reichtums beraubt, fiel bei seinem Herrscher in Ungnade, war gezwungen, vor der Wut seiner Landsleute im Schrein Sháh Abdu'l-Azím Schutz zu suchen, wurde später mit Schimpf und Schande nach Karbilá ausgewiesen und fiel Krankheit, Armut und nagender Sorge anheim - eine erbärmlich Bestätigung des rügenden Schreibens, in dem ihm sein hoher Gefangener einst sein Schicksal vorausgesagt und seine Schändlichkeit angeprangert hatte. Was den niederträchtigen Aufsteiger, den Amír-Nizám Mírzá Taqí Khán betrifft, der das erste Jahr seiner kurzen Amtszeit mit dem wilden Ansturm gegen die Verteidiger der Festung Tabarsí befleckte, der die Hinrichtung der sieben Märtyrer von Tihrán betrieb und autorisierte, der den Sturm gegen Vahíd und seine Gefährten entfesselte, der für das Todesurteil des Báb unmittelbar verantwortlich war und der den großen Aufstand von Zanján heraufbeschwor, er verwirkte durch den untilgbaren Argwohn seines Herrschers und rachsüchtige Hofintrigen alle Ehren, deren er sich erfreut hatte, und wurde auf den königlichen Befehl hin, ihm im Bad des Palastes von Fín bei Káshán die Pulsadern zu öffnen, heimtückisch umgebracht. Wie Nabíl berichtet, soll Bahá'u'lláh gesagt haben: »Wäre der Amír-Nizám Meines wahren Standes gewahr gewesen, er hätte gewiß Hand an Mich gelegt. Er gab sich größte Mühe, sich über die wirkliche Lage klar zu werden, doch ohne Erfolg. Gott wollte, daß er in Unkenntnis darüber blieb.« Mírzá Aqá Khán, der einen so aktiven Anteil an den zügellosen Greueln hatte, die infolge des Anschlags auf das Leben des Herrschers stattfanden, wurde aus dem Amt gejagt und in Yazd unter strengen Hausarrest gestellt; dort beschloß er seine Tage in Schande und Verzweiflung.

+5:32

Husayn Khán, der Gouverneur von Shíráz, beleumdet als »Weinsäufer« und »Tyrann«, der erste, der es wagte, dem Báb übel zuzusetzen, der Ihn öffentlich tadelte und seinem Diener befahl, Ihn hart ins Gesicht zu schlagen, muße nicht nur das fürchterliche Elend aushalten, das so plötzlich über ihn, seine Familie, seine Stadt und seine Provinz kam, er mußte hernach auch erleben, wie alle seine Werke zunichte wurden, und verbrachte die restlichen Tage seines Lebens im Dunkel, bis er von Freund und Feind verlassen, ins Grab wankte. Hájibu'd-Dawlih, der blutdürstige Feind, der viele unschuldige, wehrlose Bábí so eifrig zu Tode gehetzt hatte, fiel nun selbst der Wut der wilden Luren zum Opfer: Sie plünderten seinen Besitz, schnitten ihm den Bart ab und zwangen ihn, ihn aufzuessen; dann legten sie ihm Zaumzeug an, sattelten ihn und ritten auf ihm vor den Augen der Leute, und dann mußte er mit eigenen Augen ansehen, wie sie sich schamlos und grausam an seinen Frauen und Kindern vergingen. Der Sa'ídu'l-Ulamá, der wild fanatische, unverschämte Mujtahid von Bárfurúsh, dessen unstillbare Feindschaft soviel Schmach über die Helden von Tabarsí gebracht und ihnen so viel Leid zugefügt hatte, fiel bald nach den Gemeinheiten, die er verbrochen hatte, einer seltsamen Krankheit zum Opfer, die mit unstillbarem Durst und eisigen Kälteschauern einherging, gegen die ihm auch die Pelze, in die er sich hüllte, und das Feuer, das ständig in seinem Zimmer brannte, nichts nützten. Der Anblick seines zerstörten, einst luxuriösen Hauses, das nach seinem Tode so herunterkam, daß die Stadtbewohner es schließlich als Müllkippe benützten, machte auf die Einwohner von Mázindarán einen so nachhaltigen Eindruck, daß sie einander, wenn sie sich in die Haare kamen, dasselbe Schicksal für ihre Wohnstätten an den Hals wünschten, das dieses verwünschte Haus befallen hatte. Der falsche, ehrgeizige Mahmúd Khán-i-Kalantar, in dessen Gewahrsam Táhirih vor ihrem Märtyrertod gegeben worden war, zog sich neun Jahre später die Ungnade seines königlichen Herrn zu, wurde mit Stricken an den Füßen durch die Basare geschleift bis zum Richtplatz außerhalb der Stadt und dort an den Galgen gehängt. Mírzá Hasan Khán, der auf Anordnung seines Bruders, des Amír-Nizám, die Hinrichtung am Báb vollzogen hatte, wurde zwei Jahren nach seiner unverzeihlichen Tat einer schrecklichen Strafe unterzogen, die zu seinem Tod führte. Der Shaykhu'l-Islám von Tabríz, der unverschämt habgierige und tyrannische Mírzá Alí Asghar, der, als die Leibwache des Gouverneurs der Stadt sich weigerte, am Báb die Bastonade zu vollstrecken, mit eigener Hand seinem hohen Gefangenen elf Stockschläge auf die Füße verabreichte, wurde noch im selben Jahr mit Lähmung geschlagen und starb, nachdem er das denkbar qualvollste Gottesurteil hatte erleiden müssen, eines elenden Todes - bald nach seinem Tod wurde auch das Amt des Shaykhu'l-Islám in Tabríz abgeschafft. Der hochfahrende Falschspieler Mírzá Abú-Tálib Khán, der die Ratschläge des Großwesirs Mírzá Aqá Khán zum Maßhalten in den Wind schlug und anordnete, das Dorf Tákur zu plündern, in Brand zu stecken und das Haus Bahá'u'lláhs zu zerstören, wurde ein Jahr später von einer Seuche befallen und kam, gemieden selbst von seinen nächsten Verwandten, elend um. Der Shujá'u'l-Mulk Mihr-Alí Khán, der nach dem Attentat auf den Sháh so wütend die letzten Reste der Bábí-Gemeinde in Nayríz verfolgt hatte, wurde krank, Er wurde, wie sein Enkel berichtet, mit Stummheit geschlagen, von der er sich bis zur Todesstunde nicht mehr erholte. Sein Komplize Mírzá Na'ím fiel in Ungnade, mußte zweimal Geldbuße zahlen, wurde seines Amtes enthoben und ausgesuchten Foltern unterworfen. Das Regiment, das des Wunders spottete, von dem sich Sám Khán und seine Leute gewarnt sein ließen, so daß sie einen zweiten Versuch, den Báb zu töten, verweigerten, das Regiment, das freiwillig an die Stelle des ersten trat und Seinen Leib mit Kugeln zerfetzte, verlor noch im selben Jahr nicht weniger als zweihundertfünfzig Mann samt ihren Offizieren in einem schlimmen Erdbeben zwischen Ardibíl und Tabríz; zwei Jahre später wurden die übrigen fünfhundert wegen Meuterei in Tabríz gnadenlos erschossen, und das Volk erinnerte sich beim Anblick ihrer zur Schau gestellten verstümmelten Leichen an ihre grausame Tat von damals und schwelgte im Geraune von Verhängnis und Wunder, so daß die Leitmujtahids sich zu Straf- und Beschwichtigungsmaßmahmen veranlaßt sahen. Der Chef des Regiments, Aqá Ján Bey, kam sechs Jahre nach dem Märtyrertod des Báb bei der Beschießung von Muhammarih durch die britische Marine ums Leben.

+5:33

Das Gottesgericht, das so streng und schonungslos alle heimsuchte, die maßgeblichen oder aktiven Anteil an den Verbrechen am Báb und Seinen Anhängern hatten, traf nicht weniger hart auch das ganze Volk - ein Volk, fanatischer als die Juden zur Zeit Jesu, bekannt für schreiende Unwissenheit, wilde Bigotterie, willentliche Perversität und bestialische Grausamkeit, käuflich, habgierig, egoistisch und feige. Ich kann nichts Besseres tun, als hier anzuführen, was der Báb selbst in den letzten Tagen Seines Amtes im Dalá'il-i-Sab'ih¹ schrieb: »Erinnere dich der ersten Tage der Offenbarung! Wie groß war die Zahl derer, die an Cholera starben! Dies war wahrlich ein Zeichen der Offenbarung und doch hat niemand es erkannt! Vier Jahre lang wütete die Geißel unter den schiitischen Muslimen, ohne daß einer ihre Bedeutung begriffen hätte!« Nabíl schreibt in seinem unsterblichen Bericht: »Was die große Masse des Volkes² betrifft, das mit dumpfer Gleichgültigkeit auf das tragische Geschehen blickte, das sich vor ihren Augen abspielte, und keinen Finger gegen die scheußlichen Greuel rührte, so wurde es von einem Elend heimgesucht, das mit allen Hilfsmitteln des Landes und aller Energie seiner Staatsmänner nicht zu lindern war... Vom Tag an, da sich die Hand des Angreifers gegen den Báb erhob,... preßte diesem undankbaren Volk eine Heimsuchung nach der anderen den Lebensgeist aus und brachte es an den Rand des nationalen Bankrotts. Seuchen, die, abgesehen von flüchtigen Erwähnungen in verstaubten, wenig gelesenen Büchern, bislang kaum dem Namen nach bekannt waren, brachen mit solcher Heftigkeit aus, daß ihnen niemand entfliehen konnte. Diese Geißel brachte Verwüstung, wohin sie auch kam. Prinz und Bauer zugleich spürten ihren Hieb und beugten sich unter ihr Joch. Sie packte das Volk mit hartem Griff und ließ nicht nach in ihrer Gewalt. Wie das bösartige Fieber, das die Provinz Gilán entvölkerte, so verwüsteten plötzlich auftretende Heimsuchungen fortwährend das Land. So schwer das Unheil war, der Rachezorn Gottes machte nicht halt beim Unglück des entarteten, treulosen Volkes. Jedes Lebewesen, das in dem geschlagenen Land atmete, bekam ihn zu fühlen. Er kam auch über Pflanzen und Tiere und ließ die Menschen das ganze Ausmaß ihrer Not verspüren. Eine Hungersnot mit ihren Schrecken mehrte noch die gewaltige Last der Nöte, unter denen das Volk stöhnte. Das dürre Gespenst des Hungertodes ging um, und die Aussicht auf einen langsamen, qualvollen Tod verfolgte die Phantasie... Volk und Regierung seufzten gleicherweise nach Erlösung, vergeblich. Sie leerten den Leidenskelch bis zur Neige und sahen nicht die Hand, die ihn reichte, und nicht Den, um Dessentwillen sie nun zu leiden hatten.«

¹ Sieben Beweise ² in Persien









ZWEITE PERIODE
Die Zeit Bahá'u'lláhs 1853-1892
Kapitel 6
Die Geburt der Bahá'í-Offenbarung

+6:1

Die Kette schrecklicher Ereignisse, die dem verhängnisvollen Attentat auf Násiri'd-Dín Sháh rasch folgten, bezeichnet, wie wir sahen, das Ende der Bábí-Sendung und beschließt das erste, dunkelste und blutigste Kapitel in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts. Eine Phase maßlosen Leids brach infolge dieser Geschehnisse herein, in deren Verlauf es um die Geschicke des vom Báb verkündeten Glaubens am schlechtesten stand. In der Tat hatten seit Anbeginn Prüfungen und Plagen, Rückschläge und Enttäuschungen, Verleumdung, Verrat und Massenmord in wachsendem Maß die Schar seiner Anhänger dezimiert und die Gefolgschaftstreue seiner wackersten Verfechter hart auf die Probe gestellt und fast auch die Grundlagen zerstört, auf denen er ruhte.

+6:2

Seit Anbeginn hatten sich Regierung, Geistlichkeit und Volk wie ein Mann gegen den Glauben gestellt und ihm ewige Feindschaft geschworen. Muhammad Sháh, an Geist und Willen schwach, hatte unter Druck die Vorschläge des Báb verworfen, hatte es abgelehnt, mit Ihm persönlich zusammenzutreffen, und Ihm sogar den Zutritt zur Hauptstadt verwehrt. Schon der jugendliche Násiri'd-Dín Sháh, von Natur grausam und herrschsüchtig, hatte als Kronprinz wie als regierender Fürst in wachsendem Maß eine Feindseligkeit an den Tag gelegt, die in seiner späteren Regierungszeit in all ihrer finsteren, ruchlosen Wildheit zum Ausbruch kommen sollte. Der mächtige und scharfblickende Mu'tamid, diese große Ausnahme, der einzige, der dem Báb den dringend nötigen Beistand und Schutz hätte gewähren können, wurde Ihm durch plötzlichen Tod entrissen. Der Sharíf von Mekka, der anläßlich der Pilgerreise des Báb nach Mekka durch die Vermittlung von Quddús die neue Offenbarung kennengelernt hatte, war taub für die göttliche Botschaft und hatte Seinen Boten mit betonter Gleichgültigkeit empfangen. Die vorbereitete Zusammenkunft, die auf der Rückreise des Báb aus dem Hijáz in der heiligen Stadt Karbilá stattfinden sollte, hatte zur Enttäuschung der sehnsüchtig Seine Ankunft erwartenden Gläubigen endgültig aufgegeben werden müssen. Die achtzehn Buchstaben des Lebendigen, die Hauptstützen des jungen Glaubens, waren größtenteils gefallen. Die »Spiegel«, die »Wegweiser«, die »Zeugen« der Bábí-Hierarchie waren entweder dem Schwert zum Opfer gefallen, aus dem Land gejagt oder zum Schweigen geknüppelt worden. Das Programm, dessen wichtigster Inhalt den Vornehmsten unter ihnen bekannt gegeben war, blieb infolge ihres Übereifers zum größten Teil unerfüllt. Die Versuche zweier Jünger, den Glauben in der Türkei und in Indien einzupflanzen, waren bezeichnenderweise schon am Beginn ihrer Mission gescheitert. Die Stürme, die über Mázindarán, Nayríz und Zanján hinweggefegt waren, hatten die verheißungsvollen Lebensbahnen des verehrten Quddús, des löwenherzigen Mullá Husayn, des gelehrten Vahíd und des unbezwinglichen Hujjat zerstört und darüber hinaus einer beängstigend großen Zahl ihrer erfolgreichsten und mutigsten Mitjünger ein Ende gesetzt. Die schrecklichen Greuel um den Tod der Sieben Märtyrer von Tihrán waren auch schuld, daß ein weiteres lebendiges Symbol des Glaubens ausgelöscht wurde, ein Mann, der durch seine enge Verwandtschaft und vertrauten Umgang mit dem Báb ebenso wie durch seine persönlichen Tugenden, wäre er verschont geblieben, entschlossen für den Schutz und die Förderung des kämpfenden Glaubens gesorgt hätte.

+6:3

Der Sturm, der in der Folgezeit mit beispielloser Wucht über die am Boden zerschlagene Gemeinde hereinbrach, hatte sie auch ihrer größten Heldin, der unvergleichlichen Táhirih, auf dem Höhepunkt ihrer Erfolge beraubt, hatte das Schicksal von Siyyid Husayn besiegelt, des vertrauten Sekretärs des Báb und erwählten Treuhänders Seines letzten Willens, hatte Mullá Abdu'l-Karím-i-Qazvíní niedergestreckt, anerkanntermaßen einer der ganz wenigen, die von sich umfassende Kenntnis über den Ursprung des Glaubens behaupten konnten, und hatte Bahá'u'lláh, den einzigen Überlebenden unter den hochragenden Gestalten der neuen Sendung, in den Kerker gebracht. Der Báb, der Quell, aus dem die Lebensenergie der neugeborenen Offenbarung geflossen war, hatte sich noch vor dem Ausbruch des Sturms unter schrecklichen Umständen den Salven eines Feuerkommandos gestellt und als nominelles Oberhaupt der fast völlig zerbrochenen Gemeinschaft einen Strohmann hinterlassen, der äußerst ängstlich, zwar gut veranlagt, aber leicht beeinflußbar und bar aller hervorstechenden Eigenschaften, nun ohne die führende Hand Bahá'u'lláhs, des wirklichen Oberhaupts, in der Maske eines Derwischs in den Bergen seines Geburtslandes Mázindarán Schutz suchte vor den drohenden Anschlägen eines todbringenden Feindes. Die umfangreichen Schriften des Glaubensstifters - Handschriften, zerstreut, ungeordnet, dürftig übertragen und schlecht verwahrt - waren im fieberhaften Tumult der Zeit zum Teil entweder absichtlich vernichtet, beschlagnahmt oder in Eile aus dem Land, in dem sie offenbart wurden, an sichere Plätze geschafft worden. Mächtige Gegner, unter denen die Figur des außergewöhnlich ehrgeizigen und scheinheiligen Hájí Mírzá Karím Khán hervorragte, der im besonderen Auftrag des Sháhs mit einer Abhandlung den neuen Glauben und seine Lehren bösartig angegriffen hatte, hoben nun das Haupt und überschütteten ihn, ermutigt durch die Rückschläge, die er erlitten, mit Schimpf und Verleumdungen. Überdies wurden einige Bábí unter unerträglichem Druck dazu gebracht, ihren Glauben zu widerrufen, während andere soweit gingen, abtrünnig zum Feind überzulaufen. Und zu diesen schrecklichen Schicksalsschlägen kam nun diese fürchterliche Verleumdung hinzu, ausgelöst von der Freveltat einer Handvoll unverantwortlicher Schwärmer, die den heiligen, unschuldigen Glauben durch eine Schande brandmarkten, die unauslöschlich schien und ihm den Grund zu entziehen drohte.

+6:4

Und doch war das Feuer, das die Hand der Allmacht entzündet hatte, nicht erloschen, wenn auch gedämpft unter der Sturzflut der entfesselten Trübsale. Die Flamme, die neun Jahre hindurch strahlend hell brannte, war für den Augenblick verlöscht, aber die Asche, die die große Feuersbrunst hinterließ, glühte noch und sollten in nicht ferner Zeit, angefacht vom belebenden Wind einer ungleich größeren Offenbarung, von neuem aufflammen und ein Licht ausstrahlen, das nicht nur die Dunkelheit der nächsten Umgebung zerstreuen, sondern bis in die fernsten Fernen der östlichen wie der westlichen Welt leuchten sollte. Wie die erzwungene Isolationshaft des Báb Ihm einerseits ermöglichte, Seine Lehre niederzuschreiben, den vollen Gehalt Seiner Offenbarung zu entfalten, Seine Stufedihrán geboren. Jahre später stellte Bahá'u'lláh fest, als Er Behauptungen zurückwies, die die Rechtmäßigkeit Seiner so rasch auf die des Báb folgenden Sendung bestritten: »Siehe, wie sogleich mit der Vollendung des neunten Jahres dieser wundersamen, dieser heiligsten und gnadenvollsten Sendung die erforderliche Zahl reiner, gänzlich geweihter und geheiligter Seelen sich insgeheim erfüllte.« Ferner versichert Er: »Daß eine so kurze Zeitspanne diese mächtigste, wundersame Offenbarung von Meiner vorausgegangenen Manifestation trennt, ist ein Geheimnis, das niemand enträtseln, ein Mysterium, das kein Verstand erfassen kann. Ihre Dauer war vorherbestimmt.«

+6:7

Johannes, der Gottesmann, hat mit Bezug auf die beiden aufeinanderfolgenden Offenbarungen klar prophezeit: »Das zweite Wehe ist dahin; siehe, das dritte Wehe kommt schnell.«¹ Abdu'l-Bahá spricht über diesen Vers und erläutert: »Das dritte Wehe ist der Tag der Manifestation Bahá'u'lláhs, der Tag Gottes, er folgt kurz auf den Tag der Erscheinung des Báb«.² Ferner: »Alle Völker auf Erden erwarten zwei Manifestationen, die gleichzeitig erscheinen müssen; alles wartet darauf, daß sich diese Verheißung erfüllt.« Und wiederum: »Das Wesentliche ist, daß zwei Manifestationen verheißen sind, die nacheinander auftreten werden.«. Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í, dieser leuchtende Stern göttlicher Führung, der vor dem Jahr sechzig so klar die heraufziehende Herrlichkeit Bahá'u'lláhs erkannt und nachdrücklich auf »die beiden rasch aufeinander folgenden Offenbarungen« hingewiesen hatte, traf in einem Brief, den er mit eigener Hand an Siyyid Kázim schrieb, die bedeutsame Feststellung über die nahe Stunde dieser höchsten Offenbarung: »Das Mysterium dieser Sache muß kundig und das Geheimnis dieser Botschaft notwendig enthüllt werden. Mehr kann ich nicht sagen. Ich kann keine Zeit angeben. Seine Sache wird bekannt werden nach Hín.³«

¹ Offb. 11/14 ² vgl. BF 11/41 ³ 68 - vgl. BABSEL 1/5/5



+6:8

Das Geschehen, wie der Träger dieser neugeborenen, so schnell auf den Báb folgenden Offenbarung die ersten Andeutungen Seiner erhabenen Sendung empfing, wiederholte, ja übertraf an Eindringlichkeit das erschütternde Erlebnis Mose, als Er sich dem brennenden Busch in der Wildnis des Sinai gegenübersah, dasjenige Zarathustras, als Er durch eine Folge von sieben Visionen zu Seiner Sendung erwachte, dasjenige Jesu, als Er aus dem Wasser des Jordan steigend, den Himmel offen und den Heiligen Geist gleich einer Taube herabkommen und über sich leuchten sah, dasjenige Muhammads, als Ihn in der Höhle von Hira, vor der heiligen Stadt Mekka, die Stimme Gabriels hieß: »Rufe im Namen Deines Herrn!«, und dasjenige des Báb, als Er sich im Traum dem blutenden Haupt des Imám Husayn näherte, das von der durchschnittenen Kehle tropfende Blut trank und erwachend Sich selbst als den erwählten Empfänger des Gnadenstroms des Allmächtigen erkannte.

+6:9

An dieser Stelle mögen wir uns wohl fragen, was war und bedeutete diese Offenbarung, die sich so bald nach der Erklärung des Báb kundtat und mit einem Schlag die Sendung abschloß, die jene Religion erst vor kurzem verkündet hatte, und mit solcher Emphase und Kraft die göttliche Autorität ihres Stifters bestätigte? Was, halten wir nachdenklich inne, war der Anspruch Dessen, der selbst ein Jünger des Báb, sich so früh schon für ermächtigt hielt, das von Seinem geliebten Herrn stammende Gesetz aufzuheben? Welche Beziehungen, mögen wir weiter überlegen, könnte es zwischen den bisher bestehenden religiösen Systemen und Seiner eigenen Offenbarung geben - einer Offenbarung, die sich in äußerst gefahrvoller Zeit Seiner kreißenden Seele entrang, das Dunkel jenes verpesteten Loches durchdrang und die Mauern sprengend, sich bis in alle Welt verbreitete, um dem Körper der Menschheit insgesamt ihre grenzenlosen Möglichkeiten zu erschließen, und die nun vor unseren Augen der menschlichen Gesellschaft die Bahn weist?

+6:10

Der unter derart dramatischen Umständen die überwältigende Macht einer so herrlichen Sendung zu tragen hatte, war Derjenige, dem die Nachwelt einmal zujubeln wird, den unzählige Anhänger jetzt schon anerkennen als den Richter, Gesetzgeber und Erlöser der ganzen Menschheit, den Organisator des ganzen Planeten, den Einiger der Menschenkinder, den Eröffner des lang erwarteten tausendjährigen Reichs, den Begründer eines neuen »Universalen Zyklus«, den Stifter des Größten Friedens, den Quell der Größten Gerechtigkeit, den Verkünder des künftigen Zeitalters des ganzen Menschengeschlechts, den Schöpfer einer neuen Weltordnung, den Gründer und beseelenden Geist einer Weltkultur.

+6:11

Er war Israel die Verkörperung des »ewigen Vaters«, des »Herrn der Heerscharen«, herabgestiegen mit »zehntausend Heiligen«, dem Christentum Christus, wiedergekommen »in der Herrlichkeit des Vaters«, dem schiitischen Islám die Wiederkehr des Imám Husayn, dem sunnitischen Islám die Herabkunft des »Geistes Gottes« (Jesu Christi), den Zoroastriern der verheißene Sháh Bahrám, den Hindus die Reinkarnation Krischnas, den die Buddhisten der fünfte Buddha.

+6:12

In dem Namen, den Er trug, vereinigte Er den des Imám Husayn, des berühmtesten Nachfolgers des Gesandten Gottes - der hellste »Stern«, der nach Johannis Offenbarung in der dort erwähnten »Krone«leuchtet - und des Imám Alí, des Gebieters der Gläubigen, des zweiten der im gleichen Buch erwähnten beiden »Zeugen«. Er wurdet-Alí Sháhs - zu einer der ältesten und angesehensten Familien von Mázindarán.

+6:13

Auf Ihn hatte Jesaja¹, der größte jüdische Prophet, hingewiesen, wenn er von der »Herrlichkeit Gottes« sprach, dem «Ewigen Vater«, dem »Friedefürsten«, dem »Wunderbaren«, dem »Rat«, dem »Reis aus dem Stamm Jesse« und dem »Zweig aus Seinen Wurzeln«, »der auf den Thron Davids gesetzt werden soll«, »der kommen wird mit starker Hand«, »der die Nationen richten wird«, »der die Erde schlagen wird mit der Rute Seines Mundes, und mit dem Odem Seiner Lippen erschlagen wird die Gottlosen«, und «der die Verjagten von Israel sammeln und die Zerstreuten aus Juda zuhauf führen wird aus allen vier Enden der Erde«. Von Ihm sang David in seinen Psalmen und rief Ihn an als den »Herrn der Heerscharen« und »König der Herrlichkeit«. Auf Ihn wies Haggai als das »Verlangen aller Nationen« und Sacharja² als den »Sproß, der sprossen wird aus Seinem Ort« und »des Herrn Tempel bauen wird«. Hesekiel pries Ihn als den »Herrn, der König sein wird über alle Welt«, während Joel³ und Zephanja<4> von Seinem Tag sprachen als dem »Tag des Herrn«, wobei der letzte ihn beschrieb als einen »Tag des Grimms, ein Tag der Trübsal und der Angst, ein Tag des Wetters und Ungestüms, ein Tag der Finsternis und des Dunkels, ein Tag der Wolken und des Nebels, ein Tag der Posaune und des Kriegsgeschreis gegen die festen Städte und die hohen Zinnen«. Ferner sprachen auch Hesekiel und Daniel von Seinem Tag als dem »Tag des Herrn«, und Maleachi<5> beschrieb ihn als »den großen und schrecklichen Tag des Herrn«, an dem »soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln«, indes Daniel verhieß, daß Seine Ankunft das Ende der »Greuel der Verwüstung« ankündigen werde.

¹ Jes.9:5f ² Sach.6:12 ³ Joel 1:15; 3:4 <4> Zeph.1:7, 15f <5> Mal.3:19f



+6:14

Von Seiner Sendung heißt es in den heiligen Büchern der Anhänger Zarathustras, daß in ihr die Sonne einen ganzen Monat lang stillstehen werde. Ihn muß Zarathustra gemeint haben, wenn Er, wie es in einer Tradition heißt, vorhersagte, daß eine Periode von dreitausend Jahren des Streites und Kampfes vergehen muß vor der Ankunft des Welterlösers Sháh-Bahrám, der über Ahriman triumphieren und ein Zeitalter des Segens und des Friedens bringen werde.

+6:15

Nur Ihn meint die Gautama Buddha zugeschriebenen Prophezeiung, in der Fülle der Zeit werde sich »ein Buddha namens Maitreya, der Buddha universaler Gemeinschaft« erheben und »Seine grenzenlose Herrlichkeit« offenbaren. Auf Ihn weist die Bhagavadgita der Hindus hin als den »Größten Geist«, den »Zehnten Avatar«, die »Makellose Manifestation Krischnas«.

+6:16

Von Ihm spricht Jesus Christus als dem »Fürsten dieser Welt«, dem »Tröster«, der »die Welt der Sünde tadeln und von Recht und Gerechtigkeit sprechen wird«, dem »Geist der Wahrheit«, der »euch in alle Wahrheit leiten wird«, der »nicht von sich selber reden wird, sondern was Er hören wird, das wird Er reden«, dem »Herrn des Weinbergs«, und dem »Menschensohn, der in der Herrlichkeit Seines Vaters kommen wird in den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit«, mit »allen heiligen Engeln« und »alle Völker vor Seinem Thron versammelt.« Auf Ihn spielt der Verfasser der Apokalypse an als die »Herrlichkeit Gottes«, das »Alpha und Omega«, »den Anfang und das Ende«, »den Ersten und den Letzten«. Seine Offenbarung mit dem »dritten Wehe« gleichsetzend, schilderte er überdies Sein Gesetz als »einen neuen Himmel und eine neue Erde«, das »Allerheiligste Gottes«, die »Heilige Stadt«, das »Neue Jerusalem, herabgefahren von Gott aus dem Himmel, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann«. Von Seinem Tag sprach Jesus Christus als der »Wiedergeburt, wenn des Menschen Sohn sitzen wird auf dem Thron Seiner Herrlichkeit«. Auf die Stunde Seiner Ankunft spielte Paulus an als die Stunde der »letzten Posaune«, der »Posaune Gottes«, während Petrus von ihr als dem »Tag Gottes« sprach, »an welchem die Himmel mit großem Krachen vergehen, die Elemente aber vor Hitze schmelzen«. Seinen Tag beschrieb er ferner als »die Zeiten der Erquickung«, »die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott sprach durch den Mund aller Seiner heiligen Propheten seit Anbeginn der Welt«.

+6:17

Von Ihm spricht Muhammad, der Gesandte Gottes, in Seinem Buch als der »Großen Verkündigung«, und erklärt Seinen Tag als den Tag, an dem »Gott herabkommen« wird, »von Wolken überschattet«, den Tag, an dem »dein Herr kommen wird und die Engel Reihe um Reihe«, an dem »der Geist sich erheben wird und die Engel in Reihen geordnet sind«. In einer Sure dieses Buches, von der es heißt, Er habe sie als »das Herz des Qur'án« bezeichnet, deutet Er Seinen Advent an mit demjenigen des »dritten Boten«, der herabgesandt wird, um die beiden Ihm vorangegangenen »zu stärken«. Seinem Tag zollt Er auf den Seiten desselben Buchs einen glühenden Tribut, indem er Ihn verherrlicht als den »Großen Tag«, den »Letzten Tag«, den »Tag Gottes«, den »Tag des Gerichts«, den »Tag der Abrechnung« den »Tag der gegenseitigen Täuschung«, den »Tag der Scheidung«, den »Tag des Seufzens«, den »Tag der Sammlung«, den Tag, an dem »der Ratschluß erfüllt wird«, den Tag, an dem die zweite »Posaune erschallen wird«, den Tag, »da die Menschheit vor dem Herrn der Welt stehen wird« und »alle in Demut zu Ihm kommen werden«, den Tag, an dem »die Berge, die du für so fest erachtest, vergehen werden wie eine Wolke vergeht«, den Tag, an dem »Abrechnung gehalten wird«, »den nahenden Tag, an dem der Menschen Herzen sich erheben und ihnen der Atem in der Brust stockt«, den Tag, an dem »alle, die in den Himmeln und auf Erden wohnen, in Schrecken versetzt werden, nur der nicht, den Gott zur Errettung auserwählt«, den Tag, an dem »jede stillende Frau ihren Säugling verläßt, und jede Frau, die eine Last in ihrem Schoß trägt, ihre Last abwirft«, den Tag, da »die Erde leuchten wird im Licht ihres Herrn, da das Buch aufgeschlagen wird, die Propheten und die Zeugen aufgerufen werden; und sie werden gerichtet nach Billigkeit, und niemand wird Unrecht leiden.«

+6:18

Ferner vergleicht der Gesandte Gottes, wie Bahá'u'lláh bekundet, die Fülle Seiner Herrlichkeit mit dem »Vollmond in der vierzehnten Nacht«. Seine Stufe betrachtet nach demselben Zeugnis der Imám Alí, der Gebieter der Gläubigen, als identisch mit derjenigen Dessen, »der am Sinai aus dem Brennenden Busch mit Mose sprach«. Vom überragenden Charakter Seiner Sendung legte der Imám Husayn, ebenfalls nach Bahá'u'lláhs Worten, Zeugnis ab als einer »Offenbarung, deren Offenbarer Derjenige« ist, der den Gesandten Gottes »offenbarte«.

+6:19

Über Ihn schrieb Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í, der Herold der Bábí-Sendung, der »die seltsamen Ereignisse zwischen den Jahren sechzig und siebenundsechzig« vorausgeahnt und bestimmt auf das unausweichliche Kommen Seiner Offenbarung hingewiesen hatte, wie schon erwähnt: »Das Mysterium dieser Sache muß kundig und das Geheimnis dieser Botschaft notwendig enthüllt werden. Mehr kann ich nicht sagen. Ich kann keine Zeit angeben. Seine Sache wird bekannt werden nach Hín¹«.

¹ 68, d.h. nach einer Weile; vgl. BABSEL 1/5/5


+6:20

Siyyid Kázim-i-Rashtí, Shaykh Ahmads Jünger und Nachfolger, schrieb gleichfalls: »Der Qá'im muß zwangsläufig getötet werden. Nachdem Er erschlagen ist, wird die Welt das Alter von achtzehn erreichen.« In seinem Buch Sharh-i-Oasídiy-i-Lámíyyih wies er sogar auf den Namen »Bahá« hin. Ferner erklärte er gegen Ende seines Lebens seinen Jüngern sehr bezeichnend: »Wahrlich, ich sage, nach dem Qá'im wird der Qayyúm offenbart werden. Denn wenn der Stern des Qá'im untergegangen ist, wird die Sonne der Schönheit Husayns aufgehen und die ganze Welt erleuchten. Dann wird in all seiner Herrlichkeit das `Mysterium` und das `Geheimnis`, von dem Shaykh Ahmad sprach, enthüllt... Diesen Tag der Tage zu erleben, bedeutet, zum Gipfel der Herrlichkeit vergangener Geschlechter zu gelangen, und eine gute Tat in dieser Zeit vollbracht, ist gleichbedeutend mit der frommen Andacht zahlloser Jahrhunderte.«

+6:21

Der Báb pries Ihn nicht minder eindringlich als den »Inbegriff des Seins«, die »Spur Gottes«, den »allmächtigen Meister«, das »karminrote, alles umfassende Licht«, den »Herrn des Sichtbaren und des Unsichtbaren«, »den einzigen Zweck aller früheren Offenbarungen, einschließlich der des Qá'im«. Er bezeichnete Ihn in aller Form als Den, »den Gott offenbaren wird«, sprach von Ihm als dem »Abhá-Horizont«, unter dem Er selbst lebte und wohnte, zählte besonders Seine Titel auf und pries in Seinem bestbekannten Werk, dem Persischen Bayán, Seine »Ordnung«, enthüllte Seinen Namen durch die Anspielung auf den »Sohn Alís, ein wahrer und unzweifelhafter Führer der Menschen«, legte wiederholt mündlich und schriftlich in einer Weise, die auch nicht den Schatten eines Zweifels zuläßt, den Zeitpunkt Seiner Offenbarung fest und ermahnte Seine Anhänger, sich nicht durch »den Bayán und alles, was darin offenbart worden ist, von Ihm wie durch einen Schleier trennen« zu lassen. Er erklärte überdies, Er sei »der erste Diener, der an Ihn glaubt«, Er sei Ihm schon ergeben gewesen, »ehe alle Dinge erschaffen wurden«, »keine Anspielung« auf Ihn »könne Ihn deuten«, »der jahrealte Keim, der alle Möglichkeiten der bevorstehenden Offenbarung in sich trägt«, sei »mit einer Kraft ausgestattet, die alle Kräfte des ganzen Bayán übersteigt«. Ferner machte Er geltend, Er habe »einen Bund mit allen erschaffenen Dingen geschlossen« bezüglich Dessen, den Gott offenbaren werde, noch ehe der Bund bezüglich Seiner eigenen Sendung errichtet war. Ohne weiteres räumte Er ein, daß Er nur ein »Buchstabe« sei in diesem »Mächtigsten Buch«, ein »Tautropfen« aus dem »Grenzenlosen Meer«, Seine Offenbarung »nur ein Blatt unter den Blättern Seines Paradieses«, daß »alles, was im Bayán erhöht ward«, nur »ein Ring« an Seiner Hand, und Er selbst »ein Ring« sei »an der Hand Dessen, den Gott offenbaren wird«, der »ihn wendet, wie Er will, wozu Er will und wodurch Er will«¹. Unmißverständlich erklärte Er, daß Er sich »ganz für Ihn geopfert«, »willig um Seinetwillen Flüche auf sich genommen«² habe, und »nichts ersehne als den Märtyrertod« auf dem Pfade Seiner Liebe. Schließlich prophezeite Er eindeutig: »Heute befindet sich der Bayán im Stadium der Aussaat; am Beginn der Manifestation Dessen, den Gott offenbaren wird, tritt seine höchste Vollkommenheit in Erscheinung«. »Ehe neun verstrichen seit dem Beginn dieser Sache, werden die Wirklichkeiten der erschaffenen Dinge nicht kund. Alles, was du bis jetzt siehst, ist erst das Stadium des feuchten Keims, ehe Wir ihn mit Fleisch umhüllten. Hab Geduld, bis du eine neue Schöpfung schaust. Sprich: `Selig sei darum Gott, der Trefflichste Schöpfer!`«

¹ BABSEL 6:16:3 ² a.a.O. 2:29:1


+6:22

»Er, um den der Punkt des Bayán (der Báb) kreist, ist gekommen«, bestätigt Bahá'u'lláh die unbegreifliche Größe und die unübertreffliche Art Seiner eigenen Offenbarung. »Wenn alle im Himmel und auf Erden«, versichert Er ferner, »an diesem Tag mit den Kräften und Eigenschaften ausgestattet würden, die den Buchstaben des Bayán bestimmt waren, deren Stufe zehntausendmal herrlicher ist als die der Buchstaben der qur'ánischen Sendung, und wenn sie alle auch nur für einen Augenblick zögerten, Meine Offenbarung anzuerkennen, so zählten sie in den Augen Gottes zu denen, die irregehen, und gälten als `Buchstaben der Verneinung`«. »Er, der König göttlicher Kraft«, versichert Er im Kitáb-i-Iqán¹ in Anspielung auf sich selbst, »hat wahrlich die Macht, mit einem Buchstaben Seiner wundersamen Worte den Lebensodem des ganzen Bayán und seines Volkes auszutilgen und mit einem Buchstaben ihnen ein neues, unsterbliches Leben zu verleihen, so daß sie sich erheben und hervoreilen aus den Gräbern ihrer eitlen, selbstischen Wünsche.« »Dies ist der König der Tage« erklärt Er weiterhin, »Gottes eigener Tag«, der »Tag, dem keine Nacht folgt«, der »Frühling, dem kein Herbst etwas anhaben kann«, »das Auge in vergangene Zeitalter und Jahrhunderte», nach welchem »die Seelen aller Propheten Gottes, eines jeden göttlichen Botschafters, dürsteten«, nach dem sich »all die verschiedenen Menschengeschlechter auf Erden sehnten«, durch den »Gott die Herzen der ganzen Schar Seiner Boten und Propheten prüft und darüber hinaus diejenigen, die vor Seinem geweihten und unverletzlichen Heiligtum Wache stehen, die Bewohner des himmlischen Palastes und die im Tabernakel der Herrlichkeit weilen«. »In dieser mächtigsten Offenbarung«, erklärt Er ferner, »finden alle Sendungen der Vergangenheit ihre höchste, ihre endgültige Vollendung«. Und wiederum: »Keine unter den Manifestationen der Vergangenheit hat je über ein bestimmtes Maß hinaus das Wesen dieser Offenbarung völlig erfaßt.« Bezüglich Seiner eigenen Stufe erklärt Er: »Nur um Seinetwillen wurden die Gottesboten alle mit dem Gewande der Prophetentums bekleidet und die heiligen Schriften alle offenbart.«

¹ IQAN 101


+6:23

Und schließlich ist noch Abdu'l-Bahás Tribut an den alles überragenden Charakter der Offenbarung Seines Vaters zu erwähnen: »Jahrhunderte, Zeitalter müssen vergehen, ehe das Tagesgestirn der Wahrheit wiederum in seinem Hochsommerglanz scheint oder nochmals im Strahl seiner Frühlingsherrlichkeit aufgeht.« »Das bloße Nachdenken über die Sendung, die von der Gesegneten Schönheit ausging«, versichert Er ferner, »genügte, die Heiligen der vergangenen Zeitalter zu überwältigen, die sich darnach sehnten, für einen Augenblick an ihrer großen Herrlichkeit teilzuhaben«. »Bezüglich der Manifestationen, die zukünftig `in den Schatten der Wolken` herabkommen werden, wisse wahrlich«, sagt Er bezeichnend, »daß sie, was die Quelle ihrer Inspiration betrifft, unter dem Schatten der Altehrwürdigen Schönheit stehen. Aber in Seiner Beziehung zu dem Zeitalter, in dem Er erscheint, `tut` jeder einzelne von ihnen, `was Er will.`« Und am Ende heißt es in Seiner lichtvollen, schlüssigen Darlegung über die wahre Beziehung zwischen der Offenbarung Bahá'u'lláhs und der des Báb: »Die Offenbarung des Báb kann mit der Sonne bei ihrem Stand im ersten Tierkreiszeichen, dem Widder, verglichen werden, in das sie mit der Frühlingstagundnachtgleiche eintritt. Die Stufe der Offenbarung Bahá'u'lláhs aber wird vom Zeichen des Löwen dargestellt, der höchsten Stellung der Sonne im Hochsommer. Das heißt, diese heilige Sendung leuchtet hell mit dem Licht der Sonne der Wahrheit von ihrem erhabensten Stand in der Fülle ihres Glanzes, ihrer Wärme und ihrer Herrlichkeit.«

+6:24

Einen erschöpfenden Überblick über die prophetischen Hinweise auf die Offenbarung Bahá'u'lláhs zu geben, ist unmöglich. Das bezeugt die Feder Bahá'u'lláhs: »Alle göttlichen Bücher und Schriften haben den Menschen das Kommen der Größten Offenbarung vorhergesagt und angekündigt. Niemand kann die Verse der Bücher vergangener Zeiten vollständig aufzählen, welche diese höchste Gnade, diese mächtigste Gabe voraussagen.«

+6:25

Um das Thema abzuschließen, muß, wie ich meine, noch gesagt werden, daß die mit Bahá'u'lláh identifizierte Offenbarung uneingeschränkt alle ihr vorausgegangenen Sendungen aufhebt, aber die darin enthaltenen ewigen Wahrheiten entschieden billigt, den göttlichen Ursprung ihrer Stifter fest und rückhaltlos anerkennt, die Heiligkeit ihrer authentischen Schriften unangetastet wahrt, jede Absicht von sich weist, die Stufe ihrer Stifter oder die von ihnen geprägten geistigen Ideale herabzusetzen, vielmehr ihre Aufgaben klarstellt und zueinander in Beziehung setzt, ihren gemeinsamen, unwandelbaren und grundlegenden Zweck von neuem bekräftigt, ihre scheinbar voneinander abweichenden Behauptungen und Lehrsätze miteinander in Einklang bringt, bereitwillig und dankbar ihre besonderen Beiträge zur fortschreitenden Entfaltung der einen göttlichen Offenbarung anerkennt, ohne Zögern zugibt, selbst nur ein Glied in der Kette der ständig fortschreitenden Offenbarungen zu sein, ihre Lehren durch solche Gesetze und Bestimmungen ergänzt, wie die Bedürfnisse der Zeit es erfordern und die wachsende Aufnahmefähigkeit einer sich rasch entwickelnden und ständig sich wandelnden Gesellschaft es verlangt, und daß die Offenbarung Bahá'u'lláhs ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit verkündet, die einander bekämpfenden Sekten und Splittergruppen, in die sie zerfallen sind, in eine universale Gemeinschaft zusammenzuführen und einzugliedern, die im Rahmen und in Übereinstimmung mit der Satzung einer von Gott empfangenen weltvereinigenden, welterlösenden Ordnung wirkt.

+6:26

Diese Offenbarung, die als Verheißung und krönende Herrlichkeit der vergangenen Zeitalter und Jahrhunderte begrüßt wird, als Vollendung aller Sendungen innerhalb des von Adam eingeleiteten Zyklus, die eine Ära von mindestens tausend Jahren und einen Zyklus von nicht weniger als fünftausend Jahrhunderten eröffnet, das Ende des prophetischen Zeitalters und den Beginn der Zeit der Erfüllung bezeichnet, die unübertroffen ist sowohl in der Dauer der Wirkungszeit ihres Stifters wie in der Fruchtbarkeit und dem Glanz Seiner Sendung - diese Offenbarung ward, wie schon gesagt, geboren in der Finsternis eines unterirdischen Verlieses in Tihrán, in einem abscheulichen Loch, das früher als Wasserbehälter für die öffentlichen Bäder der Stadt gedient hatte. Umhüllt von stygischem Dunkel, die fiebererfüllte Luft atmend, benommen von der feuchten, eisigen Umgebung, die Füße im Stock, den Nacken gebeugt von einer schweren Kette, umgeben von Verbrechern schlimmster Art, bedrückt vom Bewußtsein des schrecklichen Makels, der den guten Namen Seines geliebten Glaubens befleckt hatte, schmerzlich des schreckliche Unglücks gewahr, das dessen Vorkämpfer ereilt hatte, und der ernsten Gefahren, die den überlebenden Gläubigen drohten - in dieser kritischen Zeit und unter solch schrecklichen Umständen kam über Ihn der »Größte Geist«, wie Er selbst Ihn bezeichnet und wie er in der zoroastrischen, der mosaischen, der christlichen, der mohammedanischen Sendung jeweils symbolisiert wird als das Heilige Feuer, der Brennende Busch, die Taube und der Engel Gabriel, und offenbarte sich der gemarterten Seele Bahá'u'lláhs in der Gestalt einer »Jungfrau«.

+6:27

»Eines Nachts im Traum waren von allen Seiten diese erhabenen Worte zu hören: `Wahrlich, Wir werden Dich durch Dich selbst und durch Deine Feder siegreich machen. Sei nicht traurig über das, was Dir widerfahren ist, und fürchte Dich nicht, denn Du bist in Sicherheit. Binnen kurzem wird Gott die Schätze der Erde offenkundig machen - Menschen, die Dir beistehen werden durch Dich selbst und durch Deinen Namen, durch welchen Gott die Herzen derer belebt, die Ihn erkannt haben`«¹, schrieb Er, als Er sich an Seinem Lebensabend die ersten Regungen der Gottesoffenbarung in Seiner Seele vor Augen führte. An anderer Stelle beschreibt Er kurz und anschaulich, welche Wirkung die auf Ihn hereinstürzende Kraft des göttlichen Rufs auf Sein ganzes Wesen ausübte - ein Erlebnis, das lebhaft an die Gottesvision erinnert, die Mose in Ohnmacht fallen ließ, und an die Stimme Gabriels, die Muhammad in eine solche Bestürzung versetzte, daß Er in den Schutz Seines Hauses eilte und Sein Weib Khadíjih bat, Ihn in Seinen Mantel zu bergen. »In den Tagen, da Ich im Kerker in Tihrán lag«, so Seine unvergeßlichen Worte, »vergönnten Mir die schweren Ketten, die Mich wundrieben, und die üble Luft nur wenig Schlaf; dennoch hatte Ich in den seltenen Augenblicken des Schlummers ein Gefühl, wie wenn etwas vom Scheitel Meines Hauptes über Meine Brust strömte, einem mächtigen Sturzbach gleich, der sich vom Gipfel eines hohen Berges zu Tal ergießt. Alle Glieder Meines Leibes wurde so in Flammen gesetzt, und Meine Zunge sprach in solchen Augenblicken Worte, die zu hören kein Mensch hätte ertragen können«.²

¹ WOLF 35 ² WOLF 37


+6:28

In Seiner Súratu'l-Haykal¹ beschreibt Er die atemraubenden Augenblicke, da die den »Größten Geist« symbolisierende Jungfrau Seine Sendung der ganzen Schöpfung verkündete: »Versunken in Trübsal, hörte Ich über Meinem Haupt eine höchst wundersame, süße Stimme rufen. Mein Gesicht wendend, sah ich eine Jungfrau - das leibhaftige Gedenken des Namens Meines Herrn - in der Luft vor Mir schweben. So von ganzer Seele erfreut war sie, daß ihr Antlitz im Schmuck des Wohlgefallens Gottes leuchtete und ihre Wangen in der Klarheit des Allbarmherzigen glühten. Zwischen Erde und Himmel stimmte sie einen Ruf an, der der Menschen Herz und Verstand fesselte. Sie tat Meinem inneren wie Meinem äußeren Wesen Botschaften kund zur Freude Meiner Seele und der Seelen der geehrten Diener Gottes. Ihr Finger deutete auf Mein Haupt und sie sprach, an alle im Himmel und auf Erden gewandt: `Bei Gott! Dies ist der Meistgeliebte der Welten, und doch versteht ihr es nicht. Dies ist die Schönheit Gottes unter euch und die Macht Seiner Herrschaft in euch - verstündet ihr es doch! Dies ist das Mysterium Gottes und Sein Schatz, die Sache Gottes und Seine Herrlichkeit für alle, die in den Reichen der Offenbarung und der Schöpfung wohnen - gehörtet ihr doch zu denen, die begreifen!`«

¹ Sure vom Tempel


+6:29

In Seinem Sendbrief an Seinen königlichen Gegner Násiri'd-Dín Sháh, offenbart auf dem Gipfel der Verkündigung Seiner Botschaft, finden sich folgende Sätze, die weiteres Licht auf den göttlichen Ursprung Seiner Sendung werfen: »O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und schlief auf Meinem Lager - siehe, da wehten die Winde des Herrlichsten über Mich und gaben Mir Kenntnis von allem, was war. Diese Sache ist nicht von Mir, sondern von Dem, welcher allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zu erheben zwischen Erde und Himmel, und um dessentwillen befiel Mich, worüber ein jeder Mensch mit Einsicht weinte... Dies ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben... Sein allbezwingender Ruf hat Mich erreicht und ließ Mich Seinen Lobpreis unter allem Volke anstimmen. Fürwahr, Ich war wie ein Toter, als Sein Befehl erscholl. Die Hand des Willens deines Herrn, des Mitleidigen, des Barmherzigen, verwandelte Mich.« »Bei Meinem Leben!« versichert Er in einem anderen Sendbrief, »Ich habe Mich nicht aus eigenem Wollen offenbart, sondern Gott hat Mich nach Seinem Willen offenbart«. Und wieder: »Wann immer Ich Meinen Frieden zu halten und stille zu sein suchte, siehe, da erweckte Mich die Stimme des Heiligen Geistes zu Meiner Rechten, und der Größte Geist erschien vor Meinem Angesicht, und Gabriel warf seinen Schatten über Mich, und der Geist der Herrlichkeit regte sich in Meiner Brust und befahl Mir, Mich zu erheben und Mein Schweigen zu brechen.«

+6:30

Das waren die Umstände, unter denen die Sonne der Wahrheit in der Stadt Tihrán aufging, einer Stadt, die wegen des seltenen Vorrechts, das sie genoß, vom Báb verherrlicht wurde als »Heiliges Land«, und von Bahá'u'lláh die »Mutter der Welt« genannt wurde, der »Morgen des Lichts«, der »Dämmerort der Zeichen des Herrn«, der »Freudenquell für alle Menschen«. Die Morgendämmerung dieses unvergleichlich glanzvollen Lichtes war, wie beschrieben, in der Stadt Shíráz angebrochen. Der erste Lichtstrahl dieser Sonne blitzte jetzt auf über dem Horizont des Síyáh-Chál von Tihrán. Zehn Jahre später brachen ihre Strahlen in Baghdád hervor und zerteilten die Wolken, die unmittelbar nach ihrem Aufgang in dieser finsteren Umgebung ihren Glanz verdunkelt hatten. In der fernen Stadt Adrianopel war ihr bestimmt, den Zenit zu erreichen, um in der Nähe der Festungsstadt Akká wieder unterzugehen.

+6:31

Diese blendende Offenbarung entfaltete ihren Glanz vor den Augen der Menschen natürlich nur langsam und stufenweise. Als ihr Träger die ersten Anzeichen empfing, wurde ihr Charakter weder Seinen Gefährten noch Seinen Angehörigen sogleich oder unmittelbar darauf enthüllt. Ein Zeitraum von nicht weniger als zehn Jahren mußte verstreichen, ehe ihre weitreichenden Folgerungen selbst im Kreis derer, die besonders eng mit Ihm verbunden waren, offen bekannt werden konnten, eine Zeit heftiger geistiger Gärung, in der der hohe Empfänger der gewichtigen Botschaft rastlos die Stunde erwartete, da Er Seine schwerbeladene, von den mächtigen Energien der entstehenden Gottesoffenbarung erfüllte Seele erleichtern konnte. Während dieser vorbestimmten Zwischenzeit wies Er in Briefen, Kommentaren, Gebeten und Abhandlungen, die zu offenbaren Er sich bewogen fühlte, andeutungsweise und in bildlicher Sprache darauf hin, daß die Verheißung des Báb schon erfüllt und Er selbst Derjenige sei, der erwählt wurde, sie einzulösen. Einige Mitjünger, ausgezeichnet durch besonderen Scharfsinn und ihre verehrungsvolle Verbundenheit mit Ihm, spürten die Ausstrahlung der bislang noch nicht offenbarten Herrlichkeit, die Seine Seele durchflutete, und hätten Sein Geheimnis sicher enthüllt und es weit und breit verkündet, wenn Er sie nicht zurückgehalten hätte.





Kapitel 7
Bahá'u'lláhs Exil im Iráq - Erster Teil

+7:1

Der Anschlag auf das Leben Násiri'd-Dín Sháhs fiel, wie schon in einem früheren Kapitel erwähnt, auf den 28. Shavvál des Jahres 1268 n.d.H., was dem 15. August 1852 entspricht. Unmittelbar darauf wurde Bahá'u'lláh in Níyávarán verhaftet, unter schmachvollsten Umständen nach Tihrán geführt und dort im Síyáh-Chál eingekerkert. Seine Gefangenschaft dauerte volle vier Monate, und mitten in dieser Zeitspanne begann das »Jahr neun«, 1269, auf das der Báb in glühenden Worten hingewiesen und Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í als dem »Jahr nach Hín« angespielt hatte, ein Jahr, das der ganzen Welt ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sollte. Zwei Monate nach dem Beginn dieses Jahres wurde Bahá'u'lláh entlassen - Seine Kerkerhaft hatte ihren Zweck erfüllt -, und einen Monat später brach Er nach Baghdád auf, der ersten Station Seines lebenslänglichen Exils, das Ihn im Lauf der Jahre bis nach Adrianopel in der europäischen Türkei führen und mit einer vierundzwanzigjährigen Gefangenschaft in Akká enden sollte.

+7:2

Jetzt, da Er Seinem mächtigen Traumgesicht zufolge mit der Macht und souveränen Amtsgewalt ausgestattet war, die Seine göttliche Sendung mit sich brachte, wurde es nicht nur unvermeidlich, sondern dringend notwendig, daß Er aus der Haft, die ihren Zweck erfüllt hatte und Ihm, hätte sie länger gedauert, die Erfüllung Seiner neuen Aufgaben unmöglich gemacht hätte, frei kam. Auch fehlten nicht die Mittel und Wege, Ihn von den hinderlichen Fesseln zu befreien. Die beharrliche und entschiedene Vermittlung des russischen Gesandten, Fürst Dolgorouki, der nichts unversucht ließ, um die Unschuld Bahá'u'lláhs zu erweisen, das öffentliche Schuldbekenntnis des Mullá Shaykh Alíy-i-Turshízí, genannt Azím, der im Síyáh-Chál in Gegenwart des Hájibu'd-Dawlih und des Dolmetschers des russischen Gesandten, sowie des Repräsentanten des Gouverneurs Ihn nachdrücklich entlastete, die unanfechtbaren Zeugnisse maßgebender Gerichte, die unermüdlichen Anstrengungen Seiner Brüder, Schwestern und sonstigen Angehörigen - all dies wirkte zusammen, Ihn schließlich den Klauen Seiner beutegierigen Feinde zu entwinden. Ein weiteres wichtiges, wenn auch weniger augenfälliges Moment Seiner Befreiung war das Schicksal der großen Zahl Seiner aufopferungsvollen Jünger, die mit Ihm im selben Gefängnis schmachteten. Denn, wie Nabíl richtig bemerkt, war »das Blut, das im Laufe jenes schicksalsschweren Jahres in Tihrán von der Heldenschar, die mit Bahá'u'lláh zusammen eingekerkert war, vergossen wurde, das Lösegeld für Seine Befreiung aus der Hand des Feindes, der Ihn am Vollbringen des Werkes, für das Gott Ihn ausersehen, zu hindern suchte«.

+7:3

Angesichts derart beeindruckender Zeugnisse, die jeden Schatten eines Zweifels an Bahá'u'lláhs Unschuld ausschlossen, sah sich der Großwesir, nachdem er sich seines Souveräns widerwilliger Zustimmung zur Freilassung seines Gefangenen versichert hatte, veranlaßt, seinen bevollmächtigten Stellvertreter Hájí Alí nach dem Síyáh-Chál zu senden mit der Weisung, Bahá'u'lláh den Entlassungsbefehl zu überbringen. Der Anblick, der sich dem Gesandten bei seiner Ankunft darbot, rief solche Empörung in ihm wach, daß er laut seinen Herrn verwünschte ob der beschämenden Behandlung eines Mannes von solchem Rang und makellosem Ruf. Er nahm seinen Mantel von der Schulter, bot ihn Bahá'u'lláh an und bat Ihn inständig, ihn zu tragen, wenn Er vor dem Minister und seinen Räten stünde; doch Bahá'u'lláh lehnte dies entschieden ab, Er zog es vor, in Gefangenenkleidung vor die Mitglieder der kaiserlichen Regierung zu treten.

+7:4

Als Er sich dort zeigte, sprach Ihn der Großwesir an und sagte: »Hätten Sie vorgezogen, meinem Rat zu folgen, und sich vom Glauben des Siyyid-i-Báb losgesagt, so hätten Sie nie die Qual und die unwürdige Behandlung zu erdulden brauchen, die auf Sie gehäuft wurden.« »Hätten Sie indes Meine Ratschläge befolgt«, erwiderte Bahá'u'lláh, »dann wären die Angelegenheiten der Regierung nicht in ein so kritisches Stadium getreten.« Diese Worte erinnerten Mírzá Áqá Khán an ein Gespräch, das er einmal mit Ihm über des Martyrium des Báb geführt hatte und das die Warnung enthielt, daß »die Flamme, die nun entzündet worden, in Zukunft strahlender denn je zuvor leuchten« werde. »Und was raten Sie mir jetzt?« wollte er von Bahá'u'lláh wissen. Die Antwort war sofort: »Befehlen Sie den Gouverneuren Ihres Reiches aufzuhören, unschuldiges Blut zu vergießen, aufzuhören, das Eigentum Unschuldiger zu plündern, aufzuhören, ihre Frauen zu entehren und ihre Kinder zu quälen!« Noch am selben Tag entsprach der Großwesir dem Rat, der ihm also erteilt worden war; aber wie der weitere Verlauf der Ereignisse zeigt, war dies nur von geringer, kurzer Wirkung.

+7:5

Die verhältnismäßig ruhige, friedliche Zeit, die Bahá'u'lláh im Anschluß an die tragische, unmenschliche Haft vergönnt war, sollte nach dem Ratschluß einer unfehlbaren Weisheit nur von ganz kurzer Dauer sein. Er war kaum wieder mit Seiner Familie und den Angehörigen vereint, als ihm die Verfügung Násiri'd-Dín Sháhs übermittelt wurde, derzufolge Er innerhalb eines Monats Persien zu verlassen hätte, wobei Ihm das Recht zugebilligt wurde, das Land Seines Exils selbst zu wählen.

+7:6

Als der russische Gesandte von dieser kaiserlichen Verfügung hörte, sprach Er den Wunsch aus, Bahá'u'lláh unter den Schutz seiner Regierung zu stellen, und bot alle Mittel und Wege an für Seine Übersiedelung nach Rußland. Doch Bahá'u'lláh nahm die von Herzen kommende Einladung nicht an, sondern zog es, einer untrüglichen inneren Führung folgend, vor, Seinen Aufenthalt auf türkischem Gebiet in der Stadt Baghdád zu nehmen. »Als Ich gefesselt und angekettet im Kerker lag«, schrieb Er Jahre später in Seinem Schreiben an den Zaren Alexander 11. Nikolajewitsch von Rußland, »bot Mir einer deiner Gesandten seine Hilfe an. Deshalb hat Gott einen Rang für dich verordnet, welchen keine Erkenntnis begreifen kann, ausgenommen Seine Erkenntnis. Hüte dich, daß du diesen erhabenen Rang nicht verscherzest.« »In den Tagen«, so lautet ein anderes aufklärendes Zeugnis aus Seiner Feder, »da dieser Unterdrückte hart gepeinigt im Kerker lag, gab sich der Gesandte der hochgeachteten Regierung (von Rußland) - Gott, verherrlicht und gepriesen, stehe ihm bei! - die größte Mühe, Meine Freilassung zu erreichen. Einigemale wurde auch die Erlaubnis zu Meiner Entlassung erteilt. Aber einige 'Ulamá der Stadt vereitelten sie. Schließlich erlangte Ich die Freiheit dank dem unablässigen Bemühen Seiner Exzellenz des Gesandten... Seine kaiserliche Majestät, der größte Kaiser - Gott, verherrlicht und gepriesen, stehe ihm bei! - gewährte Mir um Gottes willen seinen Schutz, einen Schutz, der Neid und Feindschaft bei den Törichten auf Erden erregt.«

+7:7

Der Erlaß des Sháhs, der einer unverzüglichen Ausweisung Bahá'u'lláhs von persischem Territorium gleichkommt, eröffnet ein neues, ruhmvolles Kapitel in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts. Genau besehen kann man ihn als den Auftakt zu einer der ereignisreichsten und denkwürdigsten Epochen in der Religionsgeschichte der Welt verstehen. Mit ihm beginnt eine Wirkungszeit, die sich über nahezu vierzig Jahre erstreckt - eine Wirkungszeit, die vermöge ihrer schöpferischen Macht, ihrer reinigenden Kraft, ihres heilsamen Einflusses und der unwiderstehlichen Wirksamkeit der die Welt lenkenden und wandelnden Kräfte, die er entfesselte, nicht ihresgleichen hat in den religiösen Annalen des ganzen Menschengeschlechts. Er steht am Anfang einer Reihe von Ausweisungen, die sich über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten erstrecken und erst mit dem Tod Dessen enden, der der Gegenstand dieses grausamen Erlasses war. Der Prozeß, der nun in Gang kam und sich fortschreitend entfaltete, begann damit, daß Er Seine Sache zunächst inmitten der eifersüchtig behüteten Feste des schiitischen Isláms begründete und mit dessen höchsten und berühmtesten Vertretern persönlich zusammentraf, er konfrontierte Ihn später dann am Sitz des Kalifats mit den bürgerlichen und geistlichen Würdenträgern des Reiches und den Repräsentanten des Sultáns der Türkei, des mächtigsten Herrschers der islámischen Welt, führte Ihn schließlich an die Gestade des Heiligen Landes, womit die im Alten wie im Neuen Testament berichteten Verheißungen erfüllt und das Pfand eingelöst wurde, das in den verschiedenen dem Gesandten Gottes und den Ihm folgenden Imámen zugeschriebenen Traditionen verwahrt ist, und leitete die langerwartete Rückführung Israels zur einstigen Wiege seines Glaubens ein. Damit begann, kann man sagen, der letzte und fruchtbarste von vier Lebensabschnitten, deren erster siebenundzwanzig Jahre sorglosen Genuß all der Vorteile bot, die Reichtum und eine hohe Abstammung gewähren, und sich durch unbeirrbare Fürsorge und Anteilnahme am Wohl der Armen, Kranken und Unterdrückten auszeichnete; anschließend folgten neun Jahre aktiver, vorbildlicher Jüngerschaft im Dienste des Báb und darauf schließlich eine viermonatige Gefangenschaft, überschattet von ständiger Lebensgefahr, bitter durch quälende Sorgen, und gegen ihr Ende verewigt durch den plötzlichen Ausbruch der von einer überwältigenden, seelenerschütternden Offenbarung ausgelösten Kräfte.

+7:8

Diese erzwungene, beschleunigte Abreise Bahá'u'lláhs aus Seinem Geburtsland in Begleitung einiger Verwandter erinnert in mancher Hinsicht an die überstürzte Flucht der heiligen Familie nach Ägypten, die plötzliche Flucht Muhammads bald nach der Übernahme des Prophetenamtes von Mekka nach Medina, den Auszug Mose, Seines Bruders und Seiner Anhänger aus dem Land ihrer Geburt als Antwort auf den göttlichen Ruf, vor allem aber an die Verbannung Abrahams aus Ur in Chaldäa in das verheißene Land. Es war eine Verbannung, die mit ihren vielfachen Wohltaten für so viele verschiedene Völker, Glaubensgemeinschaften und Nationen historisch den unermeßlichen Segnungen, die am heutigen Tag und in künftigen Zeitaltern der ganzen Menschheit geschenkt werden sollen, am nächsten kommt, als unmittelbare Folge des Exils, welches Der erlitt, dessen Sache die Blüte und die Frucht aller vorausgegangenen Offenbarungen darstellt.

+7:9

Nachdem Abdu'l-Bahá in Seinen Beantworteten Fragen¹ die weitreichenden Folgen der Verbannung Abrahams aufgezählt hat, betont Er nachdrücklich: »Mit etwas Überlegung könnte man sich fragen: Wenn die Verbannung Abrahams von Ur nach Aleppo in Syrien solche Auswirkungen hatte, was muß dann die Verbannung Bahá'u'lláhs von Tihrán nach Baghdád, von dort nach Konstantinopel, nach Rumelien und schließlich ins Heilige Land zur Folge haben!«

¹ BF 4/4


+7:10

Am ersten Tag des Monats Rabí'u'th-Thání des Jahres 1269 n.d.H.¹, neun Monate nach Seiner Rückkehr von Karbilá, brach Bahá'u'lláh zu Seiner dreimonatigen Reise nach Baghdád auf, zusammen mit einigen Familienmitgliedern und geleitet von einem Offizier der kaiserlichen Leibwache sowie einem Beamten der russischen Gesandtschaft. Unter denen, die das Exil mit Ihm teilten, war Seine Frau, die selige Navváb, von Ihm das »Erhabenste Blatt« benannt, die fast vierzig Jahre hindurch unentwegt soviel Tapferkeit, gottesfürchtige Hingabe und Seelenadel an den Tag legte, daß ihr aus der Feder ihres Herrn den unvergleichlichen Nachruf zuteil ward, auf »ewig Seine Gefährtin in allen Welten Gottes« zu sein. Sein neunjähriger Sohn, später der »Größte Zweig« genannt, der Mittelpunkt Seines Bundes und bevollmächtigter Interpret Seiner Lehren, und dessen siebenjährige Schwester, später unter dem gleichen Titel bekannt wie ihre berühmte Mutter und nach einem Dienst bis ins hohe Alter von sechsundachtzig Jahren ebenso wie durch ihre erhabene Abstammung berechtigt, künftig als die große Heldin der Bahá'i-Sendung ausgezeichnet zu sein, gehörten ebenfalls zu den Verbannten, die nun ihrem Heimatland ihr letztes Lebewohl sagten. Von den beiden Brüdern, die Ihn auf der Reise begleiteten, war der erste Mírzá Músá, gewöhnlich Aqáy-i-Kalím genannt, Sein getreuer und geschätzter Beistand, der fähigste und bedeutendste unter Seinen Geschwistern und einer der »beiden einzigen Menschen«, die, nach Bahá'u'lláhs Zeugnis, »über den Ursprung« Seines Glaubens »hinreichend unterrichtet waren«. Der andere war Mírzá Muhammad-Qulí, ein Halbbruder, der der Sache, der er sich angelobt hatte, trotz der Unzulänglichkeit einiger Seiner Angehörigen bis zum Ende treu blieb.

¹ 12. Januar 1853


+7:11

Die Reise der kleinen, völlig unzureichend ausgestatteten Schar Verbannter über die schneebedeckten Berge Westpersiens, mitten in einem außergewöhnlich strengen Winter, war lang und gefährlich, aber ohne besondere Ereignisse, bis auf den herzlichen, begeisterten Empfang, der den Reisenden bei ihrem kurzen Aufenthalt in Karand durch den Gouverneur Hayát-Qulí Khán, einen Angehörigen der Allíyu'lláhí-Sekte, bereitet wurde. Ihm widerfuhr seinerseits von Bahá'u'lláh so viel Güte, daß die Bewohner des ganzen Dorfes darüber gerührt waren und noch lange danach Seinen Anhängern auf der Durchreise nach Baghdád große Gastfreundschaft erwiesen, so daß sie in den Ruf kamen, Bábí zu sein.

+7:12

In einem Gebet, das Bahá'u'lláh in jener Zeit offenbarte, geht Er ausführlich auf die Schmerzen und Prüfungen ein, die Er im Síyáh-Chál erduldet hatte, und legt wie folgt Zeugnis ab von den Strapazen und Mühen dieser »schrecklichen Reise«: »Mein Gott, Mein Meister, Mein Verlangen!... Du hast dieses Staubatom durch die vollendete Kraft Deiner Macht erschaffen und Ihn ernährt mit Deinen Händen, die keiner fesseln kann. ... Du hast Ihm Prüfungen und Trübsale bestimmt, die keine Zunge beschreiben und keine Deiner Tafeln gebührend schildern kann. Den Hals, den Du an schmeichelnde Seide gewöhntest, umschlossest Du schließlich mit schweren Ketten, und den Leib, den Du mit Samt und Brokat verwöhntest, unterwarfst Du zuletzt noch demütigender Kerkerhaft. Dein Gebot schlug Mich in ungezählte Fesseln und warf Mir Ketten über den Nacken, die keiner sprengen kann. Jahrelang strömten Trübsale wie Regenschauer der Gnade auf Mich nieder... Wieviele Nächte lang raubte Mir die Last der Ketten den Schlaf, und wieviele Tage waren Mir Ruhe und Frieden versagt um dessentwillen, was die Hände und Zungen der Menschen Mir angetan! Selbst Brot und Wasser, das Du in Deiner allumfassenden Gnade auch den Tieren auf dem Felde gewährest, verweigerten sie eine Zeitlang diesem Diener, und alles ließen sie Mich erdulden, wovon sie jene verschonten, die sich von Deiner Sache lossagten, bis endlich Dein Gebot unwiderruflich feststand und Dein Befehl an diesen Diener erging, Persien zu verlassen, begleitet von wenigen gebrechlichen Menschen und kleinen Kindern, zu einer Jahreszeit, da die Kälte so beißend ist, daß man nicht einmal sprechen, und Eis und Schnee so tief, daß man nicht gehen kann.«

+7:13

Am 28. Jamádíyu'th-Thání 1269 n.d.H.¹ kam Bahá'u'lláh endlich in Baghdád an, der Hauptstadt der damaligen türkischen Provinz Iráq. Von dort ging Er einige Tage später nach Kázimayn, einem Ort etwa drei Meilen nördlich der Stadt, der hauptsächlich von Persern bewohnt war und wo die beiden Kázim, der siebte und der neunte Imám, begraben liegen. Bald nach Seiner Ankunft besuchte Ihn der in Baghdád residierende Regierungsvertreter des Sháhs und schlug Ihm vor, angesichts der vielen Besucher an diesem Wallfahrtsort Seinen Wohnsitz lieber im alten Baghdád zu nehmen, ein Vorschlag, dem Er ohne weiteres zustimmte. Einen Monat später, gegen Ende des Rajab, mietete Er in einem alten Stadtviertel das Haus von Hájí Alí Madad und zog dort mit Seiner Familie ein.

¹ 8. April 1853


+7:14

In dieser Stadt, in islámischen Traditionen als »Zahru'l-Kúfih« beschrieben, Jahrhunderte lang als »Stätte des Friedens«¹ bezeichnet und von Bahá'u'lláh als die »Stadt Gottes« unsterblich gemacht, blieb Er bis auf zwei Jahre Abgeschiedenheit in den Bergen Kurdistáns und gelegentliche Besuche in Najaf, Karbilá und Kázimayn wohnen bis zu Seiner Verbannung nach Konstantinopel. Von dieser Stadt ist im Qur'án die Rede als »Stätte des Friedens«, zu der Gott »ruft«². Von ihr spricht im selben Buch der Vers: »Für sie ist eine Wohnstatt des Friedens bei ihrem Herrn ... an dem Tage, da Er sie versammelt allzumal«.³ Von ihr strahlten Wogen von Kraft aus, von Glanz und Ruhm, die den darniederliegenden, schwer angeschlagenen, verdunkelten und von Vergessen bedrohten Glauben unmerklich neu belebte. Von dort strahlten Tag und Nacht mit wachsender Energie die ersten Impulse einer Offenbarung aus, die an Tragweite, Fülle, Triebkraft, an Umfang und Vielseitigkeit ihres Schrifttums die des Báb noch übertreffen sollte. An ihrem Horizont brachen die Strahlen der Sonne der Wahrheit hervor, deren herrlicher Aufgang zehn Jahre lange von den düsteren Wolken verzehrenden Hasses, unstillbarer Eifersucht und unerbittlicher Bosheit verdeckt war. In ihr wurde das Heiligtum des verheißenen »Herrn der Heerscharen« zuerst errichtet und das lang erwartete Reich des »Vaters« unangreifbar begründet. Aus ihr gingen die ersten Verkündigungen der Heilsbotschaft hervor, die, wie Daniel verhieß, nach Ablauf von »eintausendzweihundertundneunzig Tagen« <4> das Ende »der Greuel der Verwüstung« bezeichnen sollte. In ihren Mauern wurde unwiderruflich das »Größte Haus Gottes« begründet und für immer geweiht, Sein »Fußschemel« und der »Thron Seiner Herrlichkeit«, »Leitstern einer anbetenden Welt«, die »Leuchte des Heils zwischen Himmel und Erde«, das »Zeichen Seines Gedenkens für alle, die im Himmel und auf Erden sind«, darinnen das »Juwel, dessen Strahlenglanz die ganze Schöpfung erleuchtet«, die »Fahne« Seines Königreichs, der »Schrein, um den sich die Gemeinschaft der Gläubigen scharen wird«. Wegen ihrer Heiligkeit als Bahá'u'lláhs »Heiligste Wohnstatt« und »Sitz Seiner unvergänglichen Herrlichkeit« wurde ihr die Ehre zuteil, als Wallfahrtszentrum zu gelten, das zweite nach der Stadt Akká, Seinem »Größten Gefängnis«, in dessen Nähe Sein heiliges Grab, die Qiblih der Bahá'í-Welt, liegt. An der himmlischen Tafel, die in ihrem Zentrum gedeckt war, versammelten sich in stetig wachsender Zahl Geistliche und Laien, Sunniten und Schiiten, Kurden, Araber und Perser, Prinzen und Edelleute, Bauern und Derwische von nah und fern, und alle hatten teil an den göttlichen Gaben im Maß ihrer Bedürfnisse und Fähigkeiten, was sie im Lauf der Zeit befähigen sollte, den Ruhm des gütigen Gebers weithin zu verkünden, die Reihen Seiner Bewunderer zu mehren, Seine Schriften nah und fern zu verbreiten, den Kreis Seiner Gemeinde zu erweitern und einen festen Grund zu legen für die zukünftige Errichtung der Institutionen Seines Glaubens. Und schließlich vollzog sich in ihren Mauern vor den Augen der verschiedenen Gemeinschaften die erste Phase der allmählichen Entfaltung einer neuen Offenbarung, wurden die ersten Früchte aus der erlauchten Feder ihres Urhebers geerntet, die ersten Grundsätze Seiner sich langsam herauskristallisierenden Lehre formuliert, die ersten Folgerungen aus Seiner erhabenen Stellung verstanden, die ersten Angriffe von innen mit dem Ziel, den Glaubens zu spalten, eröffnet und die ersten Siege über Seine inneren Feinde verzeichnet, und dorthin fanden die ersten Pilgerfahrten zum Tore Seiner Gegenwart statt.

¹ vgl.IQAN 22 ² vgl. IQAN 188 ³ Qur'án 6:128f <4> 1290 n.d.H.


+7:15

Das lebenslange Exil, zu dem der Träger dieser kostbaren Botschaft von der Vorsehung verurteilt war, ließ nicht zu, ja mußte verhindern, daß alle latenten Möglichkeiten dieser Botschaft sofort oder in kurzer Zeit in Erscheinung traten. Der Prozeß, durch den ihre unvorstellbaren Segnungen den Menschen vor Augen geführt werden sollten, verlief langsam, schmerzlich langsam, und war gekennzeichnet, wie die Geschichte des Glaubens von Anfang bis heute zeigt, durch eine Anzahl Krisen, die zeitweilig seine Entfaltung aufzuhalten und alle Hoffnungen, die sein Fortschritt keimen ließ, zu ersticken drohten.

+7:16

Eine dieser Krisen, die sich zuspitzend, den neugeboren Glauben zu gefährden und sein junges Fundament zu zerrütten drohte, überschattete die ersten Jahre Seines Aufenthalts im 'Iráq, der ersten Etappe Seines lebenslangen Exils, und verlieh dieser Zeit eine besondere Bedeutung. Anders als die vorausgegangenen Krisen war diese rein intern, veranlaßt durch Taten, Ehrgeiz und Torheit von Leuten, die zu Seinen erklärten Glaubensgenossen zählten.

+7:17

Die äußeren Feinde des Glaubens, weltliche wie geistliche, die bis dahin für seine Rückschläge und Demütigungen hauptverantwortlich waren, verhielten sich inzwischen verhältnismäßig ruhig. Die allgemeine Rachgier, die unersättlich schien, war nach den Strömen von Blut bis zu einem gewissen Grad gestillt. Außerdem hatte sich bei einigen seiner eingefleischten Feinde ein Gefühl zwischen Erschöpfung und Verzweiflung breitgemacht, waren sie doch schlau genug zu erkennen, daß der Glaube wohl von den harten Schlägen, die ihm ihre Hände zugefügt hatten, zwar gebeugt wurde, aber in seiner Struktur im wesentlichen unbeeinträchtigt und in seinem Geist ungebrochen blieb. Ferner hatten die Befehle des Großwesirs an die Provinzgouverneure eine ernüchternde Wirkung auf die lokalen Behörden, die nun abgemahnt waren, ihre Wut und sadistische Grausamkeit an dem gehaßten Gegner auszulassen.

+7:18

Folglich trat vorübergehend eine Ruhepause ein, die aber später wieder gebrochen werden sollte durch eine weitere Welle von Unterdrückungsmaßnahmen, als der Sultán der Türkei, seine Minister, die sunnitische Priesterschaft sich mit dem Sháh und den schiitischen Geistlichen Persiens und des 'Iráq gemeinsam bemühten, ein für allemal den Glauben und alles, was er vertrat, auszurotten. Während nach außen hin Ruhe herrschte, begannen die ersten Anzeichen der erwähnten inneren Krise zutage zu treten - einer Krise, die sich, je mehr sie sich zuspitzte, obgleich für das Auge der Öffentlichkeit weniger auffällig, doch als beispiellos folgenschwer erwies, reduzierte sie doch die zahlenmäßige Stärke der jungen Gemeinschaft, gefährdete ihre Einheit, schadete unermeßlich ihrem Ansehen und trübte für beträchtliche Zeit ihren Ruhm.

+7:19

Die Krise braute sich schon in den Tagen unmittelbar nach der Hinrichtung des Báb zusammen, wuchs in den Monaten, da die lenkende Hand Bahá'u'lláhs infolge Seiner Kerkerhaft im Síyáh-Chál plötzlich abgezogen war, verschärfte sich durch Seine hastige Verbannung aus Persien und begann während der ersten Jahre Seines Aufenthalts in Baghdád mehr und mehr ihre zerstörerischen Züge zu enthüllen. Ihre verheerende Gewalt verstärkte sich in den zwei Jahren Seiner Abgeschiedenheit in den Bergen Kurdistáns, konnte nach Seiner Rückkehr von Sulaymáníyyih zwar unter dem beherrschendenden Einfluß, den Er vor der Erklärung Seiner Sendung ausübte, eine Zeitlang aufgehalten werden, kam aber später mit größerer Heftigkeit zum Ausbruch und erreichte ihren Höhepunkt in Adrianopel, nur um schließlich durch die Wucht der unwiderstehlichen Kräfte, die die Verkündigung dieser Sendung an die ganze Menschheit auslöste, den Todesstoß zu empfangen.

+7:20

Die Zentralgestalt war kein Geringerer als der vom Báb Designierte, der leichtgläubige Hasenfuß Mírzá Yahyá - auf bestimmte Züge seines Charakters wurde auf vorigen Seiten schon hingewiesen. Der finstere Schurke, der diesen eitlen, schwachen Mann betörte und mit unerhörter Geschicklichkeit unablässig gängelte, war ein gewisser Siyyid Muhammad aus Isfahán, berüchtigt für seinen unbändigen Ehrgeiz, seinen blinden Starrsinn und seine unbeherrschte Eifersucht. Von ihm sprach Bahá'u'lláh später im Kitáb-i-Aqdas als demjenigen, der Mírzá Yahyá »vom rechten Wege abgebracht«, und brandmarkte ihn in einer anderen Schrift als »Quell des Neids und Inbegriff allen Unheils«, indes Abdu'l-Bahá die Beziehung zwischen diesen beiden als die des »Säuglings« zur »vielgepriesenen Mutterbrust« bezeichnete. Der Siyyid war nach erzwungenem Abbruch seiner Studien in der Madrisiyi-i-Sadr von Isfahán beschämt und zerknirscht nach Karbilá verzogen, hatte sich dort den Anhängern des Báb angeschlossen, zeigte sich aber nach Dessen Märtyrertod schwankend und bewies damit die Oberflächlichkeit seines Glaubens und die fundamentale Schwäche seiner Überzeugungen. Der erste Besuch Bahá'u'lláhs in Karbilá und die Beweise unverhohlener Verehrung, Liebe und Bewunderung, die Ihm von einigen herausragenden ehemaligen Jüngern und Gefährten Siyyid Kázims entgegengebracht wurde, weckten in diesem berechnenden, skrupellosen Ränkeschmied Neid und ließen in seiner Seele Groll aufkommen, den die Nachsicht und die Geduld, die Bahá'u'lláh ihm entgegenbrachte, nur noch mehr entflammten. Seine irregeführten Helfershelfer, willige Werkzeuge seiner teuflischen Absichten, waren die nicht wenigen verwirrten, enttäuschten und führerlosen Bábí, die schon die Bereitschaft in sich trugen, sich von ihm auf Abwege verführen zu lassen, die den Lehren und Ratschlägen des dahingegangenen Führers genau entgegengesetzt waren.

+7:21

Da der Báb nicht mehr unter Seinen Anhängern weilte, da der von Ihm Designierte entweder auf der Suche nach einem sicheren Versteck die Gebirge Mázindaráns durchstreifte oder im Kleid eines Derwischs oder Arabers von Stadt zu Stadt zog, da Bahá'u'lláh eingekerkert und anschließend aus Seiner Heimat verbannt worden war, da die Blüte des Glaubens in einer anscheinend nicht endenwollenden Reihe von Gemetzeln hingemäht war, waren die Reste jener verfolgten Gemeinschaft in eine Bedrängnis geraten, die sie in lähmenden Schrecken versetzte, ihren Geist erstickte, ihren Verstand verwirrte und ihre Treue auf die härteste Probe stellte. So aufs äußerste zusammengeschmolzen, hatten sie niemanden mehr, auf den sie sich verlassen konnten, der Autorität genug gehabt hätte, ihre schlimmen Ahnungen zu beschwichtigen, ihre Probleme zu lösen oder ihnen ihre Pflichten und Aufgaben vorzuschreiben.

+7:22

Nabíl, der zu jener Zeit durch die Provinz Khurásán, den Schauplatz der bewegten ersten Siege des erstehenden Glaubens, reiste, faßte seine Eindrücke über die herrschende Lage zusammen und schreibt in seinem Bericht: »Das Feuer der Sache Gottes war nahezu überall erloschen. Nirgends mehr vermochte ich eine Spur seiner Wärme zu spüren.« Derselben Quelle zufolge hatte sich der Rest der Gemeinde in Qazvín aufgespalten in vier Parteien, die den absurdesten Doktrinen und Vorstellungen verfallen und bitter verfeindet waren. In Baghdád, einer Stadt, die den glühenden Glaubenseifer der unermüdlichen Táhirih erlebt hatte, fand sich bei Bahá'u'lláhs Ankunft dort unter den Bewohnern nur ein einziger Bábí, während in Kázimayn, das vorwiegend von Persern bewohnt war, nur eine Handvoll Seiner Landsleute übriggeblieben war, die sich noch ängstlich und insgeheim zu ihrem Glauben an den Báb bekannten.

+7:23

Die Sitten unter den Mitglieder der dahinschwindenden Gemeinde waren nicht weniger verfallen als ihre Zahl. So groß waren »ihr Eigensinn und ihre Torheit«, daß Bahá'u'lláh, um mit Seinen eigenen Worten zu sprechen, als erstes beschloß, »sich nach Seiner Entlassung aus dem Gefängnis aufzumachen und alle Kraft an die Aufgabe der geistigen Neubelebung dieser Menschen zu wenden«¹.

¹ WOLF 34


+7:24

In dem Maße wie der Charakter der erklärten Anhänger des Báb sich nachteilig veränderte und die Beweise ihrer immer tiefer greifenden Verwirrung sich häuften, wurden die Unheilstifter, die ständig auf der Lauer lagen mit dem einzigen Ziel, die zunehmende Verschlimmerung der Lage für ihre eigenen Zwecke auszunützen, immer kühner. Das Verhalten Mírzá Yahyás, der den Anspruch erhob, der Nachfolger des Báb zu sein, und sich mit hochtrabenden Titeln brüstete wie Mir'átu'l-Azalíyyih (ewiger Spiegel), Subh-i-Azal (Morgen der Ewigkeit) und Ismu'l-Azal (Name der Ewigkeit), und besonders die Machenschaften des Siyyid Muhammad, den er zum Rang des ersten unter den »Zeugen« des Bayán erhoben hatte, nahmen jetzt eine Art an, daß das Ansehen des Glaubens betroffen und seine künftige Sicherheit ernstlich gefährdet war.

+7:25

Mírzá Yahyá hatte nach der Hinrichtung des Báb einen so schweren Schock erlitten, daß er fast seinen Glauben verloren hätte. Als er geraume Zeit als Derwisch verkleidet in den Bergen von Mázindarán umherschweifte, hatte er durch sein Verhalten die Treue seiner Mitgläubigen in Núr, von denen die meisten durch den unermüdlichen Eifer Bahá'u'lláhs bekehrt worden waren, auf eine so schwere Probe gestellt, daß auch sie in ihrem Glauben wankend wurden und einige soweit gingen, mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen. Später ging er nach Rasht und hielt sich in der Provinz Gílán verborgen bis zu seiner Abreise nach Kirmánsháh, wo er zur besseren Tarnung in den Dienst eines gewissen Abdu'lláh-i-Qazvíní, eines Tuchmachers, trat und dessen Waren verkaufte. Dort war er noch, als Bahá'u'lláh auf Seinem Weg nach Baghdád durch diese Stadt kam, und da er den Wunsch äußerte, in der Nähe Bahá'u'lláhs, jedoch in einem Haus für sich, zu leben, wo er unerkannt einem Gewerbe nachgehen könne, erreichte er, daß ihm Bahá'u'lláh eine Summe Geldes gab, mit dem er einige Ballen Baumwolle kaufte, um sich dann als Araber verkleidet über Mandalíj nach Baghdád aufzumachen. Dort ließ er sich in der Straße der Holzkohlenhändler in einem verfallenen Teil der Stadt nieder, setzte sich einen Turban auf den Kopf, nannte sich Hájí Alíy-i-Lás-Furúsh und ging seiner neuerwählten Beschäftigung nach. Siyyid Muhammad hatte sich indessen in Karbilá niedergelassen und beschäftigte sich, mit Mírzá Yahyá als Hebelarm, eifrig damit, Zwist zu stiften und den Verbannten und der Gemeinschaft, die sich um sie gebildet hatte, das Leben schwer zu machen.

+7:26

So ist es kein Wunder, daß aus der Feder Bahá'u'lláhs, dem es bis jetzt noch nicht möglich war, das Sein Innerstes bewegende Geheimnis zu enthüllen, zu einer Zeit, da die Schatten um Ihn her sich zu vertiefen begannen, folgende Worte der Warnung, des Rates und der Bestätigung flossen: »Die Tage der Prüfungen sind nun gekommen. Meere von Zwist und Trübsal wogen, und die Banner des Zweifels sind in allen Ecken und Enden dabei, Unheil zu schüren und die Menschen ins Verderben zu führen... Laßt es nicht zu, daß die Stimme der Söldner der Verneinung Zweifel in eure Mitte streut, und gestattet euch nicht, Ihn zu mißachten, der die Wahrheit ist, zumal sich in jeder Sendung derartiger Streit erhob. Gott aber wird Seinen Glauben errichten und Sein Licht offenbaren, wenngleich die Aufruhrstifter es verabscheuen... Wachet allezeit über die Sache Gottes ... Alle sind gefangen in Seinem Griff. Es gibt keinen Ort, dahin man fliehen könnte. Glaubt nicht, die Sache Gottes sei etwas, das man auf die leichte Schulter nehmen und in der man seine Launen pflegen könnte. Einige Seelen haben an verschiedenen Orten gegenwärtig den gleichen Anspruch erhoben. Es naht die Zeit, da ... sie alle umkommen und verloren sein werden - nein, völlig zunichte werden sie, zu Staub, so daß keiner mehr ihrer gedenkt.«

+7:27

Mírzá Áqá Ján, einem jungen Bábí, der glühend vor Hingabe unter dem Einfluß eines Traumes vom Báb und infolge seines Studiums einiger Schriften Bahá'u'lláhs überstürzt sein Heim in Káshán verlassen hatte und nach dem Iráq gewandert war in der Hoffnung, dort zu Ihm zu gelangen, und »der erste wurde, der an Ihn glaubte«, und Ihm hinfort als »Khádimu'lláh«¹ vierzig Jahre lang hingebungsvoll in dreifacher Funktion als Sekretär, Gefährte und Begleiter diente - ihm gewährte Bahá'u'lláh mehr als anderen zu dieser kritischen Zeit einen kleinen Einblick in die bis dahin noch nicht enthüllte Herrlichkeit Seiner Stufe. Mírzá Áqá Ján berichtete Nabíl über seine Erlebnisse in jener ersten, unvergeßlichen Nacht, die er in Karbilá in der Gegenwart seines neu entdeckten Geliebten verbrachte, der damals Gast von Hájí Mírzá Hasan-i-Hakím-Báshí war, und legte folgendes Zeugnis ab: »Es war Sommerzeit, Bahá'u'lláh verbrachte gewöhnlich Seine Abende auf dem Dach des Hauses und schlief auch dort... In dieser Nacht legte ich mich, als Er schlafen gegangen war, Seinen Weisungen entsprechend nur wenige Fuß von Ihm entfernt zu einer kurzen Ruhe nieder. Kaum war ich aufgestanden und ... zu einer Ecke auf dem Dach, wo es an eine Mauer stieß, hinübergegangen, um meine Gebete zu verrichten, als ich sah, wie der Gesegnete sich erhob und auf mich zuschritt. Bei mir angelangt, sprach Er: `Auch du bist wach`. Hierauf begann Er einen Gesang anzustimmen, während Er auf und ab schritt. Wie könnte ich jemals diese Stimme beschreiben, die Verse, die sie sang, oder Seinen Gang, wie Er so vor mir hin- und herschritt! Mir war, als ob mit jedem Seiner Schritte und mit jedem Seiner Worte Tausende von Lichtermeeren vor meinem Angesicht wogten, Tausende von Welten sich vor meinen Augen in unvergleichlichem Glanz auftaten und Tausende von Sonnen ihr Licht über mich ausstrahlten. So fuhr Er fort, in dem Mondenschein, der auf Ihn herabströmte, einherzuschreiten und zu singen. Sooft Er in meine Nähe kam, hielt Er inne und sprach in einem Ton, so wundersam, daß keine Zunge ihn beschreiben kann: `Höre Mich, Mein Sohn! Bei Gott, dem Wahrhaftigen! Diese Sache wird mit Gewißheit offenbar werden! Achte nicht der eitlen Rede des Volkes des Bayán, das den Sinn jedes Wortes verdreht`. In dieser Weise fuhr Er fort, auf und ab zu gehen, zu singen und solche Worte an mich zu richten, bis die ersten Streifen der Morgendämmerung sich zeigten... Da brachte ich Sein Bett wieder in Sein Zimmer und wurde, nachdem ich Ihm den Tee bereitet hatte, aus Seiner Gegenwart entlassen.«

¹ `Diener Gottes`


+7:28

Das Vertrauen, das dieser unerwartete, plötzliche Kontakt mit dem Geist und dem führenden Genius einer neugeborenen Offenbarung Mírzá Áqá Ján einflößte, rührte seine Seele bis in die tiefsten Tiefen auf - eine Seele, die ohnedies schon von einer verzehrenden Liebe entflammt war, erwachsen aus der Erkenntnis des achtunggebietenden Einflusses seines neugefundenen Meisters auf Seine Glaubensbrüder im Iráq wie in Persien. Diese tiefe Verehrung, die sein ganzes Wesen durchdrang und sich weder unterdrücken noch verbergen ließ, wurde auch von Mírzá Yahyá und seinem Mitverschworenem Siyyid Muhammad sofort entdeckt. Die Umstände, die zur Offenbarung des Sendbriefs Kullu't-Ta'ám führten, der auf Bitte des Hájí-Mírzá Kamálu'd-Dín-i-Naráqí, eines Bábí von hohem Rang und hoher Kultur, in dieser Zeit niedergeschrieben wurde, mußten die ohnedies schon ernste und bedrohliche Situation zwangsläufig verschärfen. Hájí Mírzá Kamálu'd-Dín hatte den Wunsch, die Bedeutung des Qur'án-Verses: »Jegliche Speise war den Kindern Israel gestattet«, von Mírzá Yahyá erläutert zu bekommen, und bat ihn um einen Kommentar darüber. Die Bitte wurde gewährt, aber nur widerstrebend und in einer Weise, die so viel Unfähigkeit und Oberflächlichkeit zutagetreten ließ, daß Hájí Mírzá Kamálu'd-Dín sehr enttäuscht und sein Vertrauen zu dem Verfasser zunichte war. Darauf wandte er sich mit derselben Bitte an Bahá'u'lláh und wurde eines Sendbriefs gewürdigt, der Israel und seine Kinder mit dem Báb und Seinen Jüngern identifiziert. Das Sendschreiben setzte durch seine Anspielungen, durch die Schönheit seiner Sprache und seine zwingende Beweiskraft die Seele seines Empfängers so in Verzückung, daß er, hätte Bahá'u'lláh ihn nicht davon abgehalten, unverzüglich seine Entdeckung von Gottes verborgenem Geheimnis in der Person des Offenbarers dieses Sendschreibens in die Welt hinausgerufen hätte.

+7:29

Außer diesen Anzeichen immer tieferer Verehrung für Bahá'u'lláh und leidenschaftlicher Anhänglichkeit an Seine Person brachten noch weitere Gründe die bislang verhaltene Eifersucht, die Sein zunehmendes Ansehen in den Übelgesinnten und Feinden weckte, zum Ausbruch. Der stetig wachsende Kreis Seiner Bekannten und Bewunderer, Sein freundschaftliches Verhältnis zu den Behörden bis hin zum Gouverneur der Stadt, die aufrichtige Verehrung, die Ihm häufig spontan entgegengebracht wurde von Männern, die einst bekannte Gefährten Siyyid Kázims waren, die Ernüchterung infolge des ständigen Versteckspiels Mírzá Yahyás, die wenig schmeichelhaften Gerüchte, die über dessen Charakter und Fähigkeiten in Umlauf waren, und dagegen die Anzeichen wachsender Unabhängigkeit, angeborener Klugheit, innerer Überlegenheit und der Fähigkeit zu führen, die unverkennbar bei Bahá'u'lláh zutage traten - all dies trug dazu bei, die Kluft zu vertiefen, die der schändliche und hinterlistige Siyyid Muhammad so eifrig aufzureißen verstanden hatte.

+7:30

Deutlich war nun eine heimliche Opposition zu erkennen, die darauf abzielte, alle Bemühungen Bahá'u'lláhs und alle Anordnungen zur Wiederherstellung der verwirrten Gemeinde zu vereiteln. Ständig wurden Gerüchte in Umlauf gesetzt mit der Absicht, Zweifel und Mißtrauen zu säen, Anspielungen, die Bahá'u'lláh als Usurpator, als Verderber der Gesetze des Báb und als Zerstörer Seiner Sache darstellten. Seine Sendbriefe, Auslegungen, Aufrufe und Kommentare wurden hinter Seinem Rücken kritisiert, in Abrede gestellt und verfälscht. Ein Anschlag auf Seine Person war geplant, kam aber nicht zur Ausführung.

+7:31

Der Leidenskelch Bahá'u'lláhs war nun übervoll. All Seine Ermahnungen, alle Bemühungen, die sich rasch verschlimmernde Situation zu retten, hatten nichts gefruchtet. Sein vielfältiger Kummer steigerte sich sichtbar von Stunde zu Stunde, und Seine Schriften, die Er in dieser düsteren Zeit offenbarte, werfen ein klares Licht auf die Trauer, die Seine Seele erfüllte, und auf die schwierige Situation, in der Er sich befand. In einigen Gebeten bekennt Er bitter, daß sich »Kummer über Kummer« auf Ihn häufte, daß die »Gegner einmütig« über Ihn herfielen, daß »Not und Elend« Ihn schwer heimsuchten und daß Er in das »tiefste Dunkel des Leides« eingetaucht war. Er ruft Gott zum Zeugen für Sein »Seufzen und Klagen«, Seine »Kraftlosigkeit, Armut und Not«, für das »Unrecht«, das Er zu erleiden, und die »Erniedrigung«, die Er zu erdulden hatte. »So kummervoll war Mein Weinen«, bekennt Er in einem dieser Gebete, »daß ich Dich nicht mehr anrufen und preisen konnte.« »So laut war die Stimme Meiner Klage«, versichert Er an anderer Stelle, »daß jede Mutter, die um ihr Kind trauert, darob bestürzt ihr Weinen und ihren Kummer vergäße«. »Das Unrecht, das Ich leide«, klagt Er in Seinem Lawh-i-Maryam, »hat das Unrecht, das Mein Erster Name¹ erlitt, ausgelöscht von der Tafel der Schöpfung«. »O Maryam!«, fährt Er fort, »aus dem Lande Tá² sind Wir auf Befehl des Tyrannen von Persien nach unzähligen Trübsalen in den Iráq gekommen, wo Wir, eben den Fesseln Unserer Feinde entronnen, nun dem Kummer über die Treulosigkeit Unserer Freunde anheimfielen. Gott weiß, was darnach über Mich kam!« Und wiederum: »Ich ertrage, was kein Mensch je ertrug noch ertragen wird.« »Meere von Leid«, bezeugt Er im Sendbrief Qullu't-Ta'ám, »brachen über Mich herein, von denen keine Seele auch nur einen Tropfen zu leeren vermöchte. So groß ist Mein Kummer, daß Meine Seele darob beinahe den Leib verläßt«. »Leihe dein Ohr, o Kamál!« ruft Er im selben Schreiben, in dem Er Seine Lage schildert, »der Stimme dieser kleinen, verlassenen Ameise, die sich in ihrer Höhle verbirgt und sich darnach sehnt, aus eurer Mitte zu scheiden und euch aus den Augen zu schwinden, um all dessentwillen, was die Hände der Menschen verübten. Wahrlich, Gott ist Zeuge zwischen Mir und Seinen Dienern.« Und wiederum: »Wehe Mir, wehe Mir!... Alles, was Ich sah seit dem Tage, da Ich zum ersten Mal die reine Milch aus der Brust Meiner Mutter trank, ist aus Meinem Gedächtnis getilgt um der Taten willen, die die Hände der Menschen begingen.« Ferner entströmten Seiner Feder in der Ode Qasídiy-i-Varqá'íyyih, die Er zur Zeit Seiner Zurückgezogenheit in den Bergen Kurdistáns schrieb zum Lobpreis der den Geist Gottes personifizierenden Jungfrau, die kürzlich zu Ihm herabstieg, folgende Worte, in denen Er Seinem sorgenbeladenen Herzen Luft macht: »Noahs Sintflut ist nur das Maß für die Tränen, die Ich vergoß, und Abrahams Feuer nur ein Ausbruch Meiner Seelenpein. Jakobs Gram ist nur ein Abglanz Meines Leids und Hiobs Trübsal nur ein Bruchteil Meiner Not.« »Schütte Geduld über Mich, o Mein Herr!«, fleht Er in einem Gebet, »und mache Mich siegreich über die Missetäter«. »In diesen Tagen jedoch«, schreibt Er im Kitáb-i-Iqán³, wo Er die Bösartigkeit der Eifersucht schildert, die gerade zu jener Zeit anfing, ihre Giftzähne zu zeigen, »sind solche Gerüche der Eifersucht verbreitet, ... daß seit Anfang und Gründung der Welt ... bis auf den heutigen Tag solche Bosheit, solcher Haß und Neid noch nie erschienen sind und auch in Zukunft nie mehr bezeugt werden.« Und so erklärt Er in einem anderen Sendbrief: »Nahezu zwei Jahre lang mied Ich alles außer Gott und verschloß Meine Augen vor allem außer Ihm, damit das Feuer des Hasses womöglich ersterbe und die Hitze der Eifersucht sich lege.«

¹ der Báb ² Tihrán ³ IQAN 277


+7:32

Mírzá Aqá Ján bezeugt: »Die Gesegnete Schönheit bekundete solche Trauer, daß meine Glieder darob erzitterten.« Wie in Nabíls Bericht festgehalten, schildert er auch, wie er Bahá'u'lláh, kurz bevor Er sich in die Einsamkeit begab, in der Morgendämmerung einmal plötzlich aus dem Haus stürzen sah, die Nachtmütze noch auf dem Kopf; dabei habe Er so verstört ausgesehen, daß es ihm, Mírzá Áqá Ján, unmöglich gewesen sei, in Sein Antlitz zu blicken. Im Gehen habe Er zornig bemerkt: »Diese Geschöpfe sind noch dieselben wie vor dreitausend Jahren, da sie Götzen anbeteten und sich vor dem goldenen Kalb verneigten. Auch jetzt sind sie zu nichts anderem bereit. Welche Verbindung kann es da geben zwischen diesem Volk und Ihm, dem Antlitz der Herrlichkeit? Welche Bande können sie mit dem Einen verknüpfen, der aufs höchste verkörpert, was liebenswert ist?« »Ich stand wie angewurzelt«, erklärte Mírzá Aqá Ján, »leblos, tot wie ein abgestorbener Baum, und beinahe wäre ich niedergestürzt unter der betäubenden Wucht Seiner Worte. Schließlich sagte Er: "Laß sie also sprechen: »Gibt es einen Befreier von Schwierigkeiten außer Gott? Sprich: Gelobt sei Gott! Er ist Gott! Alle sind Seine Diener und alle stehen unter Seinem Befehl!« Sage ihnen, daß sie diese Worte fünfhundertmal wiederholen sollen, nein, tausendmal, Tag und Nacht, ob wachend oder schlafend, damit vielleicht doch das Antlitz der Herrlichkeit vor ihren Augen enthüllt werde und Ströme von Licht sich auf sie ergießen". Er selbst hat, wie man mir später sagte, diesen gleichen Vers gesprochen, und auf Seinem Antlitz war dabei abgrundtiefe Trauer ... Mehrere Male hörte man Ihn in jenen Tagen sagen: "Wir haben eine Zeitlang unter diesem Volk verweilt und dabei nicht den geringsten Widerhall von seiner Seite vernommen". Oft spielte Er auf Sein Verschwinden aus unserer Mitte an, aber keiner von uns verstand die Bedeutung Seiner Worte.«

+7:33

Schließlich schreibt Er einleuchtend im Kitáb-i-Iqán¹, daß Er, als Er »die Zeichen kommender Dinge erkannte«, beschloß, sich »zurückzuziehen, ehe sie geschehen würden«. »Der einzige Zweck Unserer Einsamkeit war«, stellt Er im selben Buch fest, »nicht zum Gegenstand der Zwietracht unter den Gläubigen zu werden, noch zum Quell der Empörung für die Gefährten, zum Mittel der Kränkung einer Seele oder zur Ursache des Kummers eines Herzens.« An derselben Stelle betont Er: »In Unserer Zurückgezogenheit dachten Wir an keine Rückkehr, Unsere Trennung hoffte auf keine Wiedervereinigung.«

¹ IQAN 278


+7:34

Am 12. Rajab 1270 n.d.H.¹ brach Er plötzlich auf, ohne irgend jemanden - auch nicht Seine Familienmitglieder - davon zu unterrichten, begleitet nur von einem Diener, einem Muslim namens Abu'l-Qásim-i-Hamadání, dem Er eine Summe Geldes gab mit der Anweisung, es als Kaufmann für seine Zwecke zu verwenden. Kurze Zeit später wurde dieser Diener von Räubern überfallen und getötet; so blieb Bahá'u'lláh ganz allein auf Seinen Wanderungen durch die Einöden Kurdistáns, in einem Gebiet, dessen rauhe und kampflustige Bevölkerung bekannt war für ihre seit Generationen gehegte Feindschaft gegenüber den Persern, die sie als Abtrünnige vom islámischen Glauben betrachtete und von denen sie sich in Aussehen, Rasse und Sprache unterschied.

¹ 10. April 1854


+7:35

In der rauhen Tracht des Reisenden, nichts als Seine Kashkúl¹ und etwas Wäsche zum Wechseln mit sich führend, zog sich Bahá'u'lláh unter dem Namen eines Derwisch Muhammad in die Wildnis zurück und lebte eine zeitlang auf einem Berg namens Sar-Galú, so weit entfernt von jeder menschlichen Behausung, daß nur zweimal im Jahr um die Zeit der Aussaat und der Ernte die Bauern der Umgebung dorthin kamen. Allein und ungestört, verbrachte Er einen beträchtlichen Teil Seiner Abgeschiedenheit auf der Höhe jenes Berges in einer grobgefügten Steinhütte, die den Bauern als Unterschlupf gegen die Wetterunbilden diente. Zuweilen war auch eine Höhle Seine Behausung, von der Er in Seinen Sendschreiben an den berühmten Shaykh Abdu'r-Rahmán und an Maryam, eine Verwandte, spricht. »Ich durchwanderte die Wildnis der Entsagung«, so beschreibt Er im Lawh-i-Maryam Seine herbe, strenge Einsamkeit, »und zog auf solche Art dahin, daß in Meinem Exil jedes Auge kummervolle Tränen über Mich weinte und alle erschaffenen Dinge ob Meiner Qual blutige Zähren vergossen. Die Vögel in der Luft waren Meine Gefährten, die Tiere des Feldes Meine Genossen«. »Aus Meinen Augen rannen Tränen der Qual«, bekennt Er im Kitáb-i-Iqán² von diesen Tagen, »und in Meinem blutenden Herzen wogte ein Meer von quälender Pein. Wie oft hatte Ich abends nichts zu essen, und wie viele Tage fand Mein Leib keine Ruhe! ... Ganz allein verkehrte Ich mit Meinem Geist und vergaß die Welt und alles darinnen.«

¹ Almosenschale ² IQAN 278


+7:36

In den Oden, die Er in diesen Tagen, völlig abgeschieden, ganz versunken in Andacht und Meditation, offenbarte, in den Gebeten und Monologen, die sich in arabischen und persischen Versen wie in Prosa Seiner kummerbeladenen Seele entrangen und die Er oft in der Dämmerung und während der Nachtwachen zu singen pflegte, verherrlichte Er die Namen und Attribute Seines Schöpfers, pries die Herrlichkeiten und Mysterien Seiner Offenbarung, sang den Lobpreis des als Jungfrau gestalteten Gottesgeistes in Sich, ging auf Seine Einsamkeit und Seine vergangenen und zukünftigen Drangsale ein, verbreitete sich über die Blindheit Seiner Generation, die Treulosigkeit Seiner Freunde und die Verderbtheit Seiner Feinde, bekundete Seinen Entschluß, sich aufzumachen und notfalls auch Sein Leben für die Rechtfertigung Seiner Sache zu opfern, betonte die Grundvoraussetzungen, die jeder Wahrheitssucher mitbringen muß, und erinnerte in Vorahnung Seines eigenen Schicksals an das tragische Geschick des Imám Husayn in Karbilá, die hoffnungslose Lage Muhammads in Mekka, die Leiden Jesu in den Händen der Juden, die Heimsuchungen Mose durch Pharao und sein Volk, und die schwere Prüfung Josephs, als Er in der Grube schmachtete, in die Ihn der Verrat Seiner Brüder gestürzt hatte. Diese ersten, leidenschaftlichen Ergüsse einer Seele, die in der Einsamkeit ihrer selbstgewählten Verbannung damit rang, sich ihrer Last zu entledigen - viele davon sind leider verloren -, sind zusammen mit dem in Tihrán offenbarten Sendbrief Kullu't-Ta'ám und dem Gedicht Rashh-i-Amá die ersten Früchte Seiner göttlichen Feder. Sie sind die Vorläufer jener unsterblichen Werke - Kitáb-i-Iqán, Verborgene Worte und Sieben Täler -, die in den Jahren vor Seiner Erklärung in Baghdád den stetig wachsenden Fundus Seiner Schriften so sehr bereicherten und wegbereitend wurden für das weitere Aufblühen Seines prophetischen Genius in Seiner epochemachenden Verkündigung an die Welt, niedergelegt in Form machtvoller Sendbriefe an die Könige und Herrscher der Menschheit, und für die schließliche Frucht Seiner Sendung, Seine Gesetze und Gebote, die Er während Seiner Haft in Akká, dem Größten Gefängnis, formulierte.

+7:37

Bahá'u'lláh fristete noch immer Sein einsames Leben auf dem Berg, als ein Shaykh aus Sulaymáníyyih, der in der dortigen Gegend ein Grundstück besaß, Ihn, durch einen Traum vom Propheten Muhammad gelenkt, aufspürte. Kurz nachdem es zu dieser Begegnung kam, suchte Shaykh Ismá'íl, der Leiter des Khálidíyyih-Ordens, der in Sulaymáníyyih wohnte, Ihn auf und konnte Ihn nach vielen Bitten dazu bewegen, Seinen Aufenthalt in die Stadt zu verlegen. Inzwischen hatten Seine Freunde in Baghdád herausgefunden, wo Er sich aufhielt, und sandten Shaykh Sultán, den Schwiegervater Aqáy-i-Kalíms, aus, daß er Ihn bitte, wieder zurückzukehren. Als der Bote ankam, wohnte Bahá'u'lláh schon in Sulaymáníyyih, in einem Zimmer, das zum Takyiy-i-Mawláná Khálid¹ gehörte. Shaykh Sultán berichtete Nabíl über seine Erlebnisse und schreibt: »Ich fand alle, die dort mit Ihm lebten, vom Meister bis zum bescheidensten Novizen, so hingerissen von ihrer Liebe zu Bahá'u'lláh und so unvorbereitet auf die Möglichkeit, sich wieder von Ihm trennen zu müssen, daß sie gewiß ohne Zögern, hätte ich ihnen den Zweck meines Kommens gestanden, meinem Leben ein Ende gesetzt hätten.«

¹ Theologisches Seminar


+7:38

Wie Shaykh Sultán erzählt, lernte Bahá'u'lláh bald nach Seiner Ankunft in Kurdistán die ehrenwerten und anerkannten Führer des Naqshbandíyyih-, des Qádiríyyih- und des Khálidíyyih-Ordens, Shaykh Uthmán, Shaykh Abdu'r-Rahmán und Shayk Ismá'íl kennen und konnte sie völlig für sich gewinnen und großen Einfluß auf sie üben. Der erstere, Shaykh Uthmán, zählte zu seinen Anhängern keinen Geringeren als den Sultán selbst und dessen Gefolge. Der zweite, auf dessen Fragen später die Vier Täler offenbart wurden, besaß die unverbrüchliche Treue von mindestens hunderttausend ergebenen Anhängern, indes der dritte von seinen Gefolgsleuten so verehrt wurde, daß sie ihn dem Ordensgründer Khálid selbst gleichstellten.

+7:39

Als Bahá'u'lláh nach Sulaymáníyyih kam, hätte zunächst niemand bei Ihm irgendwelche Gelehrsamkeit oder Weisheit vermutet, da Er sich vollkommen schweigsam und unauffällig verhielt. Nur dadurch, daß zufällig ein Studierender, der Ihn besucht hatte, eine Probe Seiner erlesenen Schreibkunst zeigte, erwachte in den gelehrten Dozenten und Studenten des Seminars die Neugier, sie fühlten sich gedrängt, Ihn anzusprechen und auf Seinen Wissensstand und das Maß Seiner Vertrautheit mit den Künsten und Wissenschaften, die sie pflogen, zu prüfen. Der Studienplatz war berühmt wegen seiner reichen Ausstattung, seiner zahlreichen Takyihs¹ und seiner Beziehung zu Saláhí'd-Dín-i-Ayyúbí und dessen Abkömmlingen²; aus ihm waren einige der berühmtesten Vertreter des sunnitischen Isláms hervorgegangen, um seine Regeln zu lehren; und nun statteten eine Delegation seiner bedeutendsten Doktoren und fähigsten Studenten unter Führung von Shaykh Ismá'íl selbst Bahá'u'lláh einen Besuch ab und baten Ihn, da Er bereit war, ihnen jede beliebige Frage zu beantworten, ihnen im Verlauf von mehreren Zusammenkünften die unklaren Stellen im Futúhát-i-Makkíyyih, dem gepriesenen Werk des berühmten Shaykh Muhi'd-Dín-i-Arabí, zu erläutern. »Gott ist Mein Zeuge«, antwortete Bahá'u'lláhs sogleich der gelehrten Abordnung, »daß Ich das Buch, von dem ihr sprecht, nie gesehen habe. Ich glaube aber, daß es Mir mit Gottes Hilfe ... ein Leichtes ist, alles zu erfüllen, was ihr von Mir wollt.« Er ließ sich jeden Tag von einem der Anwesenden eine Seite des Buches laut vorlesen und konnte alle schwierigen Frage in so erstaunlicher Weise lösen, daß sie Ihn nur noch bewunderten. Er begnügte sich nicht mit der bloßen Erklärung der dunklen Textstellen, sondern legte ihnen die geistige Haltung des Verfassers dar, erläuterte seine Lehrsätze und enthüllte seine Absicht. Mitunter ging Er darüber hinaus und stellte die Stimmigkeit mancher in dem Buch dargelegten Ansichten in Frage, gab selbst eine korrekte Darlegung der mißverstandenen Sachverhalte und belegte sie mit Beweisen und Gründen, die Seine Hörer völlig überzeugten.

¹ persische Spezialität? Küchenchef fragen! - oder sinds Lehrstühle?
² Guru-Single oder Sekte? Schlauen Esoteriker fragen



+7:40

Ob Seiner tiefen Einsicht und Seines umfassenden Verständnisses höchst verwundert, wollten sie nun von Ihm einen nach ihrer Vorstellung letztgültigen Beweis von der einzigartigen Kraft und der Erkenntnis haben, die Er jetzt in ihren Augen offenbar besaß. »Keiner unter den Mystikern, Weisen und Gelehrten«, sprachen sie, da sie sich diese weitere Gunst von Ihm erbaten, »hat sich bisher fähig erwiesen, ein Gedicht zu schreiben, das in Reim und Versmaß der längeren der beiden Oden mit dem Titel Qasídiy-i-Tá'íyyih von Ibn-i-Fárid gleichgekommen wäre. Wir bitten dich, uns ein Gedicht im selben Versmaß und in derselben Reimart zu schreiben.« Diesem Ersuchen kam Er nach mit dem Diktat eines Gedichts von nicht weniger als zweitausend Versen in genau der Art, die sie vorgegeben hatten - hundertsiebenundzwanzig Verse davon griff Er heraus und erlaubte ihnen, sie zu behalten; den Inhalt der übrigen erachtete Er als zu weit vorausgreifend und nicht geeignet für die Erfordernisse der Zeit. Die hundertsiebenundzwanzig Verse aber bilden das Qasídiy-i-Varqá'íyyih, das Seinen arabisch sprechenden Anhängern vertraut und unter ihnen weit verbreitet ist.

+7:41

Auf diesen wunderbaren Beweis der Weisheit und Geistesmacht Bahá'u'lláhs hin anerkannten sie einmütig, daß jeder einzelne Vers dieses Gedichtes eine Kraft, Schönheit und Macht besaß, die alles weit überstieg, was in den Oden jenes berühmten Dichters, großen wie kleinen, enthalten war.

+7:42

Diese Episode, das bei weitem hervorstechendste unter den Geschehnissen während der zweijährigen Abwesenheit Bahá'u'lláhs von Baghdád, erregte in hohem Maß das Interesse, mit dem eine zunehmende Anzahl der in den Seminaren von Sulaymáníyyih und Karkúk versammelten 'Ulamás, Schüler, Shaykhs, Doktoren, Heiligen und Prinzen Sein tägliches Wirken verfolgten. Durch Seine zahlreichen Gespräche und Briefe eröffnete Er vor ihren Augen neue Ausblicke, löste die Probleme, die ihren Verstand herausforderten, erklärte die innere Bedeutung mancher bisher dunklen Stellen in den Schriften verschiedener Kommentatoren, Dichter und Theologen, die ihnen noch nicht aufgefallen waren, und brachte die anscheinend widersprüchlichen Behauptungen, die sich in großer Zahl in den Erörterungen, Gedichten und Abhandlungen fanden, miteinander in Einklang. Er genoß soviel Achtung und Respekt, daß einige Ihn für einen der »Männer des Unsichtbaren« hielten, andere für einen Meister der Alchemie und der Wahrsagekunst, wieder andere nannten Ihn einen »Angelpunkt des Weltalls«, indes viele Seiner Bewunderer sogar dachten, daß Sein Rang der eines Propheten sei. Kurden, Araber und Perser, Gelehrte und Analphabeten, hoch und niedrig, jung und alt, alle, die kamen, um Ihn kennenzulernen, erwiesen Ihm die gleiche Ehre, und nicht wenige unter ihnen kamen Ihm mit echter, tiefer Zuneigung entgegen - und dies trotz gewisser Behauptungen und Anspielungen, die Er öffentlich bezüglich Seines geistigen Ranges gemacht hatte und die, wären sie einem anderen menschlichen Wesen über die Lippen gekommen, einen Sein Leben gefährdenden Sturm entfesselt hätten. So nimmt es nicht wunder, daß Bahá'u'lláh im Lawh-i-Maryam die Zeit Seiner Zurückgezogenheit als »das machtvollste Zeugnis« und den »vollkommensten, schlüssigsten Beweis« für die Wahrheit Seiner Offenbarung bezeichnet. Abdu'l-Bahá schreibt hierzu: »Innerhalb kurzer Zeit war Kurdistán von Seiner Liebe magnetisiert. Bahá'u'lláh lebte während dieser Zeit in Armut. Er trug die Kleidung der Armen und Elenden. Seine Speise war die der Darbenden und Geringen. Doch die Aura von Majestät umstrahlte Ihn wie die Mittagssonne. Überall war Er hoch geehrt und geliebt.«

+7:43

Während so in einem fremden Land und unter einem fremden Volk der Grund für Bahá'u'lláhs künftige Größe gelegt wurde, verschlimmerte sich die Lage der Bábí-Gemeinde sehr schnell. Die Unheilstifter und ihre irregeleiteten Gefährten, erfreut und erkühnt ob Seiner unerwartet lang sich hinziehende Abwesenheit vom Schauplatz Seiner Tätigkeit, waren eifrig beschäftigt, ihr schändliches Treiben noch weiter auszudehnen. Mírzá Yahyá, der sich die meiste Zeit in sein Haus einschloß, betrieb durch seine Korrespondenz mit Bábí, denen er vertraute, insgeheim einen Feldzug gegen Bahá'u'lláh mit der Absicht, Ihn in Verruf zu bringen. Aus Furcht vor einem möglichen Gegenspieler hatte er Mírzá Muhammad-i-Mázindarání, einen seiner Anhänger, nach Adhirbáyján geschickt mit der ausdrücklichen Weisung, Dayyán¹ zu ermorden, Dayyán, den »Verwahrungsort der Erkenntnis Gottes«², dem er jedoch den Beinamen »Vater aller Laster« gab und den er als »Tághút«³ brandmarkte, während der Báb ihn ausgezeichnet hatte als den »Dritten Buchstaben, der an Ihn, den Gott offenbaren wird, glaubt«. In seiner Tollheit hatte Mírzá Yahyá überdies Mírzá Áqá Ján veranlaßt, nach Núr zu gehen, um dort einen günstigen Augenblick für einen erfolgreichen Anschlag auf das Leben des Herrschers abzuwarten. Seine schamlose Unverfrorenheit wurde so groß, daß er eine so ruchlose Tat beging - und Siyyid Muhammad anstiftete, sie zu wiederholen -, daß Bahá'u'lláh sie als »den schmerzlichsten Verrat« bezeichnete, der die Ehre des Báb verletzte und »alle Lande in überwältigenden Kummer stürzte«. Ein weiterer Beweis für die Ungeheuerlichkeit seiner verbrecherischen Natur: Er ordnete an, daß Mírzá Alí-Akbar, der Vetter des Báb, ein glühender Verehrer Dayyáns, heimlich getötet werden solle - ein Befehl, der in all seiner Schändlichkeit zur Ausführung kam. Was nun Siyyid Muhammad betrifft, dem jetzt sein Meister, Mírzá Yahyá, freie Hand ließ, so umgab sich dieser - wie Nabíl, der zu jener Zeit mit ihm zusammen in Karbilá war, nachdrücklich bekräftigt - mit einer Schlägerbande, der er nicht nur erlaubte, sondern die er geradezu ermunterte, nachts den vermögenden, nach Karbilá gekommenen Pilgern den Turban vom Kopf zu reißen und die Schuhe zu stehlen, aus dem Schrein des Imám Husayn die Polsterliegen und Kerzen zu rauben und von den öffentlichen Brunnen die Trinkbecher wegzunehmen. Die Tiefen der Ehrlosigkeit, zu denen diese sogenannten Anhänger des Bábí-Glaubens herabgesunken waren, riefen in Nabíl unwillkürlich die Erinnerung an den erhabenen Verzicht wach, den die Gefährten Mullá Husayns bewiesen, als sie auf den Rat ihres Führers verächtlich das Gold, Silber und Geschmeide, das sie besaßen, wegwarfen, oder an das Verhalten Vahíds, der es nicht gestattete, auch nur den geringsten Wertgegenstand aus den Schätzen, die sein prachtvoll eingerichtetes Haus in Yazd barg, vor der Plünderung durch den Mob in Sicherheit zu bringen, und an die Verfügung Hujjats, der seinen dem Hungertod nahen Gefährten nicht erlaubte, sich am Eigentum anderer zu vergreifen, auch wenn es darum ging, das eigene Leben zu retten.

¹ Mírzá Asadu'lláh von Khuy
² wie der Báb ihn genannt hatte; Anm. von H.M.Balyuzi in Bahá'u'lláh, der Herr der Herrlichkeit S.151
³ ein Götzenbild des vorislamischen Arabiens



+7:44

Die anmaßende Unverfrorenheit der demoralisierten und irregeleiteten Bábí ging so weit, daß nicht weniger als fünfundzwanzig Personen, wie Abdu'l-Bahá bezeugt, die Vermessenheit besaßen, sich selbst als den vom Báb angekündigten Verheißenen zu erklären. Ihr Ansehen sank so sehr, daß sie sich kaum mehr öffentlich sehen lassen konnten. Kurden und Perser beschimpften sie um die Wette, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten, und zogen die Sache, zu der sie sich bekannten, offen in den Schmutz. Es ist darum kein Wunder, wenn Bahá'u'lláh bei Seiner Rückkehr nach Baghdád die damalige Situation mit den Worten beschreibt: »Wir fanden kaum mehr als eine Handvoll Seelen vor, mutlos und matt, ja völlig verloren und wie tot. Kein Mensch trug mehr die Sache Gottes auf den Lippen, und kein Herz war mehr bereit, ihre Botschaft zu empfangen.« So sehr überwältigte Ihn bei Seiner Ankunft die Trauer, daß Er sich eine Zeitlang weigerte, Sein Haus zu verlassen, abgesehen von Seinen Besuchen in Kázimayn und Seinen gelegentlichen Zusammenkünften mit ganz wenigen Freunden, die in dieser Stadt und in Baghdád wohnten.

+7:45

Die Lage, die sich während Seiner zweijährigen Abwesenheit so verschlimmert hatte, forderte gebieterisch Seine Rückkehr. Im Kitáb-i-Iqán erklärt Er, daß »... aus dem mystischen Quell der Ruf an Uns erging, der Uns zurückzukehren befahl, woher Wir gekommen waren. Wir ergaben Unseren Willen dem Seinigen und unterwarfen Uns Seinem Geheiß.« Wie Nabíl in seinem Bericht mitteilt, versichert Er Shaykh Sultán gegenüber nachdrücklich: »Bei Gott, neben dem es keinen Gott gibt! Wenn Ich nicht erkannt hätte, daß die gesegnete Sache des Ersten Punktes nahe daran war, völlig zu erlöschen, und somit all das heilige Blut, das auf dem Pfade Gottes verströmt worden war, vergeblich vergossen wäre, hätte Ich Mich nie und nimmer bereit gefunden, wieder zum Volke des Bayán zurückzukehren, und hätte sie der Anbetung der von ihnen selbst geschaffenen Götzen überlassen.«

+7:46

Selbst Mírzá Yahyá, der sehr wohl erkannte, wohin es mit seiner uneingeschränkten Führerschaft des Glaubens gekommen war, hatte Ihn mehrfach, auch schriftlich, angefleht, wieder zurückzukommen. Nicht weniger dringlich waren die Bitten Seiner Verwandten und Freunde, besonders Seines damals zwölfjährigen Sohnes Abdu'l-Bahá, dessen Seele so von Kummer und Einsamkeit verzehrt war, daß Er, wie Nabíl berichtet, im Gespräch bekannte, Er sei damals nach dem Weggang Bahá'u'lláhs, obwohl erst im Knabenalter stehend, alt geworden.

+7:47

Nachdem Bahá'u'lláh sich entschlossen hatte, Seine Abgeschiedenheit zu beenden, nahm Er Abschied von den Shaykhs in Sulaymáníyyih, die jetzt zu Seinen eifrigsten, und wie ihr weiteres Verhalten bewies, beständigsten Bewunderern zählten. Begleitet von Shaykh Sultán, lenkte Er Seine Schritte wieder nach Baghdád, zu »den Ufern des Flusses der Drangsale«, wie Er es nannte. Er machte diese Reise in kleinen Etappen, da diese letzten Tage Seiner Zurückgezogenheit, wie Er Seinem Reisegefährten erklärte, »die einzigen Tage des Friedens und der Ruhe« seien, die Ihm noch blieben, »Tage, die Mir nie wieder beschieden sein werden«.

+7:48

Am 12. Rajab 1272 n.d.H.¹ kam Er in Baghdád an, genau zwei Mondjahre nach Seinem Weggang nach Kurdistán.


¹ 19. März 1856





Kapitel 8
Bahá'u'lláhs Exil im Iráq - Zweiter Teil

+8:1

Bahá'u'lláhs Rückkehr von Sulaymáníyyih nach Baghdád stellt einen höchst bedeutsamen Wendepunkt in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts dar. Nach der tiefen Ebbe in den Gezeiten der Glaubensgeschicke begann nun die Flut zurückzubranden, um stetig und machtvoll anzusteigen bis auf einen neuen Hochstand zur Zeit der Erklärung Seiner Mission am Vorabend Seiner Ausweisung nach Konstantinopel. Mit Seiner Rückkehr nach Baghdád gewann der Glaube allmählich festen Halt, wie er ihn in seiner bisherigen Geschichte nicht kannte. Abgesehen von den ersten drei Jahren seines Bestehens konnte sich der Glaube nie zuvor auf ein festes und allen zugängliches Zentrum stützen, an das seine Anhänger sich um Führung hätten wenden und von dem sie stets und reibungslos Anregung hätten empfangen können. Der Báb verbrachte mehr als die Hälfte Seiner kurzen Wirkungszeit am äußersten Rand Seines Heimatlandes, wo Er verborgen und von der großen Mehrzahl Seiner Jünger völlig abgeschnitten war. In der Zeit unmittelbar nach Seinem Märtyrertod herrschte eine Verwirrung, die noch beklagenswerter war als die durch Seine erzwungene Haft verursachte Isolation. Und als die von Ihm verheißene Offenbarung eintraf, blieb doch zunächst eine Erklärung aus, die den Angehörigen der zerstreuten Gemeinde hätte Anlaß sein können, sich um die Person ihres erwarteten Erlösers zu scharen. Das lange Versteckspiel Mírzá Yahyás, des vorläufig für die Zeit bis zur Offenbarung des Verheißenen ernannten Mittelpunkts, die neunmonatige Abwesenheit Bahá'u'lláhs von Seinem Heimatland während Seines Besuchs in Karbilá, rasch anschließend Seine Einkerkerung im Síyáh-Chál, Seine Ausweisung nach dem 'Iráq und spätere Abgeschiedenheit in Kurdistán - alles zusammen verlängerte den labilen Zustand, den die Bábí-Gemeinde durchleben mußte.

+8:2

Wenngleich Bahá'u'lláh sich zurückhielt und das Geheimnis Seiner Stellung nicht lüftete, konnten sich die Bábí endlich mit ihrem Hoffen und Handeln um Den scharen, den sie - wie immer sie auch Seine Stufe ansahen - für fähig hielten, die Festigkeit und Unversehrtheit ihres Glaubens zu gewährleisten. Die Orientierung, die der Glaube auf diese Weise erhielt, und der feste Mittelpunkt, zu dem er nun hinstrebte, wurden in mannigfacher Weise zu seinem herausragenden Wesenszug, den er nie mehr verlor.

+8:3

Der Glaube des Báb war, wie gesagt, infolge der schweren Schläge, die ihn in rascher Folge trafen, nahe am Erlöschen. Auch die gewaltige Offenbarung, die Bahá'u'lláh im Síyáh-Chál empfing, konnte nicht sofort spürbare Ergebnisse zeitigen der Art, daß sie festigenden Einfluß auf die nahezu zerfallene Gemeinde ausgeübt hätte. Die unerwartete Landesverweisung Bahá'u'lláhs war ein weiterer Schlag für ihre Angehörigen, die sich daran gewöhnt hatten, ihr Vertrauen auf Ihn zu setzen. Der Rückzug und die Untätigkeit Mírzá Yahyás beschleunigten den begonnenen Zerfallsprozeß. Und daß sich Bahá'u'lláh so lange nach Kurdistán zurückzog, schien die völlige Auflösung zu besiegeln.

+8:4

Nun aber stieg nach einem so bedenklichen Tiefstand wieder die Flut und brachte auf ihrem Hochstand unschätzbare Segnungen mit sich, um die Verkündigung der in Bahá'u'lláh schon insgeheim enthüllten Offenbarung einzuleiten.

+8:5

Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß in den sieben Jahren zwischen der Wiederaufnahme Seiner Tätigkeit und der Erklärung Seiner prophetischen Sendung - die Jahre, denen wir nun unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen - unter dem Namen und in der Form einer wieder auflebenden Bábí-Gemeinde die Bahá'í-Gemeinde entstand und langsam Gestalt gewann, obgleich ihr Schöpfer weiterhin als einer der vornehmsten Jünger des Báb in Erscheinung trat und handelte. Während dieser Zeit schwand das Ansehen des nominellen Oberhauptes der Gemeinde mehr und mehr dahin und verblaßte vor dem aufleuchtenden Glanz Dessen, der ihr wahrer Führer und Erlöser war. Es war die Zeit, da die ersten Früchte eines Exils, das unermeßliche Möglichkeiten barg, reiften und eingebracht wurden. Sie wird in die Geschichte eingehen als ein Zeitabschnitt, in dem die neuerstandene Gemeinde unermeßlich im Ansehen stieg, völlig ihr sittliches Verhalten erneuerte, sich zu Dem, der ihr Glück wiederherstellte, begeistert bekannte, ihr Schrifttum außerordentlich bereicherte und sich allgemein ihrer Siege über ihre neuen Gegner vergewissern konnte.

+8:6

Das Ansehen der Gemeinde und insbesondere Bahá'u'lláhs begann nun, seit den Anfängen in Kurdistán, stetig und in steigendem Maße zu wachsen. Bahá'u'lláh hatte kaum die Zügel der Autorität, die Er aus der Hand gegeben, wieder aufgenommen, da strömten die ergebenen Bewunderer, die Er in Sulaymáníyyih zurückgelassen, mit dem Ruf »Darvísh Muhammad« auf den Lippen und dem Ziel »Haus des Bábí Mírzá Músá« vor Augen in Scharen nach Baghdád. Die führenden Geistlichen der Stadt wie der bekannte Ibn-i-Álúsí, der Muftí von Baghdád, der Shaykh Abdu's-Salám, Shaykh Abdu'l-Qádir und Siyyid Dáwúdí, die erstaunt so viele kurdische 'Ulamá und Súfí vom Qádiríyyih- wie vom Khálidíyyih-Orden sich zum Hause Bahá'u'lláhs drängen sahen, begannen nun ihrerseits im Wettlauf der Volksgruppen und Sekten, Seine Gegenwart aufzusuchen, und reihten sich, nachdem sie auf ihre verschiedenen Fragen vollkommen befriedigende Antworten erhalten hatten, in die Schar Seiner frühen Bewunderer ein. Daß die hochangesehenen Führer uneingeschränkt anerkannten, was das Wesen und Verhalten Bahá'u'lláhs auszeichnete, weckte die Neugier und später auch den uneingeschränkten Beifall seitens einer großen Zahl weniger prominenter Zeitgenossen, darunter Poeten, Mystiker und Honoratioren aus der Stadt oder dort zu Besuch. Mit der Zeit kamen auch Regierungsbeamte mit Ihm in Berührung, darunter an erster Stelle Abdu'lláh Páshá und sein Stellvertreter Mahmúd Aqá sowie Mullá Alí Mardán, ein in diesen Kreisen wohlbekannter Kurde, und trugen ihr Teil dazu bei, Seinen rasch wachsenden Ruhm zu verbreiten. Auch die vornehmen Perser, die in Baghdád und Umgebung wohnten oder als Pilger die heiligen Stätten besuchten, konnten sich nicht länger dem Zauber Seiner Persönlichkeit verschließen. Desgleichen wurden Prinzen königlichen Geblüts, darunter Persönlichkeiten wie der Ná'ibu'l-Íyálih, der Shujá'u'd-Dawlih, der Sayfu'd-Dawlih, und Zaynu'l-Ábidín Khán, der Fakhru'd-Dawlih, unwiderstehlich in den sich stetig erweiternden Kreis Seiner Gefährten und Bekannten hineingezogen.

+8:7

Die während der zweijährigen Abwesenheit Bahá'u'lláhs von Baghdád Seine Gefährten und Angehörigen stets beschimpft und verlacht hatten, waren nun größtenteils verstummt. Nicht wenige heuchelten jetzt Hochachtung vor Ihm, einige spielten sich als Seine Verfechter und Stützen auf, während andere vorgaben, Seine Glaubenslehren zu teilen, und sich in die Gemeinde, der Er angehörte, einreihten. So groß war die Resonanz, die nun einsetzte, daß sich, wie man hörte, einer sogar rühmte, die Wahrheit Seines Glaubens schon im Jahre 1250 n.d.H. - ein Jahrzehnt vor der Erklärung des Báb - erkannt und angenommen zu haben!

+8:8

In wenigen Jahren seit der Rückkehr Bahá'u'lláhs von Sulaymáníyyih hatte sich die Situation völlig gewandelt. Das Haus von Sulaymán-i-Ghannám, später Bayt-i-A'zam, »das Größte Haus«, benannt, damals als das Haus des Bábí Mírzá Músá bekannt, ein höchst bescheidener Wohnsitz, den die Familie Bahá'u'lláhs vor Seiner Rückkehr aus Kurdistán im Karkhviertel nahe dem westlichen Tigrisufer bezogen hatte, wurde zum Brennpunkt vieler Sucher, Besucher und Pilger - Kurden, Perser, Araber und Türken, muslimischen, jüdischen oder christlichen Glaubens. Es war überdies zu einer echten Freistatt für die Opfer der Ungerechtigkeit seitens der persischen Regierungsbeamten geworden, dahin sie flüchteten in der Hoffnung auf Schutz und Hilfe vor dem Unrecht, das sie erlitten.

+8:9

Zur selben Zeit vergrößerte der Andrang persischer Bábí, die nur das Ziel hatten, in Bahá'u'lláhs Gegenwart zu gelangen, den Besucherstrom am Tor Seines gastlichen Hauses. Und da sie bei der Rückkehr in ihre Heimat unzählige schriftliche und mündliche Zeugnisse von Seiner stetig wachsenden Macht und Herrlichkeit mitbrachten, blieb es nicht aus, daß auch sie in hohem Maß zur Ausbreitung und Fortentwicklung des wiedererstandenen Glaubens beitrugen. Vier Vettern des Báb, Sein Onkel mutterseits Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, eine Enkelin Fath-'Álí Sháhs und glühende Verehrerin Táhirihs mit Ehrennamen Varaqatu'r-Ridván, der gelehrte Mullá Muhammad-i-Qá'iní mit dem Beinamen Nabíl-i-Akbar, der bereits berühmte Mullá Sadiq-i-Khurásání mit dem Beinamen Ismu'lláhu'l-Asdaq, der zusammen mit Quddús in Shíráz schändlich verfolgt worden war, Mullá Báqir, ein »Buchstabe des Lebendigen«, Siyyid Asadu'lláh, genannt Dayyán, der verehrte Siyyid Javád-i-Karbilá'í, Mírzá Muhammad-Hasan und Mírzá Muhammad-Husayn, später unsterblich geworden durch die Titel Sultánu'sh-Shuhadá und Mahbúbu'sh-Shuhadá¹, Mírzá Muhammad-Alíy-i-Nahrí, dessen Tochter später Abdu'l-Bahá angetraut wurde, der unsterbliche Siyyid Ismá'íl-i-Zavári'í, Hájí Shaykh Muhammad, vom Báb Nabíl genannt, der gebildete Mírzá Aqáy-i-Munír, genannt Ismu'lláhu'l-Muníb, der so langen Leiden ausgesetzte Hájí Muhammad-Taqí, genannt Ayyúb, Mullá Zaynu'l Ábidín, genannt Zaynu'l-Muqarrabín, der im Rang eines hochgeachteter Mujtahids stand - sie alle zählten zu den Besuchern und Glaubensgenossen, die bei Ihm aus und ein gingen, einen Schimmer vom Glanz Seiner Majestät erhaschten und überall die schöpferischen Einflüsse, die sie durch den Kontakt mit Seinem Geist in sich aufgenommen hatten, weitergaben. Mullá Muhammad-i-Zarandí, genannt Nabíl-i-A'zam, den man gut und gern als Seinen Hofdichter, Chronisten und unermüdlichen Jünger bezeichnen darf, hatte schon die Verbannten begleitet und zur Förderung der Sache seines Geliebten eine ganze Reihe langer und schwieriger Reisen durch Persien unternommen.

¹ König der Märtyrer und Geliebter der Märtyrer


+8:10

Selbst diejenigen, die in Baghdád, Karbilá, Qum, Káshán, Tabríz und Tihrán sich töricht und verwegen Recht und Titel »Dessen Den Gott offenbaren wird«, anmaßten, fühlten sich nun größtenteils unwillkürlich veranlaßt, Seine Gegenwart zu suchen, ihren Irrtum zu bekennen und Seine Vergebung zu erflehen. Mit der Zeit suchten auch Flüchtlinge mit ihren Frauen und Kindern, getrieben von der ständigen Angst vor Verfolgung, die relative Sicherheit, die ihnen allein schon die Nähe Dessen gewährte, der bereits zum Sammelpunkt geworden war für die Angehörigen einer hart bedrängten Gemeinde. Exilperser von hohem Rang ließen bei dem ständig wachsenden Ansehen Bahá'u'lláhs alle Gebote der Mäßigung und der Klugheit außer acht; sie vergaßen ihren Stolz, saßen Ihm zu Füßen und tranken, jeder nach seinem Maß, die Fülle aus Seinem Geist und Seiner Weisheit. Die ehrgeizigeren unter ihnen, so zum Beispiel Abbás Mírzá, ein Sohn des Muhammad Sháh, der Vazír-Nizám und Mírzá Malkam Khán, aber auch einige Funktionäre auswärtiger Regierungen versuchten in ihrer Kurzsichtigkeit, Seine Unterstützung und Hilfe für die Verfolgung ihrer eigenen Pläne zu gewinnen - Pläne, die Er ohne Zögern und aufs schärfste verurteilte. Der Vertreter der britischen Regierung, Colonel Sir Arnold Burrows Kemball, damals Generalkonsul in Baghdád, war sich ebenfalls des Ranges bewußt, den Bahá'u'lláh nun einnahm. Er trat mit Ihm in freundschaftlichen Briefverkehr und bot Ihm sogar, wie Bahá'u'lláh selbst bezeugt, den Schutz der britischen Staatsbürgerschaft an; auch suchte er Ihn persönlich auf und erbot sich, Königin Viktoria jede Mitteilung zu überbringen, die Er ihr zu senden wünsche. Ja, er brachte sogar seine Bereitschaft zum Ausdruck, Seine Übersiedelung nach Indien oder an irgendeinen anderen Ihm genehmen Ort zu sorgen. Bahá'u'lláh lehnte dieses Anerbieten ab und entschied sich, weiterhin im Herrschaftsbereich des türkischen Sultáns zu verbleiben. Im letzten Jahr Seines Aufenthalts in Baghdád schließlich stattete der Gouverneur Námiq-Páshá, beeindruckt von den vielen Zeichen der Hochschätzung und Verehrung für Bahá'u'lláh Diesem einen Besuch ab, um einem Mann, der schon so blendende Siege über die Herzen und Seelen aller, die Ihm begegnet waren, errungen hatte, seine persönliche Hochachtung zu erweisen. Der Gouverneur empfand so große Verehrung für Ihn, den er für eine der Leuchten des Zeitalters hielt, daß er es erst nach Ablauf von drei Monaten und nach fünf Aufforderungen von Alí Páshá über sich brachte, Bahá'u'lláh den Wunsch der türkischen Regierung mitzuteilen, Er solle in die Hauptstadt kommen. Als Abdu'l-Bahá und Áqáy-i-Kalím einmal von Bahá'u'lláh beauftragt wurden, Námiq-Páshá zu besuchen, empfing sie dieser mit solch ausgesuchtem Zeremoniell, daß der Vizegouverneur erklärte, seines Wissens sei noch niemals einem der Honoratioren der Stadt von einem Gouverneur ein so warmer, freundlicher Empfang bereitet worden. In der Tat hatten die günstigen Berichte mehrerer aufeinanderfolgender Gouverneure von Baghdád über Bahá'u'lláh in Istanbul (nach dem persönlichen Zeugnis des Vizegouverneurs gegenüber Bahá'u'lláh selbst) den Sultán Abdu'l-Majíd so stark beeindruckt, daß er es beharrlich ablehnte, der Forderung der persischen Regierung nach Seiner Auslieferung an ihren Vertreter oder Seiner Verbannung von türkischem Boden nachzukommen.

+8:11

Niemals zuvor seit dem Entstehen des Glaubens, nicht einmal in den Tagen, als dem Báb in Isfahán, Tabríz und Chihríq die Ovationen eines begeisterten Volkes entgegenschlugen, war einer seiner Vertreter zu so hohem Ansehen in der Öffentlichkeit aufgestiegen oder hatte einen so unterschiedlichen Kreis von Bewunderern so weit und machtvoll in Bann geschlagen. Doch so unvergleichlich der Einfluß Bahá'u'lláhs auch war, den Er in Baghdád in jener Urzeit des Glaubens übte - war doch seine Reichweite bescheiden, verglichen mit dem großartigen Ruf, den der Glaube gegen Ende dieser Zeit infolge der unmittelbaren Beseelung durch den Mittelpunkt Seines Bundes auf dem europäischen wie auf dem amerikanischen Kontinent erlangte.

+8:12

Die Überlegenheit, die Bahá'u'lláh gewann, trat nirgends deutlicher zutage als in Seiner Fähigkeit, den Charakter der Gemeinde, der Er angehörte, zu wandeln und ihre Sicht zu weiten. Wenn Er auch nominell ein Bábí war und der Inhalt des Bayán noch als bindend und unantastbar galt, vermochte Er doch eine Norm zur Geltung zu bringen, die ethisch den hehrsten Prinzipien, die die Bábí-Sendung aufgestellt hatte, weit überlegen war, zumal sie nicht unvereinbar war mit den Vorschriften des Bayán. Die heilbringenden Grundwahrheiten, für die der Báb eingetreten, die teils verdunkelt, teils vernachlässigt oder falsch dargestellt waren, wurden nun von Bahá'u'lláh erläutert, bestätigt und dem Gemeindeleben wie den Seelen der Mitglieder neu eingeflößt. Die Abkehr des Bábí-Glaubens von jeglicher politischer Betätigung und allen geheimen Verbindungen und Organisationen, der Nachdruck, der auf das Prinzip der Gewaltlosigkeit gelegt wird, die Notwendigkeit strikten Gehorsams gegenüber der eingesetzten Amtsgewalt, das Verbot jeder aufwieglerischen Tätigkeit, der üblen Nachrede, der Vergeltung und des Streits, die Betonung der Rechtschaffenheit, Freundlichkeit, Demut und Frömmigkeit, der Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit, der Keuschheit und Treue, der Gerechtigkeit, Duldsamkeit, Geselligkeit, Freundschaft und Eintracht, der Ausbildung in Künsten und Wissenschaften, der Selbstlosigkeit und Loslösung, der Geduld, Standhaftigkeit und der Ergebung in den Willen Gottes - dies alles sind Wesensmerkmale eines Kodex ethischen Verhaltens, wovon die Bücher, Abhandlungen und Briefe, die die unermüdliche Feder Bahá'u'lláhs in diesen Jahren offenbarte, unverkennbar zeugen.

+8:13

»Mit Gottes Hilfe und Seiner himmlischen Gnade und Barmherzigkeit«, schrieb Er im Hinblick auf die Art und die Folgen Seines Wirkens zu jener Zeit, »offenbarten Wir Unsere Verse gleich einer Regenflut und sandten sie in viele Teile der Welt. Wir ermahnten alle Menschen, und besonders dieses Volk, durch Unseren weisen Rat und Unsere liebevollen Belehrungen und verboten ihnen, sich auf Kampf, Aufruhr, Hader oder Wortstreit einzulassen. Demzufolge und durch die Gnade Gottes wandelten sich Eigensinn und Torheit in Frömmigkeit und Verständnis, und aus Waffen wurden Werkzeuge des Friedens.« Abdu'l-Bahá bestätigt: »Bahá'u'lláh scheute nach Seiner Rückkehr¹ keine Mühe, die Gemeinde zu erziehen und zu schulen, ihr Verhalten zu bessern, ihre Geschäfte zu ordnen und ihr Geschick wieder auf eine gesunde Basis zu stellen, so daß nach kurzer Zeit all die Nöte und Mißstände behoben waren und wieder Ruhe und größter Friede in die Herzen einzog.« Und an anderer Stelle: »Als die Grundlagen in den Herzen der Menschen wieder geschaffen waren, verhielten sie sich aller Orten so, daß die Amtsgewaltigen sie um ihres guten Charakters, ihrer inneren Standhaftigkeit, ihrer reinen Motive, ihrer vorbildlichen Taten und ihrer ausgezeichneten Lebensführung willen schätzten.«

¹ von Sulaymáníyyih


+8:14

Die Erhabenheit der Lehren, die Bahá'u'lláh in dieser Zeit vorlegte, wird vielleicht am besten durch die folgende Antwort illustriert, die Bahá'u'lláh einem Beamten gab, der Ihm damals berichtet hatte, er habe einem Übeltäter nur deshalb nicht die verdiente Strafe zugemessen, weil er bekundet habe, daß er Ihn verehre: »Sage ihm, daß kein Mensch in dieser Welt irgendeine Beziehung zu Mir behaupten kann, es sei denn, er folgte in all seinen Taten und seinem Betragen Meinem Beispiel derart, daß alle Völker dieser Welt ihn nicht davon abzubringen vermöchten, zu handeln und zu reden, wie es recht und ziemlich ist.« Dann erklärte Er dem Beamten: »Wenn Mein Bruder hier, Mírzá Músá, der dieselbe Mutter und denselben Vater hat wie Ich und von frühester Kindheit an Mein Gefährte war, eine Tat beginge, die wider die Interessen des Staates oder der Religion wäre, und wenn seine Schuld in deinen Augen erwiesen wäre, dann wäre Ich zufrieden und würde deine Handlungsweise billigen, wenn du ihm die Hände fesseltest und ihn in den Fluß würfest, um ihn zu ertränken, Ich würde jegliche Fürsprache für ihn verweigern.« In anderem Zusammenhang schrieb Er einmal, um darzutun, wie streng Er alle Gewalttätigkeit verurteilt: »Daß jemand Meinen Söhnen oder Verwandten Leid zufügte, wäre in Meinen Augen eher hinzunehmen, als daß er irgendeiner Seele Unrecht tut.«

+8:15

»Die meisten derer, die in Bahá'u'lláhs Nähe weilten«, schrieb Nabíl über den lebendigen Geist der neu erstandenen Bábí-Gemeinde in Baghdád, »gaben sich solche Mühe, ihre Seelen zu heiligen und rein zu halten, daß sie kein Wort über die Lippen brachten, das nicht dem Willen Gottes entspräche, und keinen Schritt taten, der Sein Mißfallen hätte erregen können.« Weiter berichtet er: »Alle hatten jeweils einen Pakt mit einem Mitjünger geschlossen, sich gegenseitig zu ermahnen, und wenn nötig, durch einige Schläge auf die Fußsohlen zu züchtigen, je nach Schwere des Verstoßes gegen die erhabenen Vorschriften, die zu beachten sie sich geschworen hatten.« Den tiefen Ernst ihres Eifers beschreibend, stellt er fest: »Wer gegen die Vorschriften verstoßen hatte, nahm weder Essen noch Trinken zu sich, ehe er nicht die erbetene Strafe erlitten.«

+8:16

Die völlige Verwandlung, die das geschriebene und gesprochene Wort Bahá'u'lláhs im Charakter und im Ansehen Seiner Gefährten bewirkte, entsprach der glühenden Verehrung, die Seine Liebe in ihren Herzen entfacht hatte. Jetzt ergriff leidenschaftlicher Eifer, vergleichbar der glühenden Begeisterung in den Herzen der Báb-Jünger in den Augenblicken ihrer höchsten Verzückung, die Herzen der Verbannten von Baghdád und elektrisierte ihr ganzes Wesen. »So berauscht, so hingerissen war ein jeder von den süßen Düften des Morgens göttlicher Offenbarung«, schreibt Nabíl über die fruchtbare, ungeheuer dynamische geistige Neubelebung, »daß, wie mir schien, aus jedem Dorn eine Fülle von Blüten aufsprang und jede Saat unzählbare Ernten trug.« »Das Zimmer des Größten Hauses«, berichtet derselbe Chronist, »das für den Empfang der Besucher Bahá'u'lláhs bereitgehalten wurde, kam, obwohl baufällig und längst nicht mehr brauchbar für diesen Zweck, aber geheiligt durch die gesegneten Fußstapfen des innig Geliebten, dem erhabensten Paradiese gleich! Trotz niedriger Decke schien es bis an die Sterne zu reichen, und obwohl nur mit einem bescheidenen Lager aus Palmblättern ausgestattet, auf dem Er, der König der Namen, zu sitzen pflegte, zog es wie ein Magnet die Herzen selbst von Fürsten an.«

+8:17

Der Shujá'u'd-Dawlih war von diesem Empfangsraum trotz seiner primitiven Einfachheit so entzückt, daß er seinen Prinzenkollegen gegenüber die Absicht äußerte, sich in seinem Haus in Kázimayn ein gleiches Zimmer einrichten zu lassen. Als Bahá'u'lláh von dieser Absicht erfuhr, soll Er lächelnd bemerkt haben: »Es mag ihm wohl gelingen, ein äußerlich genaues Gegenstück dieses niedrigen Zimmers aus Erde und Stroh mit seinem kleinen Garten nachzubilden. Wie steht es aber um seine Fähigkeit, darin die geistigen Tore zu den verborgenen Welten Gottes zu öffnen?« Ein anderer Prinz, der Fakhru'd-Dawlih Zaynu'l-Abidín Khán, sagte über die Atmosphäre, die in diesem Empfangsraum herrschte: »Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich fühle, daß die Sorgen der Welt, und lasteten sie mir alle auf dem Herzen, in der Gegenwart Bahá'u'lláhs dahinschwinden. Es ist, als wäre ich im Paradies.«

+8:18

Die frohen Feste, die die Gefährten trotz äußerst bescheidener Einkommen zu Ehren ihres Geliebten ausrichteten, die Versammlungen bis tief in die Nacht, bei denen sie mit Gebeten, Gedichten und Gesängen laut den Lobpreis des Báb, Quddús' und Bahá'u'lláhs feierten, die Fasten, die sie hielten, die Nachtwachen die sie auf sich nahmen, die Träume und Visionen, die ihre Seelen entflammten und die sie sich gegenseitig erzählten voll grenzenloser Begeisterung, der Eifer, mit dem diejenigen, die Bahá'u'lláh aufwarteten, Seine Aufträge erledigten, über Seine Bedürfnisse wachten und schwere Wassersäcke für Seine Waschungen und andere Zwecke des Haushalts herbeitrugen, ihre zuweilen unüberlegten, in Augenblicken der Verzückung begangenen Taten, das Staunen und die Bewunderung, die ihre Worte und Taten im Volk hervorriefen, das selten solche Bekundungen religiösen Feuers und persönlicher Hingabe erlebt hatte - all dies und vieles andere wird für immer mit der Geschichte jenes unsterblichen Zeitraums zwischen der Geburtsstunde der Offenbarung Bahá'u'lláhs und ihrer Verkündigung am Vorabend Seiner Abreise aus dem Iráq verknüpft sein.

+8:19

Viele treffende Anekdoten wurden berichtet von Leuten, welche Pflicht, Zufall oder Neigung im Lauf dieser harten Jahre mit Bahá'u'lláh in Berührung brachte. Mannigfach und rührend sind die Zeugnisse von Zeitgenossen, die das Vorrecht hatten, Sein Antlitz zu schauen, Seinen Gang zu beobachten oder Seine Bemerkungen mitzuhören, wenn Er durch die Straßen und Gassen der Stadt schritt oder sich an den Ufern des Flusses erging, der Andächtigen, die Ihn in ihren Moscheen beten sahen, der Bettelmönche, der Kranken, der Betagten, der Mühseligen, denen Er half, die Er heilte, unterstützte und tröstete, der Besucher, vom vornehmsten Prinzen bis zum niedrigsten Bettler, die Seine Schwelle überschritten und zu Seinen Füßen saßen, der Kaufleute, Handwerker und Krämer, die Ihn bedienten und für Seine täglichen Bedürfnisse sorgten, Seiner Verehrer, die die Zeichen Seiner verborgenen Herrlichkeit erkannten, Seiner Gegner, die von der Kraft Seiner Worte und der Wärme Seiner Liebe verwirrt oder entwaffnet waren, der Geistlichen und Laien, der Vornehmen und Gelehrten, die Ihn aufsuchten, um Seine Autorität herauszufordern, Sein Wissen auf die Probe zu stellen, Seine Behauptungen zu erforschen, ihre eigenen Mängel zu bekennen oder ihre Bekehrung zu der Sache, die Er vertrat, zu erklären.

+8:20

Es mag genügen, aus dem Schatz der kostbaren Erinnerungen ein einziges Beispiel anzuführen, das von Siyyid Ismá'íl, einem glühenden Verehrer, genannt Dhabíh¹ und gebürtig aus Zavárih, ehemals ein bekannter Geistlicher, schweigsam, nachdenklich und völlig gelöst von allen irdischen Banden, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte und stolz darauf war, die Wege, die zu dem Haus führten, in dem Bahá'u'lláh wohnte, zu fegen. Tag für Tag nahm er um die Stunde der Morgendämmerung seinen grünen Turban vom Kopf, das Zeichen seiner heiligen Abstammung, und kehrte mit unendlicher Geduld die Steine, auf die die Füße seines Geliebten getreten, zusammen, blies den Staub aus den Mauerritzen neben dem Tor des Hauses, sammelte den Kehricht in den Falten seines Mantels und trug ihn, da er nicht wollte, daß andere darauf träten, zum Flußufer und streute ihn ins Wasser. Auf die Dauer vermochte er das Meer von Liebe, das in seiner Seele wogte, nicht länger zu fassen. Nachdem er sich vierzig Tage lang Schlaf und Nahrung versagt und zum letzten Mal den Dienst verrichtet, der seinem Herzen so teuer, begab er sich eines Tages zum Flußufer an der Straße nach Kázimayn, verrichtete seine Waschungen, legte sich auf den Rücken, sein Gesicht Baghdád zugewandt, durchschnitt sich mit einem Rasiermesser die Kehle, legte das Messer auf seine Brust und verschied.²

¹ das Opfer ² das war 1275 n.d.H.


+8:21

Er war nicht der einzige, der sich mit Gedanken zu einer solchen Tat getragen hatte und entschlossen war, sie auszuführen. Andere waren bereit, dasselbe zu tun und hätten es wohl auch getan, wenn Bahá'u'lláh nicht unverzüglich dagegen eingeschritten wäre und angeordnet hätte, daß die in Baghdád lebenden Flüchtlinge sofort in ihre Heimat zurückkehren müßten. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Behörden, nachdem Dhabíh erwiesenermaßen durch eigene Hand gestorben war, auf die Sache aufmerksam wurden, deren Führer in den Herzen derer, die Ihm in Liebe anhingen, eine so seltene Ergebenheit zu erwecken vermochte und sie derart in Bann schlug. Als Bahá'u'lláh von dem Aufsehen erfuhr, das diese Episode in gewissen Kreisen Baghdáds erregte, soll Er, wie berichtet wird, gesagt haben: »Siyyid Ismá'íl war von einer solchen Kraft, einer solchen Macht erfüllt, daß er allen Völkern der Welt, wäre er ihnen gegenübergestellt, zweifellos überlegen gewesen wäre.« Über Dhabíh, den Er als »König und Geliebten der Märtyrer« pries, soll Er gesagt haben: »Bis heute ward kein Blut auf Erden vergossen, so rein wie das seine.«

+8:22

»Die aus dem Kelch der Gegenwart Bahá'u'lláhs getrunken hatten«, lautet ein anderes Zeugnis aus der Feder Nabíls, der selbst Augenzeuge der meisten dieser erregenden Geschehnisse war, »waren davon so berauscht, daß in ihren Augen Königspaläste flüchtiger waren als Spinngeweb... Ihre Feiern und Feste waren von solcher Art, wie die Könige der Erde sie sich nicht träumen ließen.« Er erzählt: »Ich wohnte mit zwei Gefährten in einem Zimmer ohne jegliche Einrichtung. Eines Tages kam Bahá'u'lláh herein, sah sich um und bemerkte: `Es gefällt Mir, daß das Zimmer leer ist. In Meinen Augen ist es vielen großen Palästen vorzuziehen, denn die Geliebten Gottes gedenken hier des Unvergleichlichen Freundes mit Herzen, die leer sind von allem Unrat dieser Welt.`« Sein eigenes Leben zeichnete sich durch denselben Ernst und dieselbe Einfachheit aus, wie sie das Leben Seiner geliebten Gefährten prägte. In einem Seiner Briefe stellt Er fest: »Es gab im Iráq eine Zeit, da die Altehrwürdige Schönheit ... nicht einmal die Wäsche wechseln konnte. Das einzige Hemd, das Er besaß, wurde gewaschen, getrocknet und wieder getragen.«

+8:23

»An manchem Abend«, fährt Nabíl fort bei der Schilderung der Lebensumstände dieser selbstlosen Gefährten, »ernährten sich zehn Personen von Datteln für einen Pfennig. Niemand wußte, wem gerade die Schuhe, Mäntel oder Kleider gehörten, die an ihren Wohnplätzen herumlagen. Wer eben zum Basar ging, konnte die Schuhe, die er an den Füßen hatte, sein eigen nennen, und wer zu Bahá'u'lláh ging, konnte sagen, daß das Hemd und der Mantel, die er dann trug, ihm gehörten. Sie hatten selbst ihrer eigenen Namen vergessen; ihre Herzen waren losgelöst von allem außer der Verehrung für ihren Geliebten... O welche Freude in jenen Tagen, welch wundersames Glück in diesen Stunden!«

+8:24

Nach Seiner Rückkehr von Sulaymáníyyih ist die gewaltige Zunahme an Schriften Bahá'u'lláhs ein weiterer Wesenszug des behandelten Zeitraums. Die Verse, die in diesen Jahren aus Seiner Feder flossen und die Er selbst als »reichen Regen« bezeichnete, trugen, ob sie nun als Briefe, Mahnreden, Kommentare, Verteidigungsschriften, wissenschaftliche Abhandlungen, Prophezeiungen, Gebete oder besondere Sendschreiben verfaßt waren, in hohem Maße dazu bei, die Bábí-Gemeinde neu zu formen und ihr zur weiteren Entfaltung zu verhelfen, ihre Sicht zu weiten, ihre Tätigkeit auszudehnen und den Geist ihrer Mitglieder zu erleuchten. Die Zeit war so fruchtbar, daß nach dem Zeugnis Nabíls, der zu dieser Zeit in Baghdád lebte, in den beiden ersten Jahre nach der Rückkehr Bahá'u'lláhs aus Seiner Einsamkeit täglich ungeschriebene Verse im Umfang des Qur'án von Seinen Lippen strömten! Was die Verse betrifft, die Er diktierte oder selbst niederschrieb, so war ihr Umfang ebenso bemerkenswert wie der Reichtum des Stoffes, den sie behandelten, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, auf die sie sich bezogen. Ein großer, ja der größte Teil dieser Schriften ging leider der Nachwelt unwiederbringlich verloren. Ein Gewährsmann wie Mírzá Aqá Ján, der Sekretär Bahá'u'lláhs, bestätigt nach dem Bericht Nabíls, daß auf Bahá'u'lláhs ausdrücklichen Befehl viele Tausende von Versen, die meisten von Seiner eigenen Hand geschrieben, vernichtet und in den Fluß geworfen wurden. Mírzá Aqá Ján berichtete Nabíl: »Als ich zögerte, diese Anweisungen auszuführen, beschwichtigte mich Bahá'u'lláh mit den Worten: `Es gibt derzeit keinen, der würdig wäre, diese Melodien zu vernehmen` ... Nicht ein- oder zweimal, unzählige Male mußte ich die Tat wiederholen.« Ein gewisser Muhammad Karím aus Shíráz, der miterlebt hatte, wie und mit welcher Geschwindigkeit der Báb die Ihm eingegebenen Verse niederschrieb, hinterließ, nachdem er damals Bahá'u'lláh getroffen und mit eigenen Augen gesehen hatte, was ihm der einzige Beweis für die Sendung des Verheißenen dünkte, der Nachwelt folgendes Zeugnis: »Ich bezeuge, daß die von Bahá'u'lláh offenbarten Verse in der Geschwindigkeit, mit der sie niedergeschrieben wurden, in der Leichtigkeit, mit der sie hervorströmten, ihrer Klarheit, ihrer Tiefe und Anmut denen überlegen waren, die ich der Feder des Báb entströmen sah, als ich in Seiner Gegenwart weilte. Wenn Bahá'u'lláh keinen andern Anspruch auf Größe hätte, genügte es in den Augen der Welt und der Menschheit, daß Er Verse hervorgebracht, wie sie heute Seiner Feder entströmten.«

+8:25

Unter den unermeßlichen Schätzen aus dem wogenden Ozean der Offenbarung Bahá'u'lláhs steht an erster Stelle der Kitáb-i-Iqán, offenbart innerhalb von von zwei Tagen und zwei Nächten während der letzten Jahre dieses Zeitabschnitts¹. Geschrieben wurde er in Erfüllung einer Prophezeiung des Báb, der ausdrücklich gesagt hatte, daß der Verheißene den Text des unvollendeten Persischen Bayán zum Abschluß bringen werde, und er ist die Antwort auf die Fragen, die der damals noch nicht überzeugte Onkel des Báb mutterseits, Hájí Mírzá Siyyid Muhammad, Bahá'u'lláh gestellt hatte, als er gemeinsam mit seinem Bruder Hájí Mírzá Hasan-Alí auf Besuch in Karbilá weilte. Ein Musterbeispiel persischer Prosa, stilistisch eigenartig, zart und machtvoll zugleich, bemerkenswert klar, überzeugend in seinen Argumenten und von beispielloser, unwiderstehlicher Eloquenz, legt dieses Buch im Umriß den großen Heilsplan Gottes dar und nimmt eine Stellung ein wie sonst kein anderes Werk in der gesamten Bahá'í-Literatur, abgesehen vom Kitáb-i-Aqdas, dem Heiligsten Buch Bahá'u'lláhs. Offenbart am Vorabend der Erklärung Seiner Sendung, bot es der Menschheit den »erlesenen, versiegelten Wein« dar, dessen Siegel von »Moschus« ist, brach das »Siegel« des »Buches«, auf das sich Daniel bezog, und erschloß die Bedeutung der »Worte«, die »verschlossen« bleiben sollte bis zur »Zeit des Endes«.

¹ um 1278 n.d.H., 1862


+8:26

Im Umfang von zweihundert Seiten verkündet es unvergleichlich die Existenz und die Einheit eines persönlichen Gottes, der unerkennbar, unerreichbar, Quell aller Offenbarung, ewig, allwissend, allgegenwärtig und allmächtig ist; es behauptet die Relativität jeder religiösen Wahrheit und die Fortdauer göttlicher Offenbarung; es bestätigt die Einheit der Propheten, die Universalität ihrer Botschaft, die Identität ihrer Grundlehren, die Heiligkeit ihrer Schriften und den zwiefachen Charakter ihrer Stufe; es brandmarkt die Blindheit und den Eigensinn der Geistlichen und Gelehrten aller Zeiten; es zitiert und erläutert die allegorischen Textstellen des Neuen Testaments, die dunklen Verse des Qur'án und die verschlüsselten islámischen Traditionen, die zu jahrhundertelangen Mißverständnissen, Zweifeln und Feindseligkeiten geführt und die Anhänger der führenden religiösen Systeme in aller Welt entzweit und voneinander abgesondert haben; es führt ferner die wesentlichen Vorbedingungen auf, die jeder wahre Sucher erfüllen muß, wenn er sein Ziel erreichen will; es zeigt die Authentizität, die Erhabenheit und die Bedeutung der Offenbarung des Báb auf, applaudiert dem Heldentum und der Selbstvergessenheit Seiner Jünger, erahnt und prophezeit den weltumspannenden Triumph der dem Volk des Bayán verheißenen Offenbarung, stützt die Reinheit und Unschuld der Jungfrau Maria, verherrlicht die Imáme des islámischen Glaubens, preist das Martyrium und die geistige Souveränität des Imám Husayn, erklärt die Bedeutung symbolischer Begriffe wie »Wiederkehr«, »Auferstehung«, »Siegel der Propheten« und »Tag des Gerichts«, skizziert und unterscheidet die drei Stufen göttlicher Offenbarung und spricht in glühenden Worten über die Herrlichkeiten und Wunder der »Stadt Gottes«, die von der Vorsehung gelenkt, in bestimmten Zeitabständen zum Segen der ganzen Menschheit, zu ihrer Rettung und Führung, immer wieder erneuert wird. Es darf mit Fug und Recht behauptet werden, daß unter allen Büchern des Urhebers der Bahá'í-Offenbarung schon allein dieses Buch eine breite, unangreifbare Grundlage für die völlige und dauerhafte Versöhnung der Anhänger der großen Weltreligionen gelegt hat, indem es die jahrhundertealten, unüberwindlichen Schranken zwischen diesen Religionen hinwegfegte.

+8:27

Diesem einzigartigen Berg an unermeßlichen Schätzen ist als nächstes die wundervolle Sammlung perlengleicher Sprüche, die »Verborgenen Worte«, an die Seite zu stellen, die Bahá'u'lláh empfing, während Er in Nachdenken versunken an den Ufern des Tigris wandelte. Das Buch wurde im Jahre 1274 n.d.H. teils in persischer, teils in arabischer Sprache offenbart und ursprünglich als das »Verborgene Buch Fátimihs« betitelt. Sein Autor identifizierte es mit dem Buch gleichen Titels, das nach Meinung des schiitischen Isláms im Besitz des verheißenen Qá'im sei und Trostworte enthalte, die der Engel Gabriel auf Geheiß Gottes für Fátimih sprach und dem Imám Alí diktierte, nur zu dem Zweck, sie in der Stunde bitterer Not nach dem Tod ihres erlauchten Vaters zu trösten. Was es bedeutet, daß dieser kraftgeladene geistige Sauerteig in das Leben dieser Welt geworfen wurde zur Neuorientierung der Geisteshaltung der Menschen, zur Erbauung ihrer Seelen und als Richtschnur ihres Verhaltens, kann am besten beurteilt werden anhand der Beschreibung, die der Autor in der Einleitung gibt: »Dies ist aus dem Reiche der Herrlichkeit herabgekommen, geäußert mit der Zunge der Kraft und Macht und einstens den Propheten offenbart. Als Zeichen der Gnade für die Gerechten haben Wir daraus den Wesenskern entnommen und in das Gewand der Kürze gekleidet, damit sie dem Bunde Gottes die Treue halten, Gottes Pfand durch ihr Leben einlösen und im Reiche des Geistes den Edelstein göttlicher Tugend erlangen.«

+8:28

Zu diesen beiden herausragenden Beiträgen zur religiösen Weltliteratur, die unter den lehrenden und ethischen Schriften des Urhebers der Bahá'í-Sendung den unübertroffenen Vorrang einnehmen, trat im selben Zeitabschnitt noch eine Abhandlung, die wohl als Seine größte mystische Dichtung zu betrachten ist, »Sieben Täler« genannt. Er schrieb sie als Antwort auf die Fragen des Shaykh Muhyi'd-Dín, des Qádí von Khániqayn, und schildert darin die sieben Stadien, welche die Seele des Suchers notwendig durchlaufen muß, bevor sie zum Ziel ihres Daseins gelangen kann.

+8:29

Die »Vier Täler«, eine Epistel an den gelehrten Shaykh Abdu'r-Rahmán-i-Karkútí gerichtet, die »Tafel vom Heiligen Seefahrer«, in dem Bahá'u'lláh die schweren Trübsale voraussagt, die Ihn befallen werden, das »Lawh-i-Húríyyih«¹, in dem auf Ereignisse, die in noch ferner Zukunft liegen, hingewiesen wird, die »Súriy-i-Sabr«², die am ersten Ridván-Tag offenbart wurde und Vahíd und seine Leidensgenossen in Nayríz preist, der Kommentar zu den einzelnen den Suren des Qur'án vorangestellten Buchstaben, Seine Auslegung des in den Schriften des Shaykh Ahmad-i-Ahsá'í erwähnten Buchstabens Váv und anderer dunkler Stellen im Werk des Siyyid Kázim-i-Rashtí, das »Lawh-i-Madínatu't-Tawhíd«³, das »Sahífiy-i-Shattíyyih«, das »Musíbát-i-Hurúfát-i-Álíyát«, das »Tafsír-i-Hú« das »Javáhiru'l-Asrár« und eine Unzahl anderer Schriften in Form von Episteln, Oden, Homilien, besonderen Sendbriefen, Kommentaren und Gebeten, die alle, ein jedes auf seine Weise, dazu beitrugen, die »Ströme des ewigen Lebens« zu mehren, die sich aus der »Wohnstatt des Friedens« ergossen und in Persien wie im Iráq der Ausweitung des Bábí-Glaubens einen mächtigen Auftrieb gaben, die Seelen erquickten und den Charakter seiner Anhänger wandelten.

¹ `Tafel der Jungfrau` ² `Sure der Geduld` ³ Tafel von der Stadt der Einheit`


+8:30

Die unleugbaren Beweise für den Umfang und die Herrlichkeit der aufsteigenden Macht Bahá'u'lláhs, Sein rasch wachsendes Ansehen, die wunderbare Wandlung, die Er durch Sein Gebot und Sein Beispiel in den Anschauungen und im Charakter Seiner Gefährten von Baghdád bis zu den fernsten Städten und Weilern Persiens bewirkte, die verzehrende Liebe zu Ihm, die in ihren Herzen brannte, der gewaltige Umfang an Schriften, die Tag und Nacht aus Seiner Feder flossen, all dies mußte zwangsläufig das Feuer der Feindseligkeit in der Brust Seiner schiitischen und sunnitischen Feinde wieder zu hellen Flammen entfachen. Jetzt, da Sein Wohnsitz in die Nachbarschaft der schiitisch-islámischen Hochburgen verlegt worden war und Er dadurch fast täglich mit den fanatischen Pilgern in Berührung kam, die nach den heiligen Stätten in Najaf, Karbilá und Kázimayn drängten, war eine Kraftprobe zwischen dem wachsenden Glanz Seines Ruhmes und den finsteren, kampfbereiten Kräften des religiösen Fanatismus nicht länger zu umgehen. Es bedurfte nur eines Funkens, um den Brennstoff all des angesammelten Hasses, der Angst und Eifersucht, den die frischen Aktivitäten der Bábí verursacht hatten, zu zünden. Und dafür sorgte ein gewisser Shaykh Abdu'l-Husayn, ein verschlagener, eigensinniger Schwarzrock, dessen verzehrende Eifersucht auf Bahá'u'lláh nur noch von seiner Fähigkeit übertroffen wurde, in allen Schichten Aufruhr zu schüren, bei hoch und niedrig, unter Arabern wie Persern, die die Straßen und Märkte von Kázimayn, Karbilá und Baghdád verstopften. Ihn brandmarkt Bahá'u'lláh in Seinen Briefen als »Schurken« und »Ränkeschmied«, als »Verruchten«, der »das Schwert seiner Selbstsucht gegen das Antlitz Gottes zog«, »in dessen Seele Satan flüstert«, und »vor dessen Gottlosigkeit der Satan davonläuft« als den »Lasterhaften, von dem alle Treulosigkeit, Unmenschlichkeit und Verbrechen ausgehen und zu dem alle wieder zurückkehren«. Hauptsächlich auf Betreiben des Großwesirs, der ihn loswerden wollte, war der lästige Mujtahid vom Sháh beauftragt worden, nach Karbilá zu gehen, um dort die heiligen Stätten auszubessern. Hier lauerte er nun auf seine Gelegenheit, verbündete sich mit dem kürzlich ernannten persischen Generalkonsul Mírzá Buzurg Khán, einem Mann von ebenso übler Natur wie er selbst, von schwacher Intelligenz, unaufrichtig, kurzsichtig und ohne Ehre, einem notorischer Säufer, der bald dem Einfluß des lasterhaften Ränkeschmieds zum Opfer fiel und zum willigen Werkzeug seiner Pläne wurde.

+8:31

Ihr erster gemeinsamer Plan war, beim Gouverneur von Baghdád, Mustafá Páshá, durch krasse Verdrehung der Tatsachen den Befehl zur Auslieferung Bahá'u'lláhs und Seiner Gefährten zu erreichen, womit sie kläglich scheiterten. Als der Shaykh Abdu'l-Husayn einsah, daß der Versuch, durch Vermittlung der örtlichen Behörden zum Ziel zu gelangen, zwecklos war, begann er emsig von Träumen zu faseln, die er sich erst ausdachte und dann entsprechend interpretierte, um damit die Leidenschaften des abergläubischen und leicht entflammbaren Volks aufzupeitschen. Sein Groll darüber, daß er keinen Widerhall fand, war umso größer, als er der Herausforderung eines vereinbarten Gesprächs mit Bahá'u'lláh feige aus dem Weg ging. Mírzá Buzurg Khán seinerseits benützte seinen Einfluß, um bei den niederen Elementen der Bevölkerung Haß gegen den gemeinsamen Feind zu schüren, damit sie Ihn öffentlich angriffen. Damit hoffte er einen unüberlegten Vergeltungsakt zu provozieren, den er dann zum Anlaß falscher Vorwürfe nehmen könnte, um dadurch doch noch den ersehnten Befehl zur Auslieferung Bahá'u'lláhs zu erreichen. Auch dieser Versuch schlug fehl, denn die bloße Anwesenheit Bahá'u'lláhs, der trotz aller Bitten und Warnungen Seiner Freunde weiterhin bei Tag und bei Nacht ohne jede Begleitung durch die Straßen der Stadt ging, genügte, um die Möchtegernquälgeister zu verwirren und zu beschämen. Im klaren über ihre Absichten, ging Er auf sie zu, neckte sie mit ihren Plänen, scherzte mit ihnen und ließ sie stehen, verwirrt und fest entschlossen, nichts von dem zu tun, was sie gegen Ihn im Schild geführt hatten. Der Generalkonsul war sogar soweit gegangen, für hundert Túmán einen Schläger zu dingen, einen Türken namens Ridá, den er seines vollen Schutzes versicherte, mit einem Pferd und zwei Pistolen versah und beauftragte, Bahá'u'lláh aufzulauern und zu töten. Als Ridá nun eines Tages erfuhr, daß sein zukünftiges Opfer das öffentliche Bad besuchen werde, gelang es ihm, sich an der Wachsamkeit der Bábí in Bahá'u'lláhs Begleitung vorbei, mit einer Pistole unter seinem Mantel, in das Bad einzuschleichen, nur um im inneren Raum, Bahá'u'lláh gegenüber, festzustellen, daß er nicht den Mut hatte, seine Aufgabe auszuführen. Jahre später erzählte er einmal, wie er bei einer anderen Gelegenheit mit der Pistole in der Hand Bahá'u'lláh aufgelauert habe, aber, als Bahá'u'lláh sich näherte, solche Angst bekam, daß ihm die Pistole aus der Hand fiel, worauf Bahá'u'lláh Aqáy-i-Kalím, der Ihn begleitete, bat, sie ihm wiederzugeben und ihm den Heimweg zu zeigen.

+8:32

Nachdem er seine wiederholten Anläufe zu seinen bösen Zielen durchkreuzt sah, lenkte Shaykh Abdu'l-Husayn seine Energien jetzt in einen neuen Kanal. Er versprach seinem Komplizen, er werde ihm zum Rang eines Ministers der Krone verhelfen, wenn er die Regierung dazu brächte, Bahá'u'lláh nach Tihrán zurückzurufen und erneut ins Gefängnis zu werfen. Fast täglich sandte er langatmige Berichte an die unmittelbare Umgebung des Sháhs. Er malte überspannte Bilder vom Aufstieg Bahá'u'lláhs und stellte es so dar, als habe dieser die Nomadenstämme des Iráq zu treuen Anhängern gewonnen. Er behauptete, Bahá'u'lláh sei in der Lage, an einem einzigen Tag hunderttausend Mann aufzustellen, die jederzeit auf Seinen Befehl zu den Waffen griffen. Er beschuldigte Ihn, in Gemeinschaft mit verschiedenen Meinungsführern in Persien einen Aufstand gegen den Herrscher zu planen. Mit solchen Mitteln gelang es ihm, die Behörden in Tihrán zureichend unter Druck zu setzen, so daß sie den Sháh veranlaßten, ihm ein Mandat mit allen Vollmachten zu erteilen und die persischen 'Ulamá und Beamten anzuweisen, ihm jegliche Unterstützung zu gewähren. Dieses Mandat teilte der Shaykh sofort den Geistlichen von Najaf und Karbilá mit und verlangte von ihnen die Einberufung einer Versammlung in seinem Wohnort Kázimayn. Eine Anzahl Shaykhs, Mullás und Mujtahids kamen diesem Ersuchen im Eifer, die Gunst ihres Herrschers zu erlangen, prompt nach. Nachdem sie über den Zweck der Versammlung unterrichtet waren, beschlossen sie, den bei ihnen wohnenden Verbannten den heiligen Krieg zu erklären und den Glauben durch einen plötzlichen, allgemeinen Angriff auf sein Zentrum vernichtend zu treffen. Verblüfft und enttäuscht mußten sie erfahren, daß der führende Mujtahid unter ihnen, der berühmte Shaykh Murtidáy-i-Ansárí, ein für seine Toleranz, seine Weisheit, seinen unbeirrbaren Gerechtigkeitssinn, seine Frömmigkeit und sein edles Wesen weithin geachteter Mann, nachdem er von ihren Absichten erfahren hatte, es ablehnte, den benötigten Urteilsspruch gegen die Bábí zu verkünden. Er war es, den Bahá'u'lláh später im Lawh-i-Sultán¹ rühmte und unter »diejenigen Gelehrten« rechnete, »die in der Tat aus dem Becher der Entsagung getrunken« und »Ihn niemals behindert haben«, und von dem Abdu'l-Bahá als »dem hochangesehenen und belesenen Doktor, dem edlen und gefeierten Gelehrten, dem Siegel der Wahrheitssucher« sprach. Indem er sich darauf berief, die Glaubenssätze dieser Gemeinschaft nicht genügend zu kennen und seitens ihrer Mitglieder von keiner Tat zu wissen, die nicht in Übereinstimmung mit dem Qur'án sei, verließ er ohne Rücksicht auf die Vorhaltungen seiner Kollegen kurzerhand die Versammlung und kehrte nach Najaf zurück, nicht ohne zuvor Bahá'u'lláh durch einen Boten sein Bedauern über das Vorgefallene übermittelt und Ihn seines innigen Wunsches für Seinen Schutz versichert zu haben.

¹ dem Sendschreiben an Násiri'd-Dín Sháh


+8:33

Als die versammelten Geistlichen so ihre Pläne durchkreuzt sahen, beauftragten sie in ihrer unerbittlichen Feindschaft den gelehrten und frommen Hájí Mullá Hasan-i-Ammú, bekannt für seine Rechtschaffenheit und Weisheit, Bahá'u'lláh verschiedene Fragen zur Klärung vorzulegen. Nachdem der Bote die Fragen gestellt und völlig zufriedenstellende Antworten bekommen hatte, bestätigte Hájí Mullá Hasan, daß die Ulamá von Bahá'u'lláhs unermeßlichem Wissen überzeugt seien, und bat zum Beweis der Wahrheit Seiner Sendung um ein Wunder, das alle Betroffenen restlos zufriedenstellen werde. »Wenn du auch kein Recht hast, darum zu bitten«, erwiderte Bahá'u'lláh, »denn Gott prüft Seine Geschöpfe, sie aber dürfen nicht Gott prüfen - erlaube Ich dir diese Bitte und nehme sie an ... Die Ulamá sollen sich versammeln und einstimmig ein Wunder wählen, und sie sollen schriftlich niederlegen, daß sie nach der Ausführung des Wunders nicht länger an Mir zweifeln und daß sie alle die Wahrheit Meiner Sache anerkennen und bekennen werden. Das Schriftstück sollen sie siegeln und Mir bringen. Und dies soll das gebilligte Kriterium sein: Ist das Wunder vollbracht, dürfen sie keinen Zweifel mehr hegen, wenn nicht, sollen Wir des Betruges überführt sein.« Diese deutliche, herausfordernde und kühne Erwiderung an die Adresse der berühmtesten, in ihrer altehrwürdigen Hochburg versammelten schiitischen Geistlichen, beispiellos in den Annalen aller Religionen, genügte dem Abgesandten so vollauf, daß er sich gleich erhob, Bahá'u'lláh das Knie küßte und forteilte, um Seine Botschaft zu übermitteln. Drei Tage später gab er Nachricht, daß jene hehre Versammlung zu keinem Entschluß gekommen sei und die Sache lieber fallen gelassen habe, ein Vorgang, den er später während eines Aufenthalts in Persien weithin bekannt machte und persönlich auch dem damaligen Außenminister Mírzá Sa'íd Khán erzählte. Als Bahá'u'lláh von der Reaktion auf Seine Herausforderung erfuhr, soll Er, wie berichtet wird, gesagt haben: »Wir haben durch diese allgenügende, allumfassende Botschaft, die Wir sandten, die Wunder aller Propheten offenbart und gerechtfertigt, indem Wir den Ulamá die Wahl ließen, selbst zu offenbaren, wofür sie sich entscheiden wollen«. Abdu'l-Bahá schrieb bezüglich einer ähnlichen Herausforderung, die Bahá'u'lláh später im Lawh-i-Sultán stellte: »Wenn wir den Text der Bibel sorgfältig prüfen, sehen wir, daß die göttliche Manifestation nie zu denen, die Ihn verleugneten, sagte: `Ich bin bereit, jedes Wunder, das ihr verlangt, zu tun, und will Mich jeder Prüfung, die ihr vorschlagt, unterziehen`. Bahá'u'lláh aber sagte in dem Sendbrief an den Sháh klar: `Versammle die Ulamá und rufe Mich, damit die Zeugnisse und Beweise erbracht werden.`«

+8:34

Sieben Jahre ununterbrochener, geduldiger und überaus erfolgreicher Festigungsarbeit gingen nun zu Ende. Eine hirtenlose Gemeinde, die einer langen, schrecklichen Anfechtung von innen und außen ausgesetzt und von Vernichtung bedroht war, war wiederbelebt und zu einem Aufstieg geführt worden, der in ihrer zwanzigjährigen Geschichte nicht seinesgleichen hatte. Ihre Grundmauern waren jetzt gefestigt, ihr Geist erhoben, ihr Ausblick verwandelt, ihre Führung gesichert, ihre Lehraussagen neu formuliert, ihr Ansehen erhöht, ihre Feinde abgeschlagen, und die Hand der Vorsehung traf nach und nach Vorkehrungen, um sie in einen neuen Abschnitt ihres wechselvollen Schicksalsweges zu führen, auf dem Wohl und Wehe sie auf eine weitere Stufe ihrer Entwicklung tragen sollten. Der Erlöser, die einzige Hoffnung und der faktisch anerkannte Führer dieser Gemeinde, der die Anstifter so vieler Mordpläne gegen Ihn stets eingeschüchtert hatte, der alle furchtsamen Ratschläge zur Flucht vom Ort der Gefahr verächtlich von sich gewiesen hatte, der die wiederholten großzügigen Angebote von Freunden und Wohlgesinnten, Seine persönliche Sicherheit zu verbürgen, mit Bestimmtheit abgelehnt hatte, der über Seine Widersacher einen so weithin sichtbaren Sieg errungen hatte - Er wurde in dieser günstigen Stunde durch die unwiderstehlichen Wirkkräfte Seiner sich entfaltenden Sendung dazu getrieben, Seinen Wohnsitz in ein Zentrum von noch größerer Bedeutung zu verlegen: in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, an den Sitz des Kalifats, das Verwaltungszentrum des sunnitischen Isláms, zum Thron des mächtigsten Herrschers der islámischen Welt.

+8:35

Der geistlichen Ordnung, vertreten durch die berühmten Geistlichen in Najaf, Karbilá und Kázimayn, hatte Er schon eine kühne Herausforderung entgegengeschleudert. Jetzt, nahe dem Hof Seines königlichen Gegners, sollte Er an das anerkannte Oberhaupt des sunnitischen Isláms eine ähnliche Herausforderung richten wie an den Herrscher von Persien, den Treuhänder des verborgenen Imám. Die Gesamtheit der Könige auf Erden, insbesondere der Sultán und seine Minister, wurden von Ihm nicht nur angesprochen, Er richtete vielmehr einen machtvollen Appell an sie und warnte sie, indes die Könige der Christenheit und die sunnitische Hierarchie streng ermahnt wurden. Es nimmt nicht wunder, daß der verbannte Träger der jüngst verkündeten Offenbarung, das zukünftige Aufleuchten Seines Glaubens nach Seiner Entfernung aus dem Iráq vorausschauend, die prophetische Worte sprach: »Er wird in einem anderen Erdball erstrahlen, wie Er, der Allmächtige, der Altehrwürdige der Tage, es vorherbestimmt hat... Daß der Geist aus dem Leib des Iráq scheiden soll, ist ein wundersames Zeichen für alle, die im Himmel und auf Erden sind. Binnen kurzem werdet ihr diesen göttlichen Jüngling auf dem Siegesroß reiten sehen. Dann wird Zittern die Herzen der Neider packen.«

+8:36

Nun, da die vorherbestimmte Stunde für Bahá'u'lláhs Abschied vom 'Iráq schlug, kam der Prozeß in Gang, durch den dies geschehen konnte. Die neun Monate unausgesetzter Wühlarbeit Seiner Feinde, insbesondere des Shaykh Abdu'l-Husayn und seines Helfershelfers Mírzá Buzurg Khán, begannen nun Früchte zu zeitigen. Sháh Násiri'd-Dín und seine Minister sowie der persische Gesandte in Konstantinopel wurden unablässig bestürmt, sofort etwas zu tun, um Bahá'u'lláh aus Baghdád gewiß zu entfernen. Durch krasse Entstellung des wahren Sachverhalts und die Verbreitung alarmierender Berichte gelang es den böswilligen und beharrlichen Feinden schließlich, den Sháh soweit zu bringen, daß er seinen Außenminister Mírzá Sa'íd Khán beauftragte, über den persischen Gesandten an der Hohen Pforte, Mírzá Husayn Khán - einen guten Freund des Großwesirs des Sultáns, Alí Páshá, und des Außenministers Fu'ád Páshá - den Sultán Abdu'l-Azíz zu veranlassen, die sofortige Überführung Bahá'u'lláhs an einen von Baghdád möglichst weit entfernten Ort anzuordnen. Als Grund hierfür solle angegeben werden, daß Sein weiteres Verbleiben in jener an persisches Gebiet grenzenden und einem so bedeutenden schiitischen Pilgerort nahen Stadt eine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit Persiens und seiner Regierung darstelle.

+8:37

In seiner Mitteilung an den Gesandten brandmarkt Mírzá Sa'íd Khán den Glauben als eine »irregeleitete und abscheuliche Sekte«, beklagt Bahá'u'lláhs Entlassung aus dem Síyáh-Chál und verunglimpft Ihn als einen, der unablässig »insgeheim Narren und unwissende Schwachköpfe verdirbt und irreführt«. »Gemäß königlichem Befehl«, schrieb er, »bin ich, Ihr getreuer Freund, gehalten, ... Ihnen den Auftrag zu erteilen, daß Sie unverzüglich ein Treffen mit den Exzellenzen, dem Sadr-i-A'zam und dem Außenminister, vereinbaren sollen ... um darum zu ersuchen ... daß dieser Quell des Übels entfernt werde aus einem Zentrum, das wie Baghdád Sammelplatz so vieler verschiedener Völker ist und so nahe an die persischen Provinzen grenzt.« Im selben Brief zitiert er einen berühmten Vers und schreibt, um seine Befürchtungen zum Ausdruck zu bringen und sie auch dem Empfänger des Schreibens einzuflößen: »`Unter der Asche sehe ich Feuer glimmen, es bedarf nur wenig, und es steht in hellen Flammen.`«

+8:38

Ermutigt von der Tatsache, daß der thronende Monarch viele Befugnisse auf seine Minister übertragen hatte, und unterstützt von bestimmten auswärtigen Botschaftern und Gesandten in Konstantinopel, brachte Mírzá Husayn Khán mit viel Überredungskunst und liebenswürdigem Nachdruck die Minister dazu, vom Sultán die Genehmigung zur Überführung Bahá'u'lláhs und Seiner Gefährten (die inzwischen durch die Umstände gezwungen waren, ihre Staatsbürgerschaft zu wechseln) nach Konstantinopel zu erwirken. Es wird sogar berichtet, daß die Bitte der persischen Behörden um aktive und rasche Vermittlung in dieser Angelegenheit die erste war, die nach der Thronbesteigung des neuen Sultáns von einer befreundeten Macht gestellt wurde.

+8:39

Am 5. Naw-Rúz¹ - Bahá'u'lláh beging das Fest im Mazra'iy-i-Vashshásh in der Umgebung von Baghdád und hatte soeben den »Sendbrief vom heiligen Seefahrer« offenbart, dessen düstere Prophezeiungen unter den Gefährten schwere Besorgnis wachriefen - traf ein Abgesandter Námiq Páshás ein und überreichte Ihm einen Brief, der Ihn zu einem Gespräch mit dem Gouverneur bat.

¹ 1863


+8:40

Bahá'u'lláh hatte, wie Nabíl in seinem Bericht ausführt, schon in verschiedenen Gesprächen während der letzten Jahre Seines Aufenthalts in Baghdád auf eine unerbittlich herannahende Zeit der Prüfungen und des Aufruhrs hingewiesen mit solcher Trauer und so schwerem Herzen, daß die um Ihn Stehenden zutiefst bestürzt waren. Ein Traum, den Er zu jener Zeit hatte und dessen schlimme Vorbedeutung nicht mißzuverstehen war, trug dazu bei, die Ängste und bösen Ahnungen Seiner Gefährten zu verstärken. Er schreibt in einem Sendbrief: »Ich sah die Propheten und Gottesboten versammelt rings um Mich sitzen, stöhnend, weinend und laut klagend. Verwundert fragte Ich sie nach dem Grund, worauf sie lauter klagten und weinten und Mir sagten: `Wir weinen um Dich, o Größtes Geheimnis, o Heiligtum der Unsterblichkeit!` Sie weinten so sehr, daß auch Ich mit ihnen weinte. Darauf sprachen Mich die himmlischen Heerscharen an und sagten: `...Binnen kurzem wirst Du mit eigenen Augen schauen, was noch kein Prophet geschaut ... Sei geduldig, sei geduldig!` ...Die ganze Nacht sprachen sie zu Mir bis der Morgen dämmerte.« Nabíl bestätigt, daß »Meere von Sorgen in den Herzen der Zuhörer wogten, als ihnen der Sendbrief vom heiligen Seefahrer laut vorgelesen wurde... Jedem war klar, daß das Kapitel Baghdád zum Abschluß kam und an seiner Stelle ein neues begann. Kaum war der Sendbrief verklungen, da ordnete Bahá'u'lláh an, daß die errichteten Zelte abgebrochen wurden und sämtliche Gefährten in die Stadt zurückkehrten. Während die Zelte weggebracht wurden, bemerkte Er: `Die Zelte gleichen dem Zierat dieser Welt; kaum sind sie aufgeschlagen, kommt schon die Zeit, sie wieder abzubrechen`. Diesen Worten entnahmen die, die sie hörten, daß die Zelte an diesem Ort nie wieder aufgeschlagen würden. Sie waren auch noch nicht völlig verpackt, als schon der Bote von Baghdád eintraf und die oben erwähnte Mitteilung des Gouverneurs überbrachte.«

+8:41

Am nächsten Tag händigte der stellvertretende Gouverneur in einer Moschee in der Nähe des Gouverneurshauses Bahá'u'lláh den an Námiq Páshá gerichteten und in sehr höflichem Ton gehaltenen Brief Alí Páshás aus, der Bahá'u'lláh einlud, sich als Gast der Osmanischen Regierung nach Konstantinopel zu begeben, und Ihm eine Summe Geldes sowie als persönlichen Begleitschutz eine berittene Eskorte zur Verfügung stellte. Bahá'u'lláh nahm die Einladung bereitwillig an, lehnte aber das angebotene Geld ab. Auf die dringlichen Vorstellungen des Beauftragten, eine solche Ablehnung würde die Behörden beleidigen, nahm Er zögernd die Ihm großzügig bereitgestellte Summe an und verteilte sie am selben Tag noch unter die Armen.

+8:42

Die plötzliche Nachricht überwältigte die Exilantengemeinde wie ein Blitz. Ein Augenzeuge, der die Reaktion der Gemeinde auf die Nachricht von der bevorstehenden Abreise Bahá'u'lláhs schildert, schreibt: »Der Tag erlebte einen Tumult wie am Tag der Auferstehung. Ich habe den Eindruck, daß selbst die Tore und Mauern der Stadt laut weinten ob ihrer bevorstehenden Trennung von dem Geliebten Abhá. In der Nacht, als zum erstenmal von Seiner beabsichtigten Abreise gesprochen wurde, verweigerten Seine Geliebten allesamt Schlaf und Nahrung... Kein einziger von ihnen ließ sich beruhigen. Viele waren entschlossen, für den Fall, daß ihnen die Gunst, Ihn begleiten zu dürfen versagt würde, sich ohne Zögern zu töten... Aber allmählich ließen sie sich von Seinen Worten und durch Seine liebevollen Ermahnungen beruhigen und fügten sich Ihm zuliebe.« Für jeden von ihnen, Araber oder Perser, Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener, alle, die in Baghdád lebten, offenbarte Er in diesen Tagen ein besonderes Tablet in eigener Handschrift. In den meisten dieser Sendschreiben prophezeite Er das Erscheinen des »Kalbs« und der »Vögel der Nacht«: Anspielungen auf diejenigen, die, wie im Sendbrief vom Heiligen Seefahrer vorweggenommen und im oben erwähnten Traum vorausgeahnt, die Fahne des Aufruhrs hissen und die schwerste Krise in der Geschichte des Glaubens heraufbeschwören sollten.

+8:43

Siebenundzwanzig Tage, nachdem Bahá'u'lláh so unerwartet den trauervollen Sendbrief offenbart hatte und das fatale Schreiben in Händen hielt, das Seine Abreise nach Konstantinopel ankündigte, begab Er sich an einem Mittwochnachmittag, einunddreißig Tage nach Naw-Rúz, am dritten Dhi'l-Qa'dih 1279 n.d.H.¹, auf die erste Etappe Seiner viermonatigen Reise in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Dieser historische Tag, hinfort als erster Tag des Ridván-Festes bezeichnet, war der Höhepunkt zahlloser Abschiedsbesuche, die Ihm Freunde und Bekannte aus allen Schichten und Kreisen abstatteten - ein Tag, desgleichen die Einwohner Baghdáds wohl kaum je erlebt. Eine Menschenmenge beiderlei Geschlechts und jeden Alters, Freunde und Fremde, Araber, Kurden und Perser, Honoratioren und Geistliche, Beamte und Kaufleute, auch viele Angehörige der geringeren Klassen, Arme, Waisen, Vagabunden, manche verwundert, andere gebrochenen Herzens, viele in Tränen und voll Angst, einige von Neugier getrieben oder von heimlicher Genugtuung, drängten sich vor Seiner Tür, um einen letzten Blick auf Den zu erhaschen, der auf eine Vielzahl verschiedenster Bürger ihrer Stadt ein Jahrzehnt lang durch Lehre und Vorbild einen so gewaltigen Einfluß ausgeübt hatte.

¹ 22. April 1863


+8:44

Inmitten der Tränen und Klagen verließ Er zum letzten Mal Seine »heiligste Wohnstatt«, aus der »der Odem des Allherrlichen geweht« und in »unaufhörlichen Klängen« die »Weise des Allbarmherzigen« geströmt war. spendete auf dem Weg mit freigebiger Hand letzte Almosen an die Armen, denen Er so treu Freund gewesen, sprach Trostworte zu den Traurigen, die Ihn von allen Seiten umringten, gelangte schließlich zum Flußufer und wurde, von Seinen Söhnen und Seinem Sekretär begleitet, zum Najíbíyyih-Garten am anderen Ufer übergesetzt. Bevor Er das Boot betrat, sprach Er zu der treuen Schar, die Ihn umgab: »O Meine Gefährten! Ich vertraue die Stadt Baghdád, wie ihr sie jetzt seht, da aus den Augen der Freunde wie der Fremden, die sich auf den Dächern, in den Straßen und auf den Märkten drängen, die Tränen wie Frühlingsregen fließen, eurer Obhut an und gehe. Ihr müßt jetzt wachsam sein, damit eure Taten und euer Verhalten die Flamme der Liebe, die in der Brust ihrer Bewohner glüht, nicht verlöschen.«

+8:45

Der Muezzin ließ eben den Ruf zum Nachmittagsgebet erschallen, als Bahá'u'lláh den Najíbíyyih-Garten betrat, wo Er zwölf Tage verbrachte, ehe Er endgültig die Stadt verließ. Seine Freunde und Gefährten strömten in unaufhörlichen Wogen dorthin, traten in Seine Gegenwart und nahmen, von tiefem Kummer bewegt, Abschied von Ihm. Unter ihnen sei besonders der berühmte Alúsí erwähnt, der Muftí von Baghdád, der mit Tränen in den Augen den Namen Násiri'd-Dín Sháhs verfluchte, den er als den Hauptverantwortlichen der unverdienten Vertreibung betrachtete. Er bekannte ganz offen: »Ich habe aufgehört, ihn als Násiri'd-Dín¹ zu betrachten; ich halte ihn eher für seinen Zerstörer.« Ein anderer prominenter Besucher war der Gouverneur selbst, Námiq Páshá; er brachte in respektvollster Weise sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß die Dinge einen solchen Verlauf genommen und den Wegzug Bahá'u'lláhs heraufbeschworen hatten. Er versicherte Ihn seiner Bereitwilligkeit, Ihm in jeder erdenklichen Weise behilflich zu sein, und händigte dem Offizier, der den Befehl hatte, Ihn zu begleiten, eine schriftliche Order aus, die den Gouverneuren der Provinzen, durch die die Verbannten auf ihrem Wege kommen würden, die Weisung gab, diesen höchste Achtung entgegenzubringen. Er versicherte Bahá'u'lláh nach vielen Entschuldigungen: »Wenn Sie irgend etwas benötigen, brauchen Sie nur zu befehlen. Wir sind bereit, dem nachzukommen.« Bahá'u'lláh erwiderte auf die spontanen und wiederholten Angebote: »Schenke deine Fürsorge Unseren Geliebten und behandle sie freundlich« - eine Bitte, der der Gouverneur ohne Zögern von Herzen zustimmte.

¹ die Stütze des Glaubens


+8:46

Angesichts so vieler Beweise tiefster Verehrung, Sympathie und Achtung, die Bahá'u'lláh vom Augenblick, da Er Seine bevorstehende Abreise angekündigte, bis zum Tag des Aufbruchs vom Najíbíyyih-Garten von hoch und niedrig so offenkundig entgegengebracht wurden, nimmt es nicht wunder, daß diejenigen, die so unermüdlich darauf aus gewesen, den Befehl zu Seiner Verbannung zu erwirken, und sich des Erfolgs schon gefreut hatten, ihre Tat jetzt bitter bereuten. In einem Brief, den Abdu'l-Bahá aus jenem Garten schrieb, sagt Er in bezug auf diese Widersacher: »Von solcher Art war das Eingreifen Gottes, daß ihre Freude sich in Kummer und Reue verwandelt hat, so sehr, daß der persische Generalkonsul in Baghdád die von den Anstiftern geschmiedeten Pläne und Ränke jetzt zutiefst bedauert. Námiq Páshá selbst erklärte am Tage, als er Ihn¹ besuchte: `Früher bestanden sie auf Ihrer Abreise. Jetzt aber bestehen sie eher darauf, daß Sie bleiben.`«

¹ Bahá'u'lláh





Kapitel 9
Die Erklärung Bahá'u'lláhs und Seine Reise nach Konstantinopel

+9:1

Das Eintreffen Bahá'u'lláhs im Najíbíyyih-Garten, der später von Seinen Anhängern Garten Ridván genannt wird, kündigte den Beginn eines Ereignisses an, das inzwischen als das heiligste und bedeutsamste aller Bahá'í-Feste betrachtet wird, die Gedenkfeier der Tage, in denen Er Seinen Gefährten Seine Sendung erklärte. Diese denkwürdige Erklärung kann einerseits als logischen Abschluß des umwälzenden Prozesses angesehen werden, den Er nach Seiner Rückkehr aus Sulaymáníyyih eingeleitet hatte, und zum andern als Vorspiel zur später von Adrianopel ausgehenden, endgültigen Verkündung Seiner Sendung an die ganze Welt und ihre Herrscher.

+9:2

Mit diesem feierlichen Akt war die »Frist« eines vollen Jahrzehnts, die nach göttlicher Bestimmung zwischen die Offenbarung Bahá'u'lláhs im Síyáh-Chál und ihre Verkündigung an die Jünger des Báb gesetzt war, abgelaufen. Die »festgesetzte Zeit der Geheimhaltung«, während der, wie Er selbst bezeugt, die »Zeichen einer gottgegebenen Offenbarung« über Ihn kamen, war erfüllt. Die »Myriaden Lichtschleier«, in die Seine Herrlichkeit verhüllt war, wurden in dieser historischen Stunde etwas gelüftet und ließen die Menschheit »einen winzigen Schimmer« vom Strahlenglanz Seines »unvergleichlichen, hochheiligen, erhabenen Antlitzes« schauen. Die »tausendzweihundertundneunzig Tage«, die Daniel im letzten Kapitel seines Buches als Dauer der »Greuel der Verwüstung« festlegt, waren um. Die »hundert Mondjahre«, die, wie Daniel im selben Kapitel ankündigt, dem seligen Ende unmittelbar vorangehen sollen¹, hatten begonnen. Die neunzehn den ersten »Váhid« bildenden Jahre hatten sich, wie im Persischen Bayán durch die Feder des Báb vorherbestimmt, erfüllt. Der Herr des Königreichs, Jesus Christus, war wiedergekehrt in der Herrlichkeit des Vaters und schickte sich an, Seinen Thron zu besteigen und das Zepter Seiner weltumfassenden, unzerstörbaren Souveränität zu ergreifen. Die Gemeinde des Größten Namens, die »Gefährten der karminroten Arche«, im Qayyúmu'l-Asmá in glühenden Worten gepriesen, war sichtbar zum Vorschein gekommen. Die Prophezeiung des Báb bezüglich »Ridván« als Schauplatz der Enthüllung der überirdischen Herrlichkeit Bahá'u'lláhs, war buchstäblich in Erfüllung gegangen.

¹ tausenddreihundertfünfunddreißig Tage; vgl. Dan. 12:13


+9:3

Unerschüttert von der Aussicht auf bittere Feindschaft, die Ihn bald, wie Er selbst voraussagte, überkommen werde; am Vorabend einer weiteren Verbannung, die zahlreiche Gefahren und Wagnisse mit sich bringen und Ihn noch weiter von Seiner Heimat, der Wiege des Glaubens, wegführen sollte in ein Land, das nach Rasse, Sprache und Kultur so völlig anders war; im vollen Bewußtsein der Ausweitung des Kreises Seiner Widersacher, zu denen bald auch ein Herrscher, noch despotischer als Násiri'd-Dín Sháh, und einige Minister von nicht weniger unbeugsamer Feindseligkeit als Hájí Mírzá Aqásí oder der Amír-Nizám zählen sollten; unbeeindruckt auch von den ständigen Unterbrechungen, die der Zustrom eines ganzen Heeres von Besuchern verursachte, die sich um Sein Zelt drängten, entschloß sich Bahá'u'lláh, zu dieser höchst kritischen und anscheinend ungünstigen Stunde Seinen so herausfordernden Anspruch zu stellen, das Geheimnis, das Seine Person umgab, preiszugeben und sich in vollem Umfang die Macht und Autorität anzueignen, die als ausschließliches Vorrecht Dessen galt, dessen Kommen der Báb verheißen hatte.

+9:4

Schon hatte das bevorstehende große Ereignis seine Schatten auf die Kolonie der Verbannten geworfen, die seine Erfüllung erwartungsvoll herbeisehnten. Und da das Jahr »achtzig« stetig und unvermeidlich näher rückte, empfand Er, der der wirkliche Führer der Gemeinde geworden war, in steigendem Maße die heranrauschende Flut seiner gestaltenden Kraft und ließ dies nach und nach Seine zukünftigen Gefährten wissen. Die festlichen, ergreifenden Oden, die Er fast täglich schrieb, die Sendbriefe, voll mit Andeutungen, die Seiner Feder entströmten, die Anspielungen, die Er bei privaten Unterhaltungen wie in öffentlichen Gesprächen bezüglich der herannahenden Stunde machte, die Verzückung, die in Augenblicken der Freude wie des Kummers Seine Seele durchflutete, die Begeisterung, die Seine schon durch die stetig sich mehrenden Beweise Seiner aufsteigenden Größe und Herrlichkeit hingerissenen Anhänger erfüllte, die auffallende Veränderung in Seinem Verhalten und schließlich die Tatsache, daß Er am Tag, da Er Sein »heiligstes Haus« verließ, den »Táj«¹ trug - all dies wies unmißverständlich auf die baldige Übernahme Seines prophetischen Amtes und der offiziellen Regentschaft über die Gemeinde der Anhänger des Báb hin.

¹ hoher Filzhut


+9:5

Nabíl beschreibt den Aufruhr, der die Gefährten Bahá'u'lláhs in den Tagen vor der Erklärung Seiner Sendung zuinnerst aufwühlte: »Gar manche Nacht rief Mírzá Aqá Ján sie alle in sein Zimmer, schloß die Tür ab, entzündete viele duftende Kerzen und sang ihnen laut alle neu offenbarten Oden und Tablets, die er besaß, vor. Und sie vergaßen darüber völlig diese irdische Welt, waren so gänzlich in die Sphären des Geistes versunken, daß sie nicht mehr an Essen, Schlafen oder Trinken dachten und nur mit einem Mal entdeckten, daß aus der Nacht wieder Tag geworden war und die Sonne sich dem Zenit näherte.«

+9:6

Über die genauen Begleitumstände dieser epochemachenden Erklärung sind wir leider nur äußerst dürftig unterrichtet. Die von Bahá'u'lláh bei diesem Anlaß tatsächlich geäußerten Worte, die Art und Weise Seiner Erklärung, der Widerhall, den sie auslöste, ihre Wirkung auf Mírzá Yahyá sowie Angaben darüber, wer das Vorrecht hatte, Ihm zuzuhören: alles dies ist in ein Dunkel gehüllt, das künftige Geschichtsschreiber nur mit Mühe werden durchdringen können. Die bruchstückhafte Beschreibung, die Sein Chronist Nabíl der Nachwelt hinterließ, ist einer der ganz wenigen authentischen Berichte, die wir über die denkwürdigen Tage Seines Aufenthalts in diesem Garten besitzen. »Jeden Tag«, erzählt Nabíl, »schnitten die Gärtner vor Anbruch der Morgendämmerung die Rosen, die die vier Hauptwege des Gartens säumten, und häuften sie in der Mitte Seines gesegneten Zeltes auf. So groß war der Berg, daß die Gefährten Bahá'u'lláhs, wenn sie sich zum Morgentee bei Ihm versammelten, nicht über ihn hinwegblicken konnten. Alle diese Rosen reichte Bahá'u'lláh jeden Morgen eigenhändig denen, die Er aus Seiner Gegenwart entließ, damit sie sie in Seinem Namen Seinen arabischen und persischen Freunden in der Stadt brächten.» «Eines Nachts«, so fährt er fort, »es war die neunte Nacht des zunehmenden Mondes, befand ich mich zufällig unter denen, die neben Seinem gesegneten Zelt Wache hielten. Als die Stunde der Mitternacht nahte, sah ich, wie Er aus Seinem Zelt heraustrat, an den Plätzen vorüberging, wo einige Seiner Gefährten schliefen, und sodann die vom Mond beschienenen blumenumkränzten Hauptwege des Gartens auf und ab zu wandeln begann. So laut ertönte der Gesang der Nachtigallen von allen Seiten, daß nur die, die Ihm ganz nahe waren, Seine Stimme deutlich vernehmen konnten. Er ging immer noch weiter auf und ab; schließlich hielt Er inmitten eines dieser Wege inne und sprach: `Seht diese Nachtigallen! So groß ist ihre Liebe zu den Rosen, daß sie unermüdlich, ohne zu schlafen, von der Abenddämmerung bis zum frühen Morgen ihre Melodien schlagen und sich voll brennender Leidenschaft dem Gegenstand ihrer Anbetung zuwenden. Wie können dann die schlafen, die behaupten, von der rosengleichen Schönheit des Geliebten entflammt zu sein?` Drei Nächte hintereinander wachte ich und umkreiste Sein gesegnetes Zelt. Sooft ich an dem Ruhebett vorüberkam, auf dem Er lag, fand ich Ihn wachend; und alle Tage sah ich Ihn doch vom Morgen bis zum Abend pausenlos damit beschäftigt, sich mit dem Strom der Besucher, die von Baghdád hereinfluteten, zu unterhalten. Und nicht ein einziges Mal konnte ich in den Worten, die Er sprach, auch nur eine Spur davon finden, daß Er anders sein könnte, als Er sich gab.«

+9:7

Über die Bedeutung dieser Erklärung mag uns Bahá'u'lláh selbst das Wesentliche sagen. Er spricht von diesem historischen Ereignis als dem »Größten Fest«, dem »König der Feste«, dem »Fest Gottes«, und kennzeichnet es in Seinem Kitáb-i-Aqdas als den Tag, an dem »alles Erschaffene ... in das Meer der Reinigung getaucht« ist. In einem besonderen Sendbrief spricht Er von ihm als dem Tag, da »die Winde der Vergebung über die ganze Schöpfung hinwehen.« »Frohlocke in höchster Freude, o Volk Bahás« schreibt Er in einem anderen Sendbrief, »wenn du dich des Tages höchsten Glücks erinnerst, des Tages, da die Stimme des Altehrwürdigen der Tage sprach, da Er aus Seinem Hause fort zu jenem Orte ging, wo Er den Glanz Seines Namens, der Allbarmherzige, über die ganze Schöpfung vergoß ... Wollten Wir die verborgenen Geheimnisse dieses Tages enthüllen, so würden alle, die auf Erden und in den Himmeln wohnen, bewußtlos werden und sterben, außer jenen, die von Gott, dem Allmächtigen, dem Allwissenden, dem Allweisen, behütet werden. So stark ist die berauschende Wirkung der Worte Gottes auf Ihn, den Offenbarer Seiner unzweifelhaften Beweise, daß Seine Feder nicht länger schreiben kann«. Und wiederum: »Die göttliche Frühlingszeit ist angebrochen, o Erhabenste Feder, denn das Fest des Allbarmherzigen naht mit Eile ... Die Sonne der Seligkeit leuchtet über dem Horizont Unseres Namens, der Selige, da das Reich des Namens Gottes geschmückt wurde mit der Zier des Namens Deines Herrn, der Schöpfer der Himmel ... Sei achtsam, daß nichts dich davon ablenke, die Größe dieses Tages zu preisen, des Tages, da der Finger der Erhabenheit und Macht den Wein der Wiedervereinigung entsiegelt und alle gerufen hat, die in den Himmeln, und alle, die auf Erden sind ... Dies ist der Tag, da die Welt des Unsichtbaren ausruft: `Groß ist deine Seligkeit, o Erde, denn du wurdest zum Schemel deines Gottes gemacht und zum Sitz Seines mächtigen Thrones auserkoren` ... Sprich: ... Er ist es, der den verborgenen und verwahrten Edelstein offen vor euch hingelegt hat, wolltet ihr ihn doch suchen. Er ist es, der Einziggeliebte von allem, was vergangen und zukünftig ist.« Und weiter: »Erhebe dich und verkünde der ganzen Schöpfung die Botschaft, daß Er, der Allbarmherzige, Seine Schritte zum Ridván gelenkt und ihn betreten hat. Führe dann das Volk zum Garten des Entzückens, den Gott zum Thron Seines Paradieses gemacht hat... In diesem Paradies und aus den Höhen Seiner erhabensten Gemächer rufen die Himmelsdienerinnen jubelnd: `Freut euch, ihr Bewohner der Reiche der Höhe, denn die Finger Dessen, der der Altehrwürdige der Tage ist, läuten im Namen des Allherrlichen die Größte Glocke mitten im Herzen der Himmel. Die Hände der Güte reichen den Becher des ewigen Lebens dar. Kommt näher und trinkt euch satt!`« Und schließlich: »Vergiß die Welt der Schöpfung, o Feder, und wende dich dem Antlitz deines Herrn zu, des Herrn aller Namen. Schmücke dann die Welt mit dem Schmuck der Gunstbezeugungen Deines Herrn, des Königs ewiger Tage. Denn Wir spüren den Duft des Tages, da Er, die Sehnsucht aller Völker, die Lichtfülle Seiner höchst erhabenen Namen auf die Reiche des Sichtbaren und Unsichtbaren ergoß und sie mit dem Strahlenglanz der Leuchten Seiner gnädigsten Gunst umgab - einer Gunst, die keiner außer Ihm, dem allmächtigen Beschirmer der ganzen Schöpfung zu ermessen vermag.«¹

¹ vgl. ÄL 14


+9:8

Den Aufbruch Bahá'u'lláhs aus dem Garten Ridván am Nachmittag des vierzehnten Dhi'l-Qa'dih 1279 n.d.H.¹ begleiteten Szenen einer wilden Begeisterung, nicht weniger eindrucksvoll, ja ergreifender noch als die, mit denen Er begrüßt wurde, als Er Sein Größtes Haus in Baghdád verließ. »Der große Tumult, den wir damals erlebten«, schrieb ein Augenzeuge, »verband sich in unseren Köpfen mit der Tag der Versammlung, dem Tag des Jüngsten Gerichts. Gläubige und Nichtgläubige brachen gleicherweise in Weinen und Wehklagen aus. Die Notabeln und Honoratioren waren starr vor Staunen. Tiefe, unbeschreibliche Emotionen brachen auf, und alle wurden davon angesteckt.«

¹ 3. Mai 1863


+9:9

Auf Seinem Pferd, einem Rotschimmelhengst edelsten Geblüts, dem besten, den Seine Freunde für Ihn hatten erstehen können, ritt Er, vorbei an den gebeugten Rücken unzähliger glühender Bewunderer, aus zur ersten Etappe einer Reise, die Ihn nach Konstantinopel führen sollte. Nabíl, ein Augenzeuge dieser denkwürdigen Szene, berichtet: »Viele Häupter neigten sich zu beiden Seiten in den Staub zu Füßen Seines Pferdes, dem sie die Hufe küßten, und unzählige drängten herzu, um Seine Steigbügel zu umarmen.« Ein Mitreisender bezeugt: »Groß war die Zahl der Getreuen, die sich verzweifelt vor die Füße Seines Pferdes warfen, weil sie lieber sterben als sich von ihrem Geliebten trennen wollten, und ich hatte den Eindruck, als ob das gesegnete Tier tatsächlich auf die Leiber dieser reinen Seelen getreten habe«. »Er [Gott] ist es«, erklärt Bahá'u'lláh selbst, »der Mich befähigte, aus der Stadt¹ mit solcher Majestät zu scheiden, daß niemand außer den Leugnern und Übeltätern umhin kann, sie anzuerkennen.«² Von solchen Zeichen der Huldigung und Verehrung blieb Er umgeben bis Er in Konstantinopel ankam. Mírzá Yahyá, der auf eigenen Wunsch zu Fuß hinter Bahá'u'lláhs Gepäckwagen herging, äußerte gegenüber Siyyid Muhammad, wie Nabíl zufällig mithörte: `Hätte ich mich nicht lieber versteckt gehalten, sondern mich zu erkennen gegeben, dann wären die Ehrungen, die Ihm³ heute erwiesen werden, auch mir zuteil geworden.`«

¹ Baghdád ² ÄL 15/3 ³ Bahá'u'lláh


+9:10

Auch als Bahá'u'lláh am 20. Dhi'l-Qa'dih¹ in Begleitung Seiner Angehörigen und sechsundzwanzig Jüngern von Firayját, der ersten Zwischenstation auf Seiner Reise, aufbrach, wiederholten sich die Beweise der Ergebenheit, wie sie Bahá'u'lláh beim Verlassen Seines Hauses und später bei Seinem Scheiden aus dem Garten Ridván bezeugt wurden. Eine Karawane wurde zusammengestellt aus fünfzig Maultieren, einer berittenen Garde von zehn Soldaten und einem Offizier, sowie sieben Howdahs² mit je vier Sonnenschirmen bestückt, und zog nun innerhalb eines Zeitraums von hundertzehn Tagen in bequemen Tagesetappen durch die Gebirge und Schluchten, die Wälder, Täler und Triften der malerischen Landschaften Ostanatoliens ihres Weges bis zum Hafen Sámsún am Schwarzen Meer. Als Bahá'u'lláh, zuweilen zu Pferd, ein andermal in der für Seinen persönlichen Gebrauch bestimmten Howdah ruhend, oft umringt von Seinen Gefährten, von denen die meisten zu Fuß gingen, mit dem Frühling nach Norden zog, wurde Ihm dank der schriftlichen Order Námiq Páshás von seiten der Válís, der Mutisarrifs, der Qá'im-Maqáms, der Mudírs, der Shaykhs, der Muftís und Qadís, der Regierungsbeamten und Notabeln aller Distrikte, durch die Er kam, ein begeisterter Empfang bereitet. In Karkúk, in Irbíl, in Mosul, wo Er drei Tage blieb, in Nísíbín, in Márdín, in Díyár-Bakr, wo zwei Tage Halt gemacht wurde, in Khárpút und in Sívas wurde Er wie in vielen Dörfern und Weilern, bevor Er eintraf, von einer Abordnung begrüßt und hernach bei Seinem Abschied von einer ähnlichen Abordnung ein Stück Wegs geleitet. Die Festlichkeiten, die an manchen Orten Ihm zu Ehren stattfanden, das Essen, das die Dorfbewohner bereiteten und Ihm darboten, der Eifer, mit dem sie unermüdlich für Seine Bequemlichkeit sorgten, erinnerten an die Verehrung, die Ihm die Menschen in Baghdád bei so vielen Gelegenheiten erwiesen hatten.

¹ 9. Mai 1863 ² howdah = Sänfte, gedeckter Tragstuhl, oft auf Kamelen oder Elefanten



+9:11

»Als wir diesen Morgen durch die Stadt Márdín kamen«, berichtet derselbe Reisegefährte, »ritt uns eine Eskorte Regierungssoldaten voraus, die zur Begrüßung Fahnen schwangen und Trommeln schlugen. Der Mutisarrif begleitete uns mit seinen Beamten und Honoratioren, indes viele Männer, Frauen und Kinder in Erwartung unserer Ankunft die Dächer und Straßen füllten. Voll Würde und Pomp durchzogen wir die Stadt und setzten die Reise fort; der Mutisarrif und sein Gefolge gaben uns noch ein beträchtliches Stück das Geleit.« Nabíl schreibt in seinem Bericht: »Wie alle, die wir im Verlauf dieser Reise trafen, einmütig bestätigen, hat man auf dieser Straße, auf der ständig Gouverneure und Mushírs zwischen Konstantinopel und Baghdád hin- und herreisten, nie zuvor einen mit solcher Pracht reisen sehen, der allen solche Gastfreundschaft erwiesen und jedem ein solches Maß von Güte und Freigebigkeit entgegengebracht hätte!« Als Bahá'u'lláh in der Nähe der Hafenstadt Sámsún von Seiner Howdah aus das Schwarze Meer erblickte, offenbarte Er auf Bitten Mírzá Áqá Jáns einen Sendbrief, den Lawh-i-Hawdaj¹, der mit Worten wie »göttlicher Prüfstein«, »das schmerzliche, qualvolle Unheil« aufs neue die düsteren Vorhersagen der kürzlich offenbarten Tafel vom heiligen Seefahrer bekräftigte.

¹ Sendbrief von der Howdah


+9:12

In Sámsún stattete Ihm der Hauptinspektor der ganzen Provinz, die sich von Baghdád bis nach Konstantinopel erstreckte, in Begleitung von mehreren Páshás einen Besuch ab, wobei er Ihm die größte Hochachtung entgegenbrachte, und wurde von Ihm zum Imbiß eingeladen. Aber dann, sieben Tage nach Seiner Ankunft, nahm Ihn, wie in der Tafel vom heiligen Seefahrer vorausgeschaut, ein türkischer Dampfer an Bord, und drei Tage später, am Nachmittag des ersten Rabí'u'l-Avval 1280 n.d.H.¹ wurden Er und Seine Mitverbannten im Hafen von Konstantinopel ausgeschifft. In zwei besonderen Wagen, die am Landungssteg für Ihn bereitstanden, fuhren Er und Seine Familie zum Haus Shamsí Bigs, des Beamten mit dem Auftrag, sich um Regierungsgäste zu kümmern; er wohnte in der Nähe der Khirqiy-i-Sharíf-Moschee. Später wurden sie in das komfortablere Haus von Vísí-Páshá in der Nähe der Sultán-Muhammad-Moschee verlegt.

¹ 16. August 1863


+9:13

Man kann sagen, daß mit der Ankunft Bahá'u'lláhs in Konstantinopel, der Hauptstadt des Osmanischen Reiches und dem Sitz des Kalifats - von Muslimen »Kuppel des Islám« genannt, aber von Bahá'u'lláh als Ort gebrandmarkt, da der »Thron der Tyrannei« errichtet ist - das grausamste, unheilvollste und dennoch ruhmreichste Kapitel in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts aufgeschlagen wurde. Es begann ein Zeitabschnitt, in dem unsägliche Entbehrungen und beispiellose Prüfungen mit den herrlichsten geistigen Siegen einhergingen. Das Tagesgestirn der Sendung Bahá'u'lláhs näherte sich mehr und mehr seinem Zenit. Die bedeutungsschwersten Jahre des Heroischen Zeitalters Seiner Sendung standen unmittelbar bevor. Das verhängnisvolle Geschehen, das Sein Vorläufer bereits im Jahr sechzig¹ im Qayyúmu'l-Asmá vorausgeschaut hatte, begann jetzt seinen Lauf zu nehmen.

¹ 1260 n.d.H.


+9:14

Genau zwei Jahrzehnte zuvor war die Bábí-Offenbarung im dunkelsten Persien, in Shíráz, erstanden. Trotz der grausamen Gefangenschaft, der ihr Urheber unterworfen wurde, hatte Er in Tabríz, der Hauptstadt Adhirbáyjáns, den von Ihm erhobenen bestürzenden Anspruch vor einer erlauchten Versammlung verkündet. In der Ortschaft Badasht war die von Seinem Glauben eingeleitete Sendung von den Vorkämpfern Seiner Sache furchtlos enthüllt worden. Inmitten der Hoffnungslosigkeit und Todesqual im Síyáh-Chál von Tihrán hatte diese Offenbarung neun Jahre später auf rasche, geheimnisvolle Weise ihre plötzliche Erfüllung gefunden. Der Prozeß des fortschreitenden Niedergangs in den Geschicken des Glaubens, der zunächst langsam eingesetzt und sich in den Jahren von Bahá'u'lláhs Zurückgezogenheit in Kurdistán erschreckend beschleunigt hatte, war nach Seiner Rückkehr aus Sulaymáníyyih auf geschickte Weise aufgehalten und umgekehrt worden. Die ethischen, moralischen und Lehrgrundlagen einer aufkeimenden Gemeinde waren in der Folgezeit, während Seines Aufenthaltes in Baghdád, auf ein unangreifbares Fundament gestellt worden. Und schließlich war am Vorabend Seiner Verbannung nach Konstantinopel die durch eine unerforschliche Vorsehung bestimmte zehnjährige Wartezeit durch die Erklärung Seiner Sendung im Garten Ridván und durch das sichtbare Hervortreten des ersten Kerns einer weltumspannenden Gemeinde beendet worden. Was noch zu leisten blieb, war die Verkündigung dieser Sendung von Adrianopel aus an die weltlichen und geistlichen Führer der Welt, sodann in den folgenden Jahrzehnten von der Gefängnisstadt und Festung Akká aus eine weitere Entfaltung der Grundsätze und Verordnungen, die das Kernstück dieses Glaubens bilden, durch die Formulierung der Gesetze und Gebote, die die Unversehrtheit des Glaubens sichern, durch die unmittelbar nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs erfolgte Errichtung Seines Bundes, der die Einheit des Glaubens bewahren und seinen Einfluß erhalten sollte, durch eine gewaltige, weltumfassende Ausweitung seiner Tätigkeiten unter der Führung Abdu'l-Bahás, des Mittelpunkts jenes Bundes, und schließlich die Errichtung der administrativen Ordnung im Gestaltenden Zeitabschnitt des Glaubens als Vorboten seines Goldenen Zeitalters und seiner künftigen Herrlichkeit.

+9:15

Die historische Verkündigung erfolgte zu einer Zeit, da der Glaube in den Wehen einer äußerst heftigen Krise lag, und sie richtete sich in der Hauptsache an die Könige der Erde sowie die Führer der christlichen und muslimischen Geistlichkeit, die kraft ihres ungeheuren Ansehens, ihres Einflusses und ihrer Autorität, eine furchtbare und unausweichliche Verantwortung für das Geschick ihrer Untertanen und Anhänger tragen.

+9:16

Man kann sagen, daß der erste Abschnitt dieser Verkündigung in Konstantinopel eröffnet wurde, als Bahá'u'lláh eine direkte Botschaft - deren Text wir leider nicht besitzen - an Sultán Abdu'l-Azíz richtete, den Statthalter des islámischen Propheten von eigenen Gnaden und unumschränkten Herrscher eines mächtigen Reiches. Eine so machtvolle, erlauchte Persönlichkeit war der erste unter den regierenden Herrschern der Welt, der die göttliche Vorladung erhielt, und der erste der orientalischen Monarchen, der die Wirkung der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes auszuhalten hatte. Den Anstoß zu dieser Botschaft bildete der schändliche Erlaß, den der Sultán weniger als vier Monate nach Ankunft der Verbannten in seiner Hauptstadt bekanntgegeben hatte und der sie plötzlich und ohne jede Begründung mitten im Winter unter den demütigendsten Umständen nach Adrianopel am Rande seines Reiches verbannte.

+9:17

Diese schicksalhafte und schändliche Entscheidung, zu der der Sultán mit seinen ersten Ministern Alí Páshá und Fu'ád Páshá gelangte, war in nicht geringem Grade den fortgesetzten Intrigen des Mushíru'd-Dawlih Mírzá Husayn Khán, des persischen Gesandten an der Hohen Pforte, den Bahá'u'lláh als Seinen »Verleumder« brandmarkt, zuzuschreiben, der schon auf die erste Gelegenheit gewartet hatte, gegen Ihn und die Sache, deren erwählter und anerkannter Führer Er war, loszuschlagen. Dieser Gesandte stand unter dem ständigen Druck seiner Regierung, die von ihm verlangte, bei den türkischen Behörden fortgesetzt Feindschaft gegen Bahá'u'lláh zu schüren. Darin bestärkt fühlte er sich durch die Weigerung Bahá'u'lláhs, dem unwandelbaren Brauch nachzukommen und wie alle Gäste der Regierung, auch die hohen, nach der Ankunft in der Hauptstadt dem Shaykhu'l-Islám, dem Sadr-i-A'zam und dem Außenminister Besuche abzustatten. Bahá'u'lláh erwiderte nicht einmal die Besuche, die Ihm von verschiedenen Ministern, von Kamál-Páshá und einem früheren türkischen Gesandten am persischen Hof gemacht wurden. Der Gesandte ließ sich nicht beeindrucken durch Bahá'u'lláhs aufrechte und unabhängige Haltung, die in krassem Gegensatz zu dem kriecherischen Wesen der persischen Prinzen stand, die, wenn sie kamen, »sich an allen Türen um Zuwendungen und Vergünstigungen bemühten«. Er vermerkte es übel, daß Bahá'u'lláh nicht willens war, sich dem persischen Gesandten vorzustellen und den Besuch seines Vertreters zu erwidern. Sekundiert von seinem Komplizen Hájí Mírzá Hasan-i-Safá, den er anwies, haltlose Gerüchte über Bahá'u'lláh auszustreuen, bemühte er sich nun mit Erfolg, sowohl durch seinen amtlichen Einfluß wie auch durch private Gespräche mit Geistlichen, Regierungsbeamten und sonstigen bekannten Persönlichkeiten, Ihn als einen hochfahrenden und anmaßenden Menschen hinzustellen, der sich einbilde, an keinerlei Vorschrift gebunden zu sein, der allen festgefügten Autoritäten gegenüber feindliche Absichten hege und der durch seine Dreistigkeit die schweren Zwistigkeiten zwischen sich und der persischen Regierung heraufbeschworen habe. Er war übrigens nicht der einzige, der solche ruchlosen Ränke schmiedete. Wie Abdu'l-Bahá berichtet, haben auch noch andere die Verbannten »verurteilt und geschmäht«, haben sie als »Unheil für die ganze Welt« angeprangert, als »Verletzer von Verträgen und Bündnissen«, als »verderblich für alle Lande«, die »jedwede Strafe verdienen«.

+9:18

Kein Geringerer als der hochgeachtete Schwager des Sadr-i-A'zam wurde damit beauftragt, den Gefangenen von dem gegen Ihn erlassenen Befehl in Kenntnis zu setzen - einem Erlaß, der klar bewies, daß sich die Regierungen des türkischen und des persischen Reiches zu einer wirksamen Koalition gegen einen gemeinsamen Feind zusammengeschlossen hatten, und der letzten Endes für das Sultanat, das Kalifat und die Kadscharendynastie so tragische Folgen zeitigte. Da Bahá'u'lláh es ablehnte, den Gesandten zu empfangen, blieb diesem nichts anderes übrig, als seine kindischen Beobachtungen und trivialen Argumente Abdu'l-Bahá und Aqáy-i-Kalím zu unterbreiten, die beauftragt waren, mit ihm zu sprechen. Er teilte ihnen dabei mit, daß er in drei Tagen wiederkäme, um die Antwort auf den Befehl, den er zu überbringen hatte, entgegenzunehmen.

+9:19

Am selben Tag offenbarte Bahá'u'lláh ein äußerst streng gehaltenes Schreiben, das am nächsten Morgen im versiegelten Umschlag Shamsí Big in die Hand gegeben wurde mit dem Auftrag, es Alí Páshá persönlich zu überbringen und ihm zu sagen, Gott habe es gesandt. »Ich weiß nicht, was in dem Brief stand«, erzählte Shamsí Big später Aqáy-i-Kalím, »doch der Großwesir hatte ihn kaum gelesen, da wurde er leichenblaß und sagte: `Es klingt, als ob der König aller Könige seinem niedersten Vasall Befehle erteile und ihn zur Rechenschaft ziehe`. Er war in so schlimmer Verfassung, daß ich mich schleunigst zurückzog.« Bahá'u'lláh soll über die Wirkung dieses Sendschreibens geäußert haben: »Was immer die Minister des Sultáns gegen Uns unternahmen, nachdem sie seinen Inhalt kannten, läßt sich verstehen. Aber für ihre Handlungsweise in der Zeit davor gibt es keine Rechtfertigung.«

+9:20

Nach den Angaben Nabíls war das Sendschreiben von beträchtlicher Länge, richtete sich in seinen Eingangsworten unmittelbar an den Herrscher, rügte seine Minister streng und deckte ihre Unreife und Unfähigkeit auf. Es enthielt Abschnitte, in denen die Minister selbst angesprochen waren, in denen sie kühn herausgefordert und streng ermahnt wurden, sich nicht mit ihrem irdischen Besitz zu brüsten oder törichterweise nach Reichtümern zu trachten, die ihnen mit der Zeit doch unweigerlich wieder entglitten.

+9:21

Am Vorabend Seiner Abreise, fast unmittelbar nach der Verkündigung des Verbannungsedikts, ließ Bahá'u'lláh anläßlich eines letzten, denkwürdigen Gesprächs mit dem erwähnten Hájí Mírzá Hasan-i-Safá dem persischen Gesandten folgende Botschaft übermitteln: »Was hat es dir und deinesgleichen genützt, daß ihr Jahr um Jahr so viele Unterdrückte geschlagen habt und ungezählte Trübsale über sie brachtet, da sie sich nun doch hundertfältig vermehrt haben, ihr euch aber in völliger Verwirrung befindet und nicht wißt, wie ihr euch dieser drückenden Gedankenlast entledigen könnt? ... Seine Sache steht jenseits aller Pläne, die ihr schmiedet. Sei gewiß: Würden alle Regierungen der Erde sich vereinigen und Mir und allen, die Meinen Namen tragen, das Leben nehmen, so könnten sie doch nie dieses göttliche Feuer auslöschen. Seine Sache wird vielmehr alle Könige der Erde einbeziehen, ja alles, was aus Wasser und Erde erschaffen ist... Was auch über Uns kommen mag, Unser Gewinn wird groß sein und kundtun, welch schwerer Verlust sie treffen wird.«

+9:22

Dem amtlichen Befehl gemäß, der die bereits zweimal Verbannten, Bahá'u'lláh, Seine Familie und Seine Gefährten, zur sofortigen Abreise zwang, brachen sie unter den Tränen ihrer zurückbleibenden Freunde, von türkischer Polizei begleitet, an einem kalten Dezembermorgen auf - einige im Wagen, andere auf Tragtieren, die Habe auf Ochsenkarren - zu ihrer zwölftägigen Reise, die sie quer durch ein frostiges, von heftigen Stürmen durchbraustes Land in eine Stadt führte, die Bahá'u'lláh als einen »Ort« kennzeichnet, »der nur von solchen betreten wird, die sich gegen die Amtsgewalt des Herrschers aufgelehnt haben«. In der Súriy-i-Mulúk sagt Er: »Sie trieben Uns aus deiner Stadt¹ und haben Uns dabei so gedemütigt, wie man niemanden auf Erden je demütigte.« »Weder Meine Familie, noch die, die Mich begleiteten, hatten die notwendige Kleidung, sich gegen die schneidenden Kälte dieses eisigen Wetters zu schützen.« Und wiederum: »Die Augen Unserer Feinde weinten über Uns, wie auch die jedes Einsichtigen.« Nabíl klagt: »Die Vertreibung wurde mit solcher Sanftmut ertragen, daß die Feder Tränen vergießt, wenn sie davon berichtet, und das Blatt sich schämt, die Schilderung zu tragen.« »In diesem Jahr herrschte so strenge Kälte«, berichtet derselbe Chronist, »daß selbst die ältesten Leute sich nicht erinnern konnten, je einen so harten Winter erlebt zu haben. In einigen Gegenden Persiens und der Türkei erlagen selbst Tiere dem Frost und kamen in Schneestürmen um. Die Gegend am oberen Euphrat, um Ma'dan-Nuqrih, war mehrere Tage lang mit Eis bedeckt, was bisher noch nie vorgekommen war, und in Díyár-Bakr blieb der Fluß volle vierzig Tage zugefroren.« »Um Wasser aus den Quellen zu schöpfen«, erzählt einer der Verbannten von Adrianopel, »mußte daneben ein Feuer gemacht und zwei Stunden lang unterhalten werden, bis sie auftauten.«

¹ Konstantinopel


+9:23

Nach einer mühseligen Reise durch Regen und Sturm, mitunter sogar in Nachtmärschen, und mit nur kurzen Haltepausen in Kúchik-Chakmachih, Búyúk-Chakmachih, Salvarí, Birkás und Bábá-Ískí kamen die erschöpften Reisenden am 1. Rajab 1280 n.d.H.¹ an ihrem Bestimmungsort an und wurden im Khán-i-Arab, einer zweistöckigen Karawanserei nahe dem Hause Izzat-Áqás, untergebracht. Drei Tage später erhielten Bahá'u'lláh und Seine Familie ein Haus im Murádíyyih-Viertel in der Nähe der Takyiy-i-Mawlaví, das nur für einen Sommeraufenthalt geeignet war, und wieder eine Woche später ein anderes Haus in der Nähe einer Moschee im gleichen Bezirk. Nach etwa sechs Monaten zogen sie um in bequemere Wohnungen in einem Haus, bekannt als »Haus Amru'lláh«², gelegen an der Nordseite der Sultán-Salím-Moschee.

¹ 12. Dezember 1863 ² `Haus des Gottesbefehls`


+9:24

So endet der Auftakt zu einer der dramatischsten Zeitabschnitte im Wirken Bahá'u'lláhs. Der Vorhang hebt sich zu dem anerkanntermaßen bewegtesten, gefährlichsten Abschnitt des ersten Bahá'í-Jahrhunderts - einem Abschnitt, der doch zugleich die ruhmreichste Phase des Wirkens Bahá'u'lláhs eröffnen sollte: die Verkündigung Seiner Botschaft an die Welt und ihre Herrscher.





Kapitel 10
Die Auflehnung Mírzá Yahyás und die Proklamation Bahá'u'lláhs in Adrianopel

+10:1

Kaum war der nun zwanzigjährige Glaube im Begriff, sich von einer Reihe von Schlägen zu erholen, da ereilte ihn eine Krise größten Ausmaßes und erschütterte ihn bis in seine Wurzeln. Weder der tragische Märtyrertod des Báb noch der schändliche Anschlag auf das Leben des Monarchen und sein blutiges Nachspiel, auch nicht Bahá'u'lláhs demütigende Vertreibung aus dem Land Seiner Geburt, ja nicht einmal Seine zweijährige Zurückgezogenheit in Kurdistán - so verheerend alle diese Ereignisse auch waren - erreichten die tiefe Bedrohlichkeit dieser ersten großen inneren Erschütterung, die eine gerade erst wiedererstandene Gemeinschaft erfaßte und die Reihen ihrer Mitglieder unwiederbringlich zu spalten drohte. Abscheulicher noch als seinerzeit die unversöhnliche Feindschaft Abú-Jahls, des Onkels Muhammads, schändlicher als der Verrat Judas Ischariots an seinem Herrn Jesus Christus, heimtückischer als das Verhalten der Söhne Jakobs gegenüber ihrem Bruder Josef, abstoßender als die Tat des einen der Söhne Noahs, infamer selbst als das Verbrechen Kains an seinem Bruder Abel - ließ Mírzá Yahyá, ein Halbbruder Bahá'u'lláhs und vom Báb benannter Sachwalter und anerkanntes Oberhaupt der Bábí-Gemeinde, mit seinem ungeheuerlichen Vorgehen eine Zeit peinvoller Mühsal hereinbrechen, die das Schichsal des Glaubens nicht weniger als ein halbes Jahrhundert lang prägte. Bahá'u'lláh selbst bezeichnete diese höchste Krise als die Ayyám-i-Shidád¹, in deren Verlauf »der schmerzlichste Schleier« zerrissen und »die größte Trennung« unwiderruflich herbeigeführt wurde. Die äußeren Feinde des Glaubens, ob weltlich oder geistlich, fühlten sich dadurch unendlich befriedigt und ermutigt, sie empfanden sie als Wasser auf ihre Mühlen und zeigten offen ihren Hohn. Freunde und Befürworter Bahá'u'lláhs reagierten bestürzt und verwirrt, und das Ansehen des Glaubens nahm Schaden bei seinen Bewunderern im Westen. Seit den frühesten Tagen des Aufenthalts Bahá'u'lláhs in Baghdád hatte diese Krise im Verborgenen geschwelt; eine Zeitlang wurde sie durch die schöpferischen Kräfte gebannt, die unter Seiner noch nicht verkündeten Führerschaft die zerfallende Gemeinde wiederbelebten, bis sie schließlich in den Jahren unmittelbar vor der Verkündigung Seiner Botschaft in voller Heftigkeit zum Ausbruch kam. Für Bahá'u'lláh brachte die Krise unermeßliches Leid, sie ließ Ihn sichtlich altern und fügte Ihm mit all ihren Konsequenzen den schwersten Schlag Seines ganzen Lebens zu. Ausgelöst wurde die Krise von Anfang bis Ende durch die krummen Intrigen und endlosen Machenschaften jenes teuflischen Siyyid Muhammad, des bösen Einbläsers, der Bahá'u'lláhs Rat in den Wind geschlagen und darauf bestanden hatte, Ihn nach Konstantinopel und Adrianopel zu begleiten, und der jetzt rastlos und hellwach seine Anstrengungen verdoppelte, um die Krise zur Entscheidung zu treiben.

¹ Tage der Heimsuchung


+10:2

Mírzá Yahyá hatte sich seit Bahá'u'lláhs Rückkehr aus Sulaymáníyyih stets unrühmlich im eigenen Haus verborgen gehalten oder war bei drohender Gefahr an sichere Plätze wie Hillih oder Basra ausgewichen. Nach Basra war er in der Verkleidung eines Baghdáder Juden geflüchtet und hatte sich dort als Schuhhändler betätigt. Er war so verschreckt, daß er einmal gesagt haben soll: »Ich erkläre jeden zum Ungläubigen, der behauptet, mich gesehen oder meine Stimme gehört zu haben.« Als er von Bahá'u'lláhs bevorstehender Abreise nach Konstantinopel Kenntnis erhielt, verbarg er sich zuerst im Garten von Huvaydar bei Baghdád und stellte Überlegungen an, ob es ratsam wäre, nach Abessinien, Indien oder in ein anderes Land zu flüchten. Er mißachtete Bahá'u'lláhs Empfehlung, nach Persien zu gehen und dort die Schriften des Báb zu verbreiten; stattdessen schickte er einen gewissen Hájí Muhammad Kázim, der ihm ähnlich sah, aufs Standesamt, ließ für sich einen Paß auf den Namen Mírzá Alíy-i-Kirmánsháhí ausstellen, verließ Baghdád unter Zurücklassung der Schriften und zog in Gesellschaft eines arabischen Bábí namens Záhir verkleidet nach Mosul, wo er sich den Verbannten anschloß, die nach Konstantinopel unterwegs waren.

+10:3

Als ständiger Zeuge dessen, wie die Verbannten sich immer enger an Bahá'u'lláh anschlossen und Ihn immer mehr verehrten; völlig im klaren darüber, wie stark die Popularität seines Bruders in Baghdád, während Seiner Reise nach Konstantinopel und später infolge Seiner Verbindung zu den Honoratioren und Gouverneuren von Adrianopel gestiegen war, wütend über die zahlreichen Beweise des Mutes, der Würde und der Unabhängigkeit, die sein Bruder in Seinen Verhandlungen mit den Autoritäten der Hauptstadt erbrachte, aufgebracht über die zahlreichen Schriften, die der Träger der neuen Sendung unaufhörlich offenbarte; bereit, sich durch die verlockenden Aussichten auf unbeschränkte Führerschaft blenden zu lassen, die ihm Siyyid Muhammad, der Antichrist der Bahá'í-Offenbarung, vorgaukelte - ähnlich wie Muhammad Sháh durch Hájí Mírzá Áqásí, den Antichrist der Bábí-Offenbarung, irregeleitet worden war -; nicht willens, den Mahnungen hervorragender Gläubiger innerhalb der Gemeinde Gehör zu schenken, die ihm schriftlich zu Weisheit und Zurückhaltung geraten hatten; ohne Gedanken an die Güte und den Rat Bahá'u'lláhs, der - dreizehn Jahre älter als er - ihn in seiner Kindheit und als Heranwachsenden behütet hatte; erkühnt durch das sündenbedeckende Auge seines Bruders, der bei so vielen Gelegenheiten einen Schleier über seine vielen Vergehen und Torheiten gebreitet hatte - so ließ sich dieser Erz-Bundesbrecher der Bábí-Offenbarung, angespornt durch seine wachsende Eifersucht, gedrängt durch sein leidenschaftliches Führungsstreben, zu Handlungen verleiten, die jedem sündenbedeckenden Auge und aller Duldsamkeit trotzten.

+10:4

Unrettbar verdorben durch das ständige Zusammensein mit Siyyid Muhammad, diesem Ausbund an Verruchtheit, Habgier und Verlogenheit, hatte er schon während der Abwesenheit Bahá'u'lláhs von Baghdád und selbst noch nach Seiner Rückkehr von Sulaymáníyyih die Annalen des Glaubens durch schändliche Taten untilgbar beschmutzt. Seine Verfälschungen der Schrifttexte des Báb an zahllosen Stellen; der gotteslästerliche Zusatz zur yá nach dem Zeugnis einer seiner Frauen, die ihm vorübergehend weggelaufen war und Einzelheiten der oben genannten Tat ausplauderte, den Brunnen, der Bahá'u'lláhs Familie und Gefährten mit Wasser versorgte. In der Folge traten bei den Verbannten seltsame Krankheitssymptome auf. Einem der Gefährten, dem Barbier Ustád Muhammad-Alíy-i-Salmání, den er verschwenderisch mit seinem Wohlwollen bedacht hatte, brachte er langsam und sehr vorsichtig seinen Wunsch bei, er möge Bahá'u'lláh bei einer günstigen Gelegenheit, wenn er Ihn im Bad bediene, ermorden. »Ustád Muhammad-Alí war«, wie Áqáy-i-Kalim Nabíl in Adrianopel von dieser Episode erzählte, »über das Ansinnen so empört, daß er am liebsten auf der Stelle Mírzá Yahyá getötet hätte, und er hätte es auch getan, wenn er nicht Angst gehabt hätte, damit Bahá'u'lláhs Mißfallen zu erregen. Ich war zufällig der erste, der ihm begegnete, als er weinend aus dem Bad lief, und es gelang mir nur allmählich und mit viel Überredung, ihn dazu zu bewegen, daß er wieder ins Bad zurückging und seine begonnene Arbeit zu Ende führte.« Obwohl von Bahá'u'lláh anschließend aufgefordert, mit niemandem über diese Begebenheit zu sprechen, konnte der Barbier nicht den Mund halten, plauderte das Geheimnis aus und brachte damit große Bestürzung über die Gemeinde. »Als das Geheimnis, das er [Mírzá Yahyá] im Herzen getragen, von Gott enthüllt wurde«, bezeugt Bahá'u'lláh selbst, »leugnete er eine solche Absicht und schrieb sie eben diesem Diener [Ustád Muhammad-Alí] zu.«

+10:7

Nun war für Bahá'u'lláh, der erst vor so kurzer Zeit durch mündliche Mitteilung wie auch in zahlreichen Sendschreiben die Folgerungen aus dem von Ihm erhobenen Anspruch enthüllt hatte, der Zeitpunkt gekommen, den ernannten Sachwalter des Báb förmlich mit der Natur Seiner Sendung bekanntzumachen. Mírzá Aqá Ján wurde beauftragt, die neu offenbarte Súriy-i-Amr, die diesen Anspruch unmißverständlich bekräftigte, Mírzá Yahyá zu überbringen, sie ihm vorzulesen und eine unzweideutige, schlüssige Antwort zu fordern. Mírzá Yahyá erbat eine Frist von einem Tag, um seine Antwort zu bedenken; dies wurde ihm gewährt. Was dann aber als Antwort kam, war eine Gegenerklärung, in der er auf die Minute genau angab, wann er zum Empfänger einer unabhängigen Offenbarung geworden sei, und er beanspruche die bedingungslose Unterwerfung der Völker der Erde in Ost und West.

+10:8

Eine so anmaßende Erklärung, abgegeben von einem so heimtückischen Gegner gegenüber dem Abgesandten des Trägers einer so weitreichenden Offenbarung, war das Signal für den offenen, endgültigen Bruch zwischen Bahá'u'lláh und Mírzá Yahyá - eines der dunkelsten Kapitel in der Bahá'í-Geschichte. In dem Wunsch, den grimmigen Haß zu mildern, der Seinen Feinden im Herzen brannte, und um jedem einzelnen Verbannten die volle Freiheit zu lassen, zwischen Ihm und den Feinden zu wählen, zog sich Bahá'u'lláh mit Seiner Familie am 22. Shavvál 1282 n.d.H.¹ in das Haus Ridá Big zurück, das Er hatte anmieten lassen. Zwei Monate lang weigerte Er sich, mit irgend jemandem zu verkehren, auch nicht mit den eigenen Gefährten. Er beauftragte Áqáy-i-Kalím, alles Mobiliar und Bettzeug sowie alle Kleider und Geräte, die es in Seinem Hause gab, aufzuteilen und die Hälfte davon in das Haus Mírzá Yahyás zu schicken, ihm außerdem bestimmte heißbegehrte Erinnerungsstücke auszuliefern wie die Siegel, Ringe und Manuskripte von der Hand des Báb, sowie sicherzustellen, daß er seinen vollen Anteil an der von der Regierung festgesetzten Unterhaltszahlung für die Verbannten und ihre Familien erhielt. Auch wies Er Aqáy-i-Kalím an, einen Gefährten seiner Wahl zu beauftragen, täglich einige Stunden lang für Mírzá Yahyá Besorgungen zu machen, und ihm zu versichern, daß alles, was in Zukunft auf seinen Namen aus Persien entgegengenommen werde, in seine Hände gelangen werde.

¹ 10. März 1866


+10:9

»An jenem Tag herrschte größte Aufregung«, soll Aqáy-i-Kalím zu Nabíl gesagt haben. »Die Gefährten klagten alle über ihre Trennung von der Gesegneten Schönheit.« Und einer der Gefährten hinterließ das schriftliche Zeugnis: »Es herrschte große Unruhe und Verwirrung in jenen Tagen. Wir waren ungeheuer bestürzt und voll Angst, daß wir für immer des Segens Seiner Gegenwart beraubt sein könnten.«

+10:10

Aber Kummer und Verstörtheit sollten nicht lange währen. Die von Verleumdungen strotzenden Briefe, die Mírzá Yahyá und Siyyid Muhammad nun überallhin nach Persien und dem 'Iráq verschickten, und die kriecherischen Petitionen, die der erstere an Khurshíd Páshá, den Gouverneur von Adrianopel, und an Azíz-Páshá, dessen Adjutanten, schrieb, zwangen Bahá'u'lláh, Seine Zurückhaltung aufzugeben. Kurz darauf erfuhr Er, daß Sein Bruder eine seiner Frauen ins Regierungsgebäude geschickt hatte, um sich darüber zu beschweren, daß ihr Mann um seine Rechte betrogen würde und ihre Kinder am Verhungern seien - eine Anschuldigung, die sich weit herumsprach, auch in Konstantinopel, und dort zu Bahá'u'lláhs großem Leidwesen Anlaß wurde zu erregten Auseinandersetzungen und kränkenden Kommentaren in Kreisen, die bisher tief beeindruckt waren von den hohen Maßstäben, die Sein edles und würdiges Verhalten in jener Stadt gesetzt hatten. Siyyid Muhammad reiste in die Hauptstadt, bat den Mushíru'd-Dawlih, den persischen Gesandten, um feste Bezüge für Mírzá Yahyá und sich selbst, beschuldigte Bahá'u'lláh, Er habe einen Agenten ausgeschickt, um Násiri'd-Dín Sháh zu ermorden, und sparte keine Mühe, schmutzige Verleumdungen auf Den zu häufen, der so lange und geduldig Nachsicht mit ihm gehabt und still all die Ungeheuerlichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, ertragen hatte.

+10:11

Nachdem Er etwa ein Jahr im Hause Ridá Bigs verbracht hatte, kehrte Bahá'u'lláh in das Haus zurück, in dem Er gewohnt hatte, bevor Er sich von Seinen Gefährten zurückzog. Nach weiteren drei Monaten verlegte Er Seine Wohnung von dort in das Haus von 'Izzat Áqá, in dem Er bis zu Seiner Abreise aus Adrianopel blieb. In diesem Haus trat im Monat Jamádíyu'l-Avval 1284 n.d.H.¹ ein Ereignis von höchster Bedeutung ein, das Mírzá Yahyá und seine Anhänger völlig verstörte und jedermann gleichermaßen Bahá'u'lláhs Triumph kundtat. Ein gewisser Mír Muhammad, ein Bábí aus Shíráz, der Mírzá Yahyá die hohen Ansprüche und die feige Zurückgezogenheit gleichermaßen übel nahm, konnte Siyyid Muhammad zwingen, Mírzá Yahyá zu veranlassen, Bahá'u'lláh von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Dadurch sollte es zu einer klaren Entscheidung zwischen wahr und falsch kommen. Mírzá Yahyá ging törichterweise davon aus, sein erlauchter Bruder werde auf einen derartigen Vorschlag niemals eingehen. So bestimmte er als Ort der Begegnung die Sultán-Salím-Moschee. Kaum hatte Bahá'u'lláh von dieser Vereinbarung Kenntnis erlangt, als Er sich auch schon zu Fuß trotz der herrschenden Mittagshitze, begleitet von dem erwähnten Mír Muhammad, zu dieser Moschee, die in einem weit entfernten Stadtviertel lag, aufmachte. Während Er durch die Straßen und Basare schritt, sagte Er Verse auf in einer Weise, welche die Zuhörer und Zuschauer in höchstes Erstaunen versetzte.

¹ September 1867


+10:12

»O Muhammad!«, so lauteten einige der Worte, die Er aus diesem denkwürdigen Anlaß nach Seinen eigenen Angaben in einem Sendschreiben sprach, »Er, der Geist, ist wahrlich aus Seiner Wohnstatt hervorgetreten, und mit Ihm die Seelen der Erwählten Gottes und die Wirklichkeiten der Gottesboten. So siehe über Meinem Haupte die Bewohner des Reiches der Höhe und in Meinem Griff all die Zeugnisse der Propheten! Sprich: Und kämen alle Geistlichen und Weisen, alle Könige und Herrscher auf Erden an einem Platz zusammen, Ich träte ihnen in aller Wahrheit entgegen und verkündete die Verse Gottes, des Allbeherrschers, des Allmächtigen, des Allweisen. Ich fürchte keinen, selbst wenn sich alle im Himmel und auf Erden gegen Mich erheben... Hier ist Meine Hand, die Gott weiß gemacht hat, daß alle Welt sie schaue. Hier ist Mein Stab; würfen Wir ihn von uns, er würde wahrlich alles Erschaffene verschlingen.« Bahá'u'lláh sandte Mír Muhammad voraus, Sein Kommen anzukündigen. Dieser kam jedoch bald zurück und berichtete, der, welcher Bahá'u'lláhs Amtsgewalt herausgefordert habe, wünsche wegen unvorhergesehener Umstände das Treffen um einen oder zwei Tage zu verschieben. Sofort nach der Rückkehr in Sein Haus offenbarte Bahá'u'lláh ein Sendschreiben, in dem Er das Vorgefallene aufzeichnete und den Zeitpunkt für die verschobene Unterredung festsetzte. Er verschloß diesen Sendbrief mit Seinem Siegel und übergab ihn Nabíl mit dem Auftrag, ihn Mullá Muhammad-i-Tabrízí, einem der neuen Gläubigen, zwecks Benachrichtigung von Siyyid Muhammad, der häufig in seinen Laden kam, auszuhändigen. Es wurde festgelegt, daß von Siyyid Muhammad vor der Übergabe dieses Sendschreibens eine mit Siegel versehene Erklärung zu verlangen sei, in der sich Mírzá Yahyá für den Fall, daß er nicht am Treffpunkt erscheine, zu der schriftlichen Bestätigung verpflichte, daß seine Ansprüche falsch gewesen seien. Siyyid Muhammad versprach, am nächsten Tag das verlangte Dokument beizubringen; doch obwohl Nabíl an drei aufeinanderfolgenden Tagen in dem Laden auf Antwort wartete, erschien weder der Siyyid selbst, noch sandte er ein derartiges Schriftstück. Wie Nabíl dreiundzwanzig Jahre später in seiner Chronik über diese historische Episode berichtet, war der nicht ausgehändigte Sendbrief damals immer noch in seinem Besitz, »so frisch wie an dem Tag, da der Größte Zweig ihn niedergeschrieben und die Altehrwürdige Schönheit ihn versiegelt und geschmückt hatte«, ein handgreifliches, unwiderlegliches Zeugnis für den Sieg Bahá'u'lláhs über einen in die Flucht geschlagenen Gegner.

+10:13

Wie schon gesagt, reagierte Bahá'u'lláh auf diese leidvollste Begebenheit Seiner Amtszeit mit äußerstem Schmerz. »Der, den Ich monate- und jahrelang mit der Hand Meiner Güte aufgezogen habe«, so klagt Er, »hat sich erhoben, um Mir das Leben zu nehmen.« »Die Grausamkeiten Meiner Unterdrücker«, so schrieb Er in Anspielung auf diese heimtückischen Feinde, »haben Mich niedergebeugt, und Mein Haar ist darüber weiß geworden. Erschienest du vor Meinem Thron, du erkenntest die Altehrwürdige Schönheit nicht mehr, denn die Frische Seines Antlitzes ist gewichen und sein Glanz verblaßt ob der Unterdrückung dieser Treulosen.« »Bei Gott!«, so ruft Er aus, »keine Stelle gibt es an Meinem Leib, die nicht von den Speeren deiner Ränke getroffen worden wäre.« Und wiederum: »Du hast deinem Bruder angetan, was noch kein Mensch einem anderen angetan hat.« »Was deiner Feder entströmt ist«, bestätigt Er weiterhin, »hat die Angesichter der Herrlichkeit in den Staub gestreckt, den Schleier der Größe im Erhabenen Paradiese zerrissen und die Herzen der Begünstigten auf den höchsten Thronsitzen zerfleischt.« Und dennoch versichert im Kitáb-i-Aqdas ein vergebender Herr diesem Bruder, diesem »Quell der Verderbtheit«, »diesem Menschen, aus dessen Seele sich die Stürme der Leidenschaft erhoben hatten, ihn selbst umbrausend«: »Fürchte dich nicht um deiner Taten willen.« Er gebietet ihm: »Kehre demütig, ergeben und bescheiden zu Gott zurück«, und Er sichert ihm zu: »Er wird deine Sünden von dir nehmen«, denn »dein Herr ist der Vergebende, der Mächtige, der Allbarmherzige.«

+10:14

Der »Größte Götze« war auf Geheiß und durch die Macht Dessen, der der Quell der höchsten Gerechtigkeit ist, aus der Gemeinde des Größten Namens ausgestoßen und stand nun beschämt, verabscheut und gebrochen da. Nun konnte der junge Glaube Gottes, von diesem Schandfleck gereinigt und von diesem furchtbaren Anhang befreit, wieder voranschreiten und trotz der durchlittenen Erschütterung seine Fähigkeit beweisen, weitere Schlachten zu schlagen, konnte zu lichteren Höhen aufsteigen und noch mächtigere Siege erringen.

+10:15

Wohl war in den Reihen seiner Anhänger vorübergehend ein Bruch entstanden; wohl war sein Ruhm verdunkelt worden, waren seine Annalen für immer befleckt. Sein Name aber konnte nicht ausgelöscht werden, sein Geist war ungebrochen, und dieses sogenannte Schisma konnte sein Gefüge nicht zerstören. Der bereits erwähnte Bund des Báb wachte mit seiner unwandelbaren Wahrheit, seinen unanfechtbaren Weissagungen, seinen wiederholten Warnungen über diesem Glauben, sicherte seine Unversehrtheit, bewies seine Unzerstörbarkeit und ließ seinen Einfluß allezeit fortbestehen.

+10:16

Obwohl Bahá'u'lláh von Kummer gebeugt war und noch immer an den Folgen des Mordanschlags litt, und obwohl Er sich bewußt war, daß eine neue Verbannung höchstwahrscheinlich bevorstand, erhob Er sich dennoch mit beispielloser Macht, ungeachtet des Schlages, den Seine Sache empfangen hatte, ohne Rücksicht auf die Gefahren, von denen sie umringt war, und noch bevor die Feuerprobe völlig überstanden war, um die Ihm aufgetragene Sendung denen zu verkünden, die in Ost und West die Zügel höchster irdischer Macht in Händen hatten. Durch diese Verkündigung sollte die Sonne Seiner Offenbarung in ihrem Mittagsglanz erstrahlen, sollte Sein Glaube die ganze Fülle seiner göttlichen Macht offenbaren.

+10:17

Es setzte eine Phase gewaltiger Produktivität ein, die in ihren Auswirkungen die Frühlingsjahre von Bahá'u'lláhs Amtszeit übertraf. »Tag und Nacht«, schreibt ein Augenzeuge, »regneten die göttlichen Verse in solcher Fülle hernieder, daß es unmöglich war, sie aufzuzeichnen. Mírzá Áqá Ján schrieb sie mit, wie sie diktiert wurden, und der Größte Zweig war ständig damit beschäftigt, sie abzuschreiben. Es gab keinen Augenblick der Pause.« »Eine Anzahl von Sekretären«, bestätigt Nabil, »waren Tag und Nacht an der Arbeit und doch konnten sie ihrer Aufgabe nicht nachkommen. Zu ihnen gehörte auch Mírzá Báqir-i-Shírází... Er allein schrieb täglich nicht weniger als zweitausend Verse nieder. Sechs oder sieben Monate war er in dieser Weise tätig. Er schrieb jeden Monat so viel nieder, daß es jeweils mehrere Bände gefüllt hätte, und sandte diese Schriften nach Persien. Er hinterließ Mírzá Áqá Ján zum Andenken etwa zwanzig Bände in seiner schönen Schreibkunst.« Bahá'u'lláh selbst schrieb über die von Ihm offenbarten Verse: »So groß sind die den Wolken göttlicher Güte entströmenden Fluten, daß innerhalb einer einzigen Stunde tausend Verse offenbart wurden.« »So groß ist die an diesem Tag gewährte Gnade, daß innerhalb von vierundzwanzig Stunden, wenn ein Schreiber es bewältigen könnte, vom Himmel göttlicher Heiligkeit so viele Verse herabgesandt würden, daß sie ihrem Umfang nach dem Persischen Bayán gleichkämen.« »Ich schwöre bei Gott!« - so hat Er in anderem Zusammenhang bekräftigt - »In jenen Tagen wurde das gesamte Ausmaß dessen offenbart, was jemals auf alle früheren Propheten herabgesandt ward.« »Was in diesem Land¹ schon offenbart wurde«, erklärt Er weiter zu der Überfülle Seiner Schriften, »kann kein Sekretär mitschreiben. Daher ist es zum größten Teil ungeschrieben geblieben.«

¹ Adrianopel


+10:18

Schon während jener schmerzlichen Krise, noch bevor sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, entströmten der Feder Bahá'u'lláhs unzählige Sendschreiben, in denen die Folgerungen aus Seinem jüngst erhobenen Anspruch klar herausgestellt sind. Zu den Sendschreiben, die Seine Feder schon aufgezeichnet hatte, noch ehe Er Seinen Wohnsitz in das Haus Izzat Aqá verlegte, gehören die Súriy-i-Amr - der »Sendbrief vom Befehl«, Lawh-i-Nuqtih - das »Sendschreiben vom Punkt«, Lawh-i-Ahmad - der »Sendbrief an Ahmad«, Súriy-i-Asháb - das »Sendschreiben von den Gefährten«, Lawh-i-Sayyáh - der »Sendbrief an Sayyáh«, Súriy-i-Damm - das »Sendschreiben vom Blut«, Súriy-i-Hajj - das »Sendschreiben von der Pilgerfahrt«, Lawhu'r-Rúh - das »Sendschreiben vom Geist«, Lawhu'r-Ridván - das »Sendschreiben vom Ridván« und Lawhu't-Tuqá - das »Sendschreiben von der Ehrfurcht« oder »Gottesfurcht«. Fast unmittelbar nach der »größten Trennung« wurden die gewichtigsten mit Seinem Aufenthalt in Adrianopel verbundenen Sendschreiben offenbart: In der Súriy-i-Mulúk, dem »Sendbrief an die Könige«, dem bedeutendsten Sendschreiben, richtet Bahá'u'lláh erstmals das Wort an die Gesamtheit der Herrscher in Ost und West, wendet sich im einzelnen direkt an den Sultán der Türkei und seine Minister, an die Könige der Christenheit, an die französischen und persischen Gesandten bei der Hohen Pforte, an die muslimischen geistlichen Führer in Konstantinopel, an die Gelehrten und an alle Bewohner dieser Stadt, an das persische Volk und an die Philosophen der Welt. Ferner gehören dazu: der Kitáb-i-Badí', Seine Apologie zur Widerlegung der von Mírzá Mihdíy-i-Rashtí gegen Ihn erhobenen Anschuldigungen, ein Gegenstück zum Kitáb-i-Iqán, der zur Verteidigung der Bábí-Offenbarung geschrieben wurde; weiter die Munájátháy-i-Síyám - Fastengebete, ein Vorgriff auf das Buch Seiner Gesetze; das erste Sendschreiben an Napoleon III., in dem der Kaiser der Franzosen angesprochen und bezüglich der Aufrichtigkeit seiner Erklärungen auf die Probe gestellt wird; das Lawh-i-Sultán, Sein ausführliches Schreiben an Násiri'd-Dín Sháh, in dem die Ziele, Zwecke und Grundsätze Seines Glaubens dargelegt und die Gültigkeit Seiner Sendung erwiesen sind; die Súriy-i-Ra'ís, die auf dem Weg nach Gallipoli in dem Dorf Káshánih begonnen und kurz darauf in Gyáwur-Kyuy beendet wurde. Diese Sendbriefe sind nicht nur als die bedeutendsten der zahllosen in Adrianopel offenbarten Texte zu betrachten; sie gehören überhaupt in die vorderste Reihe aller Schriften des Urhebers der Bahá'í-Offenbarung.

+10:19

In Seiner Botschaft an die Könige der Erde, der Súriy-i-Mulúk, erschließt ihnen Bahá'u'lláh das Wesen Seiner Sendung. Er ermahnt sie, Seine Botschaft anzunehmen, bekräftigt die Gültigkeit der Offenbarung des Báb, rügt ihre Gleichgültigkeit gegenüber Seiner Sache, ruft sie dazu auf, gerecht und achtsam zu sein, ihre Zwistigkeiten beizulegen und ihre Rüstungen zu vermindern. Er spricht über Seinen Kummer, empfiehlt die Armen ihrer Fürsorge, warnt sie vor der »Gottesstrafe«, die »von allen Seiten« »über sie kommen« werde, wenn sie Seine Ermahnungen in den Wind schlügen, und verheißt Seinen »Triumph auf Erden«, selbst wenn sich nicht ein einziger König fände, der sein Gesicht Ihm zukehrte.

+10:20

Im selben Sendbrief tadelt Bahá'u'lláh die Könige der Christenheit besonders dafür, daß sie Ihn, den »Geist der Wahrheit« nicht »willkommen heißen« und Ihm nicht »nahen«, daß sie sich weiter mit »Schrullen und Zeitvertreib« »vergnügen«, und erklärt ihnen, daß sie für ihr Tun »zur Rechenschaft gezogen« würden vor »Dem, der die ganze Schöpfung versammeln wird«.

+10:21

Er gebietet Sultán Abdu'l-Azíz, »auf die Rede Dessen« zu hören, »der unbeirrbar auf dem geraden Pfade wandelt«, ermahnt ihn, die Angelegenheiten seines Volkes selbst in die Hand zu nehmen und sein Vertrauen nicht unwürdigen Ministern zu schenken, legt ihm ans Herz, nicht auf seine Schätze zu bauen und die »Grenzen der Mäßigung nicht zu überschreiten«, sondern mit seinen Untertanen unwandelbar »gerecht« zu verfahren, und spricht zu ihm von der überwältigenden Last Seiner eigenen Drangsale. Im selben Sendbrief beteuert Er Seine Unschuld und Seine Pflichttreue gegenüber dem Sultán und seinen Ministern, schildert die Umstände Seiner Ausweisung aus der Hauptstadt und versichert ihn Seiner Gebete zu Gott für ihn.

+10:22

Ferner übermittelte Er aus Gallipoli dem Sultán, wie die Súriy-i-Ra'ís bezeugt, durch einen türkischen Offizier namens Umar eine mündliche Botschaft, mit der Er den Herrscher um eine zehnminütige Audienz ersuchte, »auf daß er alles fordere, was er als Zeugnis für ausreichend hält und als Beweis ansieht für die Glaubwürdigkeit Dessen, der die Wahrheit ist«, und fügte hinzu: »Wenn Gott Ihn befähigt, ihn [den Beweis] zu führen, dann setze er diese zu Unrecht Verfolgten auf freien Fuß und überlasse sie sich selbst.«

+10:23

An Napoleon III. richtete Er ein besonderes Sendschreiben, das dem Kaiser durch einen französischen Gesandten übermittelt wurde. Er verbreitet sich darin über die Leiden, die Er und Seine Anhänger erduldeten, beschwört ihre Unschuld, erinnert ihn an seine beiden Äußerungen über die Unterdrückten und Hilflosen und ruft ihn auf, sich zum Beweis dafür, daß es ihm ernst damit sei, »um die Lage der Unterdrückten zu kümmern« und »seine Fürsorge auch den Schwachen zuzuwenden« und »mit dem Auge der Güte« auf Ihn und die mit Ihm Verbannten zu blicken.

+10:24

An Násiri'd-Dín Sháh richtete Er das längste Sendschreiben an einen einzelnen Herrscher. Darin berichtet Er von den unvergleichlich schweren Drangsalen, die Ihn betreffen, erinnert den Herrscher daran, daß er selbst am Vorabend Seiner Abreise nach dem Iráq Seine Unschuld erkannt habe, beschwört ihn, mit Gerechtigkeit zu regieren, beschreibt, wie Gottes Ruf an Ihn erging, sich aufzumachen und Seine Botschaft zu verkünden, bestätigt die Uneigennützigkeit Seine Ratschläge, spricht von Seinem Glauben an die Einheit Gottes und Seiner Propheten, formuliert mehrere Gebete für den Sháh, rechtfertigt Sein eigenes Verhalten im Iráq, hebt den segensreichen Einfluß Seiner Lehren hervor und betont ganz besonders, wie sehr Er jegliche Gewalt und Schadenstiftung verurteilt. Ferner legt Er in diesem Sendbrief die Gültigkeit Seiner Sendung dar, äußert den Wunsch, »den zeitgenössischen Geistlichen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt zu werden und in Anwesenheit Seiner Majestät Beweise anzutreten und Zeugnisse abzulegen«, die die Wahrheit Seiner Sache bestätigen; Er stellt die Verderbtheit der geistlichen Führer von heute wie derjenigen zu Christi und Muhammads Zeiten bloß, verheißt, daß auf Seine Leiden die »Ausgießung einer unermeßlichen Gnade« und »überströmendes Glück« folgen werde, zieht einen Vergleich zwischen den Leiden, die Ihn und die Seinen befielen, und denen, die die Angehörigen Muhammads zu erdulden hatten, verbreitet sich über die Unbeständigkeit menschlichen Geschicks, entwirft ein Bild von der Stadt, in die Er verbannt werden sollte, sagt den zukünftigen Abstieg der 'Ulamás voraus und schließt mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß Gott dem Herrscher helfe, »Seinem Glauben beizustehen und sich Seiner Gerechtigkeit zuzuwenden«.

+10:25

An Alí Páshá, den Großwesir, richtete Bahá'u'lláh die Súriy-i-Ra'ís. Darin fordert Er ihn auf, »auf die Stimme Gottes zu hören«, und erklärt ihm, daß weder sein »Murren« noch das »Gezeter« seiner Umgebung noch »die Scharen der Welt« den Allmächtigen davon abzubringen vermögen, Seine Absicht auszuführen. Er klagt ihn an, daß er Dinge begangen, um derentwillen »die Apostel Gottes im erhabensten Paradiese wehklagen«, und sich mit dem persischen Gesandten verschworen habe, um Ihm zu schaden. Er prophezeit ihm das »offene Verderben«, in das er sich bald stürzen sehen werde, preist den Tag Seiner Offenbarung, verheißt, daß diese Offenbarung »binnen kurzem die Erde und alles, was darinnen ist, umfassen« und daß das »Land des Geheimnisses« (Adrianopel) und seine Umgebung ... den Händen des Königs entgleiten« werde, daß »Unruhen auftreten, Jammer seine Stimme erheben und Unheil von allen Seiten über ihn hereinbrechen« werde. Er vergleicht Seine Offenbarung mit der Offenbarung von Mose und Christus, erinnert an die »Anmaßung« des persischen Kaisers zur Zeit Muhammads, an die »Übertretung« des Pharao zur Zeit Moses und die »Ruchlosigkeit« Nimrods in den Tagen Abrahams, und verkündet Seine Absicht, »die Welt zu beleben und all ihre Völker zu vereinigen«.

+10:26

In der Súriy-i-Mulúk tadelt Er die Minister des Sultáns ob ihres Verhaltens mit Sätzen, in denen er ihre guten Grundsätze in Zweifel zieht, und stellt ihnen in Aussicht, daß sie für ihre Taten bestraft werden, brandmarkt ihren Hochmut und ihre Ungerechtigkeit, betont Seine Integrität und Sein Losgelöstsein von allem Tand dieser Welt und beteuert Seine Unschuld.

+10:27

Dem französischen Gesandten an der Hohen Pforte wirft Er in derselben Schrift vor, daß er sich mit dem persischen Gesandten gegen Ihn verbündet habe; Er erinnert ihn an die Ratschläge Jesu Christi, die im Johannes-Evangelium überliefert sind, gemahnt ihn daran, daß er für alle seine Taten zur Rechenschaft gezogen werde, und rät ihm und seinesgleichen, in Zukunft an andern nicht so zu handeln, wie er an Ihm gehandelt hatte.

+10:28

Dem persischen Gesandten in Konstantinopel widmet Er längere Abschnitte des Sendbriefs, worin Er seine Täuschungen und Verleumdungen entlarvt und seine und seiner Landsleute Ungerechtigkeit anprangert, aber ihm auch versichert, daß Er keinen Groll gegen ihn hege, und ihm sagt, daß er sich, wenn er einmal die Ungeheuerlichkeit seiner Tat erkenne, alle Tage seines Lebens tief darob grämen würde, doch werde er sicher bis zum Tode in seiner Achtlosigkeit verharren. Er rechtfertigt ferner Sein eigenes Verhalten in Tihrán und im 'Iráq und weist ihn auf die Bestechlichkeit des persischen Geschäftsträgers in Baghdád hin, mit dem er ja konspiriere.

+10:29

Mit einer besondere Botschaft richtet Er sich in der Súriy-i-Mulúk an die führende Geistlichkeit des sunnitischen Isláms in Konstantinopel insgesamt und brandmarkt sie darin als achtlos und geistig tot; Er tadelt sie für ihren Hochmut und ihre Weigerung, Seine Nähe zu suchen, und enthüllt ihnen die ganze Herrlichkeit und die Bedeutung Seiner Sendung; Er sagt ihnen klar, daß ihre Vorbilder, wären sie noch am Leben, sich »um Ihn versammeln« würden, verurteilt sie als »Anbeter von Namen« und als Menschen, die nur nach Führerschaft gieren, und versichert ihnen, daß Gott nichts von ihnen annehmbar finden werde, es sei denn, sie würden »neu geboren« in Seinen Augen.

+10:30

Den Weisen in Konstantinopel und den Philosophen der Welt widmet Er die abschließenden Passagen der Súriy-i-Mulúk und ermahnt sie darin, sich nicht stolz vor Gott zu brüsten. Er offenbart ihnen den Kern wahrer Weisheit, betont die Bedeutung des Glaubens und eines aufrechten Verhaltens, tadelt sie dafür, daß sie es versäumten, bei Ihm Erleuchtung zu suchen, und rät ihnen, »die von Gott gesetzten Grenzen nicht zu übertreten« und sich nicht nach den »Wegen der Menschen und ihren Gepflogenheiten« zu richten.

+10:31

Den Einwohnern von Konstantinopel erklärt Er im selben Sendbrief, daß Er »niemanden fürchte als Gott allein«, daß Er »nur spreche auf Sein (Gottes) Geheiß« und sich nur nach Gottes Wahrheit richte, daß Ihm die Gouverneure und Würdenträger der Stadt vorkommen »wie Kinder, die beieinander sitzen und mit Lehm spielen«, und daß Er keinen gefunden habe, der reif genug wäre, die Wahrheiten, die Gott Ihn gelehrt habe, zu begreifen. Er gebietet ihnen, sich streng an Gottes Gebote zu halten, ermahnt sie, sich nicht stolz vor Gott und Seinen Geliebten zu brüsten, erinnert sie an die Leidensgeschichte des Imám Husayn, preist seine Tugend und betet, daß auch Ihm solches Leid zuteil werde, verheißt, daß Gott binnen kurzem ein Volk erwecken werde, das über Sein Leid berichten und von Seinen Bedrückern die Wiederherstellung Seiner Rechte fordern werde, und ruft sie auf, auf Seine Worte zu hören und reumütig zu Gott zurückzukehren.

+10:32

Und schließlich, an das persische Volk gerichtet, versichert Er, daß Gott, sollten sie Ihn töten, gewiß einen andern an Seiner Statt erwecken werde und daß der Allmächtige »Sein Licht vollkommen zum Leuchten bringe«, auch wenn sie es zutiefst verabscheuten.

+10:33

Die gewichtige Verkündigung zu einem so kritischen Zeitpunkt durch den Träger einer so erhabenen Botschaft an die Könige der Erde, muslimische wie christliche, Minister und Gesandte, die geistlichen Oberhäupter des sunnitischen Isláms, die Gelehrten und Einwohner von Konstantinopel - Sitz des Sultanats wie des Kalifats -, an die Philosophen der Welt und an das persische Volk, war nicht das einzige auffallende Ereignis während Bahá'u'lláhs Aufenthalt in Adrianopel. Es sind noch andere große, wohl geringer gewichtige, aber dennoch bedeutsame Entwicklungen und Ereignisse zu erwähnen, wenn wir diese bewegte und bedeutungsvolle Phase im Wirken Bahá'u'lláhs in ihrer Tragweite recht würdigen wollen.

+10:34

In dieser Zeit und als unmittelbare Folge der Rebellion und des Höllensturzes Mírzá Yahyás machten sich einige Jünger Bahá'u'lláhs, darunter ein Buchstabe des Lebendigen, einige Überlebende des Kampfes bei Tabarsí und der gelehrte Mírzá Ahmad-i-Azghandí - man kann sie mit Recht zu den »Schätzen« zählen, die Gott Ihm verhieß, als Er im Síyáh-Chál von Tihrán von Ketten niedergebeugt war - ans Werk, den neu erstandenen Glauben zu verteidigen, um, wie es ihr Meister im Kitáb-i-Badí' getan, in zahlreichen Beweisschriften die Argumente Seiner Gegner einzeln zu widerlegen und ihre gehässigen Taten bloßzustellen. In dieser Zeit dehnte sich der Glaube weit über seine Grenzen aus, als Mullá Abú-Tálib und andere, die Nabíl überzeugt hatte, sein Banner endgültig im Kaukasus aufpflanzten, als Siyyid Husayn-i-Káshání und Hájí Báqir-i-Káshání ihren Wohnsitz in Ägypten aufschlugen und dort das erste Zentrum errichteten, und als die bereits von den ersten Strahlen der göttlichen Offenbarung erwärmten und erleuchteten Länder Iráq, Türkei und Persien um Syrien vermehrt wurden. In dieser Zeit war es auch, daß der Gruß »Alláh-u-Abhá« die alte Grulammad-i-Fúrúghí, ein ehemaliger Verteidiger der Festung von Shaykh Tabarsí. In dieser Zeit wurde auch die Redewendung vom »Volk des Bayán«, unter der man jetzt die Anhänger Mírzá Yahyás versteht, durch den Ausdruck »Volk Bahás« ersetzt. Damals wurde auch Nabíl mit dem Titel »Nabíl-i-A'zam« beehrt durch ein neues, besonders an ihn gerichtetes Schreiben, mit dem er aufgefordert wurde, die »Botschaft« seines Herrn »dem Osten und dem Westen« zu vermitteln, worauf er sich trotz immer wiederkehrender Verfolgungen aufmachte, den »schmerzlichsten Schleier« zerriß, die Liebe zu seinem verehrten Meister in die Herzen Seiner Landsleute pflanzte und als Vorkämpfer der Lehre auftrat, die sein Geliebter unter so tragischen Umständen verkündet hatte. Damals beauftragte Bahá'u'lláh auch Nabíl, an Seiner Statt die beiden neu offenbarten Sendschreiben über die Pilgerfahrt vorzutragen und bei seinem Besuch im Hause des Báb in Shíráz und im Größten Hause in Baghdád die dort vorgeschriebenen Riten zu vollziehen, was den Auftakt zu einer der heiligsten Handlungen bildete, die später im Kitáb-i-Aqdas förmlich festgelegt werden sollten. Auch die »Fastengebete« wurden in dieser Zeit von Bahá'u'lláh offenbart, ein Vorgriff auf das Gesetz, das im selben Buch bald darauf erlassen werden sollte. Ebenfalls in die Zeit Seines Verbannungsaufenthalts in Adrianopel fällt, daß Er ein Schreiben an Mullá Alí-Akbar-i-Shahmírzádí und an Jamál-i-Burújirdí, zwei wohlbekannte Gefolgsleute in Tihrán, richtete und sie beauftragte, die sterblichen Reste des Báb unter größter Geheimhaltung vom Imám-Zádih Ma'súm, wo sie verborgen waren, an einen andern sichern Ort zu verbringen. Dies erwies sich später als schicksalhaft und war ein weiterer Schritt auf dem langen, mühsamen Weg zur Überführung der Gebeine zum Herzen des Karmel an die Stelle, die Er später mit Seinem Hinweis an Abdu'l-Bahá bezeichnete. In dieser Zeit wurde auch die Súriy-i-Ghusn ¹ offenbart, in der die zukünftige Stellung Abdu'l-Bahás vorausgesagt wird und die Ihn den »Zweig der Heiligkeit«, das »Glied des Gesetzes Gottes«, den »Vertrauten Gottes«, der »in Gestalt des menschlichen Tempels herniedergesandt« ist, nennt - eine Schrift, die man wohl als Ankündigung des Ranges ansehen kann, der Ihm im Kitáb-i-Aqdas verliehen und später im Buch Seines Bundes näher erläutert und bestätigt werden sollte. Und schließlich wurden in jener Zeit auch die ersten Pilgerreisen zum Wohnsitz Dessen unternommen, der nun der sichtbare Mittelpunkt eines neuen Glaubens war - Pilgerreisen, die nach Art und Umfang die persische Regierung aufschreckten und veranlaßten, sie zunächst einzuschränken und später ganz zu verbieten, die aber doch schon die Pilgerscharen ankündigten, die sich aus Ost und West, zunächst unter recht gefährlichen und schwierigen Umständen, nach der Gefängnisfestung Akká auf den Weg machten - ein Wallfahrtswesen, das später gipfeln sollte in der historischen Ankunft einer königlichen Bekennerin am Fuße des Karmel, der jedoch die Erfüllung ihres Planes an der Schwelle ihres lang ersehnten und angekündigten Pilgerziels grausam verwehrt wurde.

¹ `Sure vom Zweig`


+10:35

Den äußeren Feinden der Bewegung konnten diese bemerkenswerten Entwicklungen natürlich nicht verborgen bleiben, die die Sache teils zeitgleich, teils als Folge der Verkündigung des Bahá'í-Glaubens und der inneren Erschütterung durchstehen mußte, zumal sie erpicht waren, jede Krise, die die Freunde aus Torheit oder die Abtrünnigen aus Hinterlist über den Glauben brachten, nach Kräften auszunützen. Kaum waren die dichten Wolken vom plötzlichen Hervorbrechen der Sonne in ihrem Mittagsglanz zerstreut, als auch schon die Schatten einer weiteren Katastrophe, der letzten, die der Stifter des Glaubens zu erdulden hatte, sich über die Bewegung legten, ihren Horizont verdüsterten und sie einer der schwersten Prüfungen unterwarf, die sie bisher erfuhr.

+10:36

Die Feinde, die sich vorübergehend ruhig verhalten hatten, fühlten sich durch die neuen Prüfungen, die Bahá'u'lláh so grausam heimsuchten, aufs neue ermuntert, ihre tiefsitzende Feindschaft auf verschiedene Weise an den Tag zu legen. Wieder brachen in verschiedenen Landstrichen Verfolgungen unterschiedlicher Schwere aus. In Ádhirbáyján und Zanján, in Níshápúr und Tihrán wurden Anhänger des Glaubens gefangengesetzt, entehrt, bestraft, gemartert und getötet. Unter den Duldern sei besonders der unerschrockene Najaf-Alíy-i-Zanjání erwähnt, ein Überlebender des Kampfes in Zanján und im Brief an den Sohn des Wolfes verewigt als der, der alles Gold, das er besaß, seinem Henker vermachte und vor seiner Enthauptung noch laut »Yá Rabbíya'l-Abhá« rief. In Ägypten erpreßte ein habgieriger, lasterhafter Generalkonsul von einem wohlhabenden persischen Bahá'í namens Hájí Abu'l-Qásim-i-Shírází die hohe Summe von hunderttausend Túmán, ließ Hájí Mírzá Haydar-Alí und sechs Glaubensgenossen gefangensetzen, sämtliche Schriften in ihrem Besitz beschlagnahmen und sie selbst für neun Jahre nach Khartum verbannen; dann brachte er auch Nabíl, den Bahá'u'lláh ausgesandt hatte, um ihretwegen beim Khediven vorstellig zu werden, ins Gefängnis. In Baghdád und Kázimayn gingen die unermüdlichen Feinde, die nur auf ihre Gelegenheit gewartet hatten, auf grausame, niederträchtige Weise gegen die treuen Stützen Bahá'u'lláhs vor: Sie schlitzten dem zur Dämmerstunde Wasser im Schlauch vom Fluß zum »Größten Haus« tragenden Abdu'r-Rasú'l-i-Qumí den Bauch auf und vertrieben etwa siebzig Gefährten, darunter Frauen und Kinder, unter dem Hohngeschrei der Bevölkerung nach Mosul.

+10:37

Nicht minder rührig waren der Mushíru'd-Dawlih Mírzá Husayn-Khán und seine Helfershelfer, die entschlossen die Schwierigkeiten, die Bahá'u'lláh kürzlich heimgesucht hatten, ausnützten und sich nun daran machten, Ihn zu vernichten. Die Behörden in der Hauptstadt waren wütend wegen der Achtung, die Ihm vom Gouverneur und ehemaligen Großwesir Muhammad Pásháy-i-Qibrisí und seinem Nachfolger Sulaymán Páshá vom Qádiríyyih-Orden, und besonders von Khurshíd Páshá entgegengebracht wurde, die bei vielen Gelegenheiten in aller Öffentlichkeit in Bahá'u'lláhs Haus kamen, Ihn während der Ramadán-Zeit bewirteten und Abdu'l-Bahá gegenüber glühende Bewunderung zeigten. Sie hatten den herausfordernden Ton, den Bahá'u'lláh in einigen Seiner neu offenbarten Sendschreiben anschlug, wohl wahrgenommen und waren sich der unsicheren Lage in ihrem Land bewußt. Sie waren beunruhigt vom ständigen Kommen und Gehen der Pilger in Adrianopel und von den übertriebenen Berichten Fu'ád Páshás, der kürzlich auf einer Inspektionsreise vorbeigekommen war. Die Bettelbriefe Mírzá Yahyás, die über seinen Agenten Siyyid Muhammad bei ihnen einliefen, reizten zum Zorn. Andere Briefe - anonym, doch von demselben Siyyid und einem Komplizen verfaßt, einem Áqá Ján, der in der türkischen Artillerie diente - entstellten die Schriften Bahá'u'lláhs und versetzten die Behörden in Alarm mit der Anklage, Bahá'u'lláh habe sich mit Bulgarenführern und bestimmten Repräsentanten europäischer Mächte verbündet, um mit einigen Tausend Anhängern Konstantinopel zu erobern. Nun, ermutigt durch die inneren Unstimmigkeiten, die den Glauben erschüttert hatten, und irritiert von der offensichtlichen Hochachtung, die Bahá'u'lláh von den in Adrianopel residierenden Konsuln fremder Mächte entgegenbracht wurde, beschlossen sie sofortige, drastische Maßnahmen, um den Glauben auszurotten, seinen Urheber zu isolieren und Ihn Seines Einflusses zu berauben. Die Indiskretionen einiger übereifriger Glaubensanhänger, die nach Konstantinopel kamen, verschärften ohne Zweifel die ohnehin schon angespannte Situation.

+10:38

Schließlich kam es zu der verhängnisvollen Entscheidung, die Bahá'u'lláh nach der Strafkolonie Akká und Mírzá Yahyá nach Famagusta auf Zypern verbannte. Der Beschluß wurde mit harten Worten in einem Erlaß des Sultáns Abdu'l-Azíz übermittelt. Die Gefährten Bahá'u'lláhs, die in die Hauptstadt gekommen waren, sowie einige später Hinzugekommene und Aqá Ján, der ewige Unheilstifter, wurden festgenommen, verhört, ihrer Papiere beraubt und ins Gefängnis geworfen. Die Gemeindemitglieder in Adrianopel wurden mehrfach ins Amtshaus bestellt, um gezählt zu werden, indessen Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden, daß sie aufgeteilt, an verschiedene Plätze verbannt oder heimlich getötet würden.

+10:39

Eines Morgens wurde plötzlich das Haus Bahá'u'lláhs von Soldaten umstellt, an den Toren zogen Wachen auf, Seine Anhänger wurden wieder einmal vor die Behörden zitiert und verhört und erhielten die Weisung, sich zur Abreise fertigzumachen. »Die Geliebten Gottes und Seine Verwandten«, so bezeugt Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís, »erhielten am ersten Abend nichts zu essen... Die Leute umringten das Haus, und Muslime und Christen weinten über Uns... Wir bemerkten, daß das Volk des Sohnes¹ heftiger weinte als die anderen - ein Zeichen für die, welche nachdenken.« »Eine gewaltige Erregung ergriff die Menschen«, schreibt Aqá Ridá, einer der standhaftesten Anhänger Bahá'u'lláhs, der alle Stationen der Verbannung von Baghdád bis Akká mit Ihm teilte. »Alle waren bestürzt und voll Trauer ... Die einen bekundeten ihre Teilnahme, andere versuchten uns zu trösten und weinten über uns ... Das meiste unserer Habe wurde zum halben Wert versteigert.« Einige Konsuln auswärtiger Mächte besuchten Bahá'u'lláh und erklärten sich bereit, mit ihren Regierungen Seinetwegen zu verhandeln. Bahá'u'lláh erklärte jedoch, daß er ihr liebenswürdiges Anerbieten zwar schätze, es aber entschieden ausschlage. Er selbst schreibt: »Die Konsuln jener Stadt (Adrianopel) versammelten sich bei diesem Jüngling zur Stunde Seines Abschieds und brachten ihren Wunsch vor, Ihm zu helfen. Sie erwiesen Uns wirklich große Liebe.«

¹ die Christen


+10:40

Der persische Botschafter teilte den persischen Konsuln im Iráq und in Ägypten umgehend mit, daß die türkische Regierung den Bábí ihren Schutz entzogen habe und daß es ihnen somit frei stünde, mit diesen nach Gutdünken zu verfahren. In der Zwischenzeit waren verschiedene Pilger, darunter Hájí Muhammad Ismá'íl-i-Káshání, der im Lawh-i-Ra'ís den Namen Anís erhielt, in Adrianopel angekommen und mußten nun nach Gallipoli gehen, ohne auch nur das Antlitz ihres Meisters gesehen zu haben. Zwei der Gefährten mußten sich von ihren Frauen scheiden lassen, da deren Angehörige ihnen nicht erlaubten, mit in die Verbannung zu gehen. Khurshíd Páshá, der schon mehrfach die ihm von den Behörden in Konstantinopel zugestellten Anklageschriften entschieden zurückgewiesen und sich eindringlich für Bahá'u'lláh eingesetzt hatte, war wegen des Vorgehens seiner Regierung in so großer Verlegenheit, daß er sich fern hielt, als man ihn von Seiner unmittelbar bevorstehenden Abreise aus der Stadt unterrichten wollte, und den zuständigen Beamten beauftragte, Ihm den Wortlaut des Sultanerlasses zu übermitteln. Einer der Gläubigen, Hájí Ja'far-i-Tabrízí, der seinen Namen nicht auf der Liste derer fand, die Bahá'u'lláh in die Verbannung begleiten sollten, wollte sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchschneiden und konnte nur im letzten Augenblick daran gehindert werden, seinem Leben ein Ende zu setzen, eine Tat, die Bahá'u'lláh in der Súriy-i-Ra'ís als »in vergangenen Jahrhunderten unvorstellbar« bezeichnete, als etwas, das »Gott dieser Offenbarung als Beweis Seiner Kraft und Macht vorbehalten hat«.

+10:41

Am zweiundzwanzigsten des Monats Rabí'u'th-Thání 1285 n.d.H.¹ brach Bahá'u'lláh mit Seiner Familie auf zur viertägigen Reise, die sie im Wagen, eskortiert von einem türkischen Hauptmann namens Hasan Effendi und einigen von der örtlichen Regierung gestellten Soldaten, mit Aufenthalten in Uzún-Kúprú und in Káshánih, wo die Súriy-i-Ra'ís offenbart wurde, nach Gallipoli führte. »Die Einwohner des Viertels, in dem Bahá'u'lláh gewohnt hatte«, berichtet ein Augenzeuge, »und die Nachbarn, die sich einfanden, um Ihm Lebewohl zu sagen, kamen einer nach dem andern und küßten Ihm voll Trauer und Schmerz die Hände und den Saum Seines Gewandes und brachten ihr Bedauern über Sein Fortgehen zum Ausdruck. Dieser Tag war auch ein seltsamer Tag. Mir war, als ob die Stadt, ihre Mauern und Tore, über die bevorstehende Trennung von Ihm trauerten.« Ein anderer Augenzeuge schreibt: »An diesem Tag kam es zu einer wundervollen Versammlung von Muslimen und Christen vor der Haustüre unseres Meisters. Die Abschiedsstunde war denkwürdig. Die meisten Umstehenden weinten und klagten, besonders die Christen.« In der Súriy-i-Ra'ís erklärt Bahá'u'lláh: »Sprich: Dieser Jüngling scheidet aus diesem Land und verbirgt unter jedem Baum und jedem Stein ein Pfand, das Gott binnen kurzem durch die Kraft der Wahrheit ans Tageslicht bringen wird.«

¹ 12. August 1868


+10:42

Einige Gefährten, die von Konstantinopel hergebracht worden waren, erwarteten sie in Gallipoli. Bei Seiner Ankunft gab Bahá'u'lláh Hasan Effendi, der nun seine Aufgabe erfüllt hatte und sich verabschiedete, die Voraussage mit: »Sagen Sie dem König, daß dieses Herrschaftsgebiet seinen Händen entgleiten wird und daß seine Staatsgeschäfte in Unordnung geraten werden«. Aqá Ridá, der diese Begebenheit berichtet, schreibt: »Bahá'u'lláh fügte hinzu: `Nicht Ich spreche diese Worte, sondern Gott spricht sie`. Er sprach in diesem Augenblick Verse, die wir am Fuß der Treppe mithören konnten. Er sprach sie mit solch gewaltiger Kraft, daß mir war, als erzitterten selbst die Grundmauern des Hauses.«

+10:43

Selbst in Gallipoli, wo man drei Nächte blieb, wußte noch kein Mensch, was das Schicksal Bahá'u'lláhs sein werde. Die einen glaubten, daß Er und Seine Brüder an denselben Ort verbannt, die übrigen aufgeteilt und ins Exil geschickt würden. Andere meinten, Seine Gefährten würden nach Persien zurückgeschickt, während wieder andere ihre Hinrichtung erwarteten. Der ursprüngliche Regierungsbefehl hieß, Bahá'u'lláh, Aqáy-i-Kalím und Mírzá Muhammad-Qulí zusammen mit einem Diener nach Akká zu verbannen und die übrigen nach Konstantinopel zu schicken. Dieser Befehl, der Szenen unbeschreiblichen Jammers zur Folge hatte, wurde jedoch auf Grund der Vorstellungen Bahá'u'lláhs und der Vermittlung 'Umar Effendis, eines Majors, der die Verbannten zu begleiten hatte, wieder zurückgenommen. Schließlich wurde beschlossen, alle Exilanten, etwa siebzig an der Zahl, nach Akká zu verbannen. Außerdem wurde verfügt, daß einige Anhänger Mírzá Yahyás, darunter Siyyid Muhammad und Aqá Ján, die Verbannten begleiten sollten, während vier von Bahá'u'lláhs Gefährten mit den Azalí nach Zypern befohlen wurden.

+10:44

Die Gefahren und Prüfungen, denen sich Bahá'u'lláh zur Stunde der Abreise von Gallipoli gegenübersah, waren so schmerzlich, daß Er warnend zu Seinen Gefährten sagte, daß »diese Reise mit keiner der früheren Reisen zu vergleichen« sein werde und daß, wer sich nicht »Manns genug [fühle], der Zukunft ins Auge zu blicken, besser daran täte, an einen beliebigen anderen Ort zu gehen, um vor Prüfungen bewahrt zu bleiben; denn später [werde] es keine Möglichkeit des Entkommens mehr geben«. Seine Gefährten achteten jedoch einmütig dieser Warnung nicht.

+10:45

Am Morgen des 2. Jamádíyu'l-Avval 1285 n.d.H.¹ wurden sie alle auf einem österreichischen Lloyd-Dampfer eingeschifft, der an Madellí vorüber nach Alexandria fuhr, mit zwei Tagen Aufenthalt in Smyrna, wo Jináb-i-Munír, Ismulláhu'l-Muníb genannt, schwer erkrankte und tief bekümmert in einem Hospital zurückbleiben mußte, wo er bald darauf starb. In Alexandria stiegen sie auf einen Dampfer derselben Gesellschaft nach Haifa um, wo sie nach kurzen Anlegepausen in Port Said und Jaffa anlangten und wenige Stunden später mit einem Segelboot nach Akká übersetzten; dort gingen sie am 12. Jamádíyu'l-Avval 1285 n.d.H.² im Lauf des Nachmittags an Land. In dem Augenblick, da Bahá'u'lláh das Boot betrat, das Ihn zum Landungssteg in Haifa bringen sollte, stürzte sich Abdu'l-Ghaffár, einer der vier Gefährten, die dazu verdammt worden waren, das Exil mit Mírzá Yahyá zu teilen und dessen »Losgelöstheit, Liebe und Gottvertrauen« Bahá'u'lláh hoch gepriesen hatte, mit dem Ruf »Yá Bahá'u'l-Abhá« verzweifelt ins Meer, wurde aber sofort wieder aufgefischt und mühsam ins Leben zurückgerufen; die unerbittlichen Beamten zwangen ihn, seine Reise mit der Gesellschaft Mírzá Yahyás an den ihm ursprünglich bestimmten Zielort fortzusetzen.

¹ 21. August 1868 ² 31. August 1868





Kapitel 11
Bahá'u'lláhs Gefangenschaft in Akká - Erster Teil

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Mit der Ankunft Bahá'u'lláhs in Akká beginnt der letzte Abschnitt Seines vierzigjährigen Wirkens, Schlußphase und zugleich Gipfel der Verbannung, unter der Er Seine gesamte Amtszeit verbrachte. Die Vertreibung hatte Ihn zunächst in die unmittelbare Nachbarschaft der Hochburgen der schiitischen Orthodoxie und in Kontakt mit ihren bedeutendsten Vertretern gebracht, später in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches geführt und Ihn bewogen, Seine epochalen Erklärungen an den Sultán, dessen Minister und die geistlichen Führer des sunnitischen Isláms zu richten. Nun hatte sie Ihn an die Küste des Heiligen Landes gespült - des Landes, das Gott Abraham verheißen hatte, das geheiligt ist durch die Offenbarung Mose, geehrt durch das Leben und Wirken der hebräischen Patriarchen, Richter, Könige und Propheten, verehrt als die Wiege des Christentums und als die Stätte, wo auch Zarathustra, wie Abdu'l-Bahá bezeugt, »Zwiesprache mit Propheten Israels hielt«, und dem Islám verbunden durch die Nachtreise des Propheten durch die sieben Himmel zum Thron des Allmächtigen. In den Grenzen dieses heiligen, beneidenswerten Landes - »Heimat aller Gottesboten«, »Tal von Gottes unerforschlichem Ratschluß«, »der schneeweiße Ort«, »das Land unvergänglicher Herrlichkeit« - sollte der Heimatlose von Baghdád, Konstantinopel und Adrianopel nun nicht weniger als ein Drittel der Ihm zugemessenen Lebensspanne und über die Hälfte der gesamten Dauer Seiner Sendung verbringen. »Es ist schwer einzusehen«, erklärt Abdu'l-Bahá, »was sonst Bahá'u'lláh hätte zwingen sollen, Persien zu verlassen und Sein Zelt in diesem Heiligen Land aufzuschlagen, wenn nicht die Verfolgung durch Seine Feinde, Seine Vertreibung und Sein Exil.«

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»Durch die Zunge der Propheten vor zwei- oder dreitausend Jahren« ist diese Erfüllung, so versichert Er, wirklich vorhergesagt. »Getreu Seiner Verheißung« hat Gott »einigen Propheten die frohe Botschaft offenbart, `der Herr der Heerscharen werde im Heiligen Land erscheinen`«. Jesaja verheißt in diesem Zusammenhang in seinem Buch: »Steige hinauf auf den hohen Berg, o Zion, daß du frohe Kunde bringest. Erhebe deine Stimme mit Macht, o Jerusalem, daß du frohe Kunde bringest. Erhebe sie und fürchte dich nicht; sage den Städten Judas: Schauet euren Gott! Schauet den Herrn Gott kommen mit starker Hand, und Sein Arm wird herrschen für Ihn.« David sagt in seinen Psalmen voraus: »Erhebet eure Häupter, o ihr Tore; ja erhebet sie, ihr ewigen Pforten; und der König der Herrlichkeit wird kommen! Wer ist der König der Herrlichkeit? Der Herr der Heerscharen, der ist der König der Herrlichkeit.« »Aus Zion, der vollkommenen Schönheit, scheint Gott. Unser Gott wird kommen und nicht schweigen.« Auch Amos sagt Sein Kommen voraus: »Der Herr wird brüllen aus Zion und wird Seine Stimme erschallen lassen aus Jerusalem; und die Wohnstätten der Hirten werden trauern, der Gipfel des Karmel wird welken.«

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Akká selbst, flankiert von der »Herrlichkeit des Libanon«, ausgebreitet vor dem »Strahlenglanz des Karmel«, zu Füßen der Hügel, die Christi Heimat umschließen, wird von David als »die feste Stadt« beschrieben; Hosea schildert sie als »ein Tor der Hoffnung«, während Hesekiel auf sie als »das Tor« anspielt, »das gen Osten schaut«, zu dem »die Herrlichkeit des Gottes Israels auf dem Weg aus dem Osten kam«, Er, dessen Stimme »wie ein Tosen von vielen Wassern« ist. Der arabische Prophet spricht von ihr als »einer Stadt in Syrien, der Gott besondere Gnade erweist« und die »zwischen zwei Bergen... inmitten einer Matte« liegt, «am Ufer des Meeres,... unter dem Throne schwebend«, »weiß, deren Weiße Gott wohlgefällt«. »Gesegnet der Mensch«, erklärt Er des weiteren, wie Bahá'u'lláh bestätigt, »der Akká besucht, und gesegnet der, der den Besucher von Akká besucht.« Und weiter: »Wer darin den Ruf zum Gebet erhebt, dessen Stimme wird bis ins Paradies emporgetragen.« Und ferner: »Die Armen von Akká sind die Könige des Paradieses und seine Fürsten. Ein Monat in Akká ist besser als tausend Jahre an einem anderen Ort.«¹ In einer bemerkenswerten Überlieferung, die als authentische Äußerung Muhammads gilt, enthalten im Werk des Shaykh Ibnu'l-Arabí mit dem Titel Futúhát-i-Makkíyyih und auch von Mírzá Abu'l-Fadl in seinem Fará'id erwähnt, findet sich folgende bedeutsame Vorhersage: »Sie (die Gefährten des Qá'im) werden alle erschlagen außer dem Einen, der die Ebene von Akká, die Festhalle Gottes, erreichen wird.«

¹ WOLF 262f


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Bahá'u'lláh selbst hatte, wie Nabíl in seinem Bericht bestätigt, schon lange zuvor, während der ersten Jahre Seines Exils in Adrianopel, in Seinem Lawh-i-Sayyáh auf diese Stadt angespielt und sie als das »Tal von Nabíl« bezeichnet, wobei der Zahlenwert des Wortes Nabíl dem des Wortes Akká gleich ist. »Bei Unserer Ankunft«, hatte die Schrift vorhergesagt, »wurden wir durch Lichtbanner willkommen geheißen, und laut rief die Stimme des Geistes: `Bald werden alle Erdenbewohner unter diesem Banner vereinigt sein.`«

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Das vierundzwanzig Jahre währende Exil, das zwei orientalische Despoten in ihrem unversöhnlichen Haß und ihrer Kurzsichtigkeit über Bahá'u'lláh verhängten, wird in die Geschichte als ein Zeitabschnitt eingehen, in dem sich ein wundersamer und wahrhaft umwälzender Wandel in den Lebens- und Wirkensumständen des Verbannten vollzog. Sie wird aber vor allem der Verfolgungen wegen gedacht werden, die in Seinem Heimatland zwar mit Unterbrechungen, aber ungewöhnlich grausam wieder aufflammten, und ob des gleichzeitigen Wachstums der Zahl Seiner Anhänger, und schließlich auch wegen der an Tragweite und Umfang gewaltigen Zunahme Seines Schrifttums.

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Seine Ankunft in der Strafkolonie in Akká erwies sich keineswegs als das Ende der Strapazen, im Gegenteil, mit ihr begann eine sehr schwere Krise, die von bitterem Leid, strengen Einschränkungen und heftigem Aufruhr gekennzeichnet war - schlimmer fast als die Qualen im Síyáh-Chál zu Tihrán und keinem anderen Ereignis in der Geschichte des ganzen Jahrhunderts vergleichbar, abgesehen von den inneren Krämpfen, die den Glauben in Adrianopel erschütterten. Bahá'u'lláh schreibt, um die kritische Lage während der ersten neun Jahre Seiner Verbannung in diese Gefängnisstadt zu unterstreichen: »Wisse, bei Unserer Ankunft an diesem Ort beliebten Wir, ihn als das `Größte Gefängnis` zu bezeichnen. Obwohl Wir früher in einem anderen Land¹ in Fesseln und Ketten lagen, weigerten Wir Uns doch, es mit diesem Namen zu nennen. Sprich: Sinnt darüber nach, o ihr, die ihr mit Verständnis begabt seid!«

¹ Tihrán


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Die Feuerprobe, die Er in der Folge des Anschlags auf das Leben Násiri'd-Dín Sháhs erduldete, war Ihm nur von außenstehenden Feinden des Glaubens zugefügt worden. Die Schwierigkeiten in Adrianopel, die die Gemeinde der Anhänger des Báb beinahe sprengte, waren dagegen rein interner Art. Diese neue, fast zehn Jahre lang Ihn und Seine Gefährten erschütternde Krise war durchaus nicht nur von Angriffen Seiner äußeren Gegner gekennzeichnet, sondern auch hervorgerufen von Machenschaften innerer Feinde und durch schwere Verfehlungen derer, die zwar Seinen Namen trugen, aber Dinge taten, die Sein Herz und Seine Feder wehklagen ließen.

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Akká, die antike Ptolemais, St. Jean d'Acre der Kreuzfahrer, die mit Erfolg der Belagerung durch Napoleon getrotzt hatte, war unter den Türken zu einer Strafkolonie herabgesunken, in die aus allen Teilen des Türkischen Reiches die Mörder, Wegelagerer und politischen Aufwiegler geschickt wurden. Die Stadt war von einem doppelten Wall umgeben und von einer Bevölkerung bewohnt, die Bahá'u'lláh als »Schlangenbrut« brandmarkt, besaß keine einzige Wasserquelle in ihren Mauern, war von Flöhen verseucht - ein enges Wabengeflecht dunkler, krummer, schmutziger Gassen. Im Lawh-i-Sultán schreibt die Erhabene Feder darüber: »Man sagt, sie sei die trostloseste Stadt der Welt, die unansehnlichste von allen, und sie habe das abscheulichste Klima, das fauligste Wasser. Man möchte meinen, sie sei die Stammburg der Eulen.« Ihre Luft war so verpestet, daß nach dem Sprichwort ein Vogel, der über die Stadt flöge, tot herabfiele.

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Vom Sultán und seinen Ministern waren ausdrückliche Befehle ergangen, die Verbannten - denen man zur Last legte, schwer gefehlt und andere verführt zu haben - strengsten Haftbedingungen zu unterwerfen. Man gab der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß die lebenslängliche Kerkerhaft, zu der sie verurteilt waren, schließlich zu ihrer Vernichtung führen werde. Der farmán des Sultáns Abdu'l-Azíz vom fünften Rabí'u'th-Thání 1285 n.d.H.¹ verurteilte sie nicht nur zu lebenslänglicher Verbannung, sondern verfügte auch strenge Kerkerhaft und untersagte ihnen sowohl den Verkehr untereinander wie auch mit den Ortsansässigen. Der Text des Erlasses wurde bald nach der Ankunft der Verbannten in der Hauptmoschee der Stadt zur Warnung für die Bevölkerung öffentlich verlesen. Der persische Gesandte an der Hohen Pforte gab seiner Regierung in einem Brief, den er etwas über ein Jahr nach ihrer² Verbannung nach Akká schrieb, folgende Zusicherung: »Ich habe telegrafische und schriftliche Weisungen ergehen lassen, denen zufolge es Ihm³ verboten ist, mit irgend jemand außer Seinen Frauen und Kindern zusammenzukommen oder aus welchem Grund auch immer das Haus zu verlassen, in dem Er gefangen sitzt. Vor drei Tagen habe ich Abbás-Qulí Khán, den Generalkonsul in Damaskus..., zurückgeschickt mit der Weisung, unverzüglich nach Akká zu reisen, ... um dort mit dem Gouverneur alle erforderlichen Maßnahmen für die strenge Beibehaltung ihrer Haft zu besprechen, ... und vor seiner Rückkehr nach Damaskus einen Stellvertreter vor Ort zu ernennen, der dafür zu sorgen hat, daß die von der Hohen Pforte erlassenen Befehle strengstens befolgt werden. Des weiteren habe ich ihn angewiesen, alle drei Monate von Damaskus nach Akká zu kommen, um persönlich nach dem Rechten zu sehen und darüber an die Botschaft zu berichten.« Die ihnen auferlegte Isolierung war so streng, daß die Bahá'í in Persien, beunruhigt durch die von den Azalí in Isfahán ausgestreuten Gerüchte, Bahá'u'lláh sei ertränkt worden, das britische Telegrafenamt in Julfá veranlaßten, in ihrem Auftrag die wahre Sachlage zu ermitteln.

¹ 26. Juli 1868 ² der Bahá'í ³ Bahá'u'lláh


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Nach einer elenden Reise in Akká an Land, wurden die Verbannten allesamt, Männer, Frauen und Kinder, unter den Blicken eines neugierigen, abgestumpften Volks, das sich am Hafen zusammengerottet hatte, um den »Gott der Perser« zu sehen, in die Kaserne geführt, dort eingesperrt und von Wachtposten beaufsichtigt. »Den ersten Abend«, schreibt Bahá'u'lláh im Lawh-i-Ra'ís, »bekam niemand etwas zu essen oder zu trinken... Selbst als sie um Wasser baten, wurde es ihnen verweigert.« Das Wasser im Hofteich war so schmutzig und salzig, daß kein Mensch davon trinken konnte. Jeder bekam drei Laibe gesalzenes Schwarzbrot zugeteilt, die sie später unter Aufsicht auf dem Markt gegen zwei bessere eintauschen durften. Schließlich bekamen sie als Ersatz für die Brotzuteilung nur noch eine Hungerration. Bald nach ihrer Ankunft wurden bis auf zwei alle krank. Malaria und Ruhr, im Verein mit einer schwülen, brütenden Hitze vermehrten ihr Elend. Drei starben, darunter zwei Brüder in der gleichen Nacht, «einander in den Armen liegend«, wie Bahá'u'lláh berichtet. Er gab den Teppich, den Er benützte, zum Verkauf, damit man von seinem Erlös ihre Leichentücher kaufen und das Begräbnis bestreiten konnte. Den armseligen Betrag, den man dafür erzielte, gab man den Wachen, die sich geweigert hatten, sie zu begraben, bevor die erforderlichen Kosten bestritten seien. Später hörte man, daß sie sie ungewaschen, ohne Leichentuch, ohne Sarg, in den Kleidern, die sie trugen, verscharrten, obgleich sie, wie Bahá'u'lláh bestätigt, die doppelte Summe dessen erhalten hatten, die für das Begräbnis nötig gewesen wäre. Er schrieb: »Nur Gott, der Allmächtige, der Allwissende, weiß, was über Uns hereinbrach... Seit Erschaffung der Welt bis auf den heutigen Tag ward solche Grausamkeit nicht gesehen und gehört.« Weiter schreibt Er auf sich selbst bezogen: »Den größten Teil Seines Lebens verbrachte Er schmerzgeplagt in den Klauen Seiner Feinde. Jetzt haben Seine Leiden ihren Höhepunkt erreicht in diesem qualvollen Kerker, in den Seine Unterdrücker Ihn zu Unrecht warfen.«

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Die wenigen Pilger, die trotz strengen Verbots bis vor die Gefängnistore vordrangen - einige hatten den ganzen weiten Weg von Persien zu Fuß zurückgelegt -, mußten sich mit einem flüchtigen Blick auf das Antlitz des Gefangenen begnügen, wenn sie von ihrem Standort jenseits des zweiten Festungswalls zum Fenster Seines Gefängnisses hinübersahen. Die ganz wenigen, denen es gelang, in die Stadt hineinzukommen, mußten zu ihrem großen Leidwesen wieder umkehren, ohne auch nur Sein Antlitz geschaut zu haben. Der selbstlose Hájí Abu'l-Hasan-i-Ardikání, mit dem Beinamen Amín-i-Iláhí, »der Vertraute Gottes«, der als erster in Seine Gegenwart vordringen konnte, erreichte dies in einem öffentlichen Bad, wo er, wie abgesprochen, Bahá'u'lláh zwar sehen, aber sich Ihm nicht nähern oder irgendein Erkennungszeichen geben durfte. Ein anderer Pilger, Ustád Ismá'íl-i-Káshí, der aus Mosul kam, stellte sich auf die andere Seite des Burggrabens und starrte stundenlang, in Gebet versunken, zum Fenster seines Geliebten, konnte aber wegen seiner schwachen Augen Sein Antlitz nicht erkennen und mußte unverrichteter Dinge wieder zu der Berghöhle am Karmel zurückkehren, die ihm als Unterschlupf diente - diese Episode rührte die heilige Familie, die von weitem voll Mitgefühl das Scheitern seiner Hoffnungen verfolgt hatte, zu Tränen. Nabíl mußte schleunigst aus der Stadt fliehen, wo er erkannt worden war; auch er mußte sich mit einem kurzen Blick auf Bahá'u'lláh von jenseits desselben Festungsgrabens begnügen und streifte dann weiter durch die Gegenden um Nazareth, Haifa, Jerusalem und Hebron, bis ihm endlich die allmähliche Lockerung der Beschränkungen erlaubte, zu den Verbannten zu stoßen.

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Zur drückenden Last all dieser Drangsal trat nun der bittere Schmerz über ein plötzliches Unglück - das frühe Hinscheiden des edlen, frommen Mírzá Mihdí, des Reinsten Zweiges. Der zweiundzwanzigjährige Bruder Abdu'l-Bahás und Sekretär Bahá'u'lláhs hatte seit seiner Kindheit, als er von Tihrán zu seinem Vater nach Baghdád gebracht worden war, um nach Dessen Rückkehr aus Sulaymáníyyih bei Ihm zu sein, Seine Verbannung geteilt. Eines Abends, als er im Dämmerlicht auf dem Dach der Kaserne wie gewohnt in seine Andacht vertieft, auf und abschritt, stürzte er durch einen ungesicherten Lichtschacht auf einen Holzkorb im Flur darunter. Dabei wurde ihm der Brustkorb durchstoßen, und zweiundzwanzig Stunden darauf, am 23. Rabí'u'l-Avval 1287 n.d.H.¹, starb er. Seine letzte Bitte an den trauernden Vater war, daß sein Leben als Opfer angenommen werde für alle, die daran gehindert werden, in die Gegenwart ihres Geliebten zu gelangen.

¹ 23. Juni 1870


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In einem höchst bedeutsamen Gebet, das Bahá'u'lláh zum Gedächtnis Seines Sohnes offenbart hat - einem Gebet, das seinen Tod in eine Reihe stellt mit den großen Sühneopfern wie die beabsichtigte Opferung des Sohnes Abrahams, die Kreuzigung Jesu Christi und den Märtyrertod des Imám Husayn - lesen wir folgendes: »Ich opfere, o mein Herr, was Du mir gibst, damit Deine Diener erquickt und alle Erdenbewohner vereint werden.« An Seinen geopferten Sohn richtet Er folgende prophetische Worte: »Du bist das Pfand Gottes und Sein Schatz in diesem Land. Binnen kurzem wird Gott durch dich offenbaren, was Er wünscht.«

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Sein Leib wurde in Gegenwart Bahá'u'lláhs gewaschen, und danach wurde der »aus dem Lichte Bahás Erschaffene«, von dessen »Milde« und seines Aufstiegs »Mysterium« die Erhabene Feder schrieb, von Festungswachen geleitet, hinweggetragen und jenseits des Stadtwalls an einer Stelle, die an das Grab von Nabí Sálih angrenzte, zur Ruhe gelegt. Siebzig Jahre später wurden seine sterblichen Reste zusammen mit denen seiner erhabenen Mutter an den Berghang des Karmel überführt und in der Nähe des Grabes seiner Schwester im Schatten des heiligen Schreins des Báb beigesetzt.

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Aber dies war noch nicht alles an Leid, das der Gefangene von Akká mit Seinen Gefährten zu erdulden hatte. Vier Monate nach diesem tragischen Ereignis machte eine Mobilisierung türkischer Truppen den Auszug Bahá'u'lláhs und Seines Gefolges aus der Kaserne notwendig. Man wies Ihm und Seiner Familie das Haus von Malik im westlichen Stadtviertel zu, von wo sie nach drei Monaten in das gegenüberliegende Haus von Khavvám umzogen. Wenige Monate später mußten sie wieder ein neues Quartier beziehen im Haus Rábi'ih, von wo sie nach vier Monaten schließlich in das Haus von Udí Khammár verlegt wurden, das ihren Bedürfnissen so wenig entsprach, daß sich darin in einem der Räume nicht weniger als dreizehn Personen beiderlei Geschlechts einrichten mußten. Einige Gefährten mußten in ander Häuser ziehen, die übrigen wurden in der Karawanserei Khán-i-Avámíd untergebracht.

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Kaum hatte sich die strenge Haft etwas gemildert und waren die Bewacher abgelöst worden, als in der Exilantengemeinde eine innere Krise, die sich seit einiger Zeit zusammengebraut hatte, einen plötzlichen katastrophalen Höhepunkt erreichte. Zwei aus der Gruppe, die mit Bahá'u'lláh nach Akká gehen mußte, hatten sich Dinge zuschulden kommen lassen, die Bahá'u'lláh zwangen, sie auszuschließen, und Siyyid Muhammad zögerte natürlich nicht, diesen Vorgang weitestgehend auszunutzen. Unterstützt von diesen beiden und seinen alten Genossen, die sich als Spione betätigten, eröffnete er einen Verleumdungsfeldzug mit noch bösartigeren Schmähungen und Intrigen als er sie früher in Konstantinopel gebrauchte. Er zielte darauf ab, die erregter Feindseligkeit der ohnehin in Vorurteilen befangenen, mißtrauischen Bevölkerung auf die Spitze zu treiben. Die neue Gefahr bedrohte offensichtlich Bahá'u'lláhs Leben. Obgleich Er Seinen Anhängern mehrfach mündlich wie schriftlich jegliche Vergeltungsmaßnahme gegenüber ihren Peinigern streng untersagt und einen verantwortungslosen arabischen Gläubigen sogar nach Beirut zurückgeschickt hatte, weil er das Unrecht an seinem geliebten Führer rächen wollte, stellten sieben Gefährten insgeheim drei Verfolgern nach, darunter Siyyid Muhammad und Áqá Ján, und erschlugen sie.

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Die Bestürzung der ohnehin schwer bedrängten Gemeinde war unbeschreiblich. Bahá'u'lláhs Entrüstung kannte keine Grenzen. In einem Sendschreiben, das Er offenbarte, kurz nachdem diese Schandtat verübt worden war, verleiht Er Seiner Erregung Ausdruck mit den Worten: »Wollten Wir von dem sprechen, was über Uns gekommen ist, die Himmel müßten bersten und die Berge einstürzen.« Und bei anderer Gelegenheit schreibt Er: »Meine Gefangenschaft kann Mich nicht bekümmern; was Mich aber bekümmert, ist das Verhalten derer, die den Anspruch erheben, Mir anzugehören, und doch Dinge tun, deretwegen Mein Herz und Meine Feder weinen.« Und wiederum: »Meine Gefangenschaft kann Mir keine Schande bringen. Nein, bei Meinem Leben, sie verleiht Mir Ruhm! Was Mich beschämen kann, ist das Verhalten jener Meiner Anhänger, die vorgeben, Mich zu lieben, doch in Wirklichkeit dem Bösen folgen.«¹

¹ Ährenlese 60:1


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Er war dabei, Seinem Sekretär Briefe zu diktieren, als der Gouverneur und seine Truppen mit gezogenem Säbel das Haus umstellten. Die ganze Einwohnerschaft war wie das Militär in höchster Erregung. Von allen Seiten hörte man Lärm und Geschrei. Bahá'u'lláh wurde barsch auf das Gouvernement befohlen, dort verhört und die erste Nacht zusammen mit einem Seiner Söhne in einem Raum des Khán-i-Shávirdí festgehalten. Für die beiden folgenden Nächte wurde Er in ein besseres Quartier in der Nähe gebracht; erst nach siebzig Stunden durfte Er in Seine Wohnung zurückkehren. Abdu'l-Bahá wurde die erste Nacht ins Gefängnis geworfen und in Ketten gelegt; danach durfte Er mit Seinem Vater zusammentreffen. Fünfundzwanzig Gefährten wurden in ein anderes Gefängnis geworfen und angekettet. Sie wurden bis auf die für die verbrecherische Tat Verantwortlichen - ihre Haftstrafe dauerte mehrere Jahre - sechs Tage später in den Khán-i-Shávirdí verlegt und dort sechs Monate lang gefangengehalten.

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Als Bahá'u'lláh beim Verwaltungssitz eintraf, fragte Ihn der Stadtkommandant barsch: »Ist es richtig, daß einige Ihrer Anhänger so handeln konnten?«, worauf er prompt zur Antwort bekam: »Wenn einer Ihrer Soldaten eine Untat begeht, lassen Sie sich dann dafür verantwortlich machen und an seiner Stelle bestrafen?« Im Verhör forderte man Ihn auf, Seinen Namen zu nennen und den Namen des Landes, aus dem Er kam. »Das ist offenbarer als die Sonne«, antwortete Er. Man stellte Ihm nochmals die gleiche Frage, worauf Er zur Antwort gab: »Ich erachte es nicht für angemessen, das zu sagen. Schauen Sie in dem Erlaß der Regierung nach, der in Ihrem Besitz ist.« Hierauf wiederholten sie - diesmal mit betonter Ehrerbietung - noch einmal ihre Frage, worauf Bahá'u'lláh voll Majestät und Macht die Worte sprach: »Mein Name ist Bahá'u'lláh (Licht Gottes), und Mein Land ist Núr (Licht). Dies zu Ihrer Kenntnis.« Dann wandte Er sich zu dem Muftí, an den Er einen versteckten Tadel richtete, und sprach dann zu der ganzen Versammlung in einer so gewaltigen und erhabenen Sprache, daß keiner Ihm zu antworten wagte. Nachdem Er Verse aus der Súriy-i-Mulúk zitiert hatte, erhob Er sich und verließ die Versammlung. Kurz darauf ließ Ihm der Gouverneur mitteilen, daß Er frei sei und nach Hause zurückkehren könne; und er entschuldigte sich wegen des Vorfalls.

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Der Bevölkerung, die ohnedies schon schlecht auf die Exilanten zu sprechen war, bemächtigte sich nach diesem Vorkommnis eine hemmungslose Feindschaft jedem gegenüber, der sich zu dem Glauben dieser Ausländer bekannte. Offen und unbedenklich schleuderte man ihnen den Vorwurf der Ruchlosigkeit, der Gottlosigkeit, der Gewalttätigkeit und der Ketzerei ins Gesicht. Abbúd, der im Haus nebenan wohnte, ließ die Trennwand zwischen seinem Haus und der Wohnung Bahá'u'lláhs, den er nun entsetzlich fürchtete und der ihm höchst verdächtig war, verstärken. Selbst die Kinder der im Gefängnis Sitzenden wurden, wenn sie sich in diesen Tagen auf der Straße sehen ließen, verfolgt, angepöbelt und mit Steinen beworfen.

+11:21

Der Leidenskelch Bahá'u'lláhs war nun zum Überfließen voll. Die Exilanten sahen sich ständig einer höchst demütigenden Situation voller Ängste und Gefahren gegenüber, bis schließlich durch den unerforschlichen Willen Gottes die Zeit kam, da die Hochflut des Elends und der Erniedrigung abzuebben begann und sich ein Wandel in den Geschicken des Glaubens ankündigte, größer und einschneidender als der umwälzende Wechsel in den letzten Jahren des Aufenthalts Bahá'u'lláhs in Baghdád.

+11:22

Die allmähliche Erkenntnis in allen Schichten der Bevölkerung, daß Bahá'u'lláh völlig unschuldig war, das langsame Eindringen des wahren Geistes Seiner Lehren in die harte Schale ihrer Gleichgültigkeit und ihres Fanatismus, die Einsetzung des klugen und menschlichen Gouverneurs Ahmad Big Tawfíq auf den Platz des früheren, dessen Geist hoffnungslos von Haß gegen den Glauben und seine Anhänger vergiftet gewesen war, das unermüdliche Wirken Abdu'l-Bahás, der jetzt in der Blüte Seiner Mannesjahre stand und durch Seine Kontakte zu allen Schichten der Bevölkerung zunehmend Seine Befähigung unter Beweis stellte, Schutzschild für Seinen Vater zu sein, und schließlich, durch das Walten der Vorsehung, die Entlassung der Beamten, die zur Verlängerung der Haft der unschuldigen Gefährten beigetragen hatten - alles dies wirkte als Wegbereiter für die Gegenbewegung, die jetzt in Gang kam und für immer mit Bahá'u'lláhs Zeit des Exils in Akká unlöslich verbunden sein wird.

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Durch seine Verbindung mit Abdu'l-Bahá und später die Kenntnis der Literatur des Glaubens, die ihm die Unheilstifter in der Absicht zugespielt hatten, seinen Zorn zu erregen, erwachte im Herzen des Gouverneurs allmählich eine so große Ehrfurcht, daß er stets, bevor er bei Bahá'u'lláh eintrat, zum Zeichen seiner Hochachtung vor Ihm die Schuhe ablegte. Es sprach sich sogar herum, daß seine bevorzugten Ratgeber ausgerechnet jene Exilanten waren, die Anhänger des Gefangenen, der sich in seinem Gewahrsam befand. Er schickte sogar seinen eigenen Sohn zu Abdu'l-Bahá, um sich bei Ihm Rat und Unterweisung zu holen. Während einer lange gesuchten Unterredung mit Bahá'u'lláh bat er Ihn, Ihm doch einen Dienst erweisen zu dürfen, worauf Bahá'u'lláh den Vorschlag machte, die Wasserleitung wiederherzustellen, die man seit dreißig Jahren hatte verfallen lassen; dieser Bitte wurde sofort entsprochen. Dem Zustrom der Pilger, unter denen sich auch der ergebene und verehrungswürdige Mullá Sádiq-i-Khurásání und der Vater Badí's befanden, beide Überlebende des Kampfes von Tabarsí, setzte er kaum Widerstand entgegen, obgleich der Wortlaut des kaiserlichen Erlasses ihnen den Zutritt zur Stadt verbot. Einige Jahre später ging der inzwischen Gouverneur gewordene Mustafá Díyá-Páshá sogar soweit, zu verstehen zu geben, daß es seinem Gefangenen freistünde, die Stadttore zu passieren, wann immer es Ihm beliebe. Dieses Anerbieten lehnte Bahá'u'lláh jedoch ab. Selbst der Muftí von Akká, Shaykh Mahmúd, ein wegen seines Fanatismus bekannter Mann, hatte sich dem Glauben zugewandt und stellte in seiner jungen Begeisterung eine Sammlung der auf Akká bezüglichen muslimischen Traditionen zusammen. Auch die gelegentlich übelgesinnten Gouverneure, die der Stadt geschickt wurden, konnten trotz ihrer uneingeschränkten Macht, die Kräfte nicht unterbinden, die den Glaubensstifter Seiner wirklichen Befreiung und der schließlichen Vollendung Seiner Absicht entgegentrugen. Intellektuelle und selbst Ulamás in Syrien fühlten sich im Lauf der Jahre veranlaßt, ihre Anerkennung der wachsenden Größe und Macht Bahá'u'lláhs verlauten zu lassen. Azíz-Páshá, der in Adrianopel eine tiefe Zuneigung zu Abdu'l-Bahá gefaßt hatte und in der Zwischenzeit zum Rang eines Válí aufgerückt war, kam zweimal nach Akká, nur um Bahá'u'lláh seine Achtung zu bezeugen und seine Freundschaft mit einem Manne zu erneuern, den er bewundern und verehren gelernt hatte.

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Obgleich Bahá'u'lláh so gut wie nie persönliche Unterredungen gewährte, wie Er es in Baghdád oft getan, war Sein Einfluß doch so groß, daß man die merkliche Verbesserung des Klimas und der städtischen Wasserversorgung ganz offen Seiner ständigen Anwesenheit unter den dortigen Einwohnern zuschrieb. Schon allein die für Ihn verwendeten Bezeichnungen, zum Beispiel »der erlauchte Führer« und »Seine Hoheit«, zeigten die Verehrung, die Er in den Menschen weckte. Als einem europäischen General zusammen mit dem Gouverneur eine Audienz bei Ihm gewährt wurde, war der erstere so stark beeindruckt, daß er »kniend neben der Tür verharrte«. Shaykh Alíy-i-Mírí, der Muftí von Akká, mußte Ihn auf Abdu'l-Bahás Anregung hin inständig darum bitten, daß Er mit dem Ende Seiner neunjährigen Haft hinter den Mauern der Gefängnisstadt einverstanden sei, ehe Er einwilligte, die Stadt zu verlassen. Von nun an wurden der Garten von Na'mayn, eine schmale Insel inmitten eines Flüßchens im Osten der Stadt, die Er mit dem Namen Ridván ehrte und der Er die Bezeichnungen »Das Neue Jerusalem« und »Unsere Grüne Insel« gab, zusammen mit dem einige Meilen nördlich von Akká gelegenen Wohnsitz Abdu'lláh Páshás, der von Abdu'l-Bahá für Ihn gemietet und hergerichtet worden war, der bevorzugte Aufenthalt eines Mannes, der fast ein Jahrzehnt lang keinen Fuß vor die Mauern der Stadt gesetzt und dessen einzige körperliche Bewegung darin bestanden hatte, in ewig gleicher Wiederholung Sein Schlafzimmer auf und abzuschreiten.

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Zwei Jahre später wurde Udí Khammárs Palast, in dessen Bau während Bahá'u'lláhs Kerkerhaft in der Kaserne soviel Reichtum verschwendet worden war und den der Besitzer mit seiner Familie beim Ausbruch einer Seuche fluchtartig verlassen hatte, zunächst für Ihn gemietet und später käuflich erworben - eine Wohnstätte, die Bahá'u'lláh als »den edlen Wohnsitz« bezeichnete, den Ort, den »Gott zur hehrsten Vision der Menschheit bestimmt«. Abdu'l-Bahás etwa gleichzeitiger Besuch in Beirut auf Einladung Midhát Páshás, eines früheren Großwesirs der Türkei, Sein Verkehr mit den bürgerlichen und geistigen Führern jener Stadt, Seine mehrfachen Unterredungen mit dem wohlbekannten Shaykh Muhammad Abdú trugen dazu bei, das wachsende Ansehen der Gemeinde sehr zu fördern und den Ruhm ihres berühmtesten Mitglieds weit zu verbreiten. Der glänzende Empfang für Ihn durch den gelehrten und hochgeachteten Shaykh Yúsuf, den Muftí von Nazareth, der auch Gastgeber für die Válís von Beirut war und alle Honoratioren der Gemeinde aufgefordert hatte, Ihm einige Meilen weit entgegenzugehen, als Er sich der Stadt in Begleitung Seines Bruders und des Muftí von Akká näherte, ebenso die prächtige Aufnahme, die Abdu'l-Bahá Shaykh Yúsuf später in Akká angedeihen ließ, als dieser Ihn dort besuchte, weckten den Neid derer, die noch wenige Jahre zuvor Ihn und Seine Mitverbannten mit Spott und Verachtung behandelt hatten.

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Der strenge Erlaß des Sultáns Abdu'l-Azíz war allmählich, obgleich er offiziell nicht widerrufen worden war, zu einem toten Papier geworden. Und wenn auch Bahá'u'lláh dem Buchstaben nach noch als Gefangener galt, so waren, wie Abdu'l-Bahá es ausdrückt, dennoch »die Tore der Majestät und wahren Souveränität weit aufgetan«. »Die Herrscher Palästinas«, so schreibt Er, »beneideten Ihn um Seinen Einfluß und Seine Macht. Gouverneure und Mutisarrifs, Generäle und Beamte aus der Gegend suchten demütig um die Ehre nach, von Ihm empfangen zu werden - eine Bitte, der Er nur selten entsprach.«

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Auf dem Landsitz war es auch, wo Bahá'u'lláh den hervorragenden Orientalisten Prof. E. G. Browne aus Cambridge zu vier aufeinanderfolgenden Gesprächen empfing, er war fünf Tage¹ Sein Gast in Bahjí. Diese Gespräche wurden unsterblich durch die historischen Worte des Verbannten, daß »diese fruchtlosen Streitigkeiten, diese zerstörerischen Kriege aufhören und der `Größte Friede` kommen wird«. Der Besucher hinterließ der Nachwelt folgenden denkwürdigen Bericht: »Nie werde ich das Antlitz Dessen, den ich schaute, vergessen können, doch kann ich es nicht beschreiben. Seine durchdringenden Augen schienen auf dem Grund der Seele zu lesen; Macht und Autorität lagen auf Seiner hohen Stirn... Hier bedurfte es keiner Frage, vor wem ich stand, als ich mich vor einem Manne neigte, der Gegenstand einer Verehrung und Liebe ist, um die Ihn Könige beneiden und nach der Kaiser sich vergeblich sehnen... Ich verbrachte dort fünf höchst denkwürdige Tage, an denen ich mich unvergleichlicher und unverhoffter Gelegenheiten erfreute, mit denen zu sprechen, die die Quellen jenes mächtigen, wundersamen Geistes sind, der mit unsichtbarer, aber wachsender Kraft an der Wandlung und Neubelebung eines im Totenschlaf versunkenen Volkes wirkt. Es war wirklich ein seltsames und ergreifendes Erlebnis, von dem ich kaum einen schwachen Abglanz wiederzugeben vermag.«

¹ 15.-20. April 1890


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Im selben Jahr wurde das Zelt Bahá'u'lláhs, das »Königszelt der Herrlichkeit«, auf dem Karmel errichtet, dem »Hügel und Weinberg Gottes«, der Wohnstatt des Elias, von Jesaja als der »Berg des Herrn« gepriesen, zu dem »alle Völker herbeiströmen werden«. Viermal hielt sich Bahá'u'lláh in Haifa auf, das letzte Mal volle drei Monate lang. Während eines dieser Besuche offenbarte Er, der »Herr des Weinbergs«, indes Sein Zelt nahe dem Karmeliterkloster aufgeschlagen war, den wegen seiner Anspielungen und Prophezeiungen bemerkenswerten Sendbrief vom Karmel. Bei einer anderen Gelegenheit bezeichnete Er, am Hang des Berges stehend, Abdu'l-Bahá den Platz, der als endgültige Ruhestätte für den Báb dienen und auf dem später ein angemessenes Mausoleum erbaut werden sollte.

+11:29

Ferner wurden an dem See, der mit dem Wirken Jesu Christi verbunden ist, auf Bahá'u'lláhs Gebot Grundstücke gekauft, die der Verherrlichung Seines Glaubens geweiht sein und als Vorläufer jener »edlen, eindrucksvollen Bauten« dienen sollten, von denen Er in Seinen Sendschreiben verheißen hatte, daß sie »weit und breit« im Heiligen Land und auf dem »reichen und geheiligten Boden am Jordan und seiner Umgebung« errichtet würden, um, wie Er in diesen Schreiben gestattet, »der Anbetung und dem Dienst an dem einen wahren Gott« gewidmet zu sein.

+11:30

Die gewaltige Ausweitung des Briefverkehrs Bahá'u'lláhs, die Eröffnung eines Bahá'í-Zentrums in Alexandria zum Zweck der Beförderung und Verteilung, die Vorkehrungen, die Sein zuverlässiger Anhänger Muhammad Mustafá in Beirut zum Wohle der durch diese Stadt kommenden Pilger traf, die verhältnismäßige Leichtigkeit, mit der Er, nominell ein Gefangener, mit den stetig sich mehrenden Zentren in Persien, im Iráq, im Kaukasus, in Turkestan und Ägypten verkehrte, Seine Aussendung Sulaymán Khán-i-Tanakábunís, bekannt unter dem Namen Jamál Effendi, mit dem Auftrag eines systematischen Lehrfeldzugs in Indien und Birma, die Ernennung einiger Seiner Anhänger zu »Händen der Sache Gottes«, die Wiederherstellung des Heiligen Hauses in Shíráz, dessen Verwaltung Er jetzt offiziell der Gattin des Báb und ihrer Schwester anvertraute, der Übertritt einer ganzen Anzahl von Anhängern jüdischen, zoroastrischen und buddhistischen Glaubens als erste Früchte des Eifers und der Ausdauer, den reisende Lehrer in Persien, Indien und Birma so eindrucksvoll entfaltet hatten - Übertritte, die zwangsläufig auch die Erkenntnis einbegriffen, daß Christentum wie Islám göttlichen Ursprungs sind - all dies bezeugt die Kraftfülle einer Führerschaft, die weder Könige noch Geistliche, so mächtig und feindlich sie auch sein mochten, vernichten oder untergraben konnten.

+11:31

Nicht unerwähnt bleibe auch eine blühenden Gemeinde, die in der erst vor kurzem angelegten Stadt Ishqábád in russisch Turkestan entstand und die durch die Gunst einer gutwilligen, wohlgesinnten Regierung einen Bahá'í-Friedhof anlegen und ein Grundstück erwerben konnte, auf dem sie Gebäude errichtete, die sich als Vorläufer des ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt herausstellen sollten, ferner die Gründung neuer Außenposten des Glaubens im fernen Samarkand und in Buchara im Herzen des asiatischen Kontinents, eine Folge der Gespräche und Schriften des hochgebildeten Fádil-i-Qá'iní und des gelehrten Apologeten Mírzá Abu'l-Fadl, und nicht zuletzt die Herausgabe von fünf Bänden der Schriften des Glaubensstifters, darunter Sein »Heiligstes Buch«, in Indien - Auftakt zur vielfältigen Literatur des Glaubens in vielerlei Schriften und Sprachen, die in späteren Jahrzehnten in Ost und West Verbreitung finden.

+11:32

Es wird berichtet, Bahá'u'lláh habe zu einem Mitverbannten geäußert: »Sultán Abdu'l-Azíz hat Uns zur größten Demütigung in dieses Land verbannt. Und da es sein Ziel war, Uns zu vernichten und zu erniedrigen, haben Wir die Mittel des Ruhmes und Behagens nicht von Uns gewiesen, wenn sie sich Uns boten.« Ein andermal bemerkte Er, wie Nabíl in seinem Bericht festhielt: »Preis sei Gott! Nun ist es soweit gekommen, daß alle Menschen dieser Gegenden Uns ihre Ergebenheit bezeugen.« Und weiter nach demselben Bericht: »Der osmanische Sultán erhob sich ohne jedes Recht und jeden Grund, Uns zu unterdrücken, und sandte Uns in die Festung Akká. Sein kaiserlicher Farmán bestimmte, daß niemand mit Uns verkehren und Wir für jedermann zum Gegenstand des Hasses werden sollten. Darum hat die Hand göttlicher Macht Uns eilends gerächt. Zuerst ließ sie die Winde der Vernichtung über seine beiden unersetzlichen Minister und Vertrauten, Alí und Fú'ád, hinwehen; dann ward diese Hand ausgestreckt, das ganze Gepränge von Azíz einzurollen und ihn zu ergreifen, wie nur Er, der Mächtige, der Starke, einen Menschen ergreifen kann.«

+11:33

Abdu'l-Bahá schreibt zum selben Thema: »Seine Feinde beabsichtigten, mit Seiner Gefangenschaft die gesegnete Sache völlig zu zerstören und auszulöschen, aber in Wirklichkeit war dieses Gefängnis von größter Hilfe und wurde zum Mittel ihres Wachstums.« »Dieses erhabene Wesen«, bestätigt Er weiterhin, »hat Seine Sache im Größten Gefängnis aufgerichtet. Aus diesem Gefängnis verbreitete sich Sein Licht, Sein Ruf eroberte die Welt, und die Verkündigung Seines Ruhmes erreichte Ost und West.« »Erst war Sein Licht nur ein Stern, nun ist es zur machtvollen Sonne geworden.« »Bis in unsere Zeit«, sagt Er weiter, »hat sich Derartiges nicht ereignet.«

+11:34

So nimmt es angesichts einer so bemerkenswerten Wende in den Umständen Seiner vierundzwanzigjährigen Verbannung in Akká nicht wunder, daß Bahá'u'lláh die gewaltigen Worte niederschrieb: »Der Allmächtige ... hat dieses Gefängnis in das Erhabenste Paradies, den Himmel aller Himmel, verwandelt.«





Kapitel 12
Bahá'u'lláhs Gefangenschaft in Akká - zweiter Teil

+12:1

Während Bahá'u'lláh und die kleine Schar Seiner Begleiter die harten Beschwernisse ihrer Vertreibung ertrugen, die sie eigentlich vom Antlitz der Erde tilgen sollte, wurde die stetig wachsende Gemeinde Seiner Anhänger in Seinem Heimatland von Verfolgungen heimgesucht, die heftiger waren und länger anhielten als die Prüfungen, denen Er und Seine Gefährten ausgesetzt waren. Wenn auch bei weitem keine Blutbäder veranstaltet wurden wie jene, in denen der junge Glaube getauft wurde - Abdu'l-Bahá spricht davon, daß in einem Jahr »über viertausend Menschen erschlagen wurden und viele Frauen und Kinder ohne Schutz und Hilfe zurückblieben« -, so waren doch die schrecklichen Mordtaten, die ein unersättlicher, unbeugsamer Feind in der Folgezeit verübte, ebenso ausschweifend und sogar noch grausamer.

+12:2

Násiri'd-Dín Sháh, den Bahá'u'lláh als den »Fürsten der Unterdrücker« und als einen Mann brandmarkt, der »begangen hat, was die Bewohner der Städte der Gerechtigkeit und Billigkeit wehklagen ließ«, befand sich derzeit in der Blüte seiner Mannesjahre und hatte den Gipfel seiner selbstherrlichen Macht erreicht. Er war der alleinige Gebieter über die Geschicke eines von den »unsterblichen Überlieferungen des Orients tief geprägten« Landes, war umgeben von »korrupten, verschlagenen, treulosen« Ministern, die er nach Belieben ernennen und absetzen konnte, und stand an der Spitze eines Verwaltungsapparates, in dem »jeder Beteiligte von Fall zu Fall entweder Betrüger oder Betrogener war«. In seiner Ablehnung des Glaubens befand er sich im Bunde mit einer Priesterkaste, die einen regelrechten »Kirchenstaat« bildete, und wurde unterstützt von einem Volk von außerordentlicher Wildheit, berüchtigt für seinen Fanatismus, sein kriecherisches, habgieriges und korruptes Verhalten; doch da dieser launische Herrscher der Person Bahá'u'lláhs nicht mehr habhaft werden konnte, mußte er sich mit dem Versuch begnügen, in seinem Herrschaftsgebiet die Restbestände der vielgefürchteten, jetzt neubelebten Gemeinschaft auszurotten. In Rang und Macht folgten ihm seine drei ältesten Söhne, denen er zum Zweck der inneren Verwaltung praktisch alle Vollmachten übertragen und die er zu Gouverneuren sämtlicher Provinzen seines Königreiches gemacht hatte. Die Provinz Ádhirbáyján hatte er dem schwachen, furchtsamen Muzaffari'd-Dín Mírzá anvertraut, seinem Thronerben, der unter den Einfluß der Shaykhí-Sekte geraten war und den Mullás betonte Ehrerbietung erwies. Dem harten, grausamen Regiment des listigen Mas'úd Mírzá, seines ältesten überlebenden Sohnes, gemeinhin als der Zillu's-Sultán bekannt, dessen Mutter niedriger Herkunft war, hatte er mehr als zwei Fünftel seines Königreiches überantwortet, darunter die Provinzen Yazd und Isfahán, während er seinem Lieblingssohn Kámrán Mírzá, gewöhnlich mit seinem Titel Náyibu's-Saltanih bezeichnet, die Herrschaft über Gílán und Mázindarán gegeben und ihn zum Gouverneur von Tihrán, zu seinem Kriegsminister und Oberbefehlshaber seines Heeres ernannt hatte. Die Rivalität zwischen den beiden letztgenannten Prinzen, die miteinander wetteiferten um die Gunst ihres Vaters, war derart, daß jeder sich mit der Hilfe der führenden Mujtahids in seinem Herrschaftsgebiet darum bemühte, den anderen in der verdienstvollen Aufgabe zu übertrumpfen, die Angehörigen einer wehrlosen Gemeinschaft zu jagen, auszuplündern und zu vernichten, Menschen, die auf Befehl Bahá'u'lláhs keinen bewaffneten Widerstand mehr leisteten - auch nicht zur Selbstverteidigung - und Seinem Gebot folgten: »Es ist besser, getötet zu werden, als zu töten.« Auch die geistlichen Hitzköpfe Hájí Mullá Alíy-i-Kaní und Siyyid Sádiq-i-Tabátabá'í, die beiden führenden Mujtahids von Tihrán, waren zusammen mit Shaykh Muhammad-Báqir, ihrem Kollegen in Isfahán, und Mír Muhammad-Husayn, dem Imám-Jum'ih dieser Stadt, nicht bereit, sich auch nur die geringste Gelegenheit entgehen zu lassen, mit aller Macht und Amtsgewalt gegen einen Gegner loszuschlagen, dessen freiheitlichen Einfluß sie mit Recht noch mehr zu fürchten hatten als der Herrscher.

+12:3

Kein Wunder, daß der Glaube angesichts einer so gefahrvollen Lage in den Untergrund getrieben wurde und daß Verhaftung, Verhör, Gefangenschaft, Schmähung, Plünderung, Folter und Hinrichtung die Hauptmerkmale dieser erschütternden Entwicklungsphase bildeten. Die Pilgerreisen, die schon in Adrianopel aufgekommen waren und später in Akká beeindruckend zunahmen, trugen ebenso wie die Verbreitung der Sendschreiben Bahá'u'lláhs und der Umlauf begeisterter Berichte derer, die mit Ihm zusammentrafen, dazu bei, Feindseligkeit zu wecken bei Geistlichen wie Laien, die törichterweise geglaubt hatten, der in Adrianopel unter den Anhängern des Glaubens entstandene Bruch und das anschließend über sein Oberhaupt gefällte Urteil auf lebenslängliche Verbannung hätten sein Schicksal endlich besiegelt.

+12:4

In Ábádih wurde auf Anstiften eines örtlichen Siyyids ein gewisser Ustád Alí-Akbar verhaftet und so fürchterlich geschlagen, daß er von Kopf bis Fuß blutüberströmt war. Im Dorf Tákur wurde auf Befehl des Sháh das Besitztum der Einwohner geplündert. Háji Mírzá Ridá-Qulí, ein Halbbruder Bahá'u'lláhs, wurde gefangengenommen, nach der Hauptstadt verbracht und in den Síyáh-Chál geworfen, wo er einen Monat zubringen mußte, indes der Schwager Mírzá Hasans - ein anderer Halbbruder Bahá'u'lláhs - verhaftet und mit rotglühenden Eisen gefoltert wurde; anschließend wurde das Nachbardorf Dár-Kalá in Flammen gesteckt.

+12:5

Áqá Buzurg von Khurásán, der berühmte »Badí«¹ - er war durch Nabíl vom Glauben überzeugt worden, bekam den Beinamen »der Stolz der Märtyrer«, war siebzehnjährig der Überbringer des Sendschreibens an Násiri'd-Dín Sháh und ihm war, wie Bahá'u'lláh bestätigt, »der Geist der Macht und Herrschaft eingegeben« - Badí wurde verhaftet und an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit glühenden Eisen gefoltert; dann wurde ihm der Kopf mit einem Gewehrkolben zu Brei zermalmt, sein Leib wurde in eine Grube geworfen und mit Erde und Steinen bedeckt. Er hatte sich, als er Bahá'u'lláh im zweiten Jahr Seiner Gefangenschaft in der Kaserne besucht hatte, mit bewundernswürdigem Eifer erboten das Sendschreiben nach Tihrán zu bringen, zu Fuß und allein, um es dem Herrscher persönlich auszuhändigen. Eine viermonatige Reise führte ihn in die Stadt, und nachdem er drei Tage mit Fasten und Nachtwachen zugebracht hatte, trat er vor den Sháh, als dieser gerade auf einen Jagdausflug nach Shimírán aufbrach. Ruhig und respektvoll trat er vor Seine Majestät und rief: »O König! Ich komme zu dir aus Saba mit wichtiger Kunde.« Auf Befehl des Herrschers nahm man ihm das Sendschreiben ab und übergab es den Mujtahids von Tihrán, die mit der Beantwortung des Schreibens beauftragt wurden. Sie umgingen jedoch diesen Befehl und empfahlen stattdessen, den Überbringer zu töten. Hernach übermittelte der Sháh das Sendschreiben dem persischen Botschafter in Konstantinopel, in der Erwartung, daß dessen Lektüre die Minister des Sultáns in ihrer Feindseligkeit weiter bestärken werde. Drei Jahre lang pries Bahá'u'lláh in Seinen Schriften immer wieder den Heldenmut dieses Jünglings und bezeichnete dabei die Erwähnungen jenes erhabenen Opfers als das »Salz Meiner Schriften«.

¹ `der Wundervolle`


+12:6

Abá-Basír und Siyyid Ashraf, deren Väter im Kampf von Zanján gefallen waren, wurden am gleichen Tag in derselben Stadt enthauptet. Während der erste zum Gebet niederkniete, erteilte er seinem Scharfrichter noch Anweisungen, wie er am besten den Schlag führe. Der andere war vor seiner Hinrichtung so erbarmungslos geschlagen worden, daß ihm das Blut unter den Nägeln hervorrann; als er enthauptet wurde, hielt er den Leib seines hingerichteten Gefährten in den Armen. Man hatte Ashrafs Mutter zuvor zu ihm ins Gefängnis geschickt in der Hoffnung, daß es ihr gelinge, ihren einzigen Sohn zum Widerruf zu bewegen. Sie aber warnte ihn, sie werde ihn verstoßen, wenn er seinen Glauben verleugne, bat ihn, dem Beispiel Abá-Basírs zu folgen, und sah ihn sterben, die Augen tränenleer. Der wohlhabende und angesehene Muhammad-Hasan Khán-i-Káshí wurde in Burújird so erbarmunglos ausgepeitscht, daß er daran starb. In Shíráz wurden auf Befehl des örtlichen Mujtahids mitten in der Nacht Mírzá Áqáy-i-Rikáb-Sáz zusammen mit Mírzá Rafí'-i-Khayyát und Mashhadí Nabí erhängt, ihre Gräber wurden später vom Mob geschändet, der sie mit Unrat überschüttete. Shaykh Abu'l-Qásim-i-Mázkání in Káshán, der einen Trunk Wasser, den man ihm vor seinem Tod anbot, mit der Begründung ablehnte, ihn dürste nach dem Kelch des Märtyrertums, empfing den Todesstreich im Nacken, während er sich im Gebet niederwarf.

+12:7

Mírzá Báqir-i-Shírází, der in Adrianopel mit so restloser Hingabe die Schriften Bahá'u'lláhs abgeschrieben hatte, wurde in Kirmán erschlagen, während in Ardikán der betagte und schon recht zittrige Gul-Muhammad dem wütenden Mob in die Hände fiel, zu Boden geworfen und von den Nagelschuhen zweier Siyyids so zertrampelt wurde, daß ihm die Rippen splitterten und die Zähne ausbrachen. Sein Leib wurde hernach aus der Stadt geschleift und in eine Grube geworfen. Am nächsten Tag zerrten sie ihn wieder hervor, schleiften ihn durch die Straßen und ließen ihn schließlich im Gestrüpp liegen. In der Stadt Mashhad, berüchtigt für ihren ungezügelten Fanatismus, wurde Hájí Abdu'l-Majíd, der fünfundachtzigjährige Vater des genannten Badí' - er war ein Überlebender des Kampfes bei Tabarsí; nach dem Märtyrertod seines Sohnes hatte er Bahá'u'lláh besucht und war voll Begeisterung wieder nach Khurásán zurückgekehrt - Abdu'l-Majíd wurde vom Bauch bis zum Hals aufgeschlitzt, sein Kopf auf einer Marmorplatte den Blicken einer höhnenden Menge zur Schau gestellt, die seinen Leib schmählich durch die Basare schleifte und dann im Leichenhaus seinen Angehörigen überließ.

+12:8

In Isfahán wurde Mullá Kázim auf Befehl von Shaykh Muhammad-Báqir enthauptet; dann ließ man ein Pferd über seine Leiche trampeln und übergab sie hernach den Flammen. Dem Siyyid Áqá Ján wurden die Ohren abgeschnitten, dann führte man ihn an einem Strick durch die Straßen und Basare. Einen Monat später ereignete sich in derselben Stadt das erschütternde Geschehen um die beiden berühmten Brüder Mírzá Muhammad-Hasan und Mírzá Muhammad-Husayn, die »beiden strahlenden Leuchten«, die die Ehrennamen »Sultánu'sh-Shuhadá«, König der Märtyrer, und »Mahbúbu'sh-Shuhadá«, Geliebter der Märtyrer, erhielten; beide waren berühmt wegen ihrer Großmut, ihrer Vertrauenswürdigkeit, ihrer Güte und Frömmigkeit. Ihr Martyrium wurde angestiftet durch den ehrlosen Schurken Mír Muhammad Husayn, den Imám-Jum'ih, den Bahá'u'lláh als »die Schlange« brandmarkte. Er hatte mit Geschäften bei ihnen hohe Schulden gemacht und wollte sie nun dadurch los werden, daß er seine Gläubiger als Bábí denunzierte und damit ihren Tod bewirkte. Deren prächtig eingerichtete Häuser wurden geplündert, selbst die Bäume und Blumen in ihren Gärten ausgerissen und der übrige Besitz beschlagnahmt. Shaykh Muhammad-Báqir, den Bahá'u'lláh als den »Wolf« bezeichnet, stellte ihr Todesurteil aus. Der Zillu's-Sultán bestätigte das Urteil, worauf sie in Ketten gelegt, geköpft und dann auf den Maydán-i-Sháh geschleift wurden. Dort überließ man sie als Schindluder dem entarteten, geifernden Volk. Abdu'l-Bahá schreibt dazu: »Derart ward das Blut dieser beiden Brüder vergossen, daß der christliche Priester von Julfá an diesem Tag aufschrie, wehklagte und weinte.« In Seinen Sendschreiben sprach Bahá'u'lláh über viele Jahre hinweg immer wieder von ihnen, gab Seinem Kummer über ihr Sterben Ausdruck und pries ihre Tugenden.

+12:9

Mullá Alí Ján wurde zu Fuß von Mázindarán nach Tihrán geführt. Die Strapazen dieser Reise waren entsetzlich, sein Nacken war wund gescheuert und sein Leib von der Mitte bis zu den Füßen hinab aufgequollen. Am Tag seines Märtyrertodes bat er um Wasser, verrichtete seine Waschungen, sprach seine Gebete, schenkte seinem Scharfrichter eine ansehnliche Summe Geldes; er war noch beim Beten, als seine Kehle mit einem Dolch durchschnitten wurde. Hernach wurde sein Leichnam geschändet, mit Kot besudelt, dann drei Tage lang zur Schau gestellt und schließlich zerstückelt. In Námiq fielen sie über Mullá Alí her, der sich schon zum Glauben bekannt hatte, als der Báb noch lebte; mit einer Spitzhacke zertrümmerten sie ihm so die Rippen, daß er gleich starb. Mírzá Ashraf wurde in Isfahán erschlagen, sein Leichnam von Shaykh Muhammad Taqíy-i-Najafí, dem »Sohn des Wolfes«, mit Füßen zertrampelt und von seinen Schülern gräßlich verstümmelt. Danach wurde er dem Mob zum Verbrennen gegeben. Die verkohlten Gebeine wurden dann neben Mauerresten vergraben, die anschließend eingerissen wurden, um sie zu verschütten.

+12:10

In Yazd wurden auf Anstiftung des Mujtahids jener Stadt und auf Befehl des abgestumpften Gouverneurs Mahmúd Mírzá Jalúlu'l-Dawlih, eines Sohnes des Zillu's-Sultán, allein sieben an einem Tag unter entsetzlichen Umständen zu Tode gebracht. Der erste von ihnen, ein siebenundzwanzigjähriger Mann, Alí-Asghar, wurde erhängt, seine Leiche einigen Juden ausgehändigt, die seine sechs Gefährten mitzukommen zwangen und den Leichnam durch die Straßen schleiften, umdrängt von einer Menschenmenge und von Soldaten mit Trommeln und Trompeten. Den fünfundachtzigjährigen Mullá Mihdí enthaupteten sie in der Nähe des Telegraphenamts und schleiften ihn auf dieselbe Weise in ein anderes Stadtviertel, wo sie angesichts einer großen Zuschauermenge, durch Trommelwirbel ekstatisch aufgepeitscht, Áqá Alí ebenso umbrachten. Dann zogen sie vor das Haus des örtlichen Mujtahid, die vier übrigen Gefährten mit sich zerrend, und schnitten dort dem Mullá Alíy-i-Sabzivárí, der sich an die Umstehenden gewandt und seinen bevorstehenden Märtyrertod gepriesen hatte, die Kehle durch, hieben seinen halbtoten Leib in Stücke und zermalmten ihm den Schädel mit Steinen zu Brei. In einem anderen Viertel, nahe dem Mihríz-Tor, erschlugen sie Muhammad-Báqir, und hernach, als die Musik immer wilder wurde und das Geschrei des Pöbels noch übertönte, köpften sie im Maydán-i-Khán die beiden Übriggebliebenen, zwei Brüder im Alter von Anfang zwanzig, Alí-Asghar und Muhammad-Hasan. Dem letzteren schlitzten sie den Magen auf, rissen ihm Herz und Leber aus dem Leib, spießten seinen Kopf auf einen Speer, den sie hoch erhoben unter Musikbegleitung durch die Straßen der Stadt trugen, und hängten ihn schließlich an einen Maulbeerbaum, wo eine riesige Menschenmenge ihn steinigte. Den Leichnam warfen sie seiner Mutter vor die Haustür, in das Haus drangen Weiber ein, um dort schadenfroh herumzutanzen und Unfug zu treiben. Sie entwendeten sogar Stücke vom Fleisch der Märtyrer, um Arznei daraus zu machen. Schließlich befestigten sie den Kopf von Muhammad-Hasan am Unterleib, brachten ihn zusammen mit den Leichen der anderen Märtyrer in die Außenbezirke der Stadt, steinigten sie schändlich, so daß die Schädel zerbrachen, und zwangen dann die Juden, die Überreste wegzubringen und in der Ebene von Salsabíl in eine Grube zu werfen. Der Gouverneur ließ für die Bevölkerung einen Feiertag ausrufen. Auf seinen Befehl blieben alle Läden geschlossen, die Stadt wurde bei Nacht erleuchtet und Festlichkeiten kündeten von der Vollendung eines der barbarischsten Akte der Neuzeit.

+12:11

Auch die neu zum Glauben gekommenen Juden und Parsen, erstere in Hamadán, letztere in Yazd, blieben nicht verschont von den Angriffen der Feinde, die in Wut gerieten, weil das Licht des Glaubens offensichtlich in Gebiete vordrang, die sie gern für unerreichbar gehalten hätten. Im fernen Ishqábád dang die dort neu entstandene schiitische Gemeinde, eifersüchtig auf das steigende Ansehen der Anhänger Bahá'u'lláhs, die unter ihnen lebten, zwei Totschläger, die den siebzigjährigen Hájí Muhammad-Ridáy-i-Isfahání überfallen sollten. Am hellichten Tag erstachen sie ihn mitten im Basar mit zweiunddreißig Dolchstichen, die ihm die Leber bloßlegten, den Magen aufschlitzten und den Brustraum öffneten. Ein vom Zaren in Ishqábád eingesetztes Militärgericht untersuchte den Fall gründlich und sprach die Schiiten schuldig, verurteilte zwei zum Tod und schickte sechs andere in die Verbannung. Weder Násiri'd-Dín Sháh noch die Ulamás von Tihrán, Mashhad und Tabríz, an die appelliert wurde, vermochten das Urteil zu mildern. Doch die Repräsentanten der betroffenen Gemeinde hatten mit einer großmütigen Intervention, die die russischen Behörden sehr überraschte, Erfolg und erreichten eine Straferleichterung.

+12:12

Dies sind einige typische Beispiele dafür, wie die Feinde des Glaubens gegen die wieder aufblühende Gemeinde seiner Anhänger während der Zeit der Verbannung Bahá'u'lláhs nach Akká vorgingen, eine Handlungsweise, die man treffend als einen Beweis für »des Feindes brutale Grausamkeit und Tücke« bezeichnet hat.

+12:13

Die »Inquisition und die gräßlichen Foltern«, die dem Attentat auf Násiri'd-Dín Sháh folgten, hatten dem Glauben, um mit den Worten des bedeutenden Augenzeugen Lord Curzon von Kedleston zu sprechen, »eine Lebenskraft« vermittelt, »die ihm kein anderer Antrieb hätte sichern können«. Die wieder ausbrechenden Verfolgungen, die neuen Ströme von Märtyrerblut trugen dazu bei, die schon in den Boden seines Heimatlandes getriebenen Wurzeln des heiligen jungen Baumes neu zu kräftigen. So nahm die Zahl der Anhänger Bahá'u'lláhs stetig zu, ungeachtet der zu ihrer Vernichtung betriebenen Feuer- und Schwertpolitik, unbeeindruckt von den schlimmen Schlägen, die auf ihren Führer regneten, der so fern von ihnen war, unbeeinträchtigt auch von den üblen, niederträchtigen Taten des Verletzers des Bundes des Báb, sammelten sie in aller Stille die nötige Kraft, um zu einem späteren Zeitpunkt ihr Haupt in Freiheit erheben und den Bau ihrer Institutionen errichten zu können.

+12:14

Bald nach seinem Besuch in Persien im Herbst 1889 schrieb Lord Curzon von Kedleston in seinen Berichten, die die »große Verwirrung« und den »Irrtum« »unter den europäischen, besonders den englischen Autoren« bezüglich des Glaubens beheben sollten, daß »die Bahá'í nun schätzungsweise neunzehn Zwanzigstel der früheren Bábí-Anhänger ausmachen«. Graf Gobineau schreibt schon im Jahr 1865: »L'opinion générale est que les Bábís sont répandus dans toutes les classes de la population et parmi tous les religionnaires de la Perse, sauf les Nusayrís et les Chrétiens; mais ce sont surtout les classes éclairées, les hommes pratiquant les sciences du pays, qui sont donnés comme très suspects. On pense, et avec raison, ce semble, que beaucoup de mullás, et parmi eux des mujtahids considérables, des magistrats d'un rang élevé, des hommes qui occupent à la cour des fonctions importantes et qui approchent de près la personne du Roi, sont des Bábís. D'après un calcul fait récemment, il y aurait a Tihrán cinq milles de ces religionnaires sur une population de quatrevingt milles âmes a peu près.« Weiter heißt es dort: »... Le Bábisme a pris une action considérable sur l'intelligence de la nation persane, et, se rependant même au delà des limites du territoire, il a débordé dans le pachalik de Baghdád, et passé aussi dans l'Inde.« Ferner: »... Un mouvement religieux tout particulier dont l'Asie Centrale, c'est-à-dire la Perse, quelques points de l'Inde et une partie de la Turquie d'Asie, aux environs de Baghdád, est aujourd'hui vivement préoccupée, mouvement remarquable et digne d'être étudié à tous les titres. Il permet d'assister à des développements de faits, à des manifestations, à des catastrophes telles que l'on n'est pas habitué à les imaginer ailleurs que dans les temps reculés où se sont produites les grandes religions.«¹

¹`Allgemein wird angenommen, daß die Bábí in allen Bevölkerungsschichten und unter allen Religionen Persiens, abgesehen von Nusayrí und Christen, vertreten sind; aber man vermutet sie vor allem unter den Aufgeklärten, die sich mit den Wissenschaften im Land befassen. Man nimmt mit Recht an, daß anscheinend viele Mullás, darunter bedeutende Rechtsgelehrte, höhere Beamte, Männer mit wichtigen Funktionen bei Hofe, die dem König nahe stehen, Bábí sind. Nach neuester Berechnung dürften in T[.]ihrán von achtzigtausend Seelen ungefähr fünftausend Anhänger dieses Glaubens sein.« »...Der Bábismus hat recht beachtlichen Einfluß auf die Intelligenz des persischen Volkes gewonnen und sich über die Landesgrenzen hinaus ausgedehnt. Er ist in den Paschalik Baghdád und nach Indien vorgedrungen.« »... eine religiöse Bewegung, die heute besonders Mittelasien, d.h. Persien, einige Orte Indiens und einen Teil Türkisch Asiens in der Umgebung von Baghdád, lebhaft beschäftigt, eine beachtliche Bewegung, wert, daß man sie gründlich studiert. Sie läßt an Entwicklungen teilnehmen, an Kundgebungen, an Katastrophen, wie man sie sich nirgends vorstellen könnte, es sei denn in alten Zeiten, als die großen Religionen entstanden.`



+2:15

Und Lord Curzon schrieb in bezug auf Bahá'u'lláhs Erklärung Seiner Sendung und die Auflehnung Mírzá Yahyás: »Dieser Wandel hat keineswegs die Ausbreitung des Glaubens beeinträchtigt; im Gegenteil, sie schienen ihn noch zu fördern, denn er breitete sich mit einer Geschwindigkeit aus, unerklärlich dem, der darin nur eine unfertige Form politischer oder auch metaphysischer Gärung sah. Die Zahl der Bábí in Persien beläuft sich nach der niedrigsten Schätzung auf eine halbe Million. Nach Gesprächen mit Menschen, die die Sache beurteilen können, möchte ich annehmen, daß ihre Zahl näher an einer Million liegt.« »Man findet sie in allen Kreisen«, fügt er hinzu, »von Ministern und Adligen bei Hof bis zum Straßenkehrer und Bediensteten, und nicht ihr kleinster Wirkungskreis ist die muslimische Geistlichkeit.« An anderer Stelle schreibt er: »Man hat aus der Tatsache, daß der Bábismus sich von Anfang an in Konflikt mit den zivilen Gewalten befand und daß ein Anschlag auf das Leben des Sháh verübt wurde, fälschlicherweise geschlossen, daß diese Bewegung ursprünglich politisch und ihrem Wesen nach nihilistisch sei. Zur Zeit sind die Bábí der Krone jedenfalls genauso treu wie jeder andere Untertan auch. Es hat auch nicht den Anschein, als komme man mit den Vorwürfen des Sozialismus oder Kommunismus oder der Unmoral, die man dem jungen Glauben ohne weiteres nachsagt, der Gerechtigkeit näher... Der einzige Kommunismus, den Er (der Báb) kennt und empfiehlt, ist der des Neuen Testaments und der frühchristlichen Kirche, also daß die Anhänger des Glaubens die Güter miteinander teilen, das Almosengeben praktizieren und großzügig Nächstenliebe üben. Der Vorwurf der Unmoral scheint teilweise den böswilligen Erfindungen der Gegner entsprungen zu sein, teilweise aber auch der viel größeren Freiheit, die der Báb für die Frauen fordert und die die orientalische Mentalität kaum von unsittlichem Betragen zu trennen vermag.« Und schließlich eine Prognose aus seiner Feder: »Wenn der Bábismus sich weiter so ausbreitet wie gegenwärtig, ist die Zeit abzusehen, da er in Persien den Mohammedanismus verdrängt haben wird. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, daß es dazu kommt, solange er als feindlicher Glaube betrachtet wird. Doch da sich sein Anhang gerade aus den besten Kämpfern des Bollwerks, gegen das er vorgeht, rekrutiert, besteht eher Grund anzunehmen, daß er am Ende obsiegen wird.«

+12:16

Die Gefangensetzung Bahá'u'lláhs in der Gefängnisfestung Akká, die mannigfachen Trübsale, die Er erduldete, die lang sich hinziehende Feuerprobe, der die Gemeinde Seiner Anhänger in Persien unterworfen war, vermochten den mächtigen Strom der göttlichen Offenbarung, die unablässig Seiner Feder entsprang und von der ja auch die zukünftige Orientierung, die Unverfälschtheit, die Verbreitung und Festigung Seines Glaubens unmittelbar abhing, nicht im geringsten aufzuhalten oder auch nur zu hemmen. Seine Schriften aus den Jahren Seiner Haft im Größten Gefängnis übertrafen an Umfang und Reichweite alles, was in Adrianopel und Baghdád Seiner Feder entströmt war. Diese beispiellose Zunahme Seines Schrifttums während Seiner Gefängnishaft muß als einer der lebendigsten, fruchtbarsten Abschnitte in der Entfaltung Seiner Glaubenslehre gewertet werden, noch bemerkenswerter als der völlige Wandel Seiner Lebensumstände in Akká und weitreichender in ihren geistigen Folgen als der Unterdrückungsfeldzug, den die Feinde Seines Glaubens in Seinem Geburtsland so unermüdlich führten.

+12:17

Den heftigen Stürmen, die zu Beginn Seiner Sendung über dem Glauben tosten, und der frostigen Vereinsamung während der ersten Zeit Seiner prophetischen Laufbahn, gleich nach Seiner Verbannung aus Tihrán, folgten im letzten Teil Seines Aufenthalts in Baghdád Jahre, die man wohl als die Frühlingszeit Seiner Sendung bezeichnen kann: In diesen Jahren zeigte sich, wie die seit dem tragischen Tod Seines Vorläufers in der göttlichen Saat verborgenen Wirkkräfte sichtlich hervorbrachen. Mit Seiner Ankunft in Adrianopel und der Verkündigung Seiner Sendung erreichte das Gestirn Seiner Offenbarung den Zenit und leuchtete, wie aus dem ganzen Stil und Ton Seiner Schriften hervorgeht, in der Fülle sommerlicher Pracht. Die Zeit Seiner Gefangenschaft in Akká brachte einen langsamen Reifeprozeß zum Abschluß, eine Zeit, in der schließlich die erlesensten Früchte dieser Sendung geerntet wurden.

+12:18

Wenn wir das weite Feld der Schriften Bahá'u'lláhs aus dieser Zeit überblicken, zeichnen sich drei verschiedene Gruppen ab. Die erste umfaßt Schriften, welche die Folgen der Verkündigung Seiner Sendung in Adrianopel darstellen. Zur zweiten gehören die Gesetze und Gebote Seiner Sendung, die zum größten Teil im Kitáb-i-Aqdas, Seinem Heiligsten Buch, aufgezeichnet sind. Der dritten Gruppe sind die Sendschreiben zuzuordnen, die die grundlegenden Aussagen und Lehrsätze dieser Sendung entweder erstmals formulieren oder erneut bekräftigen.

+12:19

Die Verkündigung Seiner Sendung war, wie schon bemerkt, besonders an die Könige der Erde gerichtet, die vermöge ihrer Macht und Amtsgewalt die besondere und unausweichliche Verantwortung für die Geschicke ihrer Untertanen trugen. An diese Könige und an die religiösen Führer der Welt, die einen ebenso tiefgreifenden Einfluß auf die Massen ihrer Anhänger ausübten, richtete der Gefangene von Akká Seine Aufrufe, Warnungen und Ermahnungen während der ersten Jahre Seiner Haft in dieser Stadt. Er selbst bestätigt: »Nach Unserer Ankunft in diesem Gefängnis nahmen Wir Uns vor, den Königen die Botschaft ihres Herrn, des Mächtigen, des Allgepriesenen, zu übermitteln. Wenngleich Wir ihnen in verschiedenen Sendschreiben mitgeteilt haben, was Uns aufgetragen war, tun Wir es noch einmal zum Zeichen der göttlichen Gnade.«

+12:20

Den Königen der Erde in Ost und West, christlichen wie muslimischen, die in der Súriy-i-Mulúk, offenbart in Adrianopel, schon allesamt verwarnt und ermahnt und vom Báb in der Nacht, da Er Seine Sendung kundtat, im einleitenden Kapitel des Qayyúmu'l-Asmá eindringlich aufgerufen worden waren, widmete Bahá'u'lláh in den dunkelsten Tagen Seiner Gefangenschaft in Akká einige der schönsten Abschnitte Seines Heiligsten Buches. In diesen Abschnitten fordert Er sie auf, sich streng an das »Größte Gesetz« zu halten, ruft sich als den »König der Könige« aus, als »die Sehnsucht aller Völker«, nennt sie Seine »Vasallen« und »Sinnbilder Seiner Herrschaft«, verneint jegliche Absicht, Hand an ihre Königreiche legen zu wollen, heißt sie ihre Paläste zu verlassen und sich eilends aufzumachen, Zutritt zu Seinem Königreich zu erlangen, preist den König, der sich zur Unterstützung Seiner Sache erhebe, als »das Auge der Menschheit«, und klagt sie schließlich an um der Dinge willen, die Ihm von ihren Händen widerfuhren.

+12:21

In Seinem Sendschreiben an die Königin Victoria fordert Er die Könige ferner auf, am »Kleineren Frieden« festzuhalten, nachdem sie den »Größten Frieden« zurückgewiesen hatten. Er ermahnt sie zur Versöhnung untereinander, zur Einigkeit und zur Beschränkung ihrer Rüstungen. Er fordert sie auf, ihren Untertanen keine unerträglichen Lasten aufzubürden, und weist sie darauf hin, daß diese Untertanen ihre »Schützlinge« und »Schätze« sind. Er stellt den Grundsatz auf, daß, wenn einer unter ihnen gegen einen andern zu den Waffen greife, sich alle gegen ihn erheben müssen. Er mahnt sie, mit Ihm nicht so zu verfahren, wie es der »König des Isláms« und dessen Minister taten.

+12:22

An den französischen Kaiser Napoleon 111., den bedeutendsten und einflußreichsten Monarchen seiner Zeit im Westen, den Er als den »Obersten der Herrscher« bezeichnete und der das Sendschreiben, das Er von Adrianopel aus an ihn gerichtet hatte, um mit Seinen Worten zu reden, »hinter sich geworfen«, richtete Er, noch als Gefangener in der Kaserne, ein zweites Sendschreiben und ließ es durch den französischen Geschäftsträger in Akká übermitteln. Darin kündigt Er das Kommen Dessen an, »der der Unumschränkte ist«, der »die Welt erquicken« und die Völker vereinigen will. Er weist unmißverständlich darauf hin, daß Jesus Christus der Vorbote Seiner Sendung gewesen, und kündigt an, daß die »Sterne am Himmel des Wissens«, die sich von Ihm abwenden, herabfallen werden. Er stellt die Unaufrichtigkeit des Monarchen bloß und prophezeit ihm unverhüllt, daß sein Königreich »in Verwirrung gestürzt«, seine »Herrschaft« ihm »entgleiten« und »Aufruhr das ganze Volk des Landes ergreifen« werde, wenn er sich nicht aufmache, die Sache Gottes zu unterstützen und Dem zu folgen, der Sein Geist ist.

+12:23

In Seinem Kitáb-i-Aqdas richtet Er denkwürdige Sätze an die »Herrscher in Amerika und Präsidenten seiner Republiken« und fordert sie auf: »Schmückt den Tempel der Herrschaft mit der Zier der Gerechtigkeit und der Gottesfurcht und ihr Haupt mit der Krone des Gedenkens eures Herrn.« Er erklärt, daß »der Verheißene« offenbart worden ist, rät ihnen, den »Tag Gottes« zu nützen, und heißt sie, »den Gebrochenen mit den Händen der Gerechtigkeit aufzurichten« und den »Unterdrücker« mit »der Rute der Gebote ihres Herrn, des Gebieters, des Allweisen«, zu »zermalmen«.

+12:24

An den mächtigen Zaren Alexander 11. Nikolajewitsch von Rußland richtete Er als Gefangener aus der Kaserne ein Schreiben, in dem Er die Ankunft des verheißenen Vaters verkündet, den »die Zunge Jesajas pries« und »mit dessen Namen sowohl die Thora wie das Evangelium geschmückt wurden«. Er befiehlt ihm, sich zu »erheben« und »die Nationen zu Gott zu rufen«. Er ermahnt ihn achtzugeben, daß seine Macht ihn nicht von »Dem, der der oberste Herrscher ist«, abhalte. Er anerkennt die Hilfe, die Ihm sein Gesandter in Tihrán gewährt hatte, und warnt ihn davor, die Stufe zu verwirken, die Gott für ihn vorgesehen habe.

+12:25

An die Königin Victoria richtete Er in derselben Zeit ein Schreiben, in dem Er sie ermahnt, ihr Ohr der Stimme ihres Herrn, des Herrn der ganzen Menschheit, zu leihen. Er fordert sie auf, »alles hinweg« zu werfen, »was auf Erden ist«, und ihr Herz ihrem Herrn, dem Altehrwürdigen, zuzuwenden. Er sagt, daß »alles, was im Evangelium verkündet ist«, sich »erfüllt« hat, und versichert ihr, daß Gott sie, so sie befolge, was Er ihr sagt, dafür belohnen werde, daß sie »den Handel mit Sklaven ... verboten« habe. Er lobt sie dafür, daß sie »die Zügel der Beratung den Händen der Volksvertreter anvertraut« habe, und legt diesen ans Herz, »sich als die Vertreter aller zu betrachten, die auf Erden wohnen«, und »nach reiner Gerechtigkeit zwischen den Menschen» zu »entscheiden«.

+12:26

In einem berühmten Abschnitt Seines Kitáb-i-Aqdas wendet Er sich an Wilhelm 1., den König von Preußen und neu ausgerufenen Kaiser des geeinten Deutschlands, und gebietet dem Herrscher, auf Seine Stimme, die Stimme Gottes, zu hören. Er mahnt ihn, achtzugeben, daß nicht sein Stolz ihn davon abhalte, »den Tagesanbruch göttlicher Offenbarung« zu erkennen, und hält ihm als warnendes Beispiel »den«¹ vor Augen, »dessen Macht« die seine »überragte« und der »starb in großem Verlust«. Ferner spricht Er in diesem Buch von den »Ufern des Rheins« und prophezeit, daß »die Schwerter der Vergeltung« gegen sie gezückt würden und »in Berlin großes Wehklagen« sich erheben werde, obgleich es »heute in sichtbarem Ruhme strahlt«.

¹ Napoleon 111.


+12:27

In einem weiteren bemerkenswerten Abschnitt dieses Buches, gerichtet an Franz Josef, den Kaiser von Österreich und Erben des Heiligen Römischen Reiches, rügt Bahá'u'lláh den Herrscher, daß er sich bei seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem nicht nach Ihm erkundigt habe, Er fände, Gott sei Zeuge, daß er sich »an einen Zweig« klammere, »der Wurzel nicht achtend«. Er beklagt seine Halsstarrigkeit und fordert ihn auf, die Augen zu öffnen und »das Licht zu erschauen, das über diesem Horizont leuchtet«.

+12:28

An Alí Páshá, den Großwesir des Sultáns der Türkei, richtete Er kurz nach Seiner Ankunft in Akká ein zweites Sendschreiben, in dem Er ihm seine Grausamkeit vorwirft, »welche die Hölle auflodern und den Geist wehklagen ließ«. Er zählt seine Unterdrückungsmaßnahmen auf, verurteilt ihn als einen von denen, die von jeher die Propheten als Unheilstifter verschrien, prophezeit seinen Sturz, spricht über Seine eigenen Leiden und die Seiner Gefährten, preist deren Standhaftigkeit und Selbstlosigkeit, verheißt, daß »Gottes furchtbarer Grimm« ihn und seine Regierung ereilen, daß »Aufstand ausbrechen« und ihre »Länder zerbrechen« werden. Er sagt ihm, wenn er wach würde, gäbe er all seinen Besitz dahin und »wollte lieber in einem der zerfallenen Räume dieses Größten Gefängnisses wohnen«. Im Lawh-i-Fu'ád, wo Er über den frühen Tod des Außenministers des Sultáns, Fu'ád Páshá, spricht, bestätigt Er die erwähnte Prophezeiung mit den Worten: »Bald werden Wir den¹, der ihm glich, entlassen und werden Hand an ihr Oberhaupt² legen, der das Land regiert, denn Ich bin wahrlich der Allmächtige, der Allbezwinger.«

¹ Alí Páshá ² Sultán Abdu'l-Azíz


+12:29

Nicht weniger deutlich und nachdrücklich sind die Botschaften, die Bahá'u'lláh an die geistlichen Führer aller Bekenntnisse ergehen ließ, teilweise durch besondere Sendschreiben, teils in Seine Schriften eingestreut. Er enthüllt in diesen Botschaften ganz klar und vorbehaltlos die Ansprüche Seiner Offenbarung, ermahnt sie, auf Seinen Ruf zu achten, und prangert in einigen besonderen Fällen ihre Verderbtheit an, ihre grenzenlose Anmaßung und Tyrannei.

+12:30

In unsterblichen Abschnitten Seines Kitáb-i-Aqdas und anderer Sendschreiben gebietet Er der ganzen Schar dieser geistlichen Führer, »Gott zu fürchten«, »ihre Federn zu zügeln«, »eitlen Wahn und Trug wegzuwerfen und sich dem Horizont der Gewißheit zuzuwenden«. Er warnt sie davor, »das Buch Gottes¹ mit solchen Gewichten und Wissenschaften« zu wägen, wie sie bei ihnen »im Schwange sind«; Er bezeichnet das Buch selbst als »die untrügliche Waage, die unter den Menschen aufgestellt ist«; Er klagt über ihre Blindheit und Widerspenstigkeit, spricht von Seiner Überlegenheit an Sehkraft und Einsicht, Äußerung und Weisheit, spricht von Seinem angeborenen und Ihm von Gott gegebenen Wissen, ermahnt sie, »die Menschen nicht durch einen anderen Schleier auszuschließen«, nachdem Er »die Schleier zerrissen« habe. Er wirft ihnen vor, daß sie »die Ursache für die Ablehnung des Glaubens in seinen frühen Tagen« waren, und beschwört sie, mit dem, »was durch Ihn herabgesandt« worden, »redlich und gerecht zu verfahren« und nicht mit ihrem Besitz »die Wahrheit zunichte« zu machen.

¹ Kitáb-i-Aqdas


+12:31

An Papst Pius 1x., das allgemein anerkannte Oberhaupt der machtvollsten christlichen Kirche und Inhaber weltlicher und geistlicher Amtsgewalt, richtete Er, ein Gefangener in der Kaserne der Strafkolonie Akká, ein höchst bedeutsames Schreiben, in dem Er ankündigt, daß »der Herr der Herren gekommen« sei, »von Wolken überschattet«, und daß »das Wort, das der Sohn verbarg, nun offenbar geworden« sei. Er ermahnt ihn überdies, nicht mit Ihm zu streiten, wie es einst die Pharisär mit Jesus Christus taten, und gebietet ihm, seine Paläste denen, die sie begehren, zu überlassen, »den reich verzierten Kirchenschmuck« in seinem Besitz zu »verkaufen« und »auf dem Pfade Gottes« zu »opfern«, sein »Königreich den Königen« zu übergeben und sich »unter den Völkern der Erde ... zu erheben« und sie zu Seinem Glauben zu rufen. Er betrachtet ihn als eine der »Sonnen am Himmel der Namen Gottes« und mahnt ihn zur Vorsicht, »daß nicht Finsternis ihre Schleier über dich breite«, fordert ihn auf, »die Könige« zu »ermahnen«, damit sie »gerecht mit den Menschen verfahren«, und gibt ihm den Rat, in den Fußstapfen seines Herrn zu wandeln und Seinem Beispiel zu folgen.

+12:32

An die Patriarchen der christlichen Kirche richtete Er einen besonderen Aufruf, in dem Er das Kommen des Verheißenen verkündet. »Fürchtet Gott«, mahnt Er sie, »und folgt nicht den eitlen Einbildungen der Abergläubischen. Legt die Dinge, die ihr besitzt, beiseite«, weist Er sie an, »und haltet euch durch Seine höchste Macht fest an der Tafel Gottes.« Den christlichen Erzbischöfen erklärt Er in ähnlicher Weise, daß »Er, der Herr aller Menschen, erschienen« ist und sie »zu den Toten gezählt« werden, daß aber die Glückseligkeit dessen groß sei, »der durch Gottes Hauch erweckt wird und in Seinem klaren Namen von den Toten aufersteht«. In Abschnitten, die an die christlichen Bischöfe gerichtet sind, verkündet Er, daß »der ewige Vater laut ruft zwischen Erde und Himmel«, sagt ihnen, daß sie die gefallenen Sterne am Himmel Seiner Erkenntnis seien, und bekräftigt, daß Sein Leib »sich nach dem Kreuz sehne« und Sein Haupt »den Speer auf dem Pfade des Allbarmherzigen« begehre. Der Schar der christlichen Priester gebietet Er: »Laßt die Glocken und kommt aus euren Kirchen.« Er ermahnt sie, »den Größten Namen laut unter den Völkern zu verkünden«, und versichert, daß derjenige, der die Menschen in Seinem Namen ruft, verkünden wird, »was die Macht aller übersteigt, die auf Erden sind«. Er stellt ihnen warnend vor Augen, daß »der Tag des Gerichts gekommen«, und gibt ihnen den Rat, ihre Herzen ihrem »Herrn, dem Vergebenden, dem Großmütigen« zuzuwenden. In vielen Textstellen richtet Er sich an die »Schar der Mönche« und fordert sie auf, sich nicht in ihren Kirchen und Klöstern abzuschließen, sondern sich mit dem zu befassen, was ihren und aller Menschen Seelen nützt. Er macht ihnen zur Pflicht, in den Ehestand zu treten, und bekräftigt, daß Er sie, wenn sie Ihm folgen, zu Erben Seines Reiches machen werde, sollten sie aber gegen Ihn fehlen, werde Er dies in Seiner Langmut geduldig tragen.

+12:33

Und schließlich identifiziert Er sich in mehreren an die gesamte Christenheit gerichteten Abschnitten mit dem »Vater«, von dem Jesaja sprach, mit dem »Tröster«, dessen Bund der Geist¹ selbst aufrichtete, und mit dem »Geist der Wahrheit«, der sie »in alle Wahrheit leiten« werde. Er verkündet Seinen Tag als den Tag Gottes, verheißt das Einmünden des Jordan in das »größte Meer«, weist auf ihre Achtlosigkeit hin und auf Seinen Anspruch, ihnen die »Tore zum Königreich« geöffnet zu haben. Er versichert, daß der verheißene »Tempel« durch »die Hand des Willens« ihres Herrn, des Machtvollen, des Gütigen erbaut worden ist, und fordert sie auf, »die Schleier zu zerreißen« und in Seinem Namen einzutreten in Sein Reich. Er erinnert an die Worte Jesu an Petrus und versichert, daß Er sie, so sie Ihm folgen wollen, zu »Lebensspendern der Menschheit« machen werde.

¹ Jesus


+12:34

Besonders der muslimischen Geistlichkeit insgesamt widmete Bahá'u'lláh unzählige Abschnitte in Seinen Büchern und Schriften, in denen Er mit heftigen Worten ihre Grausamkeit brandmarkt. Er verurteilt ihren Hochmut und ihr anmaßendes Wesen und fordert sie auf, all ihren Besitz aufzugeben, Frieden zu halten und auf Seine Worte zu hören. Er erklärt, daß um ihrer Taten willen »der hohe Rang des Volkes erniedrigt, das Banner des Isláms niedergeholt und sein mächtiger Thron gestürzt« wurde. Die »Schar der persischen Geistlichen« spricht Er besonders an mit vernichtenden Worten, die ihre Taten bloßstellen, und verheißt ihnen, daß »ihr Ruhm sich in jämmerlichste Erniedrigung verwandeln« werde und sie alle »die Strafe sehen« werden, »wie es von Gott, dem Verordner, dem Allweisen, beschlossen wurde«.

+12:35

Dem jüdischen Volk kündigt Er an, daß das größte Gesetz gekommen, daß »die Altehrwürdige Schönheit auf dem Throne Davids regiert« - David, der laut ruft und Ihn bei Seinem Namen nennt -, daß »von Zion erschien, was bisher verborgen war«, und »von Jerusalem die Stimme Gottes zu hören ist, des Einen, des Unvergleichlichen, des Allwissenden«.

+12:36

Den »Hohepriestern« des zoroastrischen Glaubens verkündigt Er ferner, daß »der unvergleichliche Freund offenbar« ist, daß Er Worte spricht, »in denen Erlösung ruht«, daß »die Hand der Allmacht aus den Wolken hervor ausgestreckt« ist, daß die Zeichen Seiner Erhabenheit und Größe enthüllt sind, und erklärt, daß »keines Menschen Taten angenommen werden an diesem Tage, es sei denn, er entsage der Menschheit und allem, was Menschen besitzen, und wende sein Antlitz dem Allmächtigen zu«.

+12:37

Einige der wichtigsten Abschnitte Seines Sendbriefs an Königin Victoria sind an die Mitglieder des britischen Gesetzgebungsorgans, dem Urbild der Parlamente, sowie an die gewählten Volksvertreter anderer Länder gerichtet. Er versichert darin, daß Sein Ziel ist, die Welt zu beleben und ihre Völker zu vereinigen, spricht von der Handlungsweise Seiner Feinde gegen Ihn, fordert die Gesetzgeber auf, »miteinander zu beraten« und sich nur mit dem zu befassen, »was der Menschheit nützt«, und stellt fest, das »mächtigste Werkzeug für die Heilung der ganzen Welt« sei die »Vereinigung aller Völker in einer allumfassenden Sache, in einem gemeinsamen Glauben«, und dies könne »nicht anders erreicht werden als durch die Kraft eines erfahrenen, allgewaltigen und erleuchteten Arztes«. Darüber hinaus fordert Er in Seinem Heiligsten Buch die Auswahl einer einzigen Sprache zum Gebrauch aller auf Erden und die weltweite Verständigung auf eine gemeinsame Schrift, eine Forderung, die, wenn sie erfüllt wird, nach Seinen eigenen Worten in diesem Buch, eines der Zeichen für den »Reifezustand der Gattung Mensch« sein wird.

+12:38

Nicht weniger bedeutsam sind die Worte, die Er gezielt an »das Volk des Bayán«, an die Weisen dieser Erde, ihre Dichter und Literaten, ihre Mystiker und selbst ihre Kaufleute richtet und dazu auffordert, auf Seine Stimme zu hören, Seinen Tag zu erkennen und Sein Gebot zu befolgen.

+12:39

Dies sind zusammengefaßt die wesentlichen Punkte der letzten Verlautbarungen jener historischen Proklamation, deren erste Notizen gegen Ende der Exilzeit Bahá'u'lláhs in Adrianopel laut wurden und die in den ersten Jahren Seiner Haft im Gefängnis zu Akká abgeschlossen war. Könige und Kaiser, einzeln und insgesamt, die Präsidenten der Republiken des amerikanischen Kontinents, Minister und Gesandte, der Papst, der Stellvertreter des Propheten des Isláms, der königliche Reichsverweser des verborgenen Imám, die Monarchen der Christenheit, ihre Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe, Priester und Mönche, die anerkannten Führer der sunnitischen wie der schiitischen Geistlichkeit, die Hohepriester der zoroastrischen Religion, die Philosophen, die geistlichen Führer, die Gelehrten und die Einwohnerschaft von Konstantinopel, jenem stolzen Sitz des Sultanats und Kalifats, die ganze Anhängerschaft des zoroastrischen, jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens, das Volk des Bayán, die Weisen dieser Erde, ihre Schriftsteller, Dichter, Mystiker, Kaufleute und gewählten Volksvertreter, Seine eigenen Landsleute - sie alle wurden irgendwann in Büchern, Briefen und Sendschreiben unmittelbar in das Blickfeld Seiner Ermahnungen, Warnungen, Aufrufe, Erklärungen und Prophezeiungen gestellt, die das Thema Seiner denkwürdigen Aufrufe an die Führer der Menschheit ausmachen - ein Ruf, wie er in den Annalen sämtlicher früherer Religionen nicht seinesgleichen hat, von dem höchstens die Botschaften, die der Prophet des Isláms an einige Seiner zeitgenössischen Herrscher richtete, einen schwachen Abglanz zeigen.

+12:40

»Niemals seit Anbeginn der Welt«, so bestätigt Bahá'u'lláh selbst, »ist Gottes Botschaft so öffentlich verkündet worden«. »Jeder von ihnen« - hier bezieht Er sich auf Seine Sendbriefe an die Herrscher der Welt, die Abdu'l-Bahá als »Wunder« preist - »ist mit einem besonderen Namen bezeichnet. Der erste ist ›Das Donnergrollen` benannt, der zweite `Der Schlag`, der dritte `Das Unvermeidliche`, der vierte `Das Eindeutige`, der fünfte `Das Verhängnis`; die weiteren erhielten die Namen `Der betäubende Posaunenruf`, `Das nahe Ereignis`, `Der große Schrecken`, `Die Fanfare`, `Das Signalhorn` und dergleichen: damit alle Völker auf Erden mit Bestimmtheit erkennen und mit äußerem wie innerem Auge bezeugen, daß Er, der Herr der Namen, unter allen Umständen über alle Menschen die Oberhand haben und behalten wird.« Für den zusammen mit der Súriy-i-Haykal, die »Sure vom Tempel«, bedeutsamsten dieser Sendbriefe ordnete Er außerdem an, ihn in Form eines Pentagramms aufzuschreiben als Symbol für den menschlichen Tempel, den Er in einem Sendschreiben an die Anhänger des Evangeliums mit dem »Tempel« identifiziert, den der Prophet Zacharias erwähnt und als »den strahlenden Aufgangsort des Allbarmherzigen« bezeichnet, den »die machtvollen Hände Dessen, der die Ursache aller Ursachen ist«, erbaut haben.

+12:41

So einzigartig und erstaunlich diese Proklamation war, so erwies sie sich doch nur als Vorspiel zu einer noch viel mächtigeren Offenbarung der schöpferischen Kraft ihres Urhebers und zu dem, was wohl als das bedeutendste Ereignis Seiner Sendung zählt - die Verkündigung des Kitáb-i-Aqdas. Dieses »Heiligste Buch«, auf das schon der Kitáb-i-Iqán anspielt, das der Hauptverwahrungsort des vom Propheten Jesaja vorausgesagten Gesetzes ist, das der Verfasser der Apokalypse als den »neuen Himmel« und die »neue Erde«, als »die Stiftshütte Gottes«, die »Heilige Stadt«, die »Braut«, das »von Gott herabkommende Neue Jerusalem« bezeichnet, dessen Verordnungen volle tausend Jahre lang unversehrt bestehen bleiben müssen, dessen System den ganzen Planeten umfassen wird, kann wohl als die strahlendste Ausgießung des Geistes Bahá'u'lláhs, als das Urbuch Seiner Sendung und als die Charta Seiner neuen Weltordnung angesehen werden.

+12:42

Dieses Buch, offenbart kurz nachdem Bahá'u'lláh in das Haus von Udí Khammár verbracht worden war¹, zu einer Zeit, da Ihn noch die Drangsal umgab, die Ihm Feinde wie erklärte Anhänger Seines Glaubens zugefügt hatten, eine Schatzkammer voll der kostbaren Perlen Seiner Offenbarung, ist einzigartig und unvergleichlich unter den Heiligen Schriften der Welt. Es ragt heraus durch die Grundsätze, die es einschärft, die darin verfügten Verwaltungseinrichtungen und die Amtsgewalt, mit der es den ernannten Nachfolger seines Verfassers versieht. Denn anders als das Alte Testament und die früheren Heiligen Schriften, die die zeitgemäßen Vorschriften nicht im Wortlaut der Propheten selbst enthalten, anders auch als die Evangelien, in denen die wenigen Jesus zugeschriebenen Aussagen keine klaren Richtlinien für die zukünftige Verwaltung der Glaubensangelegenheiten gewährleisten, selbst anders als der Qur'án, der zwar die vom Propheten formulierten Gesetze und Gebote verdeutlicht, aber bezüglich der wichtigsten Frage, der Nachfolgeschaft, schweigt, verwahrt der Kitáb-i-Aqdas, vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch den Träger dieser Sendung offenbart, für die Nachwelt nicht nur die grundlegenden Gesetze und Gebote, auf denen das Gefüge Seiner zukünftigen Weltordnung ruhen muß, er bestimmt zusätzlich zu der Seinem Nachfolger übertragenen Aufgabe der Auslegung die notwendigen Institutionen, die allein die Gewähr für die Unversehrtheit und Einheit des Glaubens bieten.

¹ etwa 1873


+12:43

In dieser Charta der künftigen Weltkultur sagt deren Urheber, zugleich der Richter, Gesetzgeber, Vereiniger und Erlöser der Menschheit, den Königen der Erde die Verkündigung des »Größten Gesetzes« an. Er erklärt sie zu Seinen Vasallen, ruft sich selbst als den »König der Könige« aus, verneint jedwede Absicht, Hand an ihre Königreiche zu legen, behält sich aber das Recht vor, »die Herzen der Menschen zu ergreifen und zu besitzen«; Er warnt die geistlichen Führer der Welt davor, das »Buch Gottes ... mit solchen Gewichten« zu wägen, wie sie bei ihnen im Schwange sind, und bekräftigt, daß dieses Buch selbst die »unfehlbare Waage« für die Menschen ist. Er verfügt darin in aller Form die Institution des »Hauses der Gerechtigkeit«, legt dessen Aufgaben fest, bestimmt seine Einkünfte und bezeichnet seine Mitglieder als die »Männer der Gerechtigkeit«, die »Bevollmächtigten Gottes« und die »Treuhänder des Allerbarmers«; auch gibt Er Hinweise auf den zukünftigen Mittelpunkt Seines Bundes und überträgt Ihm das Recht, Seine Heiligen Schriften auszulegen; Er sagt mittelbar die spätere Einrichtung des Hütertums voraus, legt Zeugnis ab für die umwälzende Wirkung Seiner Weltordnung, verkündet die Lehre von der »Größten Unfehlbarkeit« der Manifestation Gottes, bekräftigt, daß diese Unfehlbarkeit das wesenseigene, ausschließliche Recht des Propheten ist, und schließt die Möglichkeit des Kommens einer weiteren Manifestation vor Ablauf von mindestens tausend Jahren aus.

+12:44

Er verordnet in diesem Buch ferner die Pflichtgebete, setzt die Zeit für die Fastenperiode fest, verbietet Gemeinschaftsgebet außer für die Toten, bestimmt die Qiblih¹, setzt das Huqúqu'lláh² fest, formuliert das Erbgesetz, verordnet die Institution des Mashriqu'l-Adhkár, führt das Neunzehntagefest, die Bahá'í-Feiertage und die im Bahá'í-Kalender eingeschobenen Tage ein, schafft die Institution des Priesterstandes ab, verbietet Sklaverei, Askese, Bettelei, Mönchtum, Bußübungen, das Predigen von Kanzeln herab und den Handkuß. Ferner schreibt Er die Einehe vor, verurteilt Tierquälerei, Trägheit, Müßiggang, Verleumdung und üble Nachrede, tadelt Ehescheidung, verbietet das Glücksspiel, den Genuß von Opium, Wein und anderen berauschenden Getränken, gibt die Strafen für Mord, Brandstiftung, Ehebruch und Diebstahl an, betont die Wichtigkeit der Ehe und setzt die hierfür erforderlichen Vorbedingungen fest; Er auferlegt die Pflicht, sich mit einem Gewerbe oder Beruf zu befassen, und erhöht die Arbeit zum Rang des Gottesdienstes; Er betont die Notwendigkeit, die für die Erziehung der Kinder erforderlichen Mittel bereitzustellen, und verpflichtet jedermann, ein schriftliches Testament zu machen und seiner Regierung gegenüber strengen Gehorsam zu wahren.

¹ Gebetsrichtung ² das `Recht Gottes`


+12:45

Neben diesen Verordnungen ermahnt Bahá'u'lláh Seine Anhänger, mit den Angehörigen aller Religionen ohne Unterschied in Freundschaft und Eintracht zu verkehren, warnt sie vor Fanatismus, Aufruhr, Hochmut, Zank und Wortstreit, verpflichtet sie zu makelloser Reinheit, absoluter Wahrhaftigkeit, unantastbarer Keuschheit, Vertrauenswürdigkeit, Gastfreundlichkeit, Treue, Höflichkeit, Nachsicht, Gerechtigkeit und Redlichkeit. Er rät ihnen, sich zu verhalten wie »die Finger einer Hand und die Glieder eines Körpers«, ruft sie auf, sich zu erheben und Seiner Sache zu dienen, und versichert sie Seines unverbrüchlichen Beistands. Er geht ferner auf die Unbeständigkeit der menschlichen Angelegenheiten ein, erklärt, daß wahre Freiheit in der Unterwerfung unter Sein Gebot besteht, ermahnt sie, in der Durchführung Seiner Gesetze nicht nachlässig zu sein, und stellt zwei unzertrennliche Pflichten heraus: den »Tagesanbruch der Offenbarung Gottes« zu erkennen und alle von Ihm offenbarten Gebote zu befolgen - keine dieser beiden, betont Er, sei ohne die andere erfüllbar.

+12:46

Der bedeutsame Aufruf an die Präsidenten der amerikanischen Republiken, ihre Chance am Tage Gottes wahrzunehmen und für die Sache der Gerechtigkeit einzutreten; die dringliche Aufforderung an die Mitglieder der Parlamente in aller Welt, bald eine Weltschrift und eine Weltsprache einzuführen; Seine Warnungen an Wilhelm 1., den Überwinder Napoleons 111.; Sein Tadel für Franz Josef, den Kaiser von Österreich; Sein Hinweis auf »das Wehklagen Berlins« und Seine warnenden Worte an die »Ufer des Rheins«; Seine Verurteilung des »Thrones der Tyrannei« in Konstantinopel und Seine Voraussage, daß dessen »äußerer Glanz« verlöschen und Trübsal die Einwohner treffen werde; Seine ermutigenden, tröstenden Worte an Seine Vaterstadt, mit denen Er ihr versichert, daß Gott sie zum »Quell der Freude für die ganze Menschheit« ausersehen habe; Seine Weissagung, »die Stimme der Helden von Khurásán« werde sich zur Verherrlichung ihres Herrn erheben; Seine Versicherung, in Kirmán würden sich »Männer von größter Tapferkeit« zu Seiner Erwähnung erheben; schließlich Seine großherzige Versicherung gegenüber Seinem heimtückischen Bruder, der Ihm so viel Schmerz bereitet hatte, ein »immervergebender, allgütiger Gott« werde ihm seine Sünden verzeihen, sofern er nur bereue - all dies bereichert zusätzlich den Inhalt eines Buches, das sein Urheber als »den Quell wahrer Glückseligkeit«, die »unfehlbare Waage«, den »geraden Pfad« und den »Lebenspender der Menschheit« bezeichnet hat.

+12:47

Die das Hauptthema des Buches bildenden Gesetze und Gebote bezeichnet Bahá'u'lláh ferner als »den Lebensodem für alles Erschaffene«, »die mächtigste Festung«, die »Früchte« an Seinem »Baum«, »das höchste Mittel für den Bestand der Ordnung in der Welt und für die Sicherheit ihrer Völker«, »die Leuchten Seiner Weisheit und gütigen Vorsehung«, »die süßen Düfte Seines Gewandes« und »die Schlüssel« Seiner »Barmherzigkeit« für Seine Geschöpfe. »Dieses Buch«, bezeugt Er, »ist ein Himmel, den Wir mit den Sternen Unserer Befehle und Verbote geschmückt haben«. »Selig der Mensch«, stellt Er fest, »der es liest und über die Verse nachdenkt, die es enthält und die Gott, der Herr der Kraft, der Allmächtige, herabgesandt hat. Sprich: O Menschen! Haltet euch fest daran mit der Hand der Entsagung... Bei Meinem Leben, es ist herniedergesandt in einer Weise, welche die Geister der Menschen in Erstaunen setzt. Wahrlich, es ist Mein wichtigstes Zeugnis für alle Völker und der Beweis des Allbarmherzigen für alle im Himmel und auf Erden.« Und an anderer Stelle: »Selig der Gaumen, der seine Süße kostet, und das scharfe Auge, das seine Schätze entdeckt, und das verstehende Herz, das seine Anspielungen und Geheimnisse erfaßt. Bei Gott! So groß ist die Majestät des darin Offenbarten, so erschreckend ist die Enthüllung seiner verhüllten Anspielungen, daß beim Versuch, sie zu schildern, der Wortgewalt selbst die Lenden erzittern.« Und schließlich: »Der Kitáb-i-Aqdas ist offenbart in solcher Weise, daß er alle göttlich bestimmten Sendungen anzieht und umgreift. Selig, wer ihn gründlich liest! Selig, wer ihn begreift! Selig, wer darüber sinnt! Selig, wer über seine Bedeutung nachdenkt! So groß ist seine Reichweite, daß er alle Menschen umgreift, noch ehe sie ihn erkennen. Binnen kurzem werden seine souveräne Kraft, sein alldurchdringender Einfluß und seine große Macht auf Erden offenbar werden.«

+12:48

Nachdem Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Aqdas die grundlegenden Gesetze formuliert hat, verkündete Er gegen Ende Seiner Sendung bestimmte Vorschriften und Grundsätze zum Kern Seines Glaubens. Er bekräftigte erneut die früher schon verkündeten Wahrheiten, entwickelte und erläuterte einige von Ihm gegebene Gesetze, offenbarte weitere Prophezeiungen und Warnungen und gab ergänzende Befehle zu den Vorschriften Seines Heiligsten Buches. All dies wurde in zahlreichen Sendbriefen niedergelegt, die Er bis in Seine letzten Lebenstage offenbarte. Zu ihnen gehören als die bedeutsamsten die Sendbriefe Ishráqát, die »Pracht«, Bishárát, die »frohen Botschaften«, Tarázát, der »Schmuck«, Tajallíyát, der »Strahlenglanz«, Kalimát-i-Firdawsíyyih, die »Worte des Paradieses«, Lawh-i-Aqdas, die »Heiligste Tafel«, Lawh-i-Dunyá, das »Sendschreiben über die Welt« und Lawh-i-Maqsúd, der »Sendbrief an Maqsúd«. Diese Sendbriefe, machtvolle letzte Ausgießungen Seiner unermüdlichen Feder, müssen zu den erlesensten Früchten Seines Geistes gezählt werden. Sie kennzeichnen die Vollendung Seiner vierzig Jahre währenden Amtszeit.

+12:49

Von den Prinzipien, die in diesen Sendschreiben verwahrt sind, ist das wesentlichste das Prinzip der Einheit und Ganzheit des Menschengeschlechts, das man wohl als das Kennzeichen der Offenbarung Bahá'u'lláhs und den Angelpunkt Seiner Lehre betrachten darf. Das Prinzip der Einheit ist von so grundlegender Bedeutung, daß Er im Buch Seines Bundes ausdrücklich darauf hinweist und es vorbehaltlos als den Kernpunkt Seines Glaubens bezeichnet. Er erklärt: »Fürwahr, Wir sind gekommen, um alle, die auf Erden wohnen, zu vereinigen und zusammenzuschweißen.« Ferner stellt Er fest: »So machtvoll ist das Licht der Einheit, daß es die ganze Erde erleuchten kann.«¹ »Einmal«, so schreibt Er in Bezug auf dieses Hauptthema Seiner Offenbarung, »sprachen Wir in der Sprache des Gesetzgebers, ein andermal in der Sprache des Wahrheitsuchers und des Mystikers, doch immer war Unser höchstes Ziel und größter Wunsch, die Herrlichkeit und Erhabenheit dieser Stufe zu enthüllen.« Einheit, stellt Er fest, ist das Ziel, das »alle Ziele überragt«, ein Verlangen, das »der König allen Verlangens« ist. »Die Erde«, verkündet Er, »ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger«.² Er bestätigt ferner, daß die Vereinigung der Menschheit, diese letzte Entwicklungsstufe der Menschheit zu ihrer Reife, unausweichlich ist, daß »die heutige Ordnung« bald »aufgerollt« und »eine neue an ihrer Statt entfaltet« wird, daß »die ganze Erde schwanger ist« und »der Tag naht, da sie ihre edelsten Früchte hervorbringen wird, da aus ihr die höchsten Bäume aufsprießen werden, die bezauberndsten Blumen, die himmlischsten Segnungen«. Er beklagt die Mangelhaftigkeit der bestehenden Ordnung, weist auf die Unzulänglichkeit des Patriotismus als einer lenkenden und beherrschenden Kraft in der menschlichen Gesellschaft hin und betrachtet die »Liebe zur Menschheit« und den Dienst zu ihrem Wohl als die wertvollsten und lobenswertesten Ziele menschlichen Strebens. Er beklagt ferner, daß »die Lebenskraft des Glaubens der Menschen an Gott in allen Landen ausstirbt«³ und das »Antlitz der Welt« auf »Eigensinn und Unglauben« gerichtet<4> ist. Er verkündet die Religion als ein »strahlendes Licht und eine uneinnehmbare Feste für den Schutz und die Wohlfahrt aller Völker der Welt«<5> und bezeichnet sie als »das vortrefflichste Mittel zur Errichtung der Ordnung in der Welt«<6>, bestätigt, daß ihr Hauptzweck ist, Einigkeit und Eintracht unter den Menschen zu fördern, und warnt davor, sie zu »einer Quelle der Zwietracht, der Uneinigkeit und des Hasses« zu machen. Er befiehlt, den Kindern in den Schulen ihre Prinzipien zu lehren, damit keine Vorurteile und kein Fanatismus aufkommen. Er schreibt die »Halsstarrigkeit der Gottlosen« ihrer »Abkehr von der Religion« zu und sagt so schwere »Erschütterungen« voraus, daß »der Menschheit Glieder erzittern werden«.

¹ ÄL 132/3 ² ÄL 117 ³ ÄL 99 <4> ÄL 61 <5> AKKA 8/53 <6> AKKA 6/19



+12:50

Er dringt uneingeschränkt auf das Prinzip der kollektiven Sicherheit, empfiehlt die Beschränkung der nationalen Rüstungen und verkündet als notwendig und unausweichlich das Zustandekommen einer Weltkonferenz, bei der alle Könige und Herrscher der Welt über die Gründung eines Friedens unter den Nationen beraten.

+12:51

Die Gerechtigkeit preist Er als »das Licht der Menschen« und ihre »Hüterin«, als »Enthüllerin der Geheimnisse der bestehenden Welt und Bannerträgerin der Liebe und Güte«; Er spricht von ihrem unvergleichlichen Glanz und sagt, daß auf ihr »die Ordnung der Welt und die Ruhe der Menschheit« beruhen muß. Er bezeichnet ihre »zwei Säulen« - »Lohn und Strafe« - als »die Lebensquellen« für das Menschengeschlecht;¹ Er ermahnt die Völker der Erde, sich in der Erwartung ihres Eintreffens zu regen, und sagt voraus, daß nach einer Zeit großer Unruhe und schmerzlicher Ungerechtigkeit ihre Sonne in voller Pracht und Herrlichkeit erstrahlen werde.

¹ AKKA 3/25


+12:52

Er prägte ferner das Prinzip des »rechten Maßes in allen Dingen« und erklärt, daß alles, sei es »Freiheit, Zivilisation und dergleichen«, sobald es »die Grenzen der Mäßigung überschreitet«, »verderblichen Einfluß auf die Menschen haben« muß. Er stellt fest, daß die westliche Zivilisation die Völker der Welt zutiefst aufwühlt und beunruhigt, und verheißt, daß der Tag naht, da die »Flamme« der Zivilisation, »ins Übermaß gesteigert«, »die Städte verzehren« werde.

+12:53

Die Beratung macht Er zu einem der Hauptgrundsätze Seines Glaubens; Er beschreibt sie als »die Lampe der Führung«, »die Quelle des Verstehens«¹ und eine der beiden »Leuchten« am »Himmel göttlicher Weisheit«. Wissen, sagt Er, gleicht den »Flügeln für des Menschen Leben«², »einer Leiter für seinen Aufstieg«; sich darum zu bemühen, sei »jedermanns Pflicht«. »Künste, Handwerk und Wissenschaften« betrachtet Er als notwendig, um die bestehende Welt zu verbessern; Er rät, durch Ausübung eines Handwerks oder sonstigen Berufes zu Wohlstand zu kommen, spricht davon, was die Völker ihren Wissenschaftlern und Handwerkern schuldig sind, und rät vom Studium solcher Wissenschaften ab, die den Menschen nicht dienlich sind und lediglich »mit Worten anfangen und mit Worten aufhören«.

¹ AKKA 11/16 ² AKKA 5/15


+12:54

Die Pflicht, mit allen Menschen »im Geiste des Wohlwollens und der Verbundenheit« zu »verkehren«, betont Er und gibt zu verstehen, daß solcher Umgang zu »Einheit und Eintracht« führt«, die, wie Er bekräftigt, Ordnung in der Welt bewirken und die Völker beleben. Wiederholt weist Er auf die Notwendigkeit einer universalen Sprache und Schrift hin, beklagt den Zeitverlust beim Erlernen verschiedener Sprachen, versichert, daß mit der Übernahme einer solchen Sprache und Schrift die ganze Welt zu »einer einzigen Stadt, zu einem einzigen Land« würde, behauptet, beide zu kennen, und erklärt sich bereit, Sein Wissen jedem mitzuteilen, der es von Ihm verlange.

+12:55

Den Treuhändern des Hauses der Gerechtigkeit weist Er die Pflicht der Gesetzgebung in Angelegenheiten zu, die nicht ausdrücklich in Seinen Schriften behandelt sind, und verheißt, daß Gott »ihnen alles eingeben« werde, »was Er will«. Die Einrichtung einer konstitutionellen Regierungsform, in der die republikanischen Ideale mit der Majestät des Königtums verbunden sind, die Er als »eines der Zeichen Gottes« bezeichnet, empfiehlt Er als etwas sehr Verdienstvolles; Er drängt darauf, dem Wohl der Landwirtschaft besondere Aufmerksamkeit zu schenken, erwähnt ausdrücklich »die rasch erscheinenden Zeitungen«, die Er als »den Spiegel der Welt« und »eine erstaunliche und machtvolle Erscheinung«¹ bezeichnet, verlangt aber von allen, die für ihren Inhalt verantwortlich sind, frei zu sein von Böswilligkeit, Leidenschaft und Vorurteilen, gerecht und aufrichtig zu sein, gewissenhaft zu recherchieren und allen Tatsachen in jeder Hinsicht gerecht zu werden.

¹ AKKA 8/53


+12:56

Die Lehre von der Größten Unfehlbarkeit entwickelt Er weiter und bekräftigt aufs neue die Seinen Anhängern auferlegte Pflicht, sich gegenüber »der Regierung des Landes, wo immer sie wohnen, treu, ehrbar und wahrhaftig zu erweisen«¹, betont aufs neue das Verbot des sogenannten heiligen Krieges und der Büchervernichtung, preist besonders einzelne Männer der Wissenschaft und Weisheit und nennt sie »Augen« für den Leib der Menschheit und die »größten Gaben«, die der Welt verliehen sind.

¹ AKKA 3/8


+12:57

In diesem Überblick über die Grundzüge der Schriften Bahá'u'lláhs aus der letzten Zeit Seiner Verbannung in Akká sollte nicht ein Hinweis fehlen auf das Lawh-i-Hikmat (Die Tafel der Weisheit), in dem Er die Grundlagen wahrer Philosophie herausschält, oder das sogenannte Besuchsgebet, das Er zu Ehren des Imám Husayn schrieb, dessen Ruhm Er in glühenden Worten preist, oder die »Fragen und Antworten«, die die Gesetze und Gebote des Kitáb-i-Aqdas erläutern, oder das Lawh-i-Burhán (Das Sendschreiben vom Beweis), in dem die Schandtaten des Shaykh Muhammad-Báqir, genannt »Dhi'b« (Wolf), und des Mír Muhammad-Husayn, des Imám-Jum'ih von Isfahán, genannt »Raqshá« (die Schlange), streng verdammt werden; ferner das Lawh-i-Karmil (Der Sendbrief vom Karmel), in dem der Verfasser ausdrücklich von der »Stadt Gottes, die vom Himmel herabgekommen«, spricht und verheißt, daß »Gott binnen kurzem Seine Arche« auf jenen Berg zusteuern und »das Volk Bahás offenbaren« werde. Und schließlich sei noch Sein Brief an Shaykh Muhammad-Taqí, den sogenannten »Ibn-i-Dhi'b« (Sohn des Wolfes), erwähnt, das letzte herausragende Sendschreiben Bahá'u'lláhs, in dem Er jenen raffgierigen Geistlichen seine Taten zu bereuen auffordert, einige der charakteristischsten und berühmtesten Abschnitte aus Seinen Schriften zitiert und Beweise anführt, die die Gültigkeit Seiner Sache belegen.

+12:58

Man kann sagen, daß mit diesem Buch, etwa ein Jahr vor Seinem Hinscheiden offenbart, Sein umfangreiches Werk als Autor von hundert Bänden, Schatzbergen voll unschätzbarer Perlen Seiner Offenbarung, praktisch abgeschlossen war - Bände, gefüllt mit unzähligen Ermahnungen, umwälzenden Prinzipien, Gesetzen und Gebote, die der Welt ein völlig neues Gesicht geben, voll ernster Warnungen und düsterer Prophezeiungen, herzerhebender Gebete und Meditationen, aufschlußreicher Kommentare und Erläuterungen, lebhafter Abhandlungen und Predigten, und überall eingestreuter Botschaften und Empfehlungen an Kaiser, Könige und Minister in Ost und West, an die Geistlichen verschiedener Richtungen und an die führenden Persönlichkeiten auf wissenschaftlichem, politischem, literarischem, esoterischem, kommerziellem und humanitärem Gebiet.

+12:59

Den ganzen Umfang dieser gewaltigen, schwerwiegenden Offenbarung überblickend, schrieb Bahá'u'lláh an Seinem Lebensabend aus Seinem Größten Gefängnis: »Wir haben wahrlich Unsere Pflicht nicht versäumt, die Menschen zu ermahnen und ihnen das zu übermitteln, was Mir von Gott, dem Allmächtigen, dem Allgepriesenen, aufgetragen war.« Und Er stellt fest: »Gibt es in dieser Offenbarung für irgend jemand eine Entschuldigung? Nein, bei Gott, dem Herrn des mächtigen Thrones! Meine Zeichen umfangen die Erde, und Meine Macht umhüllt die ganze Menschheit.«





Kapitel 13
Das Hinscheiden Bahá'u'lláhs

+13:1

Nahezu ein halbes Jahrhundert war seit der Geburt des Glaubens vergangen. In seiner Wiege von Haß umgeben, in seiner Kindheit seines Herolds und Führers beraubt, hatte er sich aus dem Staub, in den ihn ein feindseliger Despot geschleudert hatte, wieder erhoben durch sein zweites und größtes Licht, dem es gelang, trotz fortlaufender Vertreibungen in weniger als einem halben Jahrhundert sein Geschick zu wenden, seine Botschaft zu verkünden, seine Gesetze und Gebote zu erlassen, seine Grundsätze zu formulieren und seine Institutionen zu verfügen; und als er eben begann, sich im Licht eines Aufschwungs zu sonnen, wie er ihm nie zuvor vergönnt war, beraubte ihn das Schicksal plötzlich seines Stifters, was seine Anhänger in große Besorgnis und Verwirrung stürzte, seine Gegner aber neue Hoffnung schöpfen und seine politischen wie geistlichen Feinde wieder Tritt fassen ließ.

+13:2

Wie Abdu'l-Bahá bestätigt, hatte Bahá'u'lláh schon neun Monate vor Seinem Hinscheiden den Wunsch geäußert, diese Welt zu verlassen. Seither wurde aus dem Ton Seiner Bemerkungen gegenüber denen, die in Seine Gegenwart kamen, immer deutlicher, daß das Ende Seines irdischen Lebens nahte, obgleich Er zu niemand offen darüber sprach. In der Nacht vor dem elften Shavvál 1309 n.d.H.¹ bekam Er leichtes Fieber, das am Tag darauf etwas anstieg, dann wieder abklang. Er führte auch weiterhin Gespräche mit bestimmten Freunden und Pilgern, aber bald war zu sehen, daß Er sich nicht wohl fühlte. Erneut trat Fieber auf, heftiger als zuvor. Sein Allgemeinzustand verschlechterte sich zusehends, dann traten Komplikationen auf, die am 2. Dhi'l-Qa'dih 1309 n.d.H.² um die Morgendämmerung, acht Stunden nach Sonnenuntergang, im 75. Jahr Seines Lebens, zu Seinem Hinscheiden führten. Nun hatte Sein Geist, der endlich von den Mühen eines Lebens voller Drangsal erlöst war, seinen Flug in Seine »anderen Reiche« genommen, in Reiche, »auf die nie der Blick des Volkes der Namen fiel« und wohin die »strahlende, weiß gekleidete Jungfrau« Ihn eilen hieß, wie Er es im neunzehn Jahre zuvor anläßlich des Gedenktags der Geburt Seines Vorläufers offenbarten Lawh-i-Ru'yá (Sendbrief von der Schau) beschrieb.

¹ 8. Mai 1892 ² 29. Mai 1892


+13:3

Sechs Tage, bevor Er starb, ließ Er, im Bett an einen Seiner Söhne gelehnt, alle Gläubigen, darunter einige Pilger, die sich im Landhaus versammelt hatten, zu Sich rufen, was sich als ihre letzte Audienz bei Ihm erweisen sollte. »Ich bin sehr zufrieden mit euch allen«, sprach Er gütig und liebevoll zu der weinenden Schar, die um Ihn stand. »Ihr habt viele Dienste geleistet und wart sehr eifrig in eurem Werk. Jeden Morgen und jeden Abend seid ihr hierher gekommen. Gott stehe euch bei, daß ihr einig bleibt. Möge Er euch helfen, die Sache des Herrn des Seins zu erheben.« An die Frauen, darunter Seine Familienmitglieder, die um Sein Bett standen, richtete Er ähnlich ermutigende Worte und versicherte ihnen nachdrücklich, daß Er sie alle in einem Dokument, das Er dem Größten Zweig anvertraut habe, Dessen Fürsorge empfehle.

+13:4

Die Nachricht von Seinem Hinscheiden wurde sofort Sultán Abdu'l-Hamíd übermittelt durch ein Telegramm, das mit den Worten begann: »Die Sonne Bahás ist untergegangen«, und das dem Herrscher die Absicht mitteilte, die heiligen sterblichen Überreste im Bereich des Landhauses beizusetzen, wozu er bereitwillig seine Zustimmung gab. So wurde Bahá'u'lláh im nördlichsten Zimmer des Hauses, das Seinem Schwiegersohn als Wohnung diente, zur Ruhe gelegt, des nördlichsten von drei Häusern, die sich im Westen an das Landhaus anschlossen. Die Beisetzung fand noch am Tag Seines Hinscheidens kurz nach Sonnenuntergang statt.

+13:5

Der untröstliche Nabíl, der in den Tagen von Bahá'u'lláhs Krankheit das Vorrecht einer persönlichen Audienz hatte, den Abdu'l-Bahá ausersah, die Textstellen für das Besuchsgebet auszuwählen, das jetzt am heiligsten Grab gesprochen wird, und der sich in seinem unbezähmbaren Kummer kurz nach dem Hinscheiden seines Geliebten ins Meer stürzte und ertrank, beschreibt die Seelenpein jener Tage: »Mir scheint, die geistige Erregung, die in der Welt des Staubes ausgelöst wurde, ließ alle Welten Gottes erzittern... Meine innere und äußere Zunge sind außerstande, die Verfassung wiederzugeben, in der wir uns befanden... Inmitten der überall herrschenden Verwirrung sah man, wie sich viele Einwohner Akkás und der umliegenden Dörfer auf den Feldern rings um das Landhaus drängten. Sie weinten, schlugen sich gegen den Kopf und schrien laut vor Jammer.«

+13:6

Eine ganze Woche lang blieben viele Menschen da, Reiche und Arme, bei Tag und Nacht, um mit der Familie der Hinterbliebenen zu trauern und an dem reichlich gespendeten Mahle teilzunehmen. Würdenträger der Schiiten, Sunniten, Christen, Juden und Drusen, ferner Dichter, Ulamás und Regierungsbeamte, sie alle vereinigten sich in der Klage um den Verlust, im Lobpreis der Tugenden und der Größe Bahá'u'lláhs. Viele unter ihnen bezeugten Ihm ihre Verehrung auch schriftlich in Poesie und Prosa, in arabischer und in türkischer Sprache. Selbst aus so fernen Städten wie Damaskus, Aleppo, Beirut und Kairo trafen ähnliche Beiträge ein. All diese glühenden Zeugnisse wurden ausnahmslos Abdu'l-Bahá übermittelt, der nun die Sache des hingeschiedenen Oberhaupts vertrat und dessen Lob oft in die Seinem Vater erwiesenen Huldigungen eingeflochten war.

+13:7

Die überschwenglichen Bekundungen des Leides und der Ausdruck der Verehrung und der Bewunderung, die das Hinscheiden Bahá'u'lláhs ganz unwillkürlich auch unter den Nichtgläubigen im Heiligen Land und in den benachbarten Gebieten ausgelöst hatte, waren nur ein Tropfen, verglichen mit dem Ozean des Schmerzes und den zahllosen Beweisen grenzenloser Liebe und Ergebenheit, die in der Stunde des Untergangs der Sonne der Wahrheit aus den Herzen der ungezählten Tausende hervorbrach, die sich Seiner Sache geweiht hatten und entschlossen waren, ihr Banner in Persien, Indien, Rußland, im Iráq, in der Türkei, in Palästina, Ägypten und Syrien aufzurichten und hochzuhalten.

+13:8

Mit dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs geht ein Zeitabschnitt zu Ende, der in der Religionsgeschichte der Welt in vieler Hinsicht ohne Beispiel ist. Das erste Jahrhundert des Bahá'í-Zeitalters war nun zur Hälfte verstrichen. Eine Periode, die in ihrer Erhabenheit, Fruchtbarkeit und Dauer von keiner früheren Sendung übertroffen wurde und die - abgesehen von einer kurzen Unterbrechung von drei Jahren - ein halbes Jahrhundert ununterbrochener, fortschreitender Offenbarung bedeutete, hatte ihren Abschluß gefunden. Die vom Báb verkündete Botschaft hatte goldene Früchte getragen. Die denkwürdigste, wenn auch nicht aufregendste Phase des Heroischen Zeitabschnitts war abgeschlossen. Die Sonne der Wahrheit, das größte Licht dieser Welt, das im Síyáh-Chál von Tihrán aufgegangen war, in Baghdád die verhüllenden Wolken zerteilt hatte, in Adrianopel zu ihrem Zenit aufgestiegen und vorübergehend verfinstert worden war, war schließlich in Akká untergegangen, um vor Ablauf eines vollen Jahrtausends nicht wieder zu erscheinen. Der wiedergeborene Gottesglaube, das Leitgestirn aller früheren Sendungen, war voll und rückhaltlos verkündet. Die sein Kommen verheißenden Prophezeiungen hatten sich voll und deutlich erfüllt. Seine grundlegenden Gesetze und Hauptprinzipien, Kette und Schuß des Gewebes seiner künftigen Weltordnung, waren klar verkündet. Seine organischen Beziehungen und seine Stellung gegenüber den vorausgegangenen religiösen Systemen waren eindeutig festgelegt. Die Primärinstitutionen, in denen eine noch keimhafte Weltordnung zur Reife heranwachsen soll, waren unanfechtbar begründet. Unwiderruflich war der Gottesbund zur Wahrung der Einheit und Unverletzbarkeit seines weltumfassenden Systems der Nachwelt hinterlassen. Unbestreitbar war die Vereinigung des ganzen Menschengeschlechts, das Zustandekommen des Größten Friedens und die Entfaltung einer Weltzivilisation verheißen. Wiederholt waren die unheilverkündenden Warnungen vor Katastrophen, die als Vorspiel zu einer so herrlichen Vollendung über Könige, Geistliche, Regierungen und Völker kommen sollten, zum Ausdruck gebracht. Die bedeutsamen Aufrufe an die Präsidenten der Neuen Welt als Vorboten des Auftrags, mit dem der nordamerikanische Kontinent später betraut werden sollte, waren verlautbart. Der erste Kontakt war geknüpft zu einem Volk, von dem ein Mitglied des Königshauses noch vor Ablauf des ersten Bahá'í-Jahrhunderts sich der heiligen Sache anschließen sollte. Der Urimpuls, der auf Gottes heiligen Berg mit seinem Blick auf das Größte Gefängnis im Lauf der folgenden Jahrzehnte unschätzbare Segnungen, geistige wie institutionelle, verströmte und verströmen wird, war erteilt. Und schließlich waren die ersten Banner eines geistigen Sieges, der sich schon vor Ende des Jahrhunderts über nicht weniger als sechzig Länder der östlichen und westlichen Welt erstreckte, ruhmreich aufgepflanzt.

+13:9

Nun, an der Schwelle des sechsten Jahrzehnts seines Bestehens, hat der Glaube Bahá'u'lláhs mit dem Umfang und der Vielgestalt seiner heiligen Schriften, der Zahl seiner Märtyrer, der Tapferkeit seiner Verfechter, der Vorbildlichkeit seiner Anhänger, der gebührenden Strafe, die seine Gegner traf, mit seinem durchdringenden Einfluß, dem unvergleichlichen Heroismus seines Herolds, der strahlenden Größe seines Stifters und dem geheimnisvollen Wirken seines unwiderstehlichen Geistes in hohem Maße seine Fähigkeit bewiesen, unbeirrbar und unspaltbar den von seinem Stifter vorgezeichneten Kurs zu halten und den späteren Geschlechtern die Zeichen der himmlischen Macht, mit der Er ihn so reichlich ausgestattet hatte, vor Augen zu führen.

+13:10

An dieser Stelle muß, wie ich meine, auch des Schicksals gedacht werden, das die Könige, Minister und Geistlichen aus Ost und West ereilte, die während der verschiedenen Phasen des Wirkens Bahá'u'lláhs Seine Sache entweder bewußt verfolgten oder Seine Warnungen in den Wind schlugen und ihre selbstverständliche Pflicht versäumten, auf Seinen Ruf zu hören und Ihn und Seine Botschaft so zu behandeln, wie sie sollten. Bahá'u'lláh sagt über diejenigen, die Seine Sache zu zerstören oder zu beeinträchtigen suchten: »Gott hat niemals und wird niemals die Augen schließen vor der Tyrannei der Unterdrücker. In dieser Offenbarung sucht Er vielmehr jeden Tyrannen einzeln heim mit Seiner Rache.« Groß und schrecklich ist fürwahr das Schauspiel, das sich dem Betrachter bietet auf dem Feld, über das seit Beginn des Wirkens Bahá'u'lláhs der wilde Vergeltungssturm Gottes fegte, Herrscher entthronte, Dynastien ausrottete, Hierarchien entwurzelte, Kriege und Revolutionen vom Zaun brach, Fürsten und Minister aus ihren Ämtern trieb, Usurpatoren verjagte, Tyrannen stürzte und die frechen Aufrührer züchtigte.

+13:11

Sultán Abdu'l-Azíz, der mit Násiri'd-Dín Sháh zusammen der Urheber des Elends war, das über Bahá'u'lláh gebracht wurde, und der persönlich für drei Verbannungsdekrete über den Gottesboten verantwortlich zeichnete, der im Kitáb-i-Aqdas als der »den Thron der Tyrannei« innehabe, gebrandmarkt und dessen Sturz im Lawh-i-Fu'ád vorausgesagt wird, wurde durch eine Palastrevolution abgesetzt, durch eine fatvá¹ des Muftí seiner Hauptstadt verurteilt und vier Tage darauf, 1876, ermordet; sein Nachfolger war ein Neffe von ihm, der als schwachsinnig galt. Der Krieg von 1877-78 befreite elf Millionen Menschen vom türkischen Joch, Adrianopel wurde von russischen Streitkräften besetzt; infolge des Krieges von 1914-18 löste sich das Reich auf, das Sultanat wurde abgeschafft, die Republik ausgerufen und damit einer Herrschaft, die über sechs Jahrhunderte gedauert hatte, ein Ende gesetzt.

¹ Richtspruch


+13:12

Der despotische Nichtsnutz Násiri'd-Dín Sháh, den Bahá'u'lláh als den »obersten Unterdrücker« brandmarkte, von dem Er schrieb, daß er bald zu einem »Popanz für die Welt« werde, auf dessen Regierung die Schandflecken der Hinrichtung des Báb und der Einkerkerung Bahá'u'lláhs liegen, der hartnäckig zu Seiner späteren Verbannung nach Konstantinopel, Adrianopel und Akká hetzte und sich im Zusammenspiel mit einem lasterhaften Pfaffenklüngel verschworen hatte, den Glauben im Keim zu ersticken, wurde auf dramatische Weise im Schrein des Sháh Abdu'l-Azím ermordet, und zwar ausgerechnet am Vorabend seines Jubelfestes, das als Auftakt zu einer neuen Ära mit ausgefeilter Pracht hätte gefeiert werden und als der größte Tag in die Annalen des persischen Volkes hätte eingehen sollen. Mit dem Geschick seines Hauses ging es danach ständig bergab, und infolge der skandalösen Mißwirtschaft des zügel- und verantwortungslosen Ahmad Sháh kam es vollends zum Niedergang, und die Qájárendynastie verschwand.

+13:13

Napoleon 111., der bedeutendste Monarch seiner Zeit im Westen, äußerst ehrgeizig, ungewöhnlich dünkelhaft, verschlagen und seicht, der, wie berichtet wird, das Schreiben, das ihm Bahá'u'lláh sandte, verächtlich vom Tisch gefegt haben soll, der von Bahá'u'lláh geprüft und als mangelhaft befunden wurde und dessen Fall in einem späteren Sendbrief ausdrücklich vorhergesagt war, erlitt in der Schlacht von Sedan, 1870, eine schmachvolle Niederlage, die als bisher größte militärische Kapitulation der neueren Geschichte gilt. Er verlor die Krone und verbrachte den Rest seines Lebens im Exil. All seine Hoffnungen waren zunichte, sein einziger Sohn, der Kronprinz, kam im Zulukrieg ums Leben, sein vielgerühmtes Reich brach zusammen, ein Bürgerkrieg brach aus, der noch heftiger war als der deutsch-französische Krieg, und der preußische König wurde im Schloß von Versailles zum Kaiser Wilhelm 1. eines geeinigten Deutschen Reiches ausgerufen.

+13:14

Der stolzgeschwellte Wilhelm 1., frisch bejubelt als Sieger Napoleons 111., der im Kitáb-i-Aqdas gewarnt und aufgefordert wird, über das Schicksal dessen nachzudenken, »dessen Macht die deine überragte«, und im selben Buch an das »Wehklagen Berlins« gemahnt wird und an die Ufer des Rheins, die »mit Blut bedeckt« sein werden, mußte zwei Mordanschläge bestehen und hatte als Nachfolger einen Sohn, der drei Monate nach der Thronbesteigung an einer tödlichen Krankheit starb und den Thron dem arroganten, starrköpfigen und kurzsichtigen Wilhelm 11. hinterließ. Der Hochmut des neuen Monarchen führte zu seinem Fall. In seiner Hauptstadt brach rasch eine Revolution aus, in mehreren Städten behauptete sich Kommunismus, die Fürsten der deutschen Staaten dankten ab, und er selbst, feige nach Holland geflohen, wurde zum Thronverzicht gezwungen. Die Weimarer Verfassung besiegelte das Schicksal des Reiches, das sein Großvater so stolz proklamiert hatte, und die harten Bedingungen eines drückenden Friedensvertrages führten jetzt zu dem ein halbes Jahrhundert zuvor drohend prophezeiten »Wehklagen«.

+13:15

Der eigenwillige, starrsinnige Kaiser von Österreich und König von Ungarn, Franz Josef, dem im Kitáb-i-Aqdas vorgeworfen wird, daß er seine klare Pflicht, bei seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land sich nach Bahá'u'lláh zu erkundigen, versäumte, wurde so von Schicksalsschlägen und Unheil verfolgt, daß man seine Herrschaft allgemein als die ansah, die das meisten Unglück über das Volk gebracht hat. Sein Bruder Maximilian kam in Mexiko ums Leben; der Kronprinz Rudolf starb unter schimpflichen Umständen; die Kaiserin wurde gemeuchelt; der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin wurden in Sarajevo ermordet; das »brüchige Reich« zerfiel und wurde aufgeteilt, und auf die Trümmer des vergangenen Heiligen Römischen Reichs setzte man eine geschrumpfte Republik, die nach kurzer, unsicherer Existenz aus der politischen Landkarte Europas getilgt war.

+13:16

Alexander 11. Nikolajewitsch, der großmächtige Zar von Rußland, den Bahá'u'lláh in einem persönlich an ihn gerichteten Sendbrief dreimal gewarnt und aufgefordert hatte, »die Völker zu Gott zu rufen«, den Er eindringlich ermahnt hatte, sich von seiner Herrschergewalt nicht davon abhalten zu lassen, »den Höchsten Souverän« zu erkennen, erlitt mehrere Attentate auf sein Leben und schließlich den Tod von Mörderhand. Seine Unterdrückungspolitik, in der ihm sein Thronerbe Alexander 111. folgte, ebnete den Weg für eine Revolution, die dann unter der Herschaft Nikolaus 11. ausbrach und das Zarenreich in einem Meer von Blut ertränkte, Krieg, Krankheit und Hungersnot mit sich brachte und zur Herrschaft eines militanten Proletariats führte, das den Adel abschlachtete, die Geistlichkeit verfolgte, die Intellektuellen vertrieb, die Religion im Staat abschaffte, den Zaren samt seiner Familie und seinem Gesinde umbrachte und die Dynastie Romanow auslöschte.

+13:17

Papst Pius 1x., das anerkannte Oberhaupt der mächtigsten christlichen Kirche, dem Bahá'u'lláh in einem an ihn gerichteten Schreiben befohlen hatte, »seine Paläste« denen zu überlassen, »die sie begehren«, »den reich verzierten Kirchenschmuck« in seinem Besitz »auf dem Pfade Gottes zu opfern« und sein »Angesicht zum Reich Gottes« zu erheben, wurde gezwungen, sich unter beschämenden Umständen der siegreichen Macht König Viktor Emanuels zu unterwerfen, und mußte zulassen, daß ihm seine päpstlichen Gebiete und selbst die Stadt Rom abgenommen wurden. Der Verlust der »Ewigen Stadt«, über der tausend Jahre lang das päpstliche Banner geweht hatte, und die Demütigung der ihm unterstellten kirchlichen Orden, brachten ihn über seine gesundheitlichen Schäden hinaus auch psychisch in Bedrängnis und vergällten ihm die letzten Jahre seines Lebens. Dienusayn zu Felde zogen, ... mit den fürchterlichsten Qualen heimsuchen...« »Binnen kurzem wird Gott zur Zeit Unserer Wiederkehr Seine Rache an ihnen nehmen, und Er bereitet ihnen wahrlich in der künftigen Welt schwere Pein.«

+13:27

Bei einem Rückblick dieser Art sollte ein Hinweis auf die Fürsten, Minister und Geistlichen nicht fehlen, die persönlich für die peinvollen Drangsale verantwortlich waren, die Bahá'u'lláh und Seine Anhänger zu erdulden hatten. Fu'ád Páshá, der türkische Außenminister, von Ihm als der »Anstifter« zu Seiner Verbannung in das Größte Gefängnis bezeichnet, der sich zusammen mit seinem Amtskollegen 'Álí Páshá die größte Mühe gab, in dem despotischen, schon gegen den Glauben und sein Oberhaupt voreingenommenen Herrscher alle möglichen Ängste und Argwohn zu erwecken, wurde etwa ein Jahr, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, auf einer Reise nach Paris von der Zuchtrute Gottes getroffen und starb, 1869, in Nizza. Alí Páshá, der Sadr-i-A'zam¹, der im Lawh-i-Ra'ís mit kräftigen Worten verurteilt wird und dessen Sturz im Lawh-i-Fu'ád unmißverständlich vorausgesagt war, wurde wenige Jahre nach Bahá'u'lláhs Verbannung nach Akká seines Amtes enthoben, seiner ganzen Macht entblößt und geriet völlig in Vergessenheit. Der tyrannische Prinz Mas'úd Mírzá, der Zillu's-Sultán, Násiri'd-Dín Sháhs ältester Sohn und Herrscher über mehr als zwei Fünftel seines Reichs, von dem Bahá'u'lláh als dem »Höllenbaum« spricht, fiel in Ungnade, wurde all seiner Statthalterschaften mit Ausnahme von Isfahán enthoben und verlor alle Chancen, künftig wieder zu Rang und Würden zu kommen. Der habgierige Prinz Jalálu'd-Dawlih, den die Erhabene Feder als den »Tyrannen von Yazd« brandmarkt, wurde etwa ein Jahr nach seinen Schandtaten seines Amtes enthoben, nach Tihrán zurückbeordert und gezwungen, einen Teil des Besitzes, den er seinen Opfern gestohlen hatte, zurückzugeben.

¹ Premierminister


+13:28

Der ehrgeizige, ruchlose Ränkeschmied Mírzá Buzurg Khán, der persische Generalkonsul in Baghdád, wurde ebenfalls seines Amtes enthoben, »von Unglück überwältigt, von Gewissensbissen verfolgt und völlig verstört«. Der berüchtigte Mujtahid Siyyid Sádiq-i-Tabátabá'í, den Bahá'u'lláh den »Lügner von Tihrán« nennt, der Autor des ungeheuerlichen Erlasses, nach dem jedes männliche Mitglied der Bahá'í-Gemeinschaft in Persien, ob jung oder alt, hoch oder niedrig, zum Tod zu verurteilen und alle Frauen zu deportieren seien, fiel plötzlich einer Krankheit zum Opfer, die ihm Herz, Hirn und Glieder zerfraß und schließlich zu seinem Tode führte. Der anmaßende Subhí Páshá, der Bahá'u'lláh gebieterisch ins Regierungsgebäude in Akká gerufen hatte, verlor seine Stellung und wurde unter höchst entehrenden Umständen zurückbeordert. Auch den anderen Gouverneuren der Stadt, die sich in ihrem Amt dem erhabenen Gefangenen und Seinen Gefährten gegenüber Ungerechtigkeiten hatten zuschulden kommen lassen, blieb Ähnliches nicht erspart. »Jeder Páshá«, schreibt Nabíl in seinem Bericht, »dessen Verhalten in Akká annehmbar war, durfte sich lange Zeit seines Amtes erfreuen und wurde reich von Gott gesegnet, wogegen jeder feindselige Mutisarrif¹ sehr bald durch Fügung der göttlichen Macht abgesetzt wurde, wie Abdu'r-Rahmán Páshá und Muhammad-Yúsuf Páshá, die noch am Morgen nach demselben Abend, an dem sie die Geliebten Bahá'u'lláhs zu verhaften beschlossen hatten, telegrafisch von ihrer Absetzung in Kenntnis gesetzt wurden. Sie bekamen nie wieder ein Amt.«

¹ Gouverneur


+13:29

Shaykh Muhammad-Báqir, genannt »der Wolf«, den Bahá'u'lláh in Seinem ihn streng tadelnden Lawh-i-Burhán mit »der letzten Spur des Sonnenlichts auf dem Bergesgipfel« verglich, mußte zusehen, wie sein Ansehen ständig schwand, er starb unter schrecklichen Gewissensbissen eines elenden Todes. Sein Komplize Mír Muhammad-Husayn, genannt »die Schlange«, den Bahá'u'lláh als »unendlich bösartiger noch als der Bedrücker von Karbilá« beschreibt, wurde etwa um dieselbe Zeit aus Isfahán verjagt und zog von Dorf zu Dorf, befallen von einer Krankheit, die einen so üblen Duft verbreitete, daß nicht einmal seine Frau und seine Tochter es in seiner Nähe aushielten. Als er starb, stand er bei den örtlichen Behörden in so schlechtem Ansehen, daß niemand zu seiner Beerdigung zu gehen wagte; seine Leiche wurde von einigen Trägern verscharrt.

+13:30

Erwähnt sei auch die verheerende Hungersnot, die etwa ein Jahr nach dem Martyrium des ruhmreichen Badí' in Persien wütete und die Bevölkerung aufs äußerste dezimierte; selbst die Reichen litten Hunger, und Hunderte von Müttern verschlangen die Leichen ihrer Kinder.

+13:31

Wir wollen den Gegenstand dieser Betrachtung nicht verlassen, ohne den Erzfeind des Bundes des Báb, Mírzá Yahyá, zu erwähnen, der auf Zypern, das die Türken »die Insel des Satans« nannten, ein langes, elendes Leben fristete, um Zeuge zu werden, wie all seine bösen Hoffnungen zuschanden wurden. Nachdem er zunächst Pensionär der türkischen und später der britischen Regierung war, erfuhr er eine weitere Demütigung dadurch, daß sein Gesuch um die britische Staatsbürgerschaft abgelehnt wurde. Von den achtzehn »Zeugen«, die er ernannt hatte, verließen ihn elf wieder und kehrten reumütig zu Bahá'u'lláh zurück. Er selbst wurde in einen Skandal verwickelt, der seinen und seines ältesten Sohnes Ruf ruinierte, wonach er seinen Sohn und dessen Nachkommen von der Nachfolgerschaft, mit der er ihn früher betraut hatte, ausschloß und stattdessen den treulosen Mírzá Hádíy-i-Dawlat-Ábádí, einen allbekannten Azalí, einsetzte, dem der Märtyrertod des oben erwähnten Mírzá Ashraf solche Furcht einjagte, daß er vier Tage nacheinander von der Kanzel herab mit heftigen Schmähreden den Bábí-Glauben widerrief und Mírzá Yahyá, seinen Gönner, der so blindes Vertrauen in ihn gesetzt hatte, verleugnete. Ein seltsames Schicksal fügte, daß der genannte älteste Sohn Mírzá Yahyás Jahre später zusammen mit seinem Neffen und seiner Nichte Abdu'l-Bahá, den ernannten Nachfolger Bahá'u'lláhs und Mittelpunkt Seines Bundes, aufsuchte, seine Reue bekundete und um Vergebung bat. Er wurde gütig von Ihm aufgenommen und blieb bis zu seiner letzten Stunde ein treuer Anhänger des Glaubens, den sein Vater törichterweise so schamlos und erbärmlich auszutilgen versucht hatte.









Dritte Periode
Die Zeit Abdu'l-Bahás : 1892-1921
Kapitel 14
Der Bund Bahá'u'lláhs

+14:1

In den vorstehenden Kapiteln habe ich versucht, Aufstieg und Entwicklung des Glaubens des Báb und Bahá'u'lláhs während der ersten fünfzig Jahre seines Bestehens zu umreißen. Wenn ich dabei vielleicht zu lange bei den Ereignissen verweilte, die mit dem Leben und der Sendung dieser beiden Lichtgestalten der Bahá'í-Offenbarung verknüpft sind, wenn ich bestimmte Episoden ihres Wirkens zuweilen zu ausführlich schilderte, so nur darum, weil diese Geschehnisse von der Geburtsstunde und der Begründung einer Epoche künden, von der künftige Historiker als der heroischsten, tragischsten und denkwürdigsten Periode der Apostolischen Zeit der Bahá'í-Sendung sprechen werden. Und wirklich ist das Bild, das sich unserem Blick auf die folgenden Jahrzehnte des Jahrhunderts bietet, nur eine Aufzählung der mannigfachen Beweise für das unwiderstehliche Wirken jener schöpferischen, von den Umwälzungen der fast fünfzig Jahre ununterbrochenen Offenbarung ausgelösten Kräfte.

+14:2

In der denkwürdigen Nacht, da der Báb in einem verborgenen Winkel von Shíráz zu Mullá Husayn von der Bedeutung Seiner Sendung sprach, war ein dynamischer, von göttlichen Kräften angetriebener Prozeß in Gang gesetzt worden, der ungeahnte Möglichkeiten in sich barg, weltumfassend angelegt war und letzten Endes die Welt verändern sollte. Mit den im Dunkel des Síyáh-Chál zu Tihrán beginnenden ersten Zeichen der Offenbarung Bahá'u'lláhs erhielt er großen Auftrieb, wurde beschleunigt durch die Erklärung Seiner Sendung am Vorabend Seiner Verbannung aus Baghdád und erreichte seinen Höhepunkt mit der Verkündigung Seiner Sendung in den stürmischen Jahren Seines Exils in Adrianopel. Seine volle Bedeutung trat zutage, als der Träger dieser Sendung Seine historischen Aufrufe, Ermahnungen und Warnungen an die Könige der Welt und ihre geistlichen Würdenträger erließ. Und schließlich fand er seine Krönung in den Gesetzen und Geboten, die Er verfaßte, den Prinzipien, die Er verkündete, und in den Institutionen, die Er in den letzten Jahren Seines Wirkens in der Gefängnisstadt Akká einsetzte.

+14:3

Um die Kräfte dieses vom Himmel ausgelösten Prozesses zu steuern und ihr harmonisches Fortwirken nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs zu gewährleisten, war ein göttliches Instrument unerläßlich, das unanfechtbare Autorität besaß und mit dem Autor der Offenbarung in organischer Verbindung stand. Für dieses Instrument hatte Bahá'u'lláh ausdrücklich gesorgt durch die Stiftung des Bundes, den Er vor Seinem Hinscheiden fest begründete. Von diesem Bund hatte Er schon im Kitáb-i-Aqdas gesprochen, und als Er in den Tagen vor Seinem Tod Abschied von Seiner um das Bett versammelten Familie nahm, wies Er ebenfalls darauf hin, auch hatte Er ihn in einem besonderen Dokument niedergelegt, das Er das »Buch Meines Bundes« nannte und während Seiner letzten Krankheit Seinem ältesten Sohn Abdu'l-Bahá anvertraute.

+14:4

Dieses einzigartige, epochemachende Dokument, das Bahá'u'lláh ganz mit eigener Hand niederschrieb, als Seine »Größte Tafel« bezeichnete und im Brief an den Sohn des Wolfes als »hochrotes Buch« erwähnte, ohnegleichen im Schrifttum aller früheren Sendungen einschließlich der des Báb, wurde am neunten Tag nach Seinem Hinscheiden in Gegenwart von neun aus Seinen Gefährten und Familienmitgliedern erwählten Zeugen entsiegelt und am selben Nachmittag vor einer großen Versammlung, darunter Seine Söhne, einige Verwandte des Báb, Pilger und ansässige Gläubige, an Seinem Heiligsten Grab verlesen. Nirgends in den Büchern irgendeines religiösen Systems, nicht einmal unter den Schriften des Autors der Bábí-Offenbarung, finden wir ein Gründungsdokument für einen Bund, der mit einer vergleichbaren Autorität versehen wäre wie der von Bahá'u'lláh errichtete.

+14:5

»So fest und mächtig ist dieser Bund«, sagt Abdu'l-Bahá, sein ernannter Mittelpunkt, »daß seit Anbeginn der Zeit bis zum heutigen Tag keine religiöse Sendung etwas Gleiches hervorbrachte.« »Der Angelpunkt der Einheit der Menschheit«, erklärt Er des weiteren, »ist unbezweifelbar nichts anderes als die Macht des Bundes«. »Wisse«, schreibt Er, »der `sichere Griff`, der von Anbeginn der Welt in den alten Büchern, Tafeln und Schriften genannt wird, ist nichts anderes als der Bund und das Testament«. Und wiederum: »Die Lampe des Bundes ist das Licht der Welt, und die Worte, welche die Feder des Allhöchsten niederschrieb, sind wie ein unermeßliches Meer«. »Der Herr, der Allgepriesene«, erklärt Er ferner, »hat im Schatten des Baumes Anísá¹ einen neuen Bund errichtet und ein großes Testament niedergelegt ... Ward je ein solcher Bund in einer früheren Sendung geschlossen, einem früheren Zeitalter, Zeitabschnitt oder Jahrhundert? Hat man je von einem solchen Testament, das von der Feder des Höchsten niedergeschrieben wurde, gehört? Bei Gott, nein!« Und schließlich: »Die Macht des Bundes gleicht der Sonnenwärme, welche die Entwicklung alles Erschaffenen auf Erden belebt und vorantreibt. Ebenso ist das Licht des Bundes der Erzieher des Verstandes, des Geistes, der Herzen und Seelen der Menschen«. Er spricht in Seinen Schriften von diesem Bund als dem »entscheidenden Zeugnis«, der »universalen Waage«, dem »Magneten der Gnade Gottes«, der »gehißten Fahne«, dem »unwiderleglichen Testament«, dem »allmächtigen Bund, desgleichen die heiligen Sendungen der Vergangenheit nie gesehen«, und »einem Wesenszug dieses mächtigsten Zyklus«.

¹ Baum des Lebens


+14:6

Vom Verfasser der Apokalypse als »die Arche Seines (Gottes) Testaments« gepriesen; in Beziehung gesetzt zu der Versammlung unter dem »Baum Anísṫ, welche Bahá'u'lláh in den Verborgenen Worten erwähnt; an anderer Stelle in Seinen Schriften als »Arche der Rettung« und als »das zwischen der Erde und dem Reich Abhá ausgespannte Seil« gefeiert, wurde dieser Bund der Nachwelt vermacht in einem Testament, das - zusammen mit dem Kitáb-i-Aqdas und verschiedenen Sendschreiben, die Abdu'l-Bahás Rang und Stufe unzweideutig enthüllen - die vom Herrn des Bundes selbst vorgesehenen Hauptpfeiler bildet, um nach Seinem Hinscheiden den ernannten Mittelpunkt Seines Glaubens und Planer seiner späteren Institutionen zu schützen und zu stützen.

¹ Baum des Lebens


+14:7

In diesem inhaltsschweren, unvergleichlichen Dokument legt der Verfasser die Natur jenes »vortrefflichen, kostbaren Vermächtnisses« dar, das Er Seinen »Erben« hinterläßt. Er verkündet darin aufs neue den Hauptzweck Seiner Offenbarung, gebietet den »Völkern der Welt«, sich fest an das zu halten, was ihre »Stufe erhöht«, und verkündet ihnen, daß Gott »vergeben hat, was vergangen ist«. Er unterstreicht die erhabene Stufe des Menschen, erläutert den Hauptzweck der Religion Gottes, leitet die Gläubigen an, für das Wohlergehen der Könige der Erde, der »Offenbarungen der Macht Gottes« und der »Morgenröten Seiner Gewalt und Seines Reichtums«, zu beten; Er überträgt diesen die Herrschaft auf Erden, behält sich aber die Menschenherzen als Seinen eigenen Machtbereich vor. Er verbietet ein für allemal Kampf und Streit und befiehlt Seinen Anhängern, jene Träger der Amtsgewalt zu unterstützen, »die mit der Zier rechten Sinns und rechten Tuns geschmückt sind«. Auch weist Er insbesondere die Aghsán (Seine Söhne) an, jene »mächtige Kraft«, jene »vollendete Macht« zu bedenken, »die in der Welt des Seins verborgen liegt«. Darüber hinaus macht er es ihnen wie auch den Afnán (den Verwandten des Báb) und Seiner eigenen Verwandtschaft zur Pflicht, »daß sie allesamt ihr Antlitz dem Mächtigsten Zweige (Abdu'l-Bahá) zuwenden«; Ihn setzt Er mit Demjenigen gleich, »den Gott bestimmt hat«, »der aus dieser Urewigen Wurzel kam«, wie Er im Kitáb-i-Aqdas sagte. Er legt fest, daß die Stufe des »Größeren Zweiges« (Mírzá Muhammad-Alí) unter derjenigen des »Größten Zweiges« (Abdu'l-Bahá) ist, und ermahnt die Gläubigen, den Aghsán mit Achtung und Liebe zu begegnen. Er rät ihnen, Seine Familie und Seine Verwandten wie auch die Angehörigen des Báb in Ehren zu halten, und verwehrt Seinen Söhnen »jedes Anrecht auf das Eigentum anderer«. Er trägt ihnen wie auch Seinen Verwandten und der Verwandtschaft des Báb auf, »Gott zu fürchten, edle Taten zu vollbringen« und sich so zu verhalten, »wie es euch ansteht und zur Erhöhung eurer Stufe beiträgt«, warnt alle Menschen davor, zuzulassen, »daß das Mittel der Ordnung zur Quelle der Unordnung gemacht wird, das Werkzeug der Einheit zum Anlaß für Zwietracht«, und ermahnt abschließend die Gläubigen, »allen Völkern zu dienen« und sich »um die Verbesserung der Welt zu mühen«.

+14:8

Daß Abdu'l-Bahá eine so einzigartige, erhabene Stufe verliehen wurde, war für Seine Gefährten, die so lange das Vorrecht hatten, das Leben im Exil mit Ihm zu teilen und Sein Verhalten zu beobachten, keineswegs überraschend, ebensowenig für die Pilger, die, wenn auch nur flüchtig, mit Ihm in Berührung kamen, oder die große Schar der Getreuen, die in fernen Landen gelernt hatten, Seinen Namen zu verehren und Sein Wirken zu schätzen, und auch nicht für den weiteren Kreis Seiner Freunde und Bekannten, die im Heiligen Land und den angrenzenden Gebieten wohl vertraut waren mit der Stellung, die Er schon zu Lebzeiten Seines Vaters innehatte.

+14:9

Geboren wurde Er unter glücklichen Sternen in der unvergeßlichen Nacht, da der Báb Seinem ersten Jünger, Mullá Husayn, die überirdische Wesensart Seiner Sendung vor Augen führte. Als Kind saß Er noch auf Táhirihs Schoß und spürte den erregten Nachdruck, mit dem diese unermüdliche Heldin ihre mitreißenden, herausfordernden Worte an ihren Glaubensgenossen, den klugen und weitberühmten Vahíd richtete. In Seiner zarte Seele brannte sich unauslöschlich der Anblick Seines Vaters ein, als Er, neun Jahre alt, Ihn im Síyáh-Chál von Tihrán aufsuchte: abgemagert, mit verwildertem Haar und mit Ketten beladen. Gegen Ihn richtete sich in früher Kindheit, während Sein Vater in jenem Kerker lag, die Bosheit eines Rudels von Gassenjungen, die Ihn mit Steinen bewarfen, Ihn beleidigten und lächerlich machten. Ihm fiel das Los zu, mit Seinem Vater bald nach Dessen Befreiung aus dem Kerker Not und Elend einer grausamen Vertreibung aus der Heimat und die schweren Prüfungen zu teilen, die im erzwungenen Rückzug Seines Vaters in die Berge von Kurdistán gipfelten. In Seinem untröstlichen Kummer über die Trennung von Seinem verehrten Vater sagte Er im Vertrauen zu Nabíl, wie dieser in seinem Bericht bestätigt, daß Er das Gefühl habe, Er sei damals, obgleich noch ein Kind in zarten Jahren, alt geworden. Er zeichnet sich auch dadurch aus, daß Er als einziger schon in Seiner Kindheit die ganze Herrlichkeit der bis dahin noch nicht offenbarten Stellung Seines Vaters erkannte, eine Erkenntnis, die Ihn unwillkürlich sich Ihm zu Füßen werfen und Ihn um das Vorrecht bitten ließ, Sein Leben für Seine Sache hingeben zu dürfen. In Baghdád schrieb Er als noch junger Mann jenen prächtigen Kommentar zu einer bekannten islámischen Tradition, mit dem Er, von Bahá'u'lláh angeregt, auf eine Anfrage von Alí-Shawkat Páshá antwortete und der so erhellend war, daß er den Empfänger zu grenzenloser Bewunderung hinriß. Seine Gespräche und Erörterungen unter den gelehrten Doktoren, mit denen Er in Baghdád in Berührung kam, erregten zum erstenmal diese allgemeine Bewunderung für Seine Person und Sein Wissen, die ständig zunehmen sollte, wie sich Sein Bekanntenkreis in Adrianopel und später in Akká erweiterte. Der hochgebildete Khurshíd Páshá, der Gouverneur von Adrianopel, fühlte sich veranlaßt, Ihn öffentlich mit glühenden Worten zu loben, als Er, sein jugendlicher Gast, in Gegenwart einiger bekannter Geistlicher dieser Stadt die Schwierigkeiten eines die Geister der Anwesenden verwirrenden Problems rasch und erstaunlich leicht löste. Diese Leistung machte auf den Páshá so tiefen Eindruck, daß er sich von da an kaum mehr damit abfinden konnte, wenn der junge Mann bei derartigen Zusammenkünften nicht zugegen war.

+14:10

Auf Ihn setzte Bahá'u'lláh, als Seine Sendung sich an Umfang und Einfluß mehr und mehr ausweitete, immer größeres Vertrauen, indem Er sich in vielen Fällen durch Ihn vertreten ließ, es Ihm ermöglichte, öffentlich für Seine Sache zu sprechen, Ihm die Aufgabe übertrug, Seine Schriften abzuschreiben, Ihm die Verantwortung auf sich zu nehmen erlaubte, Ihn vor Seinen Feinden zu schützen, und Ihn damit betraute, für das Wohl Seiner Exilgefährten und Freunde zu sorgen. Er was es auch, der den wichtigen und heiklen Auftrag erhielt, sobald es die Umstände erlaubten, das Gelände zu erwerben, das als dauernde Ruhestätte für den Báb dienen sollte, für die sicher Überführung Seiner sterblichen Reste in das Heilige Land zu sorgen und auf dem Berg Karmel ein würdiges Grabmal für Ihn zu errichten. Er war es auch, der in der Hauptsache die nötigen Vorkehrungen für die Befreiung Bahá'u'lláhs aus Seiner neunjährigen Haft in den Mauern von Akká traf und es Ihm ermöglichte, sich an Seinem Lebensabend wenigstens noch eines gewissen Maßes an Frieden und Sicherheit zu erfreuen, die Er so lange entbehren mußte. Seinem unablässigen Bemühen war es auch zu danken, daß dem ruhmreichen Badí seine denkwürdigen Unterredungen mit Bahá'u'lláh gewährt wurden, daß die feindselige Haltung, die verschiedene Gouverneure von Akká den Verbannten gegenüber an den Tag legten, sich in Achtung, ja Bewunderung verwandelte, daß der Kauf von Ländereien am See Genezareth und am Jordan zustande kam und daß der Nachwelt die beste und wertvollste Darstellung über die Frühzeit des Glaubens und seine Lehren übermittelt wurde. Durch den außerordentlich herzlichen Empfang bei Seinem Besuch in Beirut, Seinen Kontakt mit dem ehemaligen türkischen Großwesir Midhát Páshá, Seine Freundschaft mit Azíz Páshá, den Er von Adrianopel her kannte und der später zum Rang eines Valí aufstieg, und Seine ständige Verbindung zu Beamten, Stadtoberhäuptern und führenden Geistlichen, die während der letzten Jahre des Wirkens Seines Vaters in steigender Zahl Seine Gesellschaft suchten, all dies trug dazu bei, das Ansehen der Sache, die Er vertrat, auf eine Ebene zu heben, die sie nie zuvor erreicht hatte.

+14:11

Nur Er hatte das Vorrecht, »der Meister« genannt zu werden, eine Ehre, von der Sein Vater alle anderen Söhne ausschloß. Ihm verlieh Sein liebender, nie irrender Vater den einzigartigen Titel »Sirru'lláh«² und bezeichnete damit treffend Den, der Seinem Wesen nach wohl menschlich war und eine von der Stufe Seines Vaters und Dessen Vorläufers vollkommen verschiedene Stellung einnahm, aber dennoch den Anspruch erheben konnte, das vollkommene Vorbild in Seinem Glauben zu sein, übermenschliches Wissen zu besitzen und als reiner Spiegel zu gelten, der Sein Licht widerstrahlt. Von Ihm sprach in Adrianopel Sein Vater in der Súriy-i-Ghusn¹ als von »diesem heiligen und herrlichen Wesen, diesem Zweig der Heiligkeit«, »dem Arm des Gesetzes Gottes«, Seiner »größten Gnade« für die Menschen und der »vollkommensten Güte«, die ihnen widerfahren sei, Er spricht von Ihm als Dem, durch den »jedes modernde Gebein lebendig« wird, und erklärt, »wer sich Ihm zuwendet, hat sich Gott zugewandt«, und »wer nicht im Schattens des Zweiges bleibt, der ist verloren in der Wüste des Irrtums«. In derselben Stadt spielte Er auf Ihn an - in einem Sendbrief an Hájí Muhammad Ibráhím-i-Khalíl - als den einzigen unter Seinen Söhnen, »von dessen Zunge Gott die Zeichen Seiner Kraft ausströmen läßt« und den »Gott ausdrücklich für Seine Sache auserwählt« habe. Ihm hatte später der Autor des Kitáb-i-Aqdas in einem berühmten Abschnitt, der hernach im »Buch Meines Bundes« erläutert wird, die Aufgabe zugewiesen, Seine Heilige Schrift auszulegen, und bezeichnet Ihn gleichzeitig als Den, »den Gott bestimmt hat, der aus dieser Urewigen Wurzel kam«. In einem Sendbrief aus derselben Zeit an Mírzá Muhammad Qulíy-i-Sabzivárí verweist Er auf Ihn als die »Meeresbucht, Teil des Meeres, das alles Erschaffene umfaßt«, und gebietet Seinen Anhängern, Ihm das Angesicht zuzuwenden. Ihn pries anläßlich Seines Besuches in Beirut Sein Vater in einem dem Sekretär diktierten Brief mit glühenden Worten und verherrlicht Ihn als Den, »den alle Namen umkreisen«, »den Mächtigsten Zweig Gottes« und »Sein urewiges, unwandelbares Geheimnis«. Ihn spricht Bahá'u'lláh in verschiedenen von eigener Hand geschriebenen Tablets persönlich an mit »Mein Augapfel«, und Er spricht von Ihm als einem »Schild für alle im Himmel und auf Erden«, als einem »Schutz für die ganze Menschheit« und als einer »Feste für jeden, der an Gott glaubt«. In einem Gebet, das Er Ihm zu Ehren offenbarte, fleht Sein Vater für Ihn, Gott möge »Ihn siegreich machen« und »Ihm und allen, die Ihn lieben«, alles gewähren, was der Allmächtige für Seine »Boten« und die »Treuhänder« Seiner Offenbarung bestimmt hat. Und schließlich sind noch in einem anderen Sendbrief die inhaltsschweren Worte überliefert: »Die Herrlichkeit Gottes ruhe auf Dir und auf jedem, der Dir dient und um Dich ist. Wehe, großes Wehe dem, der sich Dir widersetzt und Dich beleidigt. Wohl dem, der Dir Treue schwört; Feuer der Höllenqual dem, der Dein Feind ist.«

¹ Tafel vom Zweig ² das Mysterium Gottes


+14:12

Als Krönung all der unschätzbaren Ehren, Vorrechte und Wohltaten, die Ihm in steigender Fülle während der vierzig Jahre des Wirkens Seines Vaters in Baghdád, Adrianopel und Akká zuteil wurden, erhob Ihn Bahá'u'lláh nun zum hohen Amt des Mittelpunkts Seines Bundes und zum Nachfolger der Manifestation Gottes, eine Stellung, die Ihm die Kraft gab, außerordentlichen Schwung in die weltweite Verbreitung der Religion Seines Vaters zu bringen, ihre Lehre auszubauen, alle Schranken niederzureißen, die sich ihrem Fortschritt hemmend in den Weg stellen könnten, und ihre Verwaltungsordnung ins Leben zu rufen sowie diese in ihren Grundlinien zu umreißen, dies Kind des Bundes und Vorbote einer Weltordnung, deren Bau den Anbruch des Goldenen Zeitalters der Bahá'í-Sendung kennzeichnen wird.





Kapitel 15
Die Auflehnung Mírzá Muhammad-Alís

+15:1

Bahá'u'lláhs Hinscheiden stürzte Seine Anhänger und Gefährten, wie schon gesagt, in große Trauer, vermittelte aber Seinen wachsamen, schrecklichen Feinden neue Hoffnung und frische Tatkraft. Zu einer Zeit, da der übel verleumdete Glaube eben siegreich aus den beiden schwersten Krisen seines Bestehens - die eine von äußeren Feinden, die andere aus den eigenen Reihen bewirkt - hervorgegangen war, da er in so hohem Ansehen stand wie nie zuvor in den fünfzig Jahren seiner Existenz, war die sichere Hand, die von Anfang an sein Geschick formte, plötzlich weit entfernt und hinterließ eine Lücke, die, wie Freund und Feind gleichermaßen glaubten, nie mehr zu füllen war.

+15:2

Doch wie der ernannte Mittelpunkt Seines Bundes und autorisierte Interpret der Lehren Bahá'u'lláhs später erläuterte, bedeutet die Auflösung der irdischen Hülle, die die Seele der Manifestation Gottes eine Zeitlang zu ihrem Wohnsitz erkoren, ihre Befreiung aus den Schranken, die das irdische Leben ihr zwangsläufig gesetzt hatte. Nun war ihre Wirksamkeit nicht mehr durch physische Grenzen beschränkt, ihr Glanz nicht mehr von ihrem irdischen Tempel verhüllt, die Seele konnte jetzt die ganze Welt derart mit ihrer Kraft erfüllen wie noch nie seit ihrer Existenz auf diesem Planeten.

+15:3

Überdies war Bahá'u'lláhs gewaltige Aufgabe auf dieser Erde zur Zeit Seines Hinscheidens vollbracht. Seine Sendung war alles andere als ergebnislos, sie war in jeder Hinsicht erfüllt. Die Botschaft, die Ihm anvertraut war, stand offen vor aller Augen. Die Aufrufe an die Führer und Herrscher der Menschheit, die Ihm aufgetragen waren, hatte Er furchtlos verkündet. Die Lehren, die das Leben der Menschheit erneuern, sie von ihrer Krankheit heilen und aus Knechtschaft und Erniedrigung befreien sollen, waren fest begründet. Die Hochflut der Leiden, die Seines Glaubens Kräfte stärken und läutern sollten, war mit ungehemmter Wucht über ihn hinweggebraust. Das Blut, das den Boden fruchtbar machen sollte, aus dem die Institutionen Seiner Weltordnung hervorgehen würden, war in Strömen geflossen. Und vor allem war der Bund, der die Wirksamkeit des Glaubens fortführen, seine Unverletzbarkeit gewährleisten, ihn vor Spaltung bewahren und seine weltweite Ausdehnung fördern sollte, auf eine unanfechtbare Basis gestellt.

+15:4

Seine über alle Träume und Hoffnungen der Menschen kostbare Sache, die eine so unschätzbare Perle in sich barg, wie die Welt sie seit Menschengedenken herbeisehnte, die sich nun gewaltigen, unvorstellbar schwierigen und dringlichen Aufgaben gegenüber sah, war ohne Zweifel in sicheren Händen. Sein eigener geliebter Sohn, Sein Augapfel, Sein Stellvertreter auf Erden, der Erbe Seiner Autorität, der Angelpunkt Seines Bundes, der Hirte Seiner Herde, das Beispiel Seines Glaubens, das Ebenbild Seiner Vollkommenheiten, das Geheimnis Seiner Offenbarung, der Vermittler Seines Geistes, der Baumeister Seiner Weltordnung, das Sinnbild Seines Größten Friedens, der Brennpunkt Seiner sicheren Führung - mit einem Wort, der Träger eines Amtes, das auf dem gesamten Gebiet der Religionsgeschichte nicht seinesgleichen hat, wachte über Seine Sache, war auf der Hut und furchtlos darauf bedacht, ihre Grenzen zu erweitern, ihren Ruhm zu verbreiten, ihre Interessen zu wahren und ihren Zweck zu erfüllen.

+15:5

Die bewegende Verkündigung Abdu'l-Bahás an die Gesamtheit der Anhänger Seines Vaters, die Er am Morgen des Hinscheidens Bahá'u'lláhs niederschrieb, und die Prophezeiungen, die Er in Seinen Sendbriefen machte, atmen eine Entschlossenheit und Zuversicht, die durch die Früchte und die Erfolge Seines dreißigjährigen Wirkens vollauf gerechtfertigt sind.

+15:6

Die Wolke der Verzagtheit, die sich vorübergehend auf die untröstlichen Freunde der Sache Bahá'u'lláhs gesenkt hatte, hob sich wieder. Die Fortdauer der unfehlbare Führung, die den Glauben seit Anbeginn bewahrte, war jetzt gesichert. Es wurde klar, was die feierliche Versicherung bedeutete, daß dies »der Tag« sei, »dem keine Nacht folgt«. Die verwaiste Gemeinde erkannte in der Stunde ihrer größten Not in Abdu'l-Bahá ihren Trost, ihren Führer, ihren Beistand und Verteidiger. Das Licht, das mit blendendem Glanz im Herzen Asiens aufleuchtete, sich noch zu Lebzeiten Bahá'u'lláhs über den Nahen Osten verbreitete und die Ränder des europäischen und afrikanischen Kontinents erhellte, sollte nun dank der Triebkraft des neu verkündeten Bundes fast unmittelbar nach dem Tod seines Stifters weit nach Westen bis zum nordamerikanischen Kontinent, von dort in die europäischen Länder vordringen und anschließend den Fernen Osten, Australien und Ozeanien erleuchten.

+15:7

Bevor aber der Glaube sein Banner im Herzen des nordamerikanischen Kontinents aufrichten und von dort aus in weiten Teilen der westlichen Welt Fuß fassen konnte, mußte der neu begründete Bund Bahá'u'lláhs genau wie zuvor die Religion, aus der er entsprungen war, eine Feuertaufe bestehen, die seine Festigkeit der ungläubigen Welt vor Augen führen und von seiner Unzerstörbarkeit künden sollte. Eine Krise, fast so bedrohlich wie die ganz am Anfang in Baghdád über den Glauben hereingebrochene, sollte diesen Bund gleich zu Beginn in seinen Grundfesten erschüttern. Dadurch wurde aufs neue die heilige Sache, deren edelste Frucht dieser Bund war, einer der härtesten Prüfungen unterworfen, die sie in diesem Jahrhundert zu bestehen hatte.

+15:8

Diese als Schisma mißverstandene Krise, die politische wie geistliche Gegner und der verschwindende Rest des Anhangs Mírzá Yahyás als Signal für den unmittelbar bevorstehenden Bruch und die endliche Auflösung des von Bahá'u'lláh errichteten Systems begrüßten, bahnte sich mitten im Herzen und Zentrum Seines Glaubens an, von keinem Geringeren als einem Glied Seiner Familie ausgelöst, einen Halbbruder Abdu'l-Bahás, der im Buch des Bundes besonders genannt wird und an zweiter Stelle steht nach Dem, der zum Mittelpunkt des Bundes bestimmt wurde. Dieser Notstand erhitzte vier volle Jahre lang im ganzen Orient die Gemüter eines Großteils der Gläubigen, verfinsterte eine Zeitlang auch das Gestirn des Bundes, führte zu einem unheilbaren Bruch in den Reihen der Verwandtschaft Bahá'u'lláhs, besiegelte damit das Schicksal der großen Mehrzahl Seiner Familienmitglieder und schädigte das Ansehen des Glaubens sehr, wenn es auch nicht gelang, sein Gefüge auf Dauer zu spalten. Die eigentliche Ursache für das Entstehen der Krise lag in brennender, hemmungsloser, verzehrender Eifersucht, von der nicht nur Mírzá Muhammad-Alí, der Hauptverletzer des Bundes, sondern auch einige seiner nächsten Verwandten erfüllt waren - Eifersucht auf den Vorrang, den Abdu'l-Bahá anerkanntermaßen durch Stellung, Einfluß, Fähigkeiten, Wissen und Tüchtigkeit vor allen andern Familienmitgliedern hatte. Ein Neid, wie er Mírzá Yahyás Seele zernagte, ebenso tödlich wie er in den Herzen der Brüder Josefs brannte, die sich über dessen großen Vorzüge ärgerten, ebenso tief wie der in Kains Brust schwelende, der ihn seinen Bruder Abel erschlagen ließ, ebenso blinder Neid schwelte schon Jahre vor Bahá'u'lláhs Tod verborgen im Herzen Mírzá Muhammad-Alís, insgeheim geschürt durch die zahllosen Beweise der Auszeichnung, der Wertschätzung und Gunst, die Abdu'l-Bahá nicht nur von seiten Bahá'u'lláhs, Seiner Gefährten und Anhänger erfuhr, sondern Ihm auch von zahlreichen Nichtgläubigen zuströmten, die der angeborenen Größe innewurden, die Abdu'l-Bahá schon von Kindheit an besaß.

+15:9

Mírzá Muhammad-Alí war keineswegs zufrieden, daß er im Testament zum zweithöchsten Rang unter den Gläubigen erhoben worden war, das Feuer des unstillbaren Hasses brannte im Gegenteil nur noch stärker in seinem Herzen, als ihm zum Bewußtsein kam, welche Folgen dieses Dokument hatte. Alles, was Abdu'l-Bahá während vier notvoller Jahre tun konnte, Seine fortgesetzten Schlichtungsversuche, Seine ernsten Bitten, alle Liebe und Güte, mit der Er Mírzá Muhammad-Alí überschüttete, alle Ermahnungen und Warnungen, ja selbst Sein Angebot des freiwilligen Rücktritts, um den drohenden Sturm zu verhüten, erwiesen sich als nutzlos. Diesem »Größten Aufwiegler« gelang es allmählich, durch unnachgiebige Beharrlichkeit, mit Lügen, Halbwahrheiten, Verleumdungen und maßlosen Übertreibungen fast die ganze Familie Bahá'u'lláhs und eine beträchtliche Anzahl von Gläubigen aus seinem engeren Bekanntenkreis auf seine Seite zu ziehen. Die beiden überlebenden Frauen Bahá'u'lláhs, Seine beiden Söhne, der wankelmütige Mírzá Díyá'u'lláh und der treulose Mírzá Badí'u'lláh mit ihrer Schwester und Halbschwester und deren Gatten, von denen der eine, Siyyid Alí, ein Verwandter des Báb, der andere der verschlagene Mírzá Majdi'd-Dín war, dessen Schwester und Halbbrüder - die Kinder des edlen, gläubigen, nun verstorbenen Áqáy-i-Kalím - sie alle vereinigten sich in dem entschlossenen Bestreben, die Grundlagen des Bundes, die das unlängst verkündete Testament gelegt hatte, zu zerstören. Selbst Mírzá Áqá Ján, der vierzig Jahre lang als Sekretär Bahá'u'lláhs gewirkt hatte, und Muhammad-Javád-i-Qazvíní, der seit den Tagen in Adrianopel damit beschäftigt war, die unzähligen Schriften, die die Erhabene Feder offenbarte, abzuschreiben, sowie seine ganze Familie machten mit den Bundesbrüchigen gemeinsame Sache und ließen sich in ihre Machenschaften hineinziehen.

+15:10

Verlassen, verraten und von fast Seiner gesamten Verwandtschaft angegriffen, die sich im Landhaus und den Häusern um das heiligste Grab breitmachte, ganz auf sich gestellt stand Abdu'l-Bahá nun da, alleingelassen von Seiner heimgegangenen Mutter und Seinen verstorbenen Söhnen, ohne jegliche Unterstützung bis auf eine unverheiratete Schwester, Seine vier unverheirateten Töchter, Seine Frau und Seinen Onkel, einen Halbbruder Bahá'u'lláhs, mußte Er nun angesichts einer Menge von Feinden, die sich von innen und von außen Ihm entgegenstellten, die Last der schrecklichen Verantwortung tragen, die Sein erhabenes Amt Ihm auferlegte.

+15:11

Eng verstrickt durch ihr gemeinsames Ziel, unermüdlich wühlend, im Hinterhalt den mächtigen, perfiden Jamál-i-Burújirdí und seine Konjunkturritter Hájí Husayn-i-Káshí, Khalíl-i-Khu'í und Jalíl-i-Tabrízí, die für die Feindpartei eintraten, verbunden durch ausgedehnten Briefverkehr mit allen Zentren und Personen, die sie erreichen konnten, unterstützt in ihren Bestrebungen durch Sendlinge, die sie nach Persien, dem 'Iráq, Indien und Ägypten schickten, und erkühnt durch die Haltung gewisser Beamter, die sie bestachen oder irreführten, standen nun alle, die diesen göttlich gestiftete Bund ablehnten, wie ein Mann auf und eröffneten einen Beleidigungs- und Verleumdungsfeldzug gegen Ihn, der an Bosheit nicht hinter dem zurückstand, den Mírzá Yahyá und Siyyid Muhammad mit ihren niederträchtigen Anwürfen gegen Bahá'u'lláh geführt hatten. Wo sie nur konnten, bei Freunden und Fremden, Gläubigen und Nichtgläubigen, hohen und kleinen Beamten, in Wort und Schrift, teils offen, teils in Andeutungen, stellten sie Abdu'l-Bahá als einen ehrgeizigen, eigenwilligen, prinzipien- und schamlosen Thronräuber hin, der bewußt die testamentarischen Verfügungen Seines Vaters mißachte, der sich in absichtlich verhüllter, vieldeutiger Sprache eine Stellung anmaße, die derjenigen der Manifestation gleichkomme, der in Seiner Korrespondenz mit dem Westen im Begriff sei, sich als den wiedergekommenen Christus hinzustellen, den Gottessohn, wiedergekommen »in der Herrlichkeit des Vaters«, der in Seinen Briefen an die indischen Gläubigen sich als den verheißenen Sháh Bahrám bezeichne und sich das Recht anmaße, die Schriften Seines Vaters auszulegen, eine neue Sendung einzuleiten und gleich Ihm die größte Unfehlbarkeit - ausschließliches Vorrecht der Träger des Prophetenamtes - zu besitzen. Sie behaupteten ferner, Er habe aus Eigennutz Zwietracht gesät, Feindschaft gestiftet und die Waffe der Exkommunikation geschwungen; Er habe dem Testament, das, wie sie behaupteten, in erster Linie die privaten Angelegenheiten der Familie Bahá'u'lláhs betreffe, einen ganz anderen Sinn unterstellt, indem Er es als einen Bund von weltweiter Bedeutung, seit Ewigkeit bestehend, einzigartig und ohnegleichen in der Geschichte sämtlicher Religionen, hinstellte; Er habe Seine Brüder und Schwestern um ihr rechtmäßiges Erbteil gebracht und es an Beamte ausgegeben für Seine eigenen Interessen; Er habe sämtliche Einladungen zu einer Aussprache über die strittigen Fragen, um die bestehenden Schwierigkeiten beizulegen, abgelehnt; Er habe neuerdings die Heilige Schrift gefälscht, von Ihm selbst verfaßte Texte eingeschoben und den Sinn einiger der wichtigsten Schreiben aus der Feder Seines Vaters entstellt; schließlich sei Sein Verhalten daran schuld, daß die Fahne des Aufruhrs unter den Gläubigen im Orient gehißt worden und die Schar der Getreuen gespalten, in raschem Niedergang begriffen und dem Untergang geweiht sei.

+15:12

Und doch betrachtete sich dieser Mírzá Muhammad-Alí selbst als das Musterbeispiel der Treue, den Bannerträger der »Unitarier«, den »Finger, der auf den Meister hinweist«, den Streiter für die heilige Familie, den Sprecher der Aghsán, den Erhalter der Heiligen Schrift; doch hatte er zu Lebzeiten Bahá'u'lláhs schamlos in einem eigenhändig geschriebenen und versiegelten Schriftstück, das er nun zu Unrecht Abdu'l-Bahá in die Schuhe schob, die Behauptung aufstellte, sein Vater hätte ihn mit eigener Hand gezüchtigt. Er hatte auch in Texte heiliger Schriften, mit denen er nach Indien geschickt worden war, um sie zu veröffentlichen, hineingepfuscht. Er besaß die unverfrorene Dreistigkeit, Abdu'l-Bahá ins Gesicht zu sagen, daß er sich zur gleichen Tat fähig fühle wie 'Umar, der erfolgreich die Nachfolge des Propheten Muhammad usurpierte. Er war besessen von der Angst, daß er Abdu'l-Bahá nicht überleben könnte, und als Abdu'l-Bahá ihm einmal versicherte, daß ihm dereinst all die Ehre, nach der ihn so sehr verlange, zufallen solle, erwiderte er prompt, daß er ja keine Garantie dafür habe, Ihn zu überleben. Wie Mírzá Badí'u'lláh in einem Bekenntnis schreibt, das er als Ausdruck seiner Reue und seiner allerdings nur kurz währenden Versöhnung mit Abdu'l-Bahá verfaßt und veröffentlicht hat, war er es auch, der die beiden Mappen mit den kostbarsten Dokumenten seines Vaters, die dieser vor Seinem Tode Abdu'l-Bahá anvertraut hatte, durch eine List, während Bahá'u'lláhs Leib der Bestattung harrte, beiseite schaffte. Ferner brachte er es fertig, mit der außerordentlich geschickten, einfachen Fälschung eines Wortes und anderen Kniffen wie Kürzungen und Einschiebseln einige Mírzá Yahyá brandmarkende Textstellen in Sendbriefen der Erhabenen Feder so zu drehen, daß sie auf seinen leidenschaftlich gehaßten Bruder bezogen werden konnten. Und schließlich trachtete Mírzá Muhammad-Alí Abdu'l-Bahá, wie Dessen Testament bestätigt und Andeutungen in einem im Original dem Dokument Abdu'l-Bahás beigefügten Brief von der Hand Shú'á'u'lláhs, des Sohnes Mírzá Muhammad-Alís, schließen lassen, mit Umsicht und Arglist nach dem Leben.

+15:13

Durch solche und andere Machenschaften - sie sind nicht zu zählen - war Bahá'u'lláhs Bund sichtlich verletzt. Damit traf den Glauben ein weiterer, zunächst betäubender Schlag, der für kurze Zeit sein Gefüge ins Wanken brachte. Der vom Verfasser der Apokalypse vorausgeschaute Sturm war ausgebrochen. Die »Blitze« und »Donner«, das »Erdbeben«, alles Begleiterscheinungen der Enthüllung der »Arche Seines Testaments«, waren eingetroffen.

+15:14

Abdu'l-Bahás Kummer über diese unheilvolle Entwicklung so kurz nach dem Hinscheiden Seines Vaters hinterließ seine Spuren bis ans Ende Seiner Tage, trotz der reiche Triumphe im Verlaufe Seines Amtes. Seine heftige seelische Erschütterung in dieser düsteren Zeit erinnert an das grauenhafte, von Mírzá Yahyás Auflehnung ausgelöste Geschehen und seine Wirkung auf Bahá'u'lláh. So schrieb Er einmal in einem Sendbrief: »Ich schwöre bei der Altehrwürdigen Schönheit! Mein Kummer ist so groß, daß die Feder in meinen Fingern gelähmt ist.« Und in einem Gebet, das Er in Seinem Testament anführt, klagt Er: »Du siehst mich versunken in einem Meer voll Unheil, das die Seele überflutet, in einem Meer von Leiden, die das Herz bedrücken... Schwere Prüfungen umgeben mich von allen Seiten, Gefahren bedrängen mich allenthalben. Du siehst mich versunken in einem Meere beispielloser Trübsal, hinabgerissen in einen bodenlosen Abgrund, gepeinigt von meinen Feinden, verzehrt von ihres Hasses Flamme, die angefacht ward durch meine eigenen Verwandten, mit denen Du Deinen starken Bund und Dein festes Testament machtest...« Und wiederum im selben Testament: »Herr! Du siehst alle Dinge Tränen über mich vergießen, während meine Verwandten sich an meinen Leiden weiden. Bei Deiner Herrlichkeit, o mein Gott! Selbst unter meinen Feinden beklagten etliche meine Not und Pein, und eine Reihe meiner Neider beweinte meine Sorgen, meine Verbannung und mein Leid.« In einer Seiner letzten Schriften ruft Er: »O Du Herrlichkeit der Herrlichkeiten! Ich habe der Welt und den Menschen entsagt. Mein Herz ist gebrochen und tief betrübt um der Ungetreuen willen. Wie ein geängstigter Vogel flattere ich im Käfig dieser Erde und sehne mich Tag für Tag, meinen Flug zu Deinem Königreich zu nehmen.«

+15:15

Bahá'u'lláh hatte in einer Seiner Schriften offenbart - ein Sendbrief, der auf die ganze Episode bezeichnendes Licht wirft: »Bei Gott, o Menschen! Mein Auge weint und das Auge Alís (des Báb) bei den himmlischen Heerscharen weint, Mein Herz schreit und das Herz Muhammads im herrlichsten Heiligtum schreit, Meine Seele ruft und die Seelen der Propheten rufen vor den mit Einsicht Begabten... Ich sorge Mich nicht um Mich, sondern um Den, der nach Mir kommt im Schatten Meiner Sache, mit sichtbarer, unzweifelhafter Herrschaft; denn sie werden Sein Auftreten nicht willkommen heißen; sie werden Seine Zeichen zurückweisen, Seine Souveränität anzweifeln, wider Ihn streiten und Seine Sache verraten...« In einem anderen, nicht weniger bedeutsamen Schreiben bemerkt Er: »Kann noch irgendein Fuß straucheln auf Deinem geraden Pfad, nachdem die Sonne Deines Testaments am Horizont Deiner Größten Tafel aufging? Darauf antworteten Wir: `O Meine erhabenste Feder! Dir ziemt es, Dich um das zu kümmern, was Gott, der Erhabene, der Große, Dir auftrug. Frage nicht nach dem, was Dein Herz verzehrt und die Herzen der Bewohner des Paradieses, die sich um Meine wundersame Sache scharen. Es ziemt Dir nicht, um Dinge zu wissen, die Wir vor Dir verhüllt haben. Dein Herr ist wahrlich der Verbergende, der Allwissende!`« Noch deutlicher drückt sich Bahá'u'lláh in bezug auf Mírzá Muhammad Alí aus und stellt in klarer, unmißverständlicher Sprache fest: »Er ist wahrlich nur einer Meiner Diener... Und wenn er auch nur für einen Augenblick aus dem Schatten der Sache herausträte, würde er gewiß zunichte.« Ferner schreibt Er in nicht minder eindringlicher Sprache von Mírzá Muhammad-Alí: »Bei Gott, dem Wahren! Wenn Wir ihm auch nur für einen einzigen Augenblick die Regenschauer Unserer Sache vorenthielten, welkte er dahin und fiele in den Staub.« Abdu'l-Bahá hat einmal gesagt: »Es gibt keinen Zweifel, daß an tausend Stellen der heiligen Schriften Bahá'u'lláhs die Bundesbrüchigen verflucht werden.« Einige dieser Texte stellte Er zusammen und nahm sie, ehe Er aus dieser Welt schied, in eine Seiner letzten Schriften auf, als Warnung und zum Schutz vor denen, die während der Zeit Seines Wirkens soviel unversöhnlichen Haß gegen Ihn an den Tag gelegt und das Fundament des Bundes, auf dem nicht nur Seine Amtsgewalt, sondern auch die Unverletzlichkeit des Glaubens beruhte, fast zerstört hätten.





Kapitel 16
Der Aufstieg des Glaubens im Westen

+16:1

Obgleich die Auflehnung Mírzá Muhammad-Alís viele düstere und enttäuschende Ereignisse mit sich brachte und ihre schlimmen Folgen noch jahrelang das Licht des Bundes verdunkelten, das Leben seines ernannten Mittelpunkts bedrohten, seine Verfechter ablenkten und den Fortschritt ihrer Tätigkeiten in Ost und West behinderten, erwies es sich, daß die ganze Episode, recht besehen, nichts weiter war als eine der periodisch wiederkehrenden Krisen, wie sie seit Beginn des Bahá'í-Glaubens während des ganzen Jahrhunderts immer wieder nützlich waren, um ihn von schädlichen Elementen zu säubern, seine Grundlagen zu festigen, seine Beständigkeit zu beweisen und um ein nur noch größeres Maß seiner verhaltenen Kräfte freizusetzen.

+16:2

Nun, da ein göttlich gestifteter Bund mit seinen Vorkehrungen unanfechtbar verkündet, der Sinn und Zweck dieses Bundes klar erfaßt und seine Grundlagen in den Herzen der weitaus meisten Glaubensanhänger fest verankert waren, da die ersten Angriffe seiner Möchtegern-Umstürzler erfolgreich abgewehrt waren, konnte die Sache, für die der Bund bestimmt war, den Kurs steuern, den ihr die Hand ihres Stifters gewiesen hatte. Strahlende Heldentaten und unvergeßliche Siege hatten bereits die Geburt dieser Religion angekündigt und ihren Aufstieg in verschiedenen Ländern des asiatischen Kontinents und insbesondere im Heimatland ihres Stifters begleitet. Die Aufgabe, die sich ihr nun ernannter Führer, Sachwalters ihrer Herrlichkeit und Verbreiter ihres Lichts, selbst stellte, war, das Ihm anvertraute unversehrbare Erbe zu mehren und seinen Wirkungsbereich dadurch auszuweiten, daß Er das Licht der Religion Seines Vaters über den Westen verbreitete, die Grundlehren und wesentlichen Prinzipien des Glaubens erläuterte, die bereits laufenden Unternehmungen zu seinem Fortschritt in feste Bahnen lenkte und schließlich durch die Vorkehrungen Seines eigenen Testaments den Gestaltenden Zeitabschnitt seiner Entwicklung einleitete.

+16:3

Im Jahr nach Bahá'u'lláhs Hinscheiden hatte Abdu'l-Bahá in einer Verszeile, die die Verletzer des Bundes mit Hohn quittiert hatten, auf ein glückliches Ereignis angespielt, das die Nachwelt als einen der größten Triumphe Seines Amtes betrachten werde, ein Ereignis, das schließlich unschätzbare Segnungen über die westliche Welt bringen und binnen kurzem den Kummer und die Sorgen Seiner Exilgefährten in Akká zerstreuen werde. Die große Republik im Westen wurde ausgezeichnet, vor allen anderen Ländern des Abendlandes als erste Gottes unschätzbaren Segen zu empfangen und der Hauptmittler bei seiner Weitergabe an viele Bruderländer auf den fünf Kontinenten der Erde zu werden.

+16:4

Die große Bedeutung einer derartigen Entwicklung für Bahá'u'lláhs Religion kann gar nicht überschätzt werden: die Einführung Seiner Lehre auf dem nordamerikanischen Kontinent zu einer Zeit, da Abdu'l-Bahá eben Sein Amt antrat und noch die schwerste Krise durchlitt, die Er je zu bestehen hatte. Schon in dem Jahr, da der Glaube in Shíráz seinen Anfang nahm, hatte der Báb im Qayyúmu'l-Asmá', nachdem Er in einem denkwürdigen Abschnitt die Völker im Osten und Westen gewarnt hatte, direkt die »Völker des Westens« angesprochen und sie ausdrücklich aufgefordert, »aus ihren Städten herauszukommen«, um Gott beizustehen und in Seiner »einen, unteilbaren Religion wie Brüder« zu werden. Bahá'u'lláh schrieb im Vorausblick auf diese Entwicklung: »Im Osten ist das Licht Seiner Offenbarung angebrochen, im Westen erscheinen die Zeichen Seiner Herrschaft.« Und Er sagt ferner: »Wenn sie versuchten, ihr Licht auf dem Festland zu verbergen, würde es unweigerlich mitten im Ozean auflodern und laut verkünden: `Ich bin der Lebenspender der Welt!`« Kurz vor Seinem Hinscheiden sagte Er, wie Nabíl berichtet: »Wäre diese Sache im Westen offenbart worden und Unsere Verse aus dem Westen nach Persien und anderen östlichen Ländern gelangt, dann hätte man gesehen, wie die Völker des Abendlandes Unsere Sache aufgegriffen hätten. Das Volk Persiens aber hat sie nicht gewürdigt.« Abdu'l-Bahá sagte hierzu: »Von Anbeginn der Zeit bis zum heutigen Tag ging das Licht der Gottesoffenbarung immer im Osten auf und schickte seine Strahlen in den Westen. Aber das so verbreitete Licht gewann im Westen einen ganz besonderen Glanz. Denke an die von Jesus verkündete Religion. Sie trat zwar zuerst im Osten auf, aber erst als sich ihr Licht im Westen verbreitete, trat das volle Maß ihrer Möglichkeiten zutage.« »Der Tag ist nahe«, betont Er, »da ihr erleben werdet, wie durch den Glanz der Religion Bahá'u'lláhs der Westen an die Stelle des Ostens tritt und das Licht der göttlichen Führung ausstrahlt.« Und abermals: »Der Westen empfing sein Licht vom Osten; doch in mancher Hinsicht war die Widerspiegelung des Lichtes im Abendland stärker.« Und: »Der Osten ward wahrlich vom Licht des Gottesreichs erleuchtet. Binnen kurzem wird dasselbe Licht den Westen noch viel stärker erleuchten.«

+16:5

Besonders den Herrschern des amerikanischen Kontinents erwies der Autor der Bahá'í-Offenbarung die einzigartige Ehre, sie alle im Kitáb-i-Aqdas, Seinem Heiligsten Buch, anzusprechen. Er ermahnt sie eindringlich, »den Tempel der Herrschaft« mit der »Zier der Gerechtigkeit und der Gottesfurcht und ihr Haupt mit der Krone des Gedenkens ihres Herrn« zu schmücken. Er fordert sie auf, »den Gebrochenen mit den Händen der Gerechtigkeit aufzurichten« und »den Unterdrücker ... mit der Rute der Gebote« ihres »Herrn, des Gebieters, des Allweisen«, zu »zermalmen«. »Der amerikanische Kontinent«, schrieb Abdu'l-Bahá, »ist in den Augen des einen wahren Gottes das Land, in dem der Glanz Seines Lichtes offenbart und die Geheimnisse Seiner Religion enthüllt werden, wo die Gerechten wohnen und die Freien sich versammeln.« »Der amerikanische Kontinent«, schreibt Er ferner, »zeigt Beweise großer Fortschrittlichkeit. Seine Zukunft ist vielversprechend, denn sein Einfluß und sein Glanz reichen weit. Er wird alle Nationen geistig anführen.«

+16:6

Abdu'l-Bahá zeichnet die große Republik des Westens, die führende Nation des amerikanischen Kontinents, ganz besonders aus mit Seiner Gunst und sagt von ihr: »Das amerikanische Volk ist wirklich wert, als erstes das Heiligtum des Größten Friedens zu bauen und die Einheit der Menschheit zu verkünden.« Und wiederum: »Die amerikanische Nation besitzt die Fähigkeit und die Kraft, zu vollbringen, was zum Ruhmesblatt in der Geschichte wird; die ganze Welt wird sie beneiden und für die Erfolge ihres Volkes wird man sie in Ost und West segnen.« Ferner sagt Er: »Möge die amerikanische Demokratie die erste Nation sein, die den Grund zur internationalen Verständigung legt! Möge sie die erste Nation sein, die die Einheit der Menschheit verkündet! Möge sie als erste das Banner des Größten Friedens entfalten!« »Mögen sich die Bewohner dieses Landes«, schreibt Er ferner, »über das heute materiell Erreichte erheben und solche geistigen Höhen erklimmen, daß himmlische Erleuchtung von diesem Zentrum über alle Völker der Welt strömt!«

+16:7

»O ihr Apostel Bahá'u'lláhs!« redete Abdu'l-Bahá die Gläubigen auf dem nordamerikanischen Kontinent an, »...bedenkt, welch hohe, erhabene Stufe euch bestimmt ist... Noch ist das volle Maß eures Erfolges verborgen und seine Bedeutung noch unbekannt.« Und wiederum: »Eure Aufgabe ist unaussprechlich herrlich. Wenn euer Tun von Erfolg gekrönt ist, wird sich Amerika gewiß zu einem Zentrum entwickeln, von dem Ströme geistiger Kraft ausgehen, und der Thron des Reichs Gottes wird in all seiner Majestät und Herrlichkeit errichtet werden.« Und schließlich gibt Er die erregende Versicherung: »In dem Augenblick, da die amerikanischen Gläubigen die göttliche Botschaft über die Grenzen Amerikas hinaustragen und in Europa, Asien, Afrika, Australien und Ozeanien und auf den Pazifischen Inseln verkündigen, wird sich diese Gemeinde auf den Thron ewiger Herrschaft erhoben sehen... Dann wird die ganze Erde vom Lobpreis ihrer Majestät und Größe widerhallen.«

+16:8

Kein Wunder, daß eine Gemeinde, die einer so reich gesegneten Nation angehört, einer Nation in so hervorragender Stellung in einem überreich ausgestatteten Kontinent, es fertig brachte, den Annalen des Glaubens Bahá'u'lláhs im Verlauf ihres fünfzigjährigen Bestehens so manche Seite voll vieler Erfolge hinzuzufügen. Nicht zu vergessen, daß diese Gemeinde von dem Augenblick an, da sie durch die von der Verkündigung des Bundes Bahá'u'lláhs ausgelösten schöpferischen Kräfte ins Leben gerufen wurde, in Abdu'l-Bahás ganz besonderer Fürsorge stand und von Ihm erzogen wurde, ihre einzigartige Aufgabe zu erfüllen - von Ihm erzogen durch zahllose Sendbriefe, Weisungen, die Er zurückkehrenden Pilgern mitgab, durch besondere Boten, später durch Seine Reisen quer über den nordamerikanischen Kontinent, durch den besonderen Nachdruck, den Er während dieser Reisen auf das Statut des Bundes legte, und schließlich durch Seinen Auftrag, wie er in den Sendschreiben zum göttlichen Plan niedergelegt ist. Von ihrem ersten Anfang bis zum heutigen Tag war diese Gemeinde unermüdlich bestrebt und konnte ganz aus eigener Kraft das Banner Bahá'u'lláhs in einem Großteil der sechzig Länder hissen, die heute in Ost und West die Ehre haben, zum Gebiet Seines Glaubens zu gehören. Dieser Gemeinde gebührt die Auszeichnung, das Modell für die administrativen Einrichtungen, die die kommende Weltordnung Bahá'u'lláhs ankündigen, entwickelt und ihr Gerüst errichtet zu haben. Ihren Bemühungen ist es auch zu verdanken, daß im Herzen Nordamerikas der Muttertempel des Westens errichtet wurde, der Herold dieser künftigen Ordnung, eine der edelsten der im Kitáb-i-Aqdas niedergelegten Einrichtungen und das stattlichste Gebäude der ganzen Bahá'í-Welt. Durch die hingebungsvolle Arbeit ihrer Pioniere, Lehrer und Organisatoren wurde das Schrifttum der Bahá'í-Religion weit verbreitet, wurden ihre Ziele und Vorhaben furchtlos verteidigt und ihre jungen Institutionen fest verankert. Eine unmittelbare Folge des selbständigen, unermüdlichen Wirkens der hervorragendsten ihrer Reiselehrer war auch das spontane Bekenntnis aus königlichem Hause zum Glauben Bahá'u'lláhs, das die königliche Anhängerin unmißverständlich in verschiedenen schriftlichen Zeugnissen der Nachwelt übergab. Und schließlich gebührt den Mitgliedern dieser Gemeinde, diesen geistigen Nachfahren der frühen Helden des Heroischen Zeitalters der Bahá'í-Sendung, die unvergängliche Ehre, bei vielen Gelegenheiten mit bewundernswertem Eifer begeistert und entschlossen die Sache der Unterdrückten verfochten, den Armen geholfen und sich für Bauvorhaben und Institutionen eingesetzt zu haben, die ihre Glaubensbrüder in Ländern wie in Persien, Rußland, Ägypten, 'Iráq und Deutschland errichteten - Länder, in denen die Anhänger des Glaubens in unterschiedlichem Maße rassischen und religiösen Verfolgungen ausgesetzt waren.

+16:9

Merkwürdig, daß in diesem vor all seinen westlichen Nachbarländern mit einer so einzigartigen Aufgabe betrauten Land der erste öffentliche Hinweis auf den Autor einer so herrlichen Religion von einem Mitglied eines geistlichen Ordens kam, mit dem der Bahá'í-Glaube sich lange hatte auseinandersetzen müssen und unter dem er viel zu leiden hatte. Noch seltsamer, daß ausgerechnet der Mann, der fünfzig Jahre, nachdem der Báb Seine Sendung in Shíráz erklärt hatte, als erster den Glauben in Chicago begründete, wenige Jahre später die Fahne verließ, die er selbst ganz allein in jener Stadt aufgepflanzt hatte.

+16:10

In einer Schrift - verfaßt von Rev. Henry H. Jessup, D. D., Direktor der Presbyterianischen Mission in Nordsyrien, und verlesen von Rev. George A. Ford aus Syrien anläßlich einer in Chicago abgehaltenen Konferenz des »Weltparlaments der Religionen« in Verbindung mit der kolumbianischen Ausstellung zum vierhundertsten Jahrestags der Entdeckung Amerikas - wurde am 23. September 1893, etwas über ein Jahr nach dem Hinscheiden Bahá'u'lláhs, verkündet, daß »ein berühmter persischer Weiser«, »der Bábí-Heilige«, unlängst in Akká verstorben sei, und daß zwei Jahre vor Seinem Tod ein »Gelehrter der Universität Cambridge« Ihn besucht habe. Diesem gegenüber habe Er »so edle, christusähnliche Gefühle« zum Ausdruck gebracht, daß der Autor dieser Schrift in seinen »Schlußworten« den Wunsch äußerte, sein Publikum daran teilhaben zu lassen. Kaum ein Jahr darauf, im Februar 1894, ließ sich ein syrischer Arzt namens Ibráhím Khayru'lláh, der in Kairo von Hájí Abdu'l-Karím-i-Tihrání für die Bahá'í-Religion gewonnen worden war, von Bahá'u'lláh ein Schreiben erhalten hatte, mit Abdu'l-Bahá korrespondierte und im Dezember 1892 nach New York gezogen war, in Chicago nieder und begann dort tätig und systematisch die Sache, der er sich angelobt hatte, zu verbreiten. Über zwei Jahre hinweg berichtete er Abdu'l-Bahá regelmäßig über seine Eindrücke und die bemerkenswerten Erfolge seiner Bemühungen. Im Jahr 1895 tat sich für ihn eine Möglichkeit in Kenosha auf, das er nun im Verfolg seiner Lehrtätigkeit jede Woche einmal besuchte. Es wird berichtet, daß im Jahr darauf die Gläubigen in diesen beiden Städten bereits nach Hunderten zählten. 1897 veröffentlichte er sein Buch Bábu'd-Dín und besuchte Kansas-City, New York City, Ithaca und Philadelphia, wo er eine beträchtliche Anzahl Stützen für den Glauben gewinnen konnte. Der tapfere Thornton Chase, den Abdu'l-Bahá Thábit, den Standhaften, nannte und als den »ersten amerikanischen Gläubigen« bezeichnete - er hatte sich im Jahr 1894 zum Glauben bekannt -, dann die unsterbliche Louisa A. Moore, die erste Lehrerin des Westens, die Abdu'l-Bahá Livá, das Banner, benannte, Dr. Edward Getsinger, den sie später heiratete, Howard McNutt, Arthur P. Dodge, Isabella B. Brittingham, Lillian F. Kappes, Paul K. Dealy, Chester I. Thatcher und Helen S. Goodall - ihre Namen werden für immer mit den ersten Regungen der Religion Bahá'u'lláhs auf dem nordamerikanischen Kontinent verknüpft sein, sie stehen an erster Stelle unter denen, die früh dem Ruf des Neuen Tages folgten und ihr Leben dem Dienst an dem neu verkündeten Bund weihten.

+16:11

Etwa im Jahre 1898 äußerte die bekannte Philanthropin Mrs. Phoebe Hearst, die Gattin des Senators F. Hearst, die von Mrs. Getsinger bei einem Besuch in Kalifornien für den Glauben interessiert worden war, die Absicht, Abdu'l-Bahá im Heiligen Land aufzusuchen, lud mehrere Gläubige zur Teilnahme ein, darunter Dr. Getsinger mit Frau und Dr. Khayru'lláh mit Frau, und traf selbst alle Vorkehrungen für ihre historische Pilgerfahrt nach Akká. In Paris schlossen sich ihnen mehrere dort ansässige Amerikanerinnen an, darunter May Ellis Bolles, die von Mrs. Getsinger für den Bahá'í-Glauben gewonnen worden war, Miss Pearson und Ann Apperson, beide Nichten von Mrs. Hearst, sowie Mrs. Thornburgh mit Tochter. Später kamen in Ägypten noch die Töchter von Dr. Khayru'lláh sowie deren Großmutter hinzu, die er kürzlich erst zum Glauben geführt hatte.

+16:12

Die Ankunft der fünfzehn Pilger in drei Gruppen nacheinander, von denen die erste mit Dr. Getsinger und Frau am 10. Dezember 1898 in der Gefängnisstadt Akká eintraf; die enge persönliche Beziehung, die zwischen dem Mittelpunkt des Bundes Bahá'u'lláhs und den neugewonnenen Herolden Seiner Offenbarung im Westen zustande kam; die bewegenden Umstände ihres Besuches am heiligen Grab, wobei ihnen die große Ehre zuteil wurde, von Abdu'l-Bahá persönlich in das innerste Gemach geführt zu werden; der Geist, den ihnen ihr liebevoller, gütiger Gastgeber trotz der Kürze ihres Aufenthaltes in so reichem Maße durch Wort und Beispiel einflößte; der leidenschaftliche Eifer, die unbeugsame Entschlossenheit, die Seine anfeuernden Ermahnungen, lichtvollen Lehren und die vielen Beweise Seiner göttlichen Liebe in ihren Herzen entzündeten - all dies bezeichnet den Beginn eines neuen Abschnitts in der Entwicklung des Glaubens im Westen, ein Abschnitt, dessen Bedeutung später durch die Taten einiger dieser Pilger und ihrer Glaubensgenossen in vollem Umfang bestätigt wurde.

+16:13

Eine dieser Pilgerinnen schrieb in ihren Erinnerungen: »Ich erinnere mich weder an Freude, noch an Schmerz, noch an irgend etwas anderes in Worte zu Fassendes bei diesem ersten Beisammensein. Ich war plötzlich zu hoch emporgehoben, meine Seele war mit dem göttlichen Geist in Berührung gekommen und diese so reine, heilige und mächtige Kraft hatte mich überwältigt... Wir konnten unsern Blick nicht von Seinem herrlichen Antlitz wenden. Wir hörten wohl alles, was Er sagte, wir tranken auf Seine Einladung Tee mit Ihm, aber wir waren völlig entrückt, und erst als Er plötzlich aufstand und uns verließ, kehrten wir mit einem Ruck wieder zum Leben zurück. Aber es war Gott sei Dank nie, ach nie mehr dasselbe Leben auf dieser Erde.« In Erinnerung an das letzte Gespräch, das die Gruppe, der sie angehörte, mit Ihm hatte, schreibt diese Pilgerin: »Vor der Macht und Majestät Seiner Gegenwart schwand unsere Furcht dahin und verwandelte sich in vollen Glauben; unsere Schwachheit kehrte sich in Kraft, unsere Sorge in Hoffnung und unser Ich schmolz dahin in der Liebe zu Ihm. Als wir alle vor Ihm saßen und auf Seine Worte warteten, weinten einige der Gläubigen bitterlich. Er bat sie, sie möchten doch ihre Tränen trocknen, aber sie vermochten es keinen Augenblick lang. Er bat sie wiederum, sie möchten Ihm zuliebe bitte nicht weinen; Er könne erst zu uns sprechen und uns lehren, wenn alle Tränen gebannt seien ...«

+16:14

»Diese drei Tage waren die denkwürdigsten meines Lebens«, berichtet Mrs. Hearst in einem ihrer Briefe, » ...den Meister zu beschreiben, wage ich nicht. Ich kann nur sagen, daß ich von ganzem Herzen glaube, daß Er der Meister ist, und daß der größte Segen auf dieser Welt für mich das Vorrecht war, in Seiner Gegenwart zu sein und Sein geheiligtes Antlitz zu schauen ... Abbás Effendi ist ohne Zweifel der Messias für die heutige Generation, und wir brauchen nach keinem anderen auszuschauen«. »Ich muß sagen«, schreibt sie in einem anderen Brief, »Er ist das wundervollste Wesen, das mir je begegnet ist oder dem ich je auf dieser Welt zu begegnen erwartet habe ... Die geistige Atmosphäre, die Ihn umgibt und ungeheuer stark auf alle wirkt, die das Glück haben, in Seiner Nähe sein zu dürfen, ist unbeschreiblich ... Ich glaube von ganzem Herzen und ganzer Seele an Ihn und hoffe, daß alle, die sich Gläubige nennen, Ihm alle Größe, alle Herrlichkeit und allen Ruhm zugestehen, denn Er ist wirklich der Sohn Gottes - und `der Geist des Vaters wohnt in Ihm`.«

+16:15

Auch Mrs. Hearsts Butler, ein Neger namens Robert Turner, der erste Angehörige seiner Rasse, der sich im Westen zur Sache Bahá'u'lláhs bekannte, war hingerissen von dem Einfluß Abdu'l-Bahás während dieses epochemachenden Pilgeraufenthaltes. Seine Anhänglichkeit an seinen Glauben war so groß, daß selbst, als seine geliebte Herrin sich der Sache, die sie so spontan angenommen hatte, später entfremdete, dies sein Glaubenslicht nicht trüben noch im geringsten das starke Gefühl abschwächen konnte, das Abdu'l-Bahás Güte in seinem Herzen erweckt hatte.

+16:16

Mit der Rückkehr dieser gott-trunkenen Pilger nach Frankreich oder in die Vereinigten Staaten begann eine ununterbrochene, systematische Tätigkeit, die, als sie in Schwung kam und ihre Stützpunkte bis nach Westeuropa und in die Staaten und Provinzen Nordamerikas vorschob, soviel Gewicht bekam, daß Abdu'l-Bahá beschloß, sobald Er aus Seiner noch andauernden Haft in Akká befreit wäre, eine Lehrreise nach dem Westen anzutreten. Die Gemeinde der amerikanischen Gläubigen machte sich an eine ganze Reihe von Unternehmungen, die Abdu'l-Bahá selbst ein Jahrzehnt später segnete und weiter voantrieb, ein Vorspiel zu unvergleichlichen Diensten, die sie im Gestaltenden Zeitalter der Sendung Seines Vaters leisten sollte. Nichts konnte sie in ihrem Kurs beirren, weder die verheerende Krise, die Dr. Khayru'lláh nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land¹ mit seinem Ehrgeiz auslöste, noch der Aufruhr, den er gemeinsam mit dem Erzfeind des Bundes und seinen Sendlingen anzettelte; seine und die Angriffe seiner abtrünnigen Genossen verachtete sie ebenso wie die feindselige Haltung der christlichen Geistlichen, die immer eifersüchtiger auf die wachsende Macht und den zunehmenden Einfluß des Glaubens blickten, war die Gemeinde doch ermutigt durch einen ständigen Strom von Pilgern, die mündliche Botschaften und besondere Anweisungen von ihrem wachsamen Meister brachten, sie war gestärkt von dem Kraftstrom zahlreicher Sendbriefe aus Seiner Hand und geleitet von einander folgenden Boten und Lehrern, die sie in Seinem Auftrag um ihrer Führung, Unterweisung und Festigung willen besuchten.

¹ Dezember 1899


+16:17

Die schon erwähnte May Bolles konnte in Übereinstimmung mit der ausdrücklichen Weisung Abdu'l-Bahás, kaum daß sie von dieser Pilgerfahrt nach Paris zurückgekehrt war, dort das erste Bahá'í-Zentrum auf dem europäischen Kontinent gründen. Stärkung erfuhr dieses Zentrum bald nach ihrer Ankunft durch den Beitritt des erleuchteten Thomas Breakwell, des ersten englischen Gläubigen, der später durch eine glühende Gedächtnisode Abdu'l-Bahás unsterblich wurde, ferner durch Hippolyte Dreyfus, des ersten Franzosen, der sich zur Bahá'í-Religion bekannte und durch seine Schriften, Übersetzungen, Reisen und andere Pionierdienste im Laufe der Jahre das begonnene Werk in diesem Land festigte, und durch Laura Barney, deren bleibendes Verdienst es war, die unschätzbar wertvollen Erläuterungen Abdu'l-Bahás zu vielen verschiedenen Themen, die sie von Ihm während ihres langen Pilgeraufenthalts im Heiligen Land bekommen hatte, gesammelt der Nachwelt in Gestalt eines Buches mit dem Titel Beantwortete Fragen zu übermitteln. Drei Jahre später, im Jahre 1902, verheiratete sich May Bolles mit einem Kanadier und verlegte ihren Wohnsitz nach Montreal. Auch dort gelang es ihr, den Grund für die Verbreitung der heiligen Sache zu legen.

+16:18

In London konnte Mrs. Thornburgh-Cropper vermöge der schöpferischen Kräfte, die jene unvergeßliche Pilgerfahrt in ihr ausgelöst hatte, eine reiche Tätigkeit entfalten. Sie wurde darin unterstützt insbesondere durch die Mithilfe der ersten englischen Gläubigen, Ethel J. Rosenberg, die 1899 den Glauben annahm, und so gelang es ihnen später, das Gebäude ihrer administrativen Institutionen auf den Britischen Inseln zu errichten. Auf dem nordamerikanischen Kontinent wurde die Treue der eben flügge gewordenen Gemeinde durch den Abfall und die Schmähschriften Dr. Khayru'lláhs, der sich von Mírzá Muhammad-Alí und seinem nach Amerika geschickten Sohn Shu'á'u'lláh antreiben ließ, auf eine äußerst harte Probe gestellt. Doch den von Abdu'l-Bahá laufend geschickten Sendboten, wie Hájí Abdu'l-Karím-i-Tihrání, Hájí Mírzá Hasan-i-Khurásání, Mírzá Asadu'lláh und Mírzá Abu'l-Fadl, gelang es rasch, die Zweifel zu zerstreuen, das Verständnis der Gläubigen zu vertiefen, die Gemeinde zusammenzuhalten und den Kern der administrativen Institutionen zu bilden, die zwei Jahrzehnte später auchrl und anderen. Ein beachtlicher Briefwechsel mit den verschiedenen Zentren im Orient setzte ein, der an Umfang wie an Bedeutung stetig zunahm. Kurze Abrisse der Geschichte der Bahá'í-Religion, Bücher und Flugschriften zu ihrer Verteidigung, Presseartikel, Reise- und Pilgerberichte, Gedichte und Lobeshymnen wurden ebenfalls veröffentlicht und fanden weite Verbreitung.

+16:19

Gleichzeitig machten sich Reisende und Lehrer, die siegreich alle die geliebte Sache zu verschlingen drohenden Prüfungsstürme überstanden hatten, aus eigenem Antrieb auf, um die bereits gegründeten Stützpunkte des Glaubens zu festigen und zu mehren. So entstanden neue Zentren in Washington, Boston, San Francisco, Los Angeles, Cleveland, Baltimore, Minneapolis, Buffalo, Rochester, Pittsburgh, Seattle, St. Paul und anderen Städten. Kühne Pioniere, als Besucher oder Siedler, machten weite Reisen und wagemutige Unternehmen, voll Eifer, das neue Evangelium über die Grenzen ihres Heimatlandes hinauszutragen, und brachten dadurch das Licht der neuen Botschaft ins Herz Europas, in den fernen Osten und auf die Inseln im Pazifik. Mason Remey reiste nach Rußland und Persien und machte später gemeinsam mit Howard Struven als erster in der Bahá'í-Geschichte eine Reise um die Welt, wobei sie die Hawaiischen Inseln, Japan, China, Indien und Birma besuchten. Hooper Harris und Harlan Ober besuchten während einer siebenmonatigen Reise durch Indien und Birma Bombay, Puna, Lahore, Kalkutta, Rangun und Mandalay. Alma Knobloch trat in die Fußtapfen von Dr. K. E. Fisher, hißte die Fahne des Glaubens in Deutschland und trug sein Licht nach Österreich. Dr. Susan I. Moody, Sidney Sprague, Lillian F. Kappes, Dr. Sarah Clock und Elizabeth Stewart verlegten ihren Wohnsitz nach Tihrán, um dort zusammen mit den ansässigen Bahá'í die mannigfachen Angelegenheiten des Glaubens zu fördern. Sarah Farmer, die schon 1894 in Green Acre im Staat Maine Zusammenkünfte im Sommer angeregt und ein Zentrum zur Förderung der Einheit und des Zusammenhalts unter den verschiedenen Rassen und Religionen begründet hatte, überließ nach ihrer Pilgerfahrt nach Akká im Jahre 1900 die für diese Zusammenkünfte bestimmte Liegenschaft den Anhängern des Glaubens, zu dem sie sich kürzlich bekannt hatte, zur freien Verfügung.

+16:20

Und schließlich baten die Bahá'í von Chicago, angeregt durch das Beispiel ihrer Glaubensgenossen in 'Ishqábád, die bereits mit dem Bau des ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt begonnen hatten, und beseelt von dem Wunsch, ihrem Glauben und ihrer Hingabe in ähnlicher Weise gebührenden Ausdruck zu verleihen, Abdu'l-Bahá um die Erlaubnis, ebenfalls ein Haus der Andacht errichten zu dürfen, und wagten sich, als ihnen dies sogleich mit einem Schreiben im Juni 1903 mit Begeisterung gewährt wurde, trotz ihrer geringen Zahl und begrenzten Mittel an das Unternehmen, das als größter Einzelbeitrag zu betrachten ist, den die Bahá'í in Amerika und im ganzen Westen bisher für die Sache Bahá'u'lláhs geleistet haben. Die Ermutigung, die ihnen Abdu'l-Bahá später zuteil werden ließ, und die Beiträge, die ihnen von verschiedenen Gemeinden zuflossen, veranlaßten sie, Vertreter ihrer Glaubensgenossen aus verschiedenen Teilen des Landes nach Chicago zur feierlichen Inangriffnahme dieses erstaunlichen Unternehmens einzuladen. Am 26. November 1907 kamen die zu diesem Zweck angereisten Repräsentanten zusammen und wählten einen aus neun Bahá'í bestehenden Ausschuß, der einen passenden Platz für den geplanten Tempel aussuchen sollte. Schon am 9. April 1908 war die Summe von zweitausend Dollar für den Erwerb von zwei Bauplätzen nahe dem Ufer des Michigansees eingezahlt worden. Im März 1909 wurde auf Anweisung Abdu'l-Bahás eine Zusammenkunft von Vertretern der verschiedenen Bahá'í-Zentren einberufen. Die neununddreißig Delegierten, die sechsunddreißig Städte vertraten, versammelten sich in Chicago am selben Tag, an dem Abdu'l-Bahá die Überreste des Báb in dem eigens hierfür errichteten Mausoleum am Karmel beisetzte, und gründeten eine ständige nationale Organisation, bekannt als die Bahá'í-Tempelvereinigung, die als religiöse Körperschaft eingetragen wurde, gemäß den Gesetzen des Staates Illinois arbeitete und absolute Vollmacht über die Verwaltung der Gelder für den Tempel und alle für seinen Bau erforderlichen Maßnahmen besaß. Bei dieser Zusammenkunft wurde eine Satzung formuliert, eine ausführende Körperschaft der Bahá'í-Tempelvereinigung gewählt und dieser seitens der Delegierten das Recht übertragen, den bereits bei der letzten Zusammenkunft befürworteten Landkauf abzuschließen. Von allen Seiten liefen Beiträge zu diesem historischen Unternehmen ein, von Indien, Persien, der Türkei, von Syrien, Palästina, Rußland, Ägypten, Deutschland, Frankreich, England, Kanada, Mexiko, den Hawaii-Inseln und sogar von Mauritius und von nicht weniger als sechzig amerikanischen Städten; und im Jahre 1910, also zwei Jahre vor der Ankunft Abdu'l-Bahás in Amerika, waren sie bereits auf zwanzigtausend Dollar angewachsen - ein beredtes Zeugnis sowohl für den Zusammenhalt der Anhänger Bahá'u'lláhs in Ost und West, wie auch für die aufopfernden Bemühungen der amerikanischen Gläubigen, die mit dem Voranschreiten des Werks den überwiegenden Anteil des Betrags von schließlich über einer Millionen Dollar für die Errichtung des Tempels und seine äußere Ausschmückung aufbrachten.





Kapitel 17
Erneute Gefangenschaft Abdu'l-Bahás

+17:1

Nachdem diese tapfere, schwer geprüfte Gemeinde derart herausragende Erfolge errungen, die ersten Früchte des jüngst gestifteten Bundes Bahá'u'lláhs in der westlichen Welt geerntet hatte, war der Boden ausreichend vorbereitet, um den zum Mittelpunkt des Bundes Ernannten um Seinen Besuch zu bitten; war Er es doch, der diese Gemeinde ins Leben gerufen hatte und so unendlich sorgsam und fürsorglich über ihr werdendes Schicksal wachte. Aber erst, nachdem Abdu'l-Bahá die schwere Krise, die Ihn seit mehreren Jahren festhielt, überstanden hatte, konnte Er Seine denkwürdige Reise in den Kontinent unternehmen, in dem das Erwachen und die Festigung des Glaubens Seines Vaters sich durch so prächtige und dauernde Erfolge kundgetan hatte.

+17:2

Diese zweite schwere Krise während der Zeit Seines Wirkens, die zwar von außen kam, aber nicht minder heftig war als die von Mírzá Muhammad-Alís Auflehnung ausgelöste, brachte Ihn in große Lebensgefahr, beraubte Ihn für eine Reihe von Jahren wieder der verhältnismäßigen Freiheit, die Er inzwischen genossen hatte, peinigte Seine Familie und die Glaubensangehörigen in Ost und West und stellte wie nie zuvor die ganze Niedertracht Seiner grimmigen Feinde bloß. Sie brach zwei Jahre nach der Abreise der ersten amerikanischen Pilger vom Heiligen Land aus, war den ständigen Intrigen und krassen Entstellungen durch den Erzfeind des Bundes Bahá'u'lláhs und seine Helfershelfer zuzuschreiben und schwelte mit verschiedenen Schwankungen mehr als sieben Jahre.

+17:3

Mírzá Muhammad-Alí - erbittert über den Fehlschlag seiner ständigen Versuche, ein Schisma herbeizuführen, auf das er im Stillen seine Hoffnung gesetzt hatte; aufgestachelt durch den offensichtlichen Erfolg, den die Bannerträger des Bundes trotz seiner Machenschaften in Nordamerika errungen hatten; ermutigt von einem Regime, das unter Vorsitz eines verschlagenen, grausamen Potentaten in einer Atmosphäre aus Intrige und Verdächtigung gedieh; entschlossen, alle Möglichkeiten zur Schadenstiftung zu nutzen, die sich ihm durch die Ankunft der Pilger aus den westlichen Ländern in der Gefängnisstadt Akká und den Baubeginn am Grabmal des Báb am Karmel boten, und unterstützt von seinem Bruder Mírzá Badí'u'lláh und seinem Schwager Mírzá Majdi'd-Dín - Mírzá Muhammad-Alí brachte es mit seiner ständigen, hartnäckigen Wühlarbeit fertig, bei der türkischen Regierung und ihren Beamten Verdacht gegen Abdu'l-Bahá zu erregen und sie zu veranlassen, Ihn wieder unter Arrest zu stellen, worunter Er schon zu Bahá'u'lláhs Lebzeiten so schwer gelitten hatte.

+17:4

Der genannte Bruder, der Hauptkomplize Mírzá Muhammad-Alís, gestand später anläßlich seiner Aussöhnung mit Abdu'l-Bahá in einem schriftlichen Bekenntnis, unterschrieben, gesiegelt und veröffentlicht, die bösen Intrigen gegen Abdu'l-Bahá ein. »Über das, was ich von andern gehört habe«, schreibt Mírzá Badí'u'lláh, »will ich schweigen. Ich berichte nur, was ich mit eigenen Augen gesehen und aus seinem (Mírzá Muhammad-Alís) Mund gehört habe.« Dann fährt er fort: »Er (Mírzá Muhammad-Alí) leitete die Entsendung Mírzá Majdi'd-Díns mit einem Geschenk und einem persisch geschriebenen Brief zu Nazim Páshá, dem Válí (Gouverneur) von Damaskus in die Wege, um diesen für seine Pläne zu gewinnen... Wie er (Mírzá Majdi'd-Dín) mir selbst in Haifa sagte, tat er alles, um ihn (den Gouverneur) umfassend über die Bauarbeiten am Karmel zu informieren und ihn über das Kommen und Gehen der amerikanischen Gläubigen und die in Akká stattfindenden Zusammenkünfte zu unterrichten. Dem Páshá lag viel daran, alle Einzelheiten zu erfahren, und er war deshalb überaus liebenswürdig zu ihm und versicherte ihn seiner Unterstützung. Wenige Tage nach Mírzá Majdi'd-Díns Rückkehr traf von der Hohen Pforte ein chiffriertes Telegramm ein mit dem Befehl des Sultáns, Abdu'l-Bahá, mich und die anderen gefangenzusetzen.« Im selben Dokument schreibt er weiter: »Ein Mann, der damals von Damaskus nach Akká kam, hat Unbeteiligten gegenüber erklärt, daß Nazim Páshá schuld sei an Abbás Effendis Arrest. Das seltsamste an alledem ist, daß Mírzá Muhammad-Alí nach seiner Verhaftung an Nazim Páshá ein Gesuch um seine Freilassung richtete... Der Páshá jedoch würdigte ihn weder auf seinen ersten, noch auf seinen zweiten Brief einer Antwort.«

+17:5

Am fünften Tag des Jamádíyu'l-Avval 1319 n.d.H.¹, als Abdu'l-Bahá gerade von Bahjí zurückkam, wo Er der Gedenkfeier zur Erklärung des Báb beigewohnt hatte, wurde Ihm bei einem Gespräch mit dem Gouverneur von Akká mitgeteilt, daß auf Sultán Abdu'l-Hamíds Befehl die inzwischen gelockerten Beschränkungen aufs neue in Kraft treten müßten, wonach Er und Seine Brüder sich nunmehr wieder innerhalb der Stadtmauern aufzuhalten hätten. Zunächst wurde der Erlaß des Sultáns streng durchgesetzt, die Freiheit der Exilantengemeinde stark beschnitten, und Abdu'l-Bahá mußte sich allein und auf sich gestellt langen Verhören durch Richter und Beamte unterziehen, die verlangten, daß Er hierzu mehrere Tage lang im Regierungssitz zur Verfügung stünde. Als erstes setzte Er sich für Seine Brüder ein - sie waren schroff vorgeladen und vom Befehl des Herrschers in Kenntnis gesetzt worden -, was aber deren Feindseligkeit nicht zu dämpfen oder ihre boshaften Aktivitäten einzuschränken vermochte. Später gelang es Ihm durch Sein Eintreten bei den zivilen und militärischen Behörden, für Seine in Akká lebenden Anhänger die Freiheit zu erwirken, so daß sie weiter ungehindert ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.

¹ 20. August 1901


+17:6

Die Verletzer des Bundes waren keineswegs zufrieden mit den behördlichen Maßnahmen gegen Den, der so großmütig für sie eingetreten war. Mit Hilfe des berüchtigten Polizeichefs Yahyá Bey und anderer ziviler und militärischer Beamter, die infolge ihrer Beschwerden diejenigen, die freundlich zu Abdul-Bahá gewesen waren, ersetzt hatten, und gefördert durch die ständig zwischen Akká und Konstantinopel hin und hergehenden Geheimagenten, die alles, was in Abdu'l-Bahás Haushalt vorging, eifrig überwachten, machten sie sich daran, Seinen Untergang ins Werk zu setzen. Sie verteilten verschwenderisch Geschenke an Beamte, darunter auch geheiligte Erinnerungsstücke an Bahá'u'lláh, und boten schamlos hoch und niedrig Bestechungsgelder an, Geld, das zum Teil aus dem Verkauf von Besitzstücken Bahá'u'lláhs oder Geschenken Abdu'l-Bahás stammte. Unermüdlich verfolgten sie ihre ruchlosen Pläne, entschlossen, nicht nachzugeben, bis sie entweder Seine Hinrichtung oder zumindest Seine Deportation erreicht hätten, entfernt genug, um Ihm die Gottessache aus der Hand winden zu können. Sie appellierten bei den verschiedensten Gelegenheiten an alle möglichen Persönlichkeiten - den Válí von Damaskus, den Muftí von Beirut, die Angehörigen der protestantischen Missionen in Syrien und Akká, selbst an den einflußreichen Shaykh Abu'l-Hudá in Konstantinopel, der beim Sultán in so hohem Ansehen stand wie der Großwesir Hájí Mírzá Áqásí bei Muhammad Sháh - und gingen sie um Hilfe an beim Verfolg ihrer gehässigen Absichten.

+17:7

Durch mündliche Mitteilungen, förmliche Nachrichten und persönliche Gespräche drängten die Feinde des Bundes diesen Persönlichkeiten die Überzeugung auf, daß rasches Handeln unbedingt geboten sei. Verschlagen stellten sie ihre Beweisführungen auf die jeweiligen Interessen und Vorurteile derer ab, deren Hilfe sie suchten. Dem einen schilderten sie Abdu'l-Bahá als rücksichtslosen Usurpator, der ihre Rechte mit Füßen trete, sie ihres Erbes beraube und sie ins Elend treibe, ihre Freunde in Persien zu Feinden mache, für sich selbst ungeheure Reichtümer anhäufe und mindestens zwei Drittel des Landes in Haifa an sich gebracht habe. Anderen gegenüber erklärten sie, Abdu'l-Bahá wolle aus Akká und Haifa ein neues Mekka und Medina machen. Wieder anderen beteuerten sie, daß Bahá'u'lláh nur ein bescheidener Derwisch gewesen sei, der den Islám bekannt und gelehrt habe, den Sein Sohn Abbás Effendi jedoch zum Rang einer Gottheit erhob, um sich damit selbst zu verherrlichen und als den Sohn Gottes, den wiedergekommenen Jesus Christus zu bezeichnen. Weiterhin bezichtigten sie Ihn staatsfeindlicher Umtriebe, daß Er einen Aufstand gegen den Sultán plane, in abgelegenen Ortschaften in Palästina und Syrien bereits das Banner Yá Bahá'u'l-Abhá, das Signal zum Umsturz, gehißt und insgeheim eine Armee von dreißigtausend Mann aufgestellt habe, daß Er im Begriff sei, eine Festung auf dem Karmel zu errichten und ein großes Munitionslager anzulegen, sich der moralischen und materiellen Hilfe einer Schar englischer und amerikanischer Freunde, darunter Offiziere fremder Mächte, versichert habe, die bereits in großer Zahl im Anmarsch seien unter dem Vorwand, Ihm ihre Huldigung darzubringen, und daß Er in Verbindung mit ihnen schon Seine Pläne fertig habe für die Unterwerfung der Nachbarprovinzen, die Vertreibung der herrschenden Gewalten und die schließliche Übernahme der bisher vom Sultán ausgeübten Macht. Mit Hilfe von Verleumdung und Bestechung vermochten sie bestimmte Leute zu bewegen, als Zeugen ihre Unterschrift unter die von ihnen aufgesetzten Dokumente zu setzen, die sie dann durch Mittelsmänner an die Hohe Pforte schickten.

+17:8

Derart schwere Anschuldigungen in so vielen Berichten verfehlten natürlich nicht ihre Wirkung auf den Herrscher, der ohnedies in ständiger Angst vor Aufruhr unter seinen Untertanen lebte. Es wurde darum eine Kommission ernannt, die den Auftrag hatte, der Sache nachzugehen und über die Ergebnisse zu berichten. Abdu'l-Bahá wurde mehrmals vorgeladen und wies jede Beschuldigung, die man gegen Ihn vorbrachte, furchtlos und sorgfältig begründet zurück. Er stellte den Wahnwitz dieser Anschuldigungen bloß und machte zum Beweis Seiner Argumente die Kommissionsmitglieder mit den Vorkehrungen bekannt, die Bahá'u'lláh in Seinem Testament getroffen hatte. Er brachte ferner zum Ausdruck, daß Er jedes Urteil anzunehmen bereit sei, das das Gericht über Ihn fällen werde, und beredt versicherte Er, wenn sie Ihn in Ketten legen, durch die Straßen schleifen, verwünschen und verhöhnen, steinigen, bespeien, auf dem Marktplatz aufhängen und mit Kugeln durchsieben wollten, empfände Er dies als hohe Ehre, denn damit träte Er nur in die Fußstapfen und teilte das Leid Seines geliebten Leitsterns, des Báb.

+17:9

Die schwierige Situation, in der sich Abdu'l-Bahá befand, Gerüchte im Volk, die schlimme Entwicklungen ahnen ließen, Hinweise und Anspielungen in ägyptischen und syrischen Zeitungen, daß Ihm Gefahr drohe, die zunehmend feindselige Haltung Seiner Gegner, das herausfordernde Benehmen mancher Einwohner von Akká und Haifa, die sich von den Gerüchten und Orakeln der Gegner dazu aufputschen ließen, gespannt auf den Untergang der verdächtigten Gemeinde und ihres Führers zu warten - all dies veranlaßte Abdu'l-Bahá, die Zahl der Pilgerbesuche zu beschränken und eine Zeitlang die Besuche ganz auszusetzen. Er gab Anweisung, daß Seine Post über einen Vertrauensmann in Ägypten geleitet werde statt nach Haifa, eine Zeitlang sollte sie dort bis auf weiteres lagern. Er wies ferner die Gläubigen wie Seine Sekretäre an, alle Bahá'í-Schriften zu sammeln und an einem sicheren Ort zu verstecken. Er riet ihnen dringend, sich in Ägypten niederzulassen, und ging selbst soweit, ihnen die gewohnten Zusammenkünfte in Seinem Haus zu verwehren. Selbst Seine zahlreichen Freunde und Bewunderer verzichteten in diesen unruhigen Tagen darauf, Ihn zu besuchen, aus Furcht, dadurch ebenfalls in die Sache verwickelt und den Behörden verdächtig zu werden. An manchen Tagen und Nächten, wenn es am trübsten aussah, stand Sein Haus, das lange Jahre hindurch der Brennpunkt aller Geschäftigkeit gewesen, völlig verlassen da. Spione beobachteten es, offen wie insgeheim, belauerten jede Regung und beschnitten die Bewegungsfreiheit Seiner Familie.

+17:10

Aber Er wies es von sich, den Bau des Grabmals für den Báb, dessen Grundstein Er an dem gesegneten, von Bahá'u'lláh erwählten Platz schon gelegt hatte, zurückzustellen oder auch nur für kurze Zeit zu unterbrechen. Auch ließ Er sich durch kein noch so großes Hindernis davon abhalten, weiterhin Tag für Tag eine ständig wachsende Flut von Briefen und Sendschreiben aus Seiner unermüdlichen Feder zur Antwort auf all die zahllosen Briefe, Berichte, Anfragen, Gebete, Glaubensbekenntnisse, Verteidigungsschriften und Lobeshymnen von ungezählten Anhängern und Bewunderern aus Ost und West in schneller Folge niederzuschreiben. Augenzeugen berichten, daß sie von neunzig Briefen wüßten, die Er in diesem bewegten und gefahrvollen Lebensabschnitt an einem einzigen Tag mit eigener Hand geschrieben habe, und Er manche Nacht von Einbruch der Dunkelheit bis zur Morgendämmerung allein in Seinem Schlafzimmer verbracht und noch die Korrespondenz erledigt habe, zu der Ihm die mannigfachen Tagespflichten keine Zeit gelassen hatten.

+17:11

In dieser stürmischen Zeit, dem dramatischsten Abschnitt Seines Wirkens, auf der Höhe und in der Vollkraft Seines Lebens, nahm Er mit unermüdlicher Energie, bewundernswerter Gelassenheit und unerschütterlicher Zuversicht die verschiedenen Unternehmungen, die Sein Amt mit sich brachte, in Angriff und trieb sie rastlos voran. Damals faßte Er den Plan zum ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt, und der Bau wurde dann von Seinen Anhängern in der Stadt 'Ishqábád in Turkestan durchgeführt. Er gab in dieser Zeit auch trotz aller Wirren in Seinem Geburtsland die Weisung, das heilige, geschichtsträchtige Haus des Báb in Shíráz wiederherzustellen. Auch ist es hauptsächlich Seiner ständigen Ermutigung zu verdanken, daß damals im Westen die ersten Maßnahmen für den Bau des Muttertempels am Ufer des Michigansees getroffen wurden, dessen Grundstein Er dann selbst einige Jahre später bei Seinem Besuch legte. In jener Zeit wurde auch die berühmte Sammlung Seiner Tischgespräche unter dem Titel Beantwortete Fragen veröffentlicht, kurze Ansprachen, die Er in Seiner kurz bemessenen freien Zeit hielt und in deren Verlauf Er grundlegende Gesichtspunkte der Lehre Seines Vaters erläuterte, Überlieferungen wie Vernunftbeweise für ihre Gültigkeit anführte und eine große Zahl verschiedenster Themen bezüglich der christlichen Sendung, der Propheten, biblischer Prophezeiungen, Ursprung und Art des Menschen und anderer verwandter Probleme maßgebend behandelte.

+17:12

In den düstersten Stunden jener Zeit spricht Abdu'l-Bahá in einem Schreiben an den Vetter des Báb, den ehrwürdigen Hájí Mírzá Muhammad-Taqí, den Baumeister des Tempels in 'Ishqábád, mit eindrucksvollen Worten von der unermeßlichen Größe der Offenbarung Bahá'u'lláhs, warnt vor dem bevorstehenden Aufruhr, den die Feinde aus nah und fern in der Welt heraufbeschwören würden, und verheißt in bewegenden Worten den Sieg, den die Fackelträger des Bundes schließlich davontrügen. Und in der Stunde höchster Ungewißheit zu dieser Zeit schrieb Abdu'l-Bahá auch Sein Testament, das unsterbliche Dokument, in dem Er die Grundzüge der Verwaltungsordnung umriß, die nach Seinem Hinscheiden in Kraft treten und die Errichtung jener Weltordnung ankündigen sollte, deren Kommen der Báb verheißen und deren Gesetze und Prinzipien Bahá'u'lláh formuliert hatte. Im Verlauf dieser bewegten Jahre schuf Er mittels der Herolde und Verfechter des fest geschlossenen Bundes die ersten administrativen, geistigen und erzieherischen Einrichtungen der sich stetig ausdehnenden Religion in Persien, ihrer Wiege, in der großen Republik des Westens, der Wiege der Verwaltungsordnung, in Kanada, Frankreich, England, Deutschland, Ägypten, im 'Iráq, in Rußland, Indien, Birma, Japan und selbst auf weit abgelegenen pazifischen Inseln. Er legte in jener bewegten Zeit auch besonderen Nachdruck auf die Übersetzung, Veröffentlichung und Verbreitung von Bahá'í-Literatur, die inzwischen schon eine Vielfalt von Büchern und Schriften in persischer, arabischer, englischer, türkischer, französischer, deutscher, russischer und birmanischer Sprache umfaßt. An Seinem Tische versammelten sich, so oft der Ihn umtobende Sturm eine Pause einlegte, Pilger, Freunde und Sucher aus den meisten der genannten Länder, Repräsentanten der christlichen, islámischen, jüdischen, zoroastrischen, hinduistischen und buddhistischen Religion. An die Armen, die Seine Türe belagerten und sich im Hof Seines Hauses drängten, teilte Er trotz aller Gefahren, von denen Er ständig umgeben war, jeden Freitagmorgen mit eigener Hand Almosen aus. Er tat dies so regelmäßig und großzügig, daß man Ihn allgemein »den Vater der Armen« nannte. Nichts konnte in jenen stürmischen Tagen Seine Zuversicht erschüttern, durch nichts ließ Er sich an Seinem Dienst für die Hilflosen, die Waisen, die Kranken und Unterdrückten hindern, nichts konnte Ihn davon abhalten, persönlich die aufzusuchen, die unfähig oder zu verschämt waren, Seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unbeugsam in Seinem Entschluß, dem Beispiel des Báb und Bahá'u'lláhs zu folgen, konnte Ihn nichts veranlassen, vor Seinen Feinden zu fliehen oder der Gefangenschaft zu entkommen: nicht der Rat führender Mitglieder der Exilgemeinde in Akká, und auch nicht die inständigen Bitten des spanischen Konsuls, eines Verwandten des Agenten einer italienischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, der aus Liebe zu Abdu'l-Bahá und aus dem Verlangen, die drohende Gefahr von Ihm abzuwenden, soweit ging, Ihm einen italienischen Frachter zur Verfügung zu stellen, der Ihn sicher nach irgendeinem fremden Hafen Seiner Wahl bringen würde.

+17:13

Während Gerüchte umgingen, daß Er ins Meer geworfen oder nach Fessan in Tripolis verbannt oder an den Galgen gehängt werden sollte, blieb Abdu'l-Bahá so gelassen, daß Er zum Erstaunen Seiner Freunde und unter dem Gespött Seiner Feinde im Garten Seines Hauses seelenruhig Bäume und Reben pflanzte, deren Früchte Er später, als der Sturm vorüber war, Seinen getreuen Gärtner Ismá'íl Áqá pflücken ließ, um sie ebendiesen Freunden und Feinden bei ihren Besuchen bei Ihm zu reichen.

+17:14

Zu Beginn des Winters 1907 wurde plötzlich auf Befehl des Sultáns eine weitere Kommission, bestehend aus vier Beamten unter Vorsitz von Arif-Bey und mit allen Vollmachten versehen, nach Akká geschickt. Wenige Tage vor ihrer Ankunft hatte Abdu'l-Bahá einen Traum, den Er den Gläubigen erzählte: Er sah vor Akká ein Schiff vor Anker liegen, von dem einige Vögel aufstiegen, die wie Sprengbomben aussahen und Ihm, während er inmitten einer Menge erschreckter Einwohner stand, um den Kopf schwirrten, dann aber, ohne zu explodieren, wieder zum Schiff zurückkehrten.

+17:15

Kaum waren die Kommissionsmitglieder gelandet, brachten sie den Post- und Telegrafendienst von Akká unter ihre direkte und ausschließliche Kontrolle, entließen willkürlich Beamte, die sie im Verdacht hatten, Abdu'l-Bahá freundlich gesonnen zu sein, darunter auch den Gouverneur der Stadt, stellten einen direkten, geheimen Draht zur Regierung in Konstantinopel her, richteten sich in den Häusern der Nachbarn und engen Parteigänger der Bundesbrüchigen ein, umstellten das Haus Abdu'l-Bahás mit Wachen, um alle Besuche zu verhindern, und begannen mit dem merkwürdigen Verfahren, die Leute, Christen und Muslime, Orientalen und Westler, die die nach Konstantinopel gesandten und nun zum Zweck ihrer Vernehmung wieder mitgebrachten Dokumente unterzeichnet hatten, als Zeugen zu verhören.

+17:16

Die Verletzer des Bundes, insbesondere Mírzá Muhammad-Alí, jubelten jetzt voll Hoffnung, und ihre Geschäftigkeit erreichte in dieser kritischen Stunde ihr höchstes Maß. Besuche, Besprechungen und Lustbarkeiten überstürzten sich in einer Atmosphäre fieberhafter Erwartung des nahen Triumphes. Nicht wenige unter den niederen Elemente der Bevölkerung ließen sich weismachen, daß sie sich nun bald den Besitz aneignen könnten, den die Exilanten bei ihrem Abtransport zurücklassen würden. Die Beschimpfungen und Verleumdungen nahmen spürbar zu. Selbst einige der Armen, für die Abdu'l-Bahá so lange und so gütig gesorgt hatte, verließen Ihn aus Angst vor Repressalien.

+17:17

Während die Kommission rund einen Monat lang in Akká ihre sogenannten Ermittlungen anstellte, weigerte sich Abdu'l-Bahá beharrlich, mit Mitgliedern dieser Kommission in Kontakt zu kommen oder sonst etwas mit ihnen zu tun zu haben, trotz versteckter Drohungen und Warnungen, die sie Ihm durch einen Boten übermitteln ließen, eine Haltung, die sie höchst erstaunte, ihre Feindseligkeit noch mehr schürte und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkte, ihre üblen Pläne zu Ende zu führen. Obwohl die Gefahren und Nöte Ihn aufs härteste bedrängten, obgleich das Schiff, das Ihn voraussichtlich zusammen mit den Kommissionsmitgliedern wegbringen sollte, ständig bereit lag, zuweilen in Akká, zuweilen in Haifa, und trotz wilder Gerüchte, die über Ihn umherschwirrten, blieb die heitere Ruhe, die Er seit Seinem neuerlichen Arrest unverändert bewahrt hatte, ungetrübt, Seine Zuversicht war unerschütterlich. »Was der Traum bedeutet, den ich hatte«, sagte Er damals zu den Gläubigen, die noch in Akká geblieben waren, »liegt klar auf der Hand. So Gott will, wird der Sprengstoff nicht explodieren.«

+17:18

Indessen waren die Kommissionsmitglieder eines Freitags nach Haifa gegangen und hatten das Grabmal des Báb inspiziert, dessen Bau am Karmel ohne Unterbrechung weitergegangen war. Von seiner Stabilität und Größe beeindruckt, hatten sie sich bei einem Begleiter über die Zahl der Grüfte erkundigt, die sich unter diesem massiven Bau befänden.

+17:19

Bald nach dieser Inspektion konnte man eines Tages kurz nach Sonnenuntergang plötzlich sehen, wie das Schiff, das vor Haifa lag, die Anker lichtete und Kurs auf Akká nahm. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter der erregten Bevölkerung die Kunde, daß die Kommissionsmitglieder sich eingeschifft hätten. Man nahm an, daß es vor Akká halten würde, bis Abdu'l-Bahá an Bord genommen wäre, und dann zu seinem Bestimmungsort führe. Die Mitglieder Seiner Familie befiel Angst und Entsetzen, als man ihnen das Herannahen des Schiffes meldete. Die wenigen Gläubigen, die zurückgeblieben waren, weinten vor Kummer über die bevorstehende Trennung von ihrem Meister. Abdu'l-Bahá aber sah man in dieser schlimmen Stunde allein und ruhig im Hof Seines Hauses auf und ab wandeln.

+17:20

Doch bei Einbruch der Dunkelheit sah man plötzlich, wie die Bootslichter abdrehten und das Schiff den Kurs wechselte. Es war jetzt klar, daß es in Richtung Konstantinopel fuhr. Unverzüglich überbrachte man diese Kunde Abdu'l-Bahá, der in der zunehmenden Dunkelheit immer noch in Seinem Hof auf und ab schritt. Einige Gläubige, die sich an verschiedenen Punkten aufgestellt hatten, um den Kurs des Schiffes zu beobachten, stürzten nun herbei, um die frohe Kunde zu bestätigen. An diesem historischen Tag war eine der größten Gefahren, die das kostbare Leben Abdu'l-Bahás je bedroht hatten, von der Vorsehung plötzlich und endgültig abgewendet worden.

+17:21

Bald nach der überstürzten, völlig unerwarteten Abfahrt des Schiffes trafen Nachrichten ein, daß auf dem Weg des Sultáns bei seiner Rückkehr von der Moschee, in der er seine Freitagsgebete verrichtet hatte, zum Palast eine Bombe explodiert sei.

+17:22

Wenige Tage nach diesem Anschlag auf sein Leben lieferte ihm die Kommission ihren Bericht ab, doch der Sultán und die Regierung waren noch zu sehr beansprucht, als daß sie ihm Beachtung geschenkt hätten. Der Fall wurde zurückgestellt, und als er nach ein paar Monaten wieder vorgelegt wurde, schlossen sich die Aktendeckel für immer darüber infolge eines Ereignisses, das den Gefangenen von Akká plötzlich ein für allemal der Macht seines königlichen Feindes enthob. Die jungtürkische Revolution, die im Jahr 1908 ausbrach und rasch entschieden war, zwang den widerstrebenden Despoten, die Verfassung, die er aufgehoben hatte, wieder einzusetzen und alle unter dem alten Regime aus religiösen und politischen Gründen gefangengesetzten Häftlinge freizulassen. Selbst da mußte noch ein Telegramm nach Konstantinopel geschickt werden mit der Frage, ob auch Abdu'l-Bahá in die Kategorie dieser Gefangenen gehöre, worauf man prompt eine bestätigende Antwort empfing.

+17:23

Im Jahr 1909 erwirkten die Jungtürken innerhalb weniger Monate vom Shaykhu'l-Islám die Verurteilung des Sultáns, der nach weiteren Versuchen, die Verfassung zu stürzen, schließlich schimpflich abgesetzt und als Staatsgefangener deportiert wurde. Im selben Jahr wurden an einem einzigen Tag nicht weniger als einunddreißig führende Minister, Páshás und Beamte hingerichtet, darunter auch berüchtigte Feinde des Glaubens. Tripolitanien, der Schauplatz des für Abdu'l-Bahá geplanten Exils, wurde den Türken in der Folgezeit durch Italien entrissen. So endete die Herrschaft des »großen Meuchelmörders«, »des gemeinsten, verschlagensten, unzuverlässigsten und grausamsten Intriganten der alten osmanischen Dynastie«, dessen Herrschaft »mit den plötzlichen Gebietsverlusten und der Gewißheit, daß ihnen weitere folgen würden, und mit der noch auffälligeren Verschlimmerung der Lage der Untertanen noch viel unheilvoller war als diejenige irgendeines anderen der dreiundzwanzig degenerierten Vorgänger seit dem Tod Sulaymáns des Prächtigen.«





Kapitel 18
Die Beisetzung der sterblichen Reste des Báb am Karmel

+18:1

Die unerwartete, aufsehenerregende Befreiung Abdu'l-Bahás aus vierzigjähriger Haft war ein schwerer Schlag für die ehrgeizigen Pläne der Bundesfeinde, genau so niederschmetternd wie jener ein Jahrzehnt zuvor, als sie Seine Autorität zu untergraben und Ihn aus Seiner gottgewollten Stellung zu verdrängen getrachtet hatten und ihre Hoffnungen zunichte wurden. Nun ereilte sie am Morgen Seiner sieghaften Befreiung ein dritter Schlag, so betäubend wie die vorausgegangenen und kaum weniger erstaunlich. Wenige Monate nach dem historischen Erlaß, der Abdu'l-Bahá die Freiheit wiedergab, noch im selben Jahr, da Sultán Abdu'l-Hamíd vom Thron stürzte, ließ die himmlische Macht, die Abdu'l-Bahá befähigt hatte, die Ihm übertragenen Rechte unangetastet zu wahren, die Bahá'í-Religion in Nordamerika einzuführen und über Seinen königlichen Unterdrücker zu obsiegen, Ihn eine der bedeutsamsten Taten Seines Amtes vollbringen: die Überführung der Überreste des Báb aus ihrem Versteck in Tihrán zum Karmel. Er selbst hat mehrmals bestätigt, daß die sichere Überführung der heiligen Gebeine, der Bau eines würdigen Mausoleums für sie und ihre Beisetzung mit Seinen eigenen Händen an ihrer endgültigen Ruhestätte eine der drei Hauptaufgaben war, die Er seit dem Antritt Seines Amtes als Seine vornehmste Pflicht betrachtete. In der Tat muß dieses Unternehmen für eines der hervorstechendsten Ereignisse im ersten Bahá'í-Jahrhundert gelten.

+18:2

Wie schon früher erwähnt, wurden die zerfleischten Leichname des Báb und Seines Gefährten Mírzá Muhammad-Alí in der zweiten Nacht nach ihrer Erschießung durch die gütige Vermittlung des Hájí Sulaymán Khán um Mitternacht vom Rand des Stadtgrabens, wohin man sie geworfen hatte, weggeholt, nach einer Seidenfabrik verbracht, die einem Gläubigen aus Mílán gehörte, und am nächsten Tag von dort in einem hölzernen Sarg an einen sicheren Platz gebracht. Danach wurden sie auf Anweisung Bahá'u'lláhs nach Tihrán überführt und im Schrein von Imám-Zádih Hasan verwahrt. Später wurden sie in Hájí Sulaymán Kháns Wohnhaus im Sar-Chashmih-Viertel der Stadt und von dort in den Schrein des Imám-Zádih Ma'súm gebracht, wo sie bis zum Jahr 1284 n.d.H.¹ verborgen waren. Da gab Bahá'u'lláh in einem Sendbrief aus Adrianopel Mullá Alí-Akbar-i-Shahmírzádí und Jamál-i-Burújirdí die Anweisung, die Überreste unverzüglich an einen andern Ort zu bringen, was sich als eine sehr weise Fügung erwies, da der Schrein hernach renoviert wurde.

¹ 1867/68


+18:3

Da Mullá Alí-Akbar und sein Gefährte keinen geeigneten Ort im Sháh Abdu'l-Azím-Viertel finden konnten, setzten sie ihre Suche fort und stießen dabei an der Straße nach Chashmih-Alí auf die verlassene und verfallene Mashá'u'lláh-Moschee, wo sie nach Einbruch der Dunkelheit ihre kostbare Last in einer Mauer verwahrten, nachdem sie zuvor die Überreste in ein zu diesem Zweck mitgebrachtes seidenes Leichentuch gehüllt hatten. Am anderen Tag entdeckten sie bestürzt, daß das Versteck entdeckt worden war. Sie beförderten darum den Sarg heimlich durch das Stadttor und brachten ihn in das Haus Mírzá Hasan-i-Vazírs, eines Gläubigen, des Schwiegersohns des Majdu'l-Ashráf Hájí Mírzá Siyyid Alíy-i-Tafríshí, wo er dann vierzehn Monate blieb. Als das lang gehütete Geheimnis sich unter den Gläubigen herumsprach, begannen sie in solchen Mengen das Haus aufzusuchen, daß Mullá Alí-Akbar sich genötigt sah, dies Bahá'u'lláh mitzuteilen und Ihn um Rat zu bitten. Darauf wurde Hájí Sháh Muhammad-i-Manshádí, genannt Amínu'l-Bayán, beauftragt, das Treugut von ihm zu übernehmen und strengstes Stillschweigen darüber zu wahren, wohin er es brächte.

+18:4

Mit der Hilfe eines anderen Gläubigen setzte Hájí Sháh Muhammad den Sarg unter dem Boden des inneren Heiligtums des Schreins des Imám Zádih Zayd bei, wo er unentdeckt blieb, bis Mírzá Asadu'lláh-i-Isfahání von Bahá'u'lláh durch eine Planskizze über die Stelle, wo er lag, unterrichtet wurde. Von Bahá'u'lláh angewiesen, ihn woanders zu verbergen, brachte er die Gebeine zunächst nach Tihrán in sein eigenes Haus; danach lagerten sie an verschiedenen anderen Stellen, wie im Hause Husayn Alíy-i-Isfahánís und demjenigen Muhammad-Karím-i-Attárs, wo sie verborgen blieben bis zum Jahr 1316 n.d.H.¹, als der genannte Mírzá Asadu'lláh sie auf Anweisung Abdu'l-Bahás gemeinsam mit einigen anderen Gläubigen über Isfahán, Kirmánsháh, Baghdád und Damaskus nach Beirut und von dort per Schiff nach Akká brachte, wo sie am 19. Ramadán 1316 n.d.H.², fünfzig Mondjahre nach der Erschießung des Báb in Tabríz, an ihrem Bestimmungsort eintrafen.

¹ 1899 ² 31. Januar 1899


+18:5

Im selben Jahr, da der kostbare Schatz an die Küste des Heiligen Landes gelangte und Seinen Händen anvertraut wurde, begab sich Abdu'l-Bahá in Begleitung Dr. Ibrahim Khayru'lláhs, den Er schon durch die Titel »Petrus Bahás«, »der zweite Kolumbus« und »Eroberer Amerikas« geehrt hatte, zu dem kürzlich erworbenen Grundstück am Karmel, das von Bahá'u'lláh gesegnet und erwählt war, und legte mit eigener Hand den Grundstein für das Gebäude, mit dessen Bau Er einige Monate später begann. Um diese Zeit war auf Abdu'l-Bahás Wunsch auch der Marmorsarkophag, der die Gebeine des Báb aufnehmen sollte, fertiggestellt und nach Haifa verschifft worden - eine Liebesgabe der Bahá'í aus Rangoon.

+18:6

Es erübrigt sich, bei den mannigfachen Problemen zu verweilen, die Abdu'l-Bahá fast ein Jahrzehnt lang in Atem gehalten hatten bis zu der sieghaften Stunde, da es Ihm gelang, die Ihm von Seinem Vater ans Herz gelegte historische Aufgabe zum Abschluß zu bringen. Die Gefahren, denen sich Bahá'u'lláh und später Sein Sohn gegenübersahen bei Ihren ein halbes Jahrhundert langen Bemühungen, den Schutz für diese sterblichen Reste zu gewährleisten, waren aber nur ein Vorspiel zu den schweren Gefahren, vor denen zu einer späteren Zeit der Mittelpunkt des Bundes während der Errichtung des Gebäudes, das diese Reste aufnehmen sollte, ja, bis zur Stunde Seiner endlichen Haftentlassung stand.

+18:7

Die langwierigen Verhandlungen mit dem durchtriebenen und berechnenden Eigentümer des Baugeländes für das heilige Grabmal, der unter dem Einfluß der Bundesbrecher lange nicht verkaufen wollte; die übertriebenen Preisforderungen für die Öffnung einer für den Bau unerläßlichen Zufahrtsstraße; die endlosen Einwände von Beamten aller Grade, deren leicht entzündliches Mißtrauen wiederholt durch Erklärungen und Versicherungen von Abdu'l-Bahá persönlich beschwichtigt werden mußte; die aus den monströsen Anschuldigungen Mírzá Muhammad-Alís und seiner Spießgesellen über Art und Zweck des Gebäudes erwachsende gefährliche Lage; die von der langen, erzwungenen Abwesenheit Abdu'l-Bahás von Haifa verursachten Verzögerungen und Komplikationen, da Er während dieser Zeit das große Unternehmen, das Er eingeleitet hatte, nicht persönlich beaufsichtigen konnte - all dies zählt zu den Haupthindernissen, denen Abdu'l-Bahá in dieser so bedrohlichen Zeit Seines Amtes gegenüberstand und die Er überwinden mußte, ehe Er den Plan vollenden konnte, dessen Grundzüge Bahá'u'lláh Ihm anläßlich eines Besuches am Karmel mitgeteilt hatte.

+18:8

Man hörte Ihn oft sagen: »Jeden Stein dieses Bauwerks, jeden Stein auf dem Weg dorthin, habe ich mit vielen Tränen und gewaltigen Kosten aufgehoben und an Ort und Stelle gebracht.« Wie ein Ohrenzeuge berichtet, sagte Er einmal: »Eines Nachts bedrängten mich die Sorgen so sehr, daß ich mir keinen andern Rat wußte, als ein Gebet des Báb, das ich besaß, immer wieder zu sprechen. Dies beruhigte mich sehr. Am nächsten Morgen kam der Grundbesitzer zu mir, entschuldigte sich und bat mich, die Liegenschaft zu kaufen.«

+18:9

Noch im selben Jahr, da Sein königlicher Gegner des Thrones verlustig ging, um dieselbe Zeit, da in Chicago die erste amerikanische Bahá'í-Tagung zur Gründung einer ständigen nationalen Organisation für die Errichtung des Mashriqu'l-Adhkár eröffnet wurde, brachte Abdu'l-Bahá Sein Unternehmen zum erfolgreichen Abschluß, trotz der unaufhörlichen Machenschaften innerer wie äußerer Feinde. Am 28. Safar 1327 n.d.H.¹, dem Tag des ersten Naw-Rúz-Festes, das Er nach Seiner Freilassung feierte, ließ Abdu'l-Bahá den Marmorsarkophag unter großer Mühe an die vorbereitete Gruft verbringen. Am Abend legte Er im Beisein von Gläubigen aus Ost und West beim Schein einer einzigen Lampe auf feierliche, bewegende Weise mit eigenen Händen den hölzernen Sarg mit den heiligen Überresten des Báb und Seines Gefährten in diesen Sarkophag.

¹ 1909


+18:10

Als dies geschehen und die irdischen Überreste des Märtyrerpropheten aus Shíráz endlich im Schoß des heiligen Berges Gottes zur ewigen Ruhe gebettet waren, legte Abdu'l-Bahá Turban, Schuhe und Mantel ab und neigte sich tief über den noch offenen Sarkophag, legte die Stirn auf den Rand des hölzernen Sarges und schluchzte laut auf. Sein silbernes Haar wehte Ihm um das Haupt, und Sein leuchtendes Antlitz war völlig verwandelt. Er weinte so bitterlich, daß alle Anwesenden mit Ihm weinten. In jener Nacht war er so aufgewühlt, daß Er nicht schlief.

+18:11

»Die froheste Kunde«, schrieb Er später in einem Brief, mit dem Er Seinen Anhängern diesen ruhmreichen Sieg bekanntgab, »ist, daß der heilige, strahlende Leib des Báb, ... sechzig Jahre lang vor drohenden Feinden und aus Furcht vor Übelwollenden, ohne Rast und Ruhe von Ort zu Ort verbracht, nunmehr feierlich durch die Gnade der Schönheit Abhá am Naw-Rúz-Tag im heiligen Sarg, im erhabenen Schrein am Berg Karmel beigesetzt ist... Ein seltsamer Zufall fügte es, daß am selben Naw-Rúz-Tag ein Telegramm aus Chicago eintraf mit der Nachricht, daß die Gläubigen aller amerikanischen Zentren Abgeordnete gewählt und nach Chicago entsandt und über die Lage und den Bau des Mashriqu'l-Adhkár endgültig entschieden hätten.«

+18:12

Mit der Überführung der Gebeine des Báb, dessen Kommen die Wiederkehr des Propheten Elias bedeutet, zum Karmel und ihrer Beisetzung auf dem heiligen Berg, unweit der Gruft jenes Propheten, war der von Bahá'u'lláh an Seinem Lebensabend so herrlich vorausgeschaute Plan nun ausgeführt, waren die heißen Mühen des ernannten Mittelpunkts des Bundes während der ersten Jahre Seines Amtes von unsterblichem Erfolg gekrönt. Ein Brennpunkt göttlicher Erleuchtung und Kraft - der Staub, von dem Abdu'l-Bahá sagt, daß er Ihn inspirierte, und dessen Schrein an Heiligkeit in der gesamten Bahá'í-Welt nur vom Grabmal des Stifters der Bahá'í-Offenbarung übertroffen wird - war nun für immer auf diesem Berg geschaffen, der schon seit undenkliche Zeit als heilig galt. Mit dem Mausoleum des Báb, einem Bau, massiv, einfach und eindrucksvoll zugleich, ans Herz des Karmel, des »Weinbergs Gottes«, geschmiegt, im Westen flankiert von Elias Höhle, im Osten von Galiläas Bergen, im Rücken die Ebene von Saron, im Blick die silberne Stadt Akká und dahinter das Heiligste Grab - Herz und Qiblih der Bahá'í-Welt -, überschattend die Kolonie der deutschen Templer, die in Erwartung der »Ankunft des Herrn« ihre Heimat verlassen und sich im Jahr der Erklärung Bahá'u'lláhs in Baghdád¹ am Fuß dieses Berges angesiedelt hatten, war nun unter heldenhafter Anstrengung und mit unbezwinglicher Kraft »der Ort« geschaffen, »den die himmlischen Heerscharen anbetend umkreisen«. Schon zeigen die Ereignisse - die Erweiterung des Gebäudes selbst, die Verschönerung seiner Umgebung, der Erwerb großer Grundstücke in der Nachbarschaft, die in der Nähe angelegten Ruhestätten der Frau, des Sohnes und der Tochter Bahá'u'lláhs -, daß dieser Ort im Lauf der Jahre die Berühmtheit und den Glanz zu erlangen bestimmt ist, wie sie dem hohen Zweck seiner Anlage entsprechen. Und er wird, wenn im Lauf der Jahre allmählich die Einrichtungen um das Verwaltungszentrum der zukünftigen Bahá'í-Weltgemeinde entstehen, unaufhörlich alle ihm von der unwandelbaren Vorsehung vermachten, noch verborgenen Fähigkeiten an den Tag legen. Unwiderstehlich wird diese göttliche Institution blühen und wachsen, ungeachtet aller Feindseligkeit zukünftiger Feinde, bis das volle Maß ihres Glanzes der ganzen Menschheit offen vor Augen steht.

¹ 1863


+18:13

»Eile, o Karmel«, spricht Bahá'u'lláh eindrucksvoll den heiligen Berg an, »denn siehe, das Licht des Angesichts Gottes ... ist auf dich gerichtet... Frohlocke, denn Gott hat an diesem Tage Seinen Thron auf dir errichtet, hat dich zum Aufgangsort Seiner Zeichen und zum Tagesanbruch der Beweise Seiner Offenbarung gemacht. Wohl dem, der dich umschreitet, der die Offenbarung deiner Herrlichkeit verkündet und berichtet, was die Großmut des Herrn, deines Gottes, über dich ergossen hat.« »Rufe aus gen Zion, o Karmel«, schreibt Er im selben Sendbrief, »und künde die frohe Botschaft: Er, der den sterblichen Augen verborgen war, ist gekommen! Seine allbezwingende Herrschaft ist offenbar, Seine allumfassende Herrlichkeit ist enthüllt worden. Hüte dich, daß du nicht zögerst oder schwankst. Eile und umschreite die Stadt Gottes, die vom Himmel herabgekommen ist, die himmlische Kaaba, in Anbetung umkreist von den Begünstigten Gottes, den Reinen im Herzen und der Schar der erhabensten Engel.«





Kapitel 19
Abdu'l-Bahás Reisen in Europa und Amerika

+19:1

Die Einführung der Bahá'í-Religion in den westlichen Ländern, für immer die wichtigste Errungenschaft des Wirkens Abdu'l-Bahás, hatte, wie schon bemerkt, gewaltige Kräfte in Bewegung gesetzt und derart weitreichende Ergebnisse gezeitigt, daß sich der Mittelpunkt des Bundes veranlaßt sah, selbst tätigen Anteil an dem epochemachenden Schaffen zu nehmen, das Seine Anhänger in der westlichen Welt, durch die Triebkraft des Bundes angeregt, kühn begonnen hatten und energisch fortsetzten.

+19:2

Die von den Bundbrechern in ihrer Blindheit böswillig geschürte Krise, die mehrere Jahre lang Abdu'l-Bahás Pläne schlimm durchkreuzt hatte, war nun durch Gottes Fügung behoben. Ein unüberwindliches Hindernis war Ihm plötzlich aus dem Weg geräumt. Seine Fesseln waren gelöst, Gottes Zorn hatte die Ketten von Seinem Nacken genommen und Seinem königlichen, von Seinem unversöhnlichsten Feind hinters Licht geführten Gegner Abdu'l-Hamíd auferlegt. Die heiligen Gebeine des Báb, die Ihm Sein heimgegangener Vater ans Herz gelegt hatte, waren unter unermeßlichen Schwierigkeiten aus ihrem Versteck im fernen Tihrán ins Heilige Land gebracht und von Ihm feierlich und ehrfurchtsvoll am Herzen des Karmel beigesetzt worden.

+19:3

Abdu'l-Bahás Gesundheit war zu der Zeit zerrüttet. Er litt unter vielen Beschwerden, welche Not und Entbehrungen eines fast ausschließlich in Verbannung und Gefangenschaft durchlittenen Lebens mit sich brachten. Er stand jetzt an der Schwelle des siebten Lebensjahrzehnts. Doch sobald Er aus Seiner vierzigjährigen Haft entlassen war, sobald Er den Leichnam des Báb endlich an einem sicheren Platz zur Ruhe gebettet hatte, Sein Herz der schweren Sorge um dies kostbare Treugut ledig war, erhob Er sich mit strahlendem Mut, voll Zuversicht und entschlossen, um die Ihm an Seinem Lebensabend noch verbliebenen schwachen Kräfte einem Dienst so gewaltigen Ausmaßes zu weihen, wie er in den Annalen des ersten Bahá'í-Jahrhunderts nicht seinesgleichen hat.

+19:4

Die drei Jahre Seiner Reisen, zuerst nach Ägypten, dann nach Europa und zuletzt nach Amerika, bezeichnen, in ihrer historischen Bedeutung richtig gewürdigt, eine hochbedeutsame Wende in der Geschichte des Jahrhunderts. Zum erstenmal seit der Entstehung der Bahá'í-Religion vor sechsundsechzig Jahren hatte ihr Oberhaupt und höchster Repräsentant die Fesseln gesprengt, die während der gesamten Wirkungszeit des Báb und Bahá'u'lláhs ihre freie Entfaltung verhindert hatten. Obgleich im Land ihrer Entstehung die Aktivität der meisten ihrer Anhänger immer noch durch Unterdrückungsmaßnahmen beschränkt war, genoß ihr anerkannter Führer nun eine Handlungsfreiheit, die Er mit Ausnahme der kurzen Zeitspanne während des Krieges von 1914-18 bis zu Seinem Lebensende behielt und die auch den Institutionen des Glaubens im Weltzentrum seither stets erhalten blieb.

+19:5

Der folgenreiche Wechsel in den Geschicken der Bahá'í-Religion war der Auftakt zu einer so gewaltigen Fülle von Aktivitäten Seinerseits, daß sie Seine Anhänger in Ost und West in Staunen versetzten und unauslöschlich den Gang der weiteren Geschichte prägten. Der, wie Er selbst sagte, als Jüngling ins Gefängnis und erst als alter Mann wieder herausgekommen war, der niemals im Leben vor einem Auditorium gestanden, nie die Schule besucht, nie in Kreisen westlicher Menschen verkehrt hatte, deren Sprachen und Sitten Ihm fremd waren, machte sich auf, um von Kanzel und Katheder in Europas Hauptstädten und in führenden Städten Nordamerikas nicht nur die der Religion Seines Vaters eigenen Wahrheiten zu verkünden, sondern auch den göttlichen Ursprung der Propheten vor Bahá'u'lláh darzulegen und die Art ihrer Verbundenheit mit dem neuen Glauben aufzudecken.

+19:6

Zu dieser anstrengenden Reise fest entschlossen, ohne Rücksicht auf Seine Kraft und die Risiken des Lebens, schiffte Er sich in aller Ruhe und ohne zuvor etwas davon zu sagen, an einem Septembernachmittag des Jahres 1910 - das Jahr nach dem Sturz Abdu'l-Hamíds und der feierlichen Beisetzung der sterblichen Reste des Báb auf dem Karmel - nach Ägypten ein, hielt sich etwa einen Monat lang in Port Said auf und ging dann an Bord eines Schiffes nach Europa, stellte aber fest, daß Sein Gesundheitszustand es erforderte, in Alexandria wieder an Land zu gehen und die Reise zu verschieben. Nachdem Er zunächst in Ramleh, einem Vorort von Alexandria, gewohnt und später Zaytún und Kairo besucht hatte, schiffte Er sich am 11. August des folgenden Jahres mit vier Begleitern auf der S.S.Corsica nach Marseille ein und reiste von dort aus nach kurzem Aufenthalt in Thonon-les-Bains nach London, wo Er am 4. September 1911 eintraf. Nach einem etwa vierwöchigen Besuch ging Er nach Paris, wo Er neun Wochen blieb, und kehrte im Dezember 1911 nach Ägypten zurück. Wieder wohnte Er in Ramleh, wo Er den Winter verbrachte. Am 25. März 1912 brach Er zu Seiner zweiten Reise nach dem Westen auf und fuhr mit dem Dampfer Cedric über Neapel direkt nach New York, wo Er am 11. April ankam. Nach einer langen, acht Monate währenden Reise, die Ihn von einer Küste zur andern führte, und in deren Verlauf Er Washington, Chicago, Cleveland, Pittsburgh, Montclair, Boston, Worcester, Brooklyn, Fanwood, Milford, Philadelphia, West Englewood, Jersey City, Cambridge, Medford, Morristown, Dublin, Green Acre, Montreal, Malden, Buffalo, Kenosha, Minneapolis, St. Paul, Omaha, Lincoln, Denver, Glenwood Springs, Salt Lake City, San Francisco, Oakland, Palo Alto, Berkeley, Pasadena, Los Angeles, Sacramento, Cincinnati und Baltimore besuchte, fuhr Er am 5. Dezember auf der S.S.Celtic von New York aus nach Liverpool. Nach Seiner Landung dort fuhr Er per Bahn weiter nach London. Später besuchte Er Oxford, Edinburgh und Bristol, kehrte dann wieder nach London zurück und fuhr am 21. Januar 1913 nach Paris. Am 30. März reiste Er nach Stuttgart, und von dort aus fuhr Er am 9. April nach Budapest, besuchte neun Tage später Wien und kehrte am 25. April nach Stuttgart zurück. Am 1. Mai fuhr Er nach Paris, wo Er bis zum 12. Juni blieb, und schiffte sich am 13. Juni in Marseille auf der S.S.Himalaya nach Ägypten ein. Nach vier Tagen kam Er in Port Said (Búr Sa'íd) an, und nach kurzen Besuchen in Ismailia (Al-Ismá'ílíyyah) und Abu Qir (Abú Qír) und einem längeren Aufenhalt in Ramla (Ramallah) beendete Er Seine historischen Reisen und kehrte am 5. Dezember 1913 nach Haifa zurück.

+19:7

Im Verlauf dieser epochemachenden Reisen legte Abdu'l-Bahá vor großen, bedeutenden Versammlungen, denen zuweilen bis zu tausend Menschen beiwohnten, mit einfachen, treffenden Worten und großer Überzeugungskraft zum erstenmal seit der Aufnahme Seines Amtes die kennzeichnenden Prinzipien der von Seinem Vater gestifteten Religion dar, die zusammen mit den im Kitáb-i-Aqdas niedergelegten Gesetzen und Geboten den Grundstock der jüngsten Offenbarung Gottes vor der Menschheit bilden. Die unabhängige, von Aberglauben und Tradition befreite Wahrheitssuche; die Einheit des ganzen Menschengeschlechts - Hauptlehre und Leitprinzip des Glaubens -; die grundlegende Einheit aller Religionen; strikte Ablehnung jeglichen Vorurteils, ob religiöser, rassischer, gesellschaftlicher oder ethnischer Art; der unabdingbare Einklang von Religion und Wissenschaft; Gleichheit für Mann und Frau, die beiden Flügel, mit denen der Vogel Menschheit sich aufschwingen kann; die Einführung der Schulpflicht; die Adoption einer universellen Hilfssprache; die Beseitigung der Extreme von Reichtum und Armut; die Einrichtung eines Welttribunals zur Schlichtung von Streit unter Völkern; die Würdigung jeglicher im Geist des Dienstes geleisteten Arbeit als Gottesdienst; die Verherrlichung der Gerechtigkeit als herrschendes Prinzip in der menschlichen Gesellschaft und der Religion als Bollwerk für den Schutz aller Menschen und Völker; die Stiftung eines dauernden universalen Friedens als das erhabenste Ziel für die ganze Menschheit - dies sind die Grundelemente dieser göttlichen Verfassung, die Er im Verlauf Seiner Lehrreisen den Meinungsführern wie dem großen Publikum verkündete. Die Darstellung dieser lebenspendenden Wahrheiten des Glaubens Bahá'u'lláhs, den Er als »den Geist des Zeitalters« bezeichnete, ergänzte Er wiederholt durch eindringliche Warnungen vor einem drohenden Weltbrand, der, wenn die Staatsmänner ihn nicht abwendeten, den ganzen europäischen Kontinent in Flammen setzen werde. Auch sagte Er im Verlauf dieser Reisen die radikalen Veränderungen voraus, die auf diesem Kontinent stattfinden werden, sprach die unvermeidlich einsetzende Bewegung zur Dezentralisation der politischen Macht an, wies auf die Wirren hin, die in der Türkei ausbrechen werden, sprach von der auf dem europäischen Kontinent einsetzenden Judenverfolgung und verkündete entschieden, daß »das Banner der Einheit der Menschheit gehißt werde, daß das Heiligtum des Weltfriedens errichtet und diese Welt in eine andere verwandelt werde.«

+19:8

Während dieser Reisen entfaltete Abdu'l-Bahá soviel Vitalität, Mut, Zielstrebigkeit und Hingabe an die selbstgestellte Aufgabe, daß Ihn alle bewunderten und verehrten, die das Vorrecht hatten, Sein tägliches Wirken aus nächster Nähe zu verfolgen. Ohne Blick für die Sehenswürdigkeiten und Seltsamkeiten, die sonst die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu lenken pflegen und die auch Seine Begleiter Ihm oftmals gern gezeigt hätten; achtlos gegenüber jeder Bequemlichkeit und Seiner Gesundheit; täglich von früh bis spät mit all Seiner Kraft am Wirken; stets alle Geschenke und Reisezuschüsse zurückweisend; unentwegt um die Kranken, die Bekümmerten und Niedergeschlagenen besorgt; kompromißlos für die unterprivilegierten Rassen und Klassen eintretend; freigebig wie der Regen in Seiner Großmut den Armen gegenüber; voll Verachtung für die Attacken rühriger und fanatischer Fundamentalisten und Sektierer; wunderbar in Seinem Freimut, wenn Er von Kanzel und Katheder herab den Juden die prophetische Sendung Jesu Christi bewies, in Kirchen und Synagogen vom göttlichen Ursprung des Isláms sprach oder den Materialisten, Atheisten und Agnostikern die Wahrheit der göttlichen Offenbarung und die Notwendigkeit der Religion darlegte; unvergleichlich, wie Er zu jeder Zeit und in allen Bethäusern der verschiedenen Sekten und Richtungen Bahá'u'lláh verherrlichte; unerbittlich in Seiner Ablehnung - so verschiedentlich in England und den Vereinigten Staaten -, Leuten von Rang und Reichtum zu schmeicheln; und nicht zuletzt unvergleichlich in Seiner ungezwungenen, aufrichtigen, herzlichen Sympathie und Güte, die Er allen gleicherweise entgegenbrachte, ob Freund oder Gast, gläubig oder nicht, reich oder arm, hoch oder niedrig, mit wem Er auch zusammenkam, in privatem Rahmen oder zufällig, an Bord eines Schiffes oder beim Gang über die Straße, im Park oder auf dem Marktplatz, auf dem Empfang oder beim Festmahl, im Elendsviertel oder im Palast, in der Runde Seiner Anhänger oder im Kreis der Gelehrten, rief Er - leibhaftige Bahá'í-Tugend und Verkörperung aller Bahá'í-Ideale - volle drei Jahre lang unaufhörlich der im Materialismus versunkenen und schon im Schatten des Krieges stehenden Welt die göttliche Heilsbotschaft der Offenbarung Seines Vaters zu.

+19:9

Im Verlauf Seiner verschiedenen Besuche in Ägypten führte er mehrmals Gespräche mit dem Khediven Abbás Hilmí Páshá 11., wurde Lord Kitchener vorgestellt, kam mit dem Muftí Shaykh Muhammad Bakhít, und dem Imám des Khediven, Shaykh Muhammad Ráshid, zusammen und traf sich mit verschiedenen 'Ulamás, Páshás, einflußreichen persischen Persönlichkeiten, Mitgliedern des türkischen Parlaments, Herausgebern führender Zeitungen in Kairo und Alexandria und andern Führern und Vertretern bekannter religiöser und weltlicher Einrichtungen.

+19:10

In England wurde das Haus, das Ihm in Cadogan Gardens zur Verfügung gestellt war, zu einem wahren Mekka für alle möglichen Menschen, die herbeikamen, um den Gefangenen von Akká zu sehen, der ihre große Stadt zum ersten Schauplatz Seines Wirkens im Westen ausersehen hatte. »O diese Pilger, diese Gäste, diese Besucher«, schrieb Seine ergebene Londoner Gastgeberin über diese Zeit. »Wenn wir an jene Tage zurückdenken, haben wir noch den Schall ihrer Tritte im Ohr, wie sie aus allen Ländern der Welt herbeieilten. Jeden Tag, den ganzen Tag über, ein endloser Strom, eine nicht abreißende Prozession! Minister und Missionare, orientalische Gelehrte und angehende Okkultisten, mit beiden Beinen im Leben Stehende und Mystiker, Anglikaner, Katholiken und Freidenker, Theosophen und Hindus, Szientisten und Ärzte, Muslime, Buddhisten und Zoroastrier. Auch kamen Politiker, Soldaten der Heilsarmee und andere Arbeiter für das Wohl der Menschheit, Frauenrechtlerinnen, Journalisten, Schriftsteller, Dichter und Heiler, Damenschneider und rauschende Damen, Künstler und Handwerker, arme Arbeitslose und reiche Geschäftsleute, Theaterleute und Musiker, alle kamen sie, und keiner war zu gering und keiner zu vornehm, als daß ihm nicht die liebevolle Zuwendung des heiligen Boten zuteil geworden wäre, der stets Sein Leben dem Wohl anderer weihte.«

+19:11

Abdu'l-Bahá trat bezeichnenderweise in einer christlichen Kirche zum erstenmal öffentlich vor ein westliches Auditorium, zu dem Er am 10. September 1911 von der Kanzel der überfüllten Stadtkirche sprach. Der Pastor, Reverend R. J. Campbell, stellte Ihn vor, dann sprach Abdu'l-Bahá mit lauter Stimme in einfachen, bewegenden Worten von der Einheit Gottes, betonte die gemeinsame Grundlage aller Religionen und verkündete, daß die Stunde der Vereinigung aller Menschenkinder, aller Rassen, Religionen und Klassen geschlagen habe. Bei anderer Gelegenheit sprach Er am 17. September auf Ersuchen des ehrwürdigen Archidiakons Wilberforce zur Gemeinde St. John the Divine in Westminster nach dem Abendgottesdienst über das Thema der unfaßbaren Größe der Gottheit, wie sie von Bahá'u'lláh im Kitáb-i-Iqán dargestellt wird. Ein Zeitgenosse berichtet darüber: »Der Archidiakon hatte den Bischofsstuhl für Seinen Gast an die Stufen zur Kanzel gestellt und verlas neben Abdu'l-Bahá stehend selbst die Übersetzung der Worte, die Er sprach. Die Versammelten waren tief bewegt und knieten, dem Beispiel des Archidiakons folgend, nieder, um den Segen des Dieners Gottes zu empfangen. Er stand mit ausgebreiteten Armen und Seine wundervolle Stimme hob und senkte sich im Rhythmus Seiner Segensworte.«

+19:12

Auf Einladung des Oberbürgermeisters von London frühstückte Er mit ihm in dessen Amtssitz, sprach auf Ersuchen des Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft in deren Verwaltungssitz sowie zu einer Versammlung des Higher Thought-Zentrums in London, wurde von einer Delegation der Bramo-Samaj-Gesellschaft eingeladen, unter deren Schirmherrschaft einen Vortrag zu halten, besuchte die Moschee in Woking und hielt dort auf Einladung der muslimischen Gemeinde von Großbritannien eine Ansprache über Welteinheit und wurde von persischen Prinzen, Edelleuten, Exministern und Mitgliedern der Persischen Gesandtschaft in London empfangen. Er war Gast im Hause Dr. T. K. Cheynes in Oxford und hielt einen Vortrag im Manchester-College jener Stadt vor einem »großen und äußerst interessierten«, hochakademischen Auditorium unter dem Vorsitz Dr. Estlin Carpenters. Er sprach auch auf der Kanzel einer Kongregationskirche im Londoner Ostend auf Bitte des dortigen Pastors, hielt Ansprachen bei Versammlungen in Caxtonhall und Westminsterhall, dort unter dem Vorsitz von Sir Thomas Berkeley, wohnte der Aufführung eines Weihnachtsmysterienspiels, »Das ungestüme Herz«, in der Westminsterkirche bei - es war das erste Schauspiel, das Er in Seinem Leben sah und das Ihn in Seiner bildhaften Darstellung des Lebens und Leidens Jesu Christi zu Tränen rührte. Im Saal der Passmore Edwards-Siedlung am Tavistockplatz sprach Er zu einer Zuhörerschaft von etwa 460 Menschen aus allen Schichten unter dem Vorsitz von Professor Michael Sadler, sprach zu Arbeiterinnen aus dieser Siedlung, die ihren Urlaub bei Vanners in Byfleet verbrachten, etwa zwanzig Meilen von London entfernt, machte dort noch einen zweiten Besuch und kam dabei mit Menschen aller Art zusammen, die eigens um Ihn zu sehen dorthin kamen, darunter »Geistliche verschiedener Bekenntnisse, der Rektor einer öffentlichen Knabenschule, ein Parlamentsmitglied, ein Arzt, ein berühmter politischer Schriftsteller, der Vizekanzler einer Universität, mehrere Journalisten, ein bekannter Dichter und ein Angehöriger des Londoner Magistrats«. Ein Chronist Seines Englandbesuchs schrieb seinerzeit: »Noch lange wird man daran denken, wie Er in der Nachmittagssonne unter dem Bogenfenster saß, den Arm um einen recht zerlumpten, aber überglücklichen kleinen Jungen gelegt, der gekommen war, um Abdu'l-Bahá um einen Groschen für seine Sparbüchse und seine kranke Mutter zu bitten, während sich im Saal die versammelten Männer und Frauen über Erziehung, Sozialismus, das erste Reformgesetz und das Verhältnis von Unterseebooten und drahtloser Telegraphie zu der neuen Ära unterhielten, in die man nun eintrat.«

+19:13

Unter den vielen, die Ihn während der denkwürdigen Tage, die Er in England und Schottland verbrachte, aufsuchten, waren der Reverend Archidiakon Wilberforce, der Reverend R. J. Campbell, der Reverend Rhonddha Williams, der Reverend Roland Corbet, Lord Lamington, Sir Richard und Lady Stapley, Sir Michael Sadler, der Jalálu'd-Dawlih, Sohn des Zillu's-Sultán, Sir Ameer Ali, der damalige Maharadschah von Jalawar, der Ihn oftmals besuchte und Ihm zu Ehren ein erlesenes Essen und einen großen Empfang gab, ferner der Maharadschah von Rajputana, die Rani von Sarawak, Prinzessin Karadja, Baronesse Barnekov, Lady Wemyss und ihre Schwester, Lady Glencomer, Lady Agnew, Miss Constance Maud, Professor E. G. Browne, Professor Patrick Geddes, Mr. Albert Dawson, der Herausgeber der Christian Commonwealth, Mr. David Graham Pole, Mrs. Annie Besant, Mrs. Pankhurst und Mr. Stead, der lange und tiefe Gespräche mit Ihm führte. Seine Gastgeberin schrieb über die Eindrücke derer, die das Vorrecht einer Privataudienz bei Ihm hatten: »Viele baten um das einzigartige Erlebnis, von Ihm privat empfangen zu werden, ein Erlebnis, dessen Einzigartigkeit nur zu ermessen vermochte, wer vor dem Meister stand; wir konnten es bis zu einem gewissen Grad erahnen, wenn wir den Ausdruck ihrer Gesichter sahen, wenn sie wieder herauskamen: wie von Ehrfurcht geblendet, von Verwunderung und einer Art stiller Freude. Manchmal schien es uns, als ob sie sich innerlich dagegen sträubten, überhaupt wieder in die Außenwelt zu treten, als ob sie ihre Seligkeit festhalten wollten, damit die Berührung mit den Dingen dieser Welt sie ihnen nicht wieder entreiße.« Der obengenannte Chronist schreibt zusammenfassend über den denkwürdigen Besuch: »Ein tiefer Eindruck blieb in Herz und Gedächtnis all dieser verschiedenen Männer und Frauen haften... So begeistert man in London über Abdu'l-Bahás Besuch war, so tief bedauerte man es, als Er wieder abreiste. Er ließ viele, viele Freunde zurück. Seine Liebe hatte Gegenliebe geweckt. Er hatte Sein Herz dem Westen geöffnet, und die Menschen im Westen hatte diesen ehrwürdigen Patriarchen aus dem Osten in ihr Herz geschlossen. In Seinen Worten lag etwas, das nicht nur auf ihre Zuhörer wirkte, sondern überhaupt auf alle Männer und Frauen.«

+19:14

Bei Seinen Besuchen in Paris, wo Er eine Zeitlang in der Avenue de Camoens wohnte, wurde Ihm von Seinen Freunden und Anhängern ein nicht minder herzlicher Empfang zuteil wie in London. Seine englische Gastgeberin, Lady Blomfield, die Ihm nach Paris gefolgt war, schrieb: »Wie in London, nahmen auch während Seines Besuches in Paris tägliche Vorkommnisse die Atmosphäre geistiger Ereignisse an... Jeden Morgen pflegte der Meister denen, die sich begierig und respektvoll um Ihn scharten, Gelehrte und Ungelehrte, die Prinzipien der Lehre Bahá'u'lláhs zu erläutern. Sie kamen aus allen Nationalitäten und Bekenntnissen in Ost und West: Theosophen, Agnostiker, Materialisten, Spiritualisten, Szientisten, Sozialreformer, Hindu, Súfí, Muslime, Buddhisten, Zoroastrier und viele andere.« Und weiter: »Ein Gespräch nach dem andern. Kirchliche Würdenträger der verschiedenen Zweige des christlichen Baums kamen herbei, einige ehrlich bestrebt, neue Aspekte der Wahrheit zu finden... Andere verstopften die Ohren, um nicht zu hören und zu begreifen.«

+19:15

Persische Prinzen, Edelleute, Exminister, darunter der Zillu's-Sultán, der persische Gesandte, der türkische Botschafter in Paris, Rashíd Páshá, ein Ex-Válí von Beirut, türkische Páshás und Exminister, sowie Vicomte Arawaka, der japanische Gesandte am spanischen Hof, hatten alle das Vorrecht, von Ihm empfangen zu werden. Er hielt Ansprachen vor Esperantisten und Theosophen, vor Theologiestudenten und großen Versammlungen der Alliance Spiritualiste. In einem ganz armen Stadtviertel sprach Er in einem Missionssaal auf Bitte des Pastors zu den Versammelten, und Seine Anhänger, die mit den Lehren schon vertraut waren, durften bei zahllosen Zusammenkünften oftmals aus Seinem Munde die Darlegungen einzelner bestimmter Aspekte der Glaubenslehre Seines Vaters vernehmen.

+19:16

In Stuttgart, wo Er einen kurzen, aber unvergeßlichen Aufenthalt nahm und wohin Er trotz Seiner angegriffenen Gesundheit reiste, um mit der Gemeinde Seiner begeisterten und innig geliebten deutschen Freunde persönlich in Verbindung zu kommen, wohnte Er den Versammlungen Seiner ergebenen Anhänger bei, bedachte die Mitglieder der Jugendgruppe, die sich in Eßlingen gebildet hatte, mit Seinem Segensüberfluß und sprach auf Einladung von Professor Christale¹, dem Präsidenten der Esperantisten von Europa, auf einer großen Versammlung im Esperantistenklub. Ferner besuchte Er Bad Mergentheim in Württemberg, wo einer Seiner dankbaren Anhänger wenige Jahre später, 1915, ein Denkmal zur Erinnerung an Seinen Besuch errichtete. Ein Augenzeuge schrieb: »Die Ehrfurcht, Liebe und Ergebenheit der deutschen Gläubigen erfreute Abdu'l-Bahás Herz, und sie empfingen von Ihm in tiefster Hingabe Seinen Segen und Seine ermutigenden Ratschläge... Von nah und fern kamen die Freunde, um den Meister zu sehen. Ständig strömten Besucher zum Hotel Marquardt. Abdu'l-Bahá empfing sie dort mit soviel Liebe und Güte, daß sie alle vor Freude und Glück strahlten.«

¹ Paul Gottfried Christaller (geb. 21.8.1860 in Basel) Vors. des Deutschen Esperanto-Bundes 1913-20


+19:17

In Wien, wo Er sich einige Tage aufhielt, sprach Abdu'l-Bahá zu einer Theosophenversammlung, und in Budapest hatte Er eine Unterredung mit dem Rektor der dortigen Universität, traf verschiedentlich mit dem berühmten Orientalisten Professor Arminius Vambery zusammen, sprach in der Theosophischen Gesellschaft, empfing den Besuch des Präsidenten der Turanischen und verschiedener Vertreter der Türkischen Gesellschaft, ferner Offiziere, verschiedene Parlamentsmitglieder und eine Abordnung der Jungtürken unter Führung von Professor Julius Germanus, der Ihn in der Stadt herzlich willkommen hieß. Dr. Rusztem Vambery schreibt: »Während dieser Zeit war Sein Zimmer im Hotel Dunapalota ein wahres Mekka für alle, die die Mystik des Ostens und die Weisheit ihres Meisters in ihren magischen Kreis zog. Unter Seinen Besuchern waren der Graf Albert Apponyi, Prälat Alexander Giesswein, der weltbekannte Orientalist Professor Ignatius Goldziher, der berühmte Budapester Maler Professor Robert A. Nadler, zugleich Vorsitzender der Ungarischen Theosophischen Gesellschaft.«

+19:18

Aber dem nordamerikanischen Kontinent blieb es vorbehalten, Zeuge der erstaunlichsten Kundgaben der unerschöpflichen Lebenskraft zu sein, die Abdu'l-Bahá auf diesen Reisen bewies. Der bemerkenswerte Fortschritt, den die organisierte Gemeinde Seiner Anhänger in den Vereinigten Staaten und Kanada machte, die offensichtliche Aufnahmebereitschaft des amerikanischen Publikums für Seine Botschaft sowie Sein Wissen um die hohe Bestimmung, die der Bevölkerung dieses Erdteils harrte, rechtfertigten voll und ganz den Aufwand an Zeit und Kraft, den Abdul'l-Bahá dieser wichtigsten Phase Seiner Reisen widmete. Dieser Besuch, der eine Reise von über fünftausend Meilen notwendig machte, sich vom April bis zum Dezember erstreckte, Ihn vom Atlantischen Ozean bis zur Pazifischen Küste und wieder zurück führte, in dessen Verlauf so viele Gespräche geführt und Reden gehalten wurden, daß sie drei Bände füllen, bildete den Höhepunkt all Seiner Reisen und war voll gerechtfertigt durch die weitreichenden Erfolge, die, wie Er wohl wußte, Seine Mühe zeitigen würde. Seinen Anhängern in New York sagte Er bei Seinem ersten Zusammentreffen mit ihnen: »Diese lange Reise wird euch beweisen, wie groß Meine Liebe zu euch ist. Es waren viele Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, aber im Gedanken an euch trat das alles in den Hintergrund und ist vergessen.«

+19:19

Aus der Art und Weise Seines Wirkens geht klar hervor, welchen Wert Er diesem Besuch beimaß. Daß Er in Gegenwart einer eindrucksvollen Versammlung von Bahá'í aus Ost und West mit eigener Hand den Grundstein zum Mashriqu'l-Adhkár legte, der bei Chicago am Ufer des Michigansees auf dem kürzlich erworbenen Grundstück errichtet werden sollte; daß Er auf einer maßgeblichen Versammlung Seiner Anhänger in New York, das seitdem die »Stadt des Bundes« genannt wird, den kürzlich ins Englische übersetzten Sendbrief vom Zweig verlesen ließ und danach ausdrücklich betonte, wozu der von Bahá'u'lláh gestiftete Bund verpflichtet; die ergreifende Feier in Inglewood in Kalifornien, das Er eigens zum Besuch des Grabes von Thornton Chase aufsuchte, des »ersten amerikanischen Gläubigen«, ja des ersten überhaupt, der sich im Westen zur Sache Bahá'u'lláhs bekannte; das Glaubensfest, das Er einer großen Versammlung von Anhängern unter freiem Himmel, im Grünen und Blühen eines Junitages in West Englewood, New Jersey, gab; der besondere Segen, der dem offenen Forum in Green Acre, Maine, am Ufer des Piscataqua zuteil wurde, wo sich viele Seiner Anhänger versammelt hatten und was sich in der Folgezeit zu einer ersten Bahá'í-Sommerschule der westlichen Welt entwickeln und als eines der ersten Bahá'í-Besitztümer auf dem amerikanischen Kontinent anerkannt werden sollte; Seine Ansprache vor einigen hundert Zuhörern auf der letzten Sitzung der jüngst gegründeten Bahá'í-Tempelvereinigung in Chicago; und nicht zuletzt der beispielhafte Akt der Trauung zweier Seiner Anhänger verschiedener Nationalität, von weißer Hautfarbe der eine Partner, von schwarzer der andere - all dies gehört zum Bedeutsamsten, was Er während Seines Besuchs in der Gemeinde der amerikanischen Gläubigen vollbrachte, war bahnbrechend für die Errichtung ihres zentralen Hauses der Andacht, gab ihnen die Kraft, den Prüfungen, die bald über sie kommen sollten, standzuhalten, festigte ihren Zusammenhalt und war ein Segen für die ersten Anfänge der Verwaltungsordnung, die sie demnächst einführen und verfechten sollten.

+19:20

Nicht minder bemerkenswert war auch die ausgedehnte Öffentlichkeitsarbeit Abdu'l-Bahás durch Seinen Umgang mit den vielen Leuten, mit denen Er auf Seiner Reise über den Kontinent in Berührung kam. Ein ausführlicher Bericht über Sein vielseitiges Wirken, das acht Monate lang Seine Zeit restlos ausfüllte, würde den Rahmen dieses Überblicks sprengen. Es genügt zu sagen, daß er allein in New York an nicht weniger als fünfundfünfzig verschiedenen Stellen öffentlich sprach oder Besuche machte. Friedensgesellschaften, christliche und jüdische Vereinigungen, Hochschulen und Universitäten, Wohlfahrtseinrichtungen, ethische Kultusgemeinden, Neugeistzentren, Okkultistengruppen, Frauenvereine, wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften, Esperantistenvereine, Theosophen, Mormonen, Agnostiker, Fördereinrichtungen für Farbige, die Gemeinden der Syrer, Armenier, Griechen, Chinesen und Japaner - alle lernten Seine kraftvolle Persönlichkeit kennen und genossen das Vorrecht, aus Seinem Munde die Botschaft Seines Vaters zu vernehmen. Auch die Presse versäumte nicht, in ihren Leitartikeln und Berichten über Seine Reden voll Anerkennung die Weite Seiner Schau und die Eigenart Seiner Aufrufe zu würdigen.

+19:21

Seine Rede bei den Friedenskonferenzen in Lake Mohonk, Seine Ansprachen vor großen Versammlungen in den Universitäten von Columbia, Howard und New York, Seine Teilnahme an der vierten Jahreskonferenz der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der Farbigen, Sein mutiges Bekenntnis zur Gültigkeit der prophetischen Sendungen Jesu und Muhammads im Tempel Emmanu-El, einer jüdischen Synagoge in San Francisco, wo nicht weniger als zweitausend Menschen versammelt waren, Seine glänzende Ansprache vor einem Auditorium von achtzehnhundert Studenten und hundertachtzig Lehrern und Professoren in der Leland Stanford-Universität, Sein denkwürdiger Besuch bei der Bowery-Mission in den Elendsvierteln von New York und der glänzende Empfang, der Ihm zu Ehren in Washington gegeben wurde, bei dem viele Prominente des gesellschaftlichen Lebens in der Hauptstadt Ihm vorgestellt wurden - das waren Höhepunkte der unvergeßlichen Mission, die Er im Dienst für die Sache Seines Vaters auf sich nahm. Staatssekretäre, Gesandte, Kongreßteilnehmer, führende Rabbiner, Geistliche und andere bedeutende Persönlichkeiten trafen mit Ihm zusammen, wie Dr. D. S. Jordan, Rektor der Leland Stanford-Universität, Prof. Jackson von der Columbia-Universität, Prof. Jack von der Universität Oxford, Rabbi Stephen Wise aus New York, Dr. Martin A. Meyer, Rabbi Joseph L. Levy, Rabbi Abram Simon, Alexander Graham Bell, Rabindranath Tagore, Hon. Franklin K. Lane, Mrs. William Jennings Bryan, Andrew Carnegie, Hon. Franklin MacVeagh, Schatzkanzler der Vereinigten Staaten, Lee McClung, Mr. Roosevelt, Admiral Wain Wright, Admiral Peary, der britische, der holländische und der schweizerische Gesandte in Washington, der dort residierende türkische Botschafter Yúsuf Díyá-Páshá, Thomas Seaton, Hon. William Sulzer und Prinz Muhammad-Alí aus Ägypten, Bruder des Khediven.

+19:22

»Als Abdu'l-Bahá im Jahr 1912 zum erstenmal in dieses Land kam«, schrieb ein Kommentator Seiner Reisen in Amerika, »stieß Er auf ein großes, aufgeschlossenes Publikum, das darauf wartete, Ihn persönlich begrüßen zu dürfen und Seine geistige Liebesbotschaft aus Seinem eigenen Mund zu vernehmen... Abgesehen von Seinen Worten war etwas Unbeschreibliches in Seiner Persönlichkeit, das bei allen, die mit Ihm zusammentrafen, einen tiefen Eindruck hinterließ. Das hohe Haupt, der patriarchalische Bart, die Augen, die hinter Zeit und Raum geblickt zu haben schienen, die sanfte und doch eindringliche Stimme, die unendliche Bescheidenheit, die nie versagende Liebe - und vor allem der Eindruck von Kraft, gepaart mit Güte, die Seinem ganzen Wesen eine seltene, geistig erhabene Majestät verlieh und Ihn als etwas ganz Besonderes erscheinen ließ, Ihn aber dennoch den einfachsten Menschen nahe brachte - all dies und noch vieles mehr, was sich gar nicht ausdrücken läßt, hinterließ bei Seinen vielen ... Freunden unauslöschliche und unbeschreiblich kostbare Erinnerungen.«

+19:23

Wenn auch ein Überblick über die Reisen Abdu'l-Bahás in Europa und Amerika Seiner vielseitigen und umfangreichen Tätigkeit dort niemals gerecht werden kann, sollten doch auch einige seltsame Begebenheiten nicht unerwähnt bleiben, die sich oft bei Begegnungen mit Ihm zutrugen. Ein unbezähmbarer Junge, der fürchtete, daß Abdu'l-Bahá nicht auch die westlichen Staaten besuchen käme, aber kein Geld zu einer Eisenbahnreise nach Neu-England besaß, legte kühn entschlossen die ganze Reise von Minneapolis bis Maine auf den Stangen zwischen den Rädern unter dem Zug liegend zurück. Ein englischer Landpfarrerssohn, der im Bewußtsein seines Elends und seiner Armseligkeit während eines Spaziergangs am Themseufer seinem Leben ein Ende zu setzen beschloß, wurde völlig verwandelt dadurch, daß er in einem Schaufenster ein Bild von Abdu'l-Bahá sah, im Geschäft nach Ihm fragte, zur angegebenen Adresse eilte und sich durch die aufmunternden und tröstlichen Worte Abdu'l-Bahás so neu belebt fühlte, daß er darüber alle Selbstmordgedanken vergaß. Eine Frau erlebte staunend, daß ihre kleine Tochter aufgrund eines Traumes, den sie hatte, steif und fest behauptete, Jesus Christus sei wieder auf der Welt, und als sie eines Tages in der Auslage einer Zeitschriftenhandlung das Bild Abdu'l-Bahás sah, Ihn sogleich als den Jesus Christus ihres Traumes erkannte, worauf die Mutter, als sie las, daß Abdu'l-Bahá in Paris sei, das nächste Schiff nach Europa nahm, um so schnell wie möglich in Seine Gegenwart zu gelangen. Der Herausgeber einer in Japan erscheinenden Zeitung entschloß sich in Konstantinopel kurzerhand, seine Reise nach Tokio zu unterbrechen und nach London zu fahren, nur »um die Freude zu erleben, einen einzigen Abend in Seiner Gegenwart zu verbringen«. Rührend die Szene, wie Abdu'l-Bahá von einem persischen Freund, der unlängst aus 'Ishqábád nach London gekommen war, das Geschenk eines armen Bahá'í-Arbeiters aus jener Stadt entgegennahm: ein Stück vertrocknetes Schwarzbrot und einen runzligen Apfel, in ein baumwollenes Tuch gewickelt - Er ließ Sein Essen stehen, packte die Gabe vor den versammelten Gästen aus, brach das Brot in kleine Stücke, aß selbst davon und bot dann jedem der Anwesenden davon an. Dies sind nur einige Beispiele aus einer Unzahl von Vorkommnissen, die ein helles Licht auf einige persönliche Aspekte Seiner denkwürdigen Reisen werfen.

+19:24

Unvergeßlich sind auch gewisse Begebenheiten, die sich um die majestätische und patriarchalische Gestalt Abdu'l-Bahás ranken wie Er durch die Städte Europas und Amerikas reiste. Das denkwürdige Gespräch mit Archidiakon Wilberforce, in dessen Verlauf Abdu'l-Bahá all seine vielen Fragen beantwortete, indes Seine Hand liebevoll auf dem Haupt des berühmten, auf einem niedrigen Stuhl an Seiner Seite sitzenden Kirchenmannes ruhte; noch denkwürdiger die Szene, als derselbe Archidiakon, nachdem er mitsamt seiner Gemeinde in der St. John's-Kirche kniend Seinen Segen empfangen hatte, Hand in Hand mit seinem Gast durch den Chorgang zur Sakristei schritt, währenddessen die ganze Gemeinde stehend ein Kirchenlied sang; der Anblick, wie der Jalálu'd-Dawlih Abdu'l-Bahá zu Füßen fiel, sich vielmals entschuldigte und Ihn inständig um Vergebung für seine früher verübten Frevel anflehte; der begeisterte Empfang, der Ihm von der Leland Stanford-Universität bereitet wurde, wo Er vor nahezu zweitausend Professoren und Studenten über einige der edelsten Wahrheiten aus Seiner Botschaft an den Westen sprach; das erschütternde Schauspiel, als in der Bowery-Mission vierhundert der Armen von New York an Ihm vorbeischritten und jeder eine Silbermünze aus Seinen gesegneten Händen erhielt; der Jubelruf einer syrischen Frau in Boston, die die Ihn umdrängende Menschenmenge beiseite stieß, sich Ihm zu Füßen warf und ausrief: »Ich bekenne, daß ich in Dir den Geist Gottes und Jesus Christus erkenne«; der nicht minder glühende Tribut, den Ihm zwei von Bewunderung erfüllte Araber zollten, die sich, als Er die Stadt verließ, um nach Dublin, N.H., zu reisen, vor Ihm niederwarfen und unter lautem Schluchzen beteuerten, daß Er Gottes eigener Bote an die Menschheit sei; die große Versammlung von zweitausend Juden in einer Synagoge in San Francisco, die aufmerksam Seinen Worten lauschten, als Er die Gültigkeit der Ansprüche darlegte, die Jesus Christus wie Muhammad erhoben hatten; die Versammlung eines Abends in Montreal, in der Er bei der Ansprache von Seinem Thema so hingerissen war, daß Ihm der Turban vom Kopf fiel; die tobende Menschenmenge in einem Elendsviertel von Paris, die bei Seinem ehrfurchtgebietenden Anblick schweigend und ehrerbietig Platz machte, als Er auf Seinem Heimweg von einem Missionshaus, wo Er zu einer Versammlung gesprochen hatte, durch ihre Mitte schritt; die eigentümliche Geste eines zoroastrischen Arztes, der am Morgen der Abreise Abdu'l-Bahás von London atemlos angestürzt kam, um Ihm Lebewohl zu sagen, Ihm Haupt und Brust mit einem wohlriechenden Öl salbte, allen Anwesenden die Hände berührte und sodann um des Meisters Nacken und Schultern einen Kranz aus Rosenknospen und Lilien legte; die vielen Besucher, die sich schon bald nach Tagesanbruch an den Stufen Seines Hauses im Cadogan-Garten einfanden und geduldig warteten, bis die Tür sich öffnete und sie eingelassen wurden; Seine majestätische Gestalt, wenn Er mit kraftvollem Schritt die Rednertribüne betrat oder in Kirchen und Synagogen mit segnend erhobenen Händen vor einer großen Menge ehrfürchtiger Zuhörer stand; die freimütigen Zeichen der Hochachtung seitens der vornehmen Damen der Londoner Gesellschaft, die unwillkürlich tief knicksten, wenn sie vor Ihn traten; der ergreifende Anblick, als Er sich auf dem Friedhof von Inglewood über das Grab Seines geliebten Jüngers Thornton Chase beugte und seinen Grabstein küßte, worauf sich alle beeilten, Seinem Beispiel zu folgen; die denkwürdige Versammlung von Christen, Juden und Muslimen beiderlei Geschlechts aus Ost und West, die sich in der Moschee von Woking zusammenfanden, um Seinen Worten über Welteinheit zu lauschen - solche Szenen behalten, auch wenn sie jetzt nur in kühlen Druckzeilen vor uns stehen, viel von ihrer ursprünglichen Eindringlichkeit und Kraft.

+19:25

Wer weiß, welche Gedanken Abdu'l-Bahás Herz bewegten, als Er sich in den Mittelpunkt derart denkwürdiger Szenen gerückt sah? Wer weiß, welche Gedanken Ihm in den Sinn kamen, als Er mit dem Oberbürgermeister von London frühstückte, oder als Er vom Khediven in dessen Palast mit höchster Achtung empfangen wurde, oder als Ihm der Ruf »Alláh-u-Abhá« und die Lob- und Danklieder entgegenschallten, die bei vielen glänzenden Versammlungen Seiner begeisterten Anhänger und Freunde in so vielen amerikanischen Städten Sein Kommen ankündigten? Wer weiß, welche Erinnerungen in Ihm wach wurden, als Er vor dem tosenden Wasserfall des Niagara stand und die freie Luft dieses fernen Landes atmete, oder als Er während einer kurzen, dringend nötigen Erholungspause die grünen Wälder und die Landschaft in Glenwood Springs betrachtete, oder als Er mit einem Gefolge orientalischer Gläubiger auf den Wegen des Trocadero-Gartens in Paris wandelte oder des Abends allein in New York am majestätischen Hudson die Uferstraße entlangging, wenn Er auf der Terrasse des Parkhotels in Thonon-les-Bains auf und ab schritt und auf den Genfer See hinausblickte, wenn Er in London von der Schlangenbrücke aus die perlengleiche Lichterkette betrachtete, die sich unter den Bäumen hinstreckte, soweit das Auge reichte? Gedanken an die Sorgen, die Armut, das Düster, das Seine Jugendjahre verschattete, Gedanken an Seine Mutter, die ihre goldenen Knöpfe verkaufte, um für Ihn, Seinen Bruder und Seine Schwester zu sorgen, und die Ihm in ihren schwersten Stunden nur eine Handvoll trockenes Mehl geben konnte, um den Hunger zu stillen; Gedanken an Seine Kindheit, als Er von einem Rudel Gassenjungen in den Straßen von Tihrán verfolgt und verhöhnt wurde, an den dumpfen, düsteren Raum, eine frühere Leichenkammer, den Er in der Kaserne von Akká bewohnte, und an Seine Einkerkerung im dortigen Gefängnis - solche Erinnerungen werden Ihm sicher durch den Sinn gezogen sein. Auch Gedanken an die Gefangenschaft des Báb in den Gebirgsfestungen in Ádhirbáyján werden Ihm gekommen sein, wie man Ihm damals nachts nicht einmal eine Lampe zugestand und wie bei Seiner grausamen, tragischen Hinrichtung Hunderte von Kugeln Seine junge Brust zerfetzten. Vor allem aber kreisten Seine Gedanken sicher um Bahá'u'lláh, den Er so leidenschaftlich liebte und Dessen Leid Er von Kindheit an mitangesehen und geteilt hatte. Der von Ungeziefer verseuchte Síyáh-Chál in Tihrán, die Bastonade, die in Ámul über Ihn verhängt wurde, die armselige Speise, die Seine Almosenschale füllte, als Er zwei Jahre lang ein Derwischleben in den Bergen von Kurdistán fristete, die Tage in Baghdád, da Er so arm war, daß Er nicht einmal Seine Wäsche wechseln konnte und Seine Anhänger von einer Handvoll Datteln leben mußten, Seine Gefangenschaft hinter den Kerkermauern von Akká, als Ihm neun Jahre lang selbst der Anblick des Grüns verwehrt war, die öffentliche Demütigung, die Er im Verwaltungsgebäude dort hinnehmen mußte - derartige Bilder aus schlimmer Vergangenheit mögen Ihn manchmal überwältigt und Gefühle der Dankbarkeit und des Kummers zugleich wachgerufen haben, wenn Er die zahlreichen Beweise der Hochachtung, Wertschätzung und Verehrung erlebte, die Ihm und dem Glauben, den Er vertrat, nun entgegengebracht wurden. »O Bahá'u'lláh, was hast Du getan!« rief Er, wie der Chronist Seiner Reisen schrieb, als Er eines Abends in Washington rasch zu Seiner dritten Rede an diesem Tag aufbrach, »O Bahá'u'lláh! Möge mein Leben ein Opfer für Dich sein! O Bahá'u'lláh! Möge meine Seele um Deinetwillen geopfert werden! Wie waren Deine Tage von Leid und Kummer erfüllt! Welch schwere Qualen hast Du ertragen! Welch sicheres Fundament hast Du schließlich geschaffen, welch herrliches Banner hast Du gehißt!« Der Chronist berichtet weiter: »Eines Tages erinnerte Er auf einem Spaziergang an die Tage der Gesegneten Schönheit und gedachte dabei voll Trauer des Aufenthalts Bahá'u'lláhs in Sulaymáníyyih, Seiner Einsamkeit und des Unrechts, das Ihm zugefügt wurde. Obgleich Er schon öfter darüber gesprochen hatte, überwältigten Ihn an jenem Tag Seine Gefühle doch so sehr, daß Er vor Kummer laut schluchzte... Alle Begleiter weinten mit Ihm und waren von tiefem Leid erfüllt, als sie Seinen Bericht von den schmerzlichen Trübsalen vernahmen, welche die Gesegnete Schönheit erduldet hatte; gleichzeitig wurden sie aber auch Zeuge der zärtlichen Liebe, die Sein Sohn für Ihn hegte.«

+19:26

Ein höchst bedeutsames Stück in einem Jahrhundertdrama war gespielt. Ein ruhmvolles Kapitel der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts war geschrieben. Die Saat ungeahnter Möglichkeiten war durch die Hand des Mittelpunkts des Bundes auf fruchtbare Felder der westlichen Welt gesät. Nie in der gesamten Religionsgeschichte trat je eine ähnliche Gestalt auf, die ein derart großartiges, unsterblich wertvolles Werk vollbracht hätte. Durch jene schicksalträchtigen Reisen wurden Kräfte entfesselt, die wir heute nach fast fünfunddreißig Jahren noch nicht ermessen oder begreifen können. Schon hat eine Königin, angeregt von Abdu'l-Bahás zwingenden Beweisen im Zuge Seiner Ansprachen über die Gottesgesandtschaft Muhammads, ihren Glauben bekannt und öffentlich den göttlichen Ursprung des Propheten des Isláms bestätigt. Schon hat ein Präsident der Vereinigten Staaten einige von Abdu'l-Bahá in Seinen Gesprächen so klar formulierten Prinzipien so verinnerlicht, daß er sie in ein Friedensprogramm aufnahm, welches als kühnster und edelster Vorschlag gilt, der bis heute für das Wohl und die Sicherheit der Menschheit gemacht worden ist. Und schon hat sich die Welt, leider, taub für Seine Warnungen und widerspenstig gegen Seinen Ruf, in zwei Weltkriege von nie dagewesener Grausamkeit verstrickt, deren Folgen bis heute niemand auch nur vage abzusehen vermag.





Kapitel 20
Wachstum und Ausbreitung des Glaubens in Ost und West

+20:1

Abdu'l-Bahás historische Fahrt in den Westen, besonders Seine achtmonatige Rundreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika, kann man wohl als den Höhepunkt Seiner Amtszeit bezeichnen, eines Amtes, dessen unaussprechliche Segnungen und erstaunlichen Erfolge erst spätere Geschlechter gebührend würdigen können. Wie die Sonne der Offenbarung Bahá'u'lláhs in Adrianopel zur Stunde der Verkündigung Seiner Botschaft an die Herrscher der Welt in ihrem höchsten Glanz strahlte, so erreichte das Gestirn Seines Bundes seinen Zenit und strahlte am glanzvollsten, als sein erwählter Mittelpunkt sich aufmachte, um den Völkern des Westens die herrliche Größe der Religion Seines Vaters zu rühmen.

+20:2

Der gottgegebene Bund hatte schon kurz nach seiner Stiftung unzweifelhaft seine unüberwindliche Kraft bewiesen durch seinen entscheidenden Sieg über die dunklen Mächte, die seine Erzfeinde derart entschlossen gegen ihn aufgereiht hatten. Seine Lebenskraft trat bald darauf zutage in den aufsehenerregenden Erfolgen, die seine Fackelträger so rasch und mutig in den fernen Städten Westeuropas und der Vereinigten Staaten von Amerika errangen. Durch seine Fähigkeit, die Einheit und Unversehrtheit des Glaubens in Ost und West zu wahren, hatte er seinen hohen Anspruch voll und ganz behauptet. Später bewies er seine unbezwingliche Kraft aufs neue durch einen denkwürdigen Sieg: die von Sultán Abdu'l-Hamíds Sturz ausgelöste Befreiung seines ernannten Mittelpunkts aus vierzigjähriger Gefangenschaft. Denjenigen, die seinen göttlichen Ursprung immer noch in Zweifel zu ziehen geneigt waren, lieferte er einen weiteren unbestreitbaren Beweis für seine Festigkeit damit, daß Abdu'l-Bahá trotz größter Schwierigkeiten die Überführung und Beisetzung der Gebeine des Báb in ein Mausoleum auf dem Karmel zu bewerkstelligen vermochte. Auch erwies er seine gewaltigen Möglichkeiten machtvoll und in nie zuvor gekanntem Maße vor aller Welt damit, daß Der, in dem sein Geist und sein Sinn verkörpert war, die Kraft bekam, sich auf eine dreijährige Missionsreise in den Westen zu begeben - eine so bedeutsame Reise, daß sie mit Fug und Recht als die größte Tat bezeichnet werden kann, die überhaupt mit der Zeit Seines Wirkens in Zusammenhang steht.

+20:3

So herausragend diese Früchte waren, die der Mittelpunkt des Bundes in mutigem, unermüdlichem Streben erzielte, es waren keineswegs die einzigen. Fortschritt und Ausbreitung des Glaubens Seines Vaters im Osten, Beginn der Tätigkeiten und Unternehmen, von denen man sagen kann, daß sie den Auftakt zur künftigen Bahá'í-Verwaltungsordnung bildeten, der Bau des ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt in 'Ishqábád in Russisch Turkestan, Vermehrung der Bahá'í-Literatur, die Verkündung der Sendschreiben zum göttlichen Plan und die Einführung der Bahá'í-Religion in Australien gehören ebenfalls zu den hervorragenden Erfolgen, die die einzigartige Amtszeit Abdu'l-Bahás schmücken.

+20:4

In Persien, der Wiege des Glaubens, zeichnete sich trotz der mit unverminderter Heftigkeit all die Jahre Seines Wirkens fortdauernden Verfolgungen ein deutlicher Wandel ab, indem die geächtete Gemeinde aus ihrem bisherigen Untergrunddasein allmählich ins Rampenlicht trat. Násiri'd-Dín Sháh wurde vier Jahre nach Bahá'u'lláhs Hinscheiden am Vorabend seines Regierungsjubiläums, das eine Wende in der Geschichte seines Landes bringen sollte, von einem Mörder namens Mírzá Ridá getötet, einem Anhänger des berüchtigten Siyyid Jamálu'd-Dín-i-Afghání, der ein Feind des Glaubens war und einer der Urheber der Verfassungsbewegung, die, als sie unter der Regierung Muzaffari'd-Díns, des Sohnes und Thronfolgers des Sháhs, an Boden gewann, die gehetzte und verfolgte Bahá'í-Gemeinde in neue Schwierigkeiten verwickelte. Selbst die Ermordung des Sháhs hatte man zunächst dieser Gemeinde in die Schuhe geschoben, wie der grausame Tod zeigte, den der bekannte Lehrer und Dichter Mírzá Alí-Muhammad, von Bahá'u'lláh »Varqá« (Taube) genannt, unmittelbar nach der Ermordung des Herrschers zu erleiden hatte: er wurde wie auch sein zwölfjähriger Sohn Rúhu'lláh im Gefängnis von Tihrán grausam umgebracht von dem unmenschlichen Hájíbu'd-Dawlih, der dem Vater vor den Augen des Sohnes einen Dolch in den Leib stieß und ihn in Stücke schnitt, dann von dem Knaben den Widerruf des Glaubens verlangte und, als er auf eisernen Widerstand stieß, ihn mit einem Strick erdrosselte.

+20:5

Drei Jahre zuvor war in Yazd ein junger Mann namens Muhammad-Ridáy-i-Yazdí in seiner Hochzeitsnacht auf dem Heimweg vom öffentliche Bad erschossen worden - der erste Märtyrer in der Wirkenszeit Abdu'l-Bahás. In Turbat-i-Haydaríyyih wurden nach der Ermordung des Sháhs fünf Männer getötet, die als die Shuhadáy-i-Khamsih (fünf Märtyrer) bekannt geworden sind. In Mashhad wurde ein bekannter Kaufmann, Hájí Muhammad-i-Tabrízí, ermordet und seine Leiche verbrannt. Der neue Herrscher und sein Großwesir, der charakterlose und reaktionäre Atábik-i-A'zam Mírzá Alí-Asghar Khán, führten im Jahr 1902 in Paris mit zwei Glaubensrepräsentanten ein Gespräch, bei dem aber nichts herauskam. Im Gegenteil, wenige Jahre später brach ein neuer Verfolgungssturm aus, der sich, je weiter sich die Verfassungsbewegung im Land ausbreitete, umso wütender gestaltete, zumal gewisse Reaktionäre grundlose Anschuldigungen gegen die Bahá'í vorbrachten und öffentlich behaupteten, daß sie die Anstifter und Förderer dieser nationalistischen Umtriebe seien.

+20:6

In Isfahán wurde ein gewisser Muhammad-Javád nackt ausgezogen und mit einer Peitsche aus geflochtenem Draht hart geschlagen, während in Káshán die Glaubensanhänger jüdischer Herkunft auf Betreiben der muslimischen Geistlichkeit und der jüdischen Schriftgelehrten Buße zahlen mußten, geschlagen und in Ketten gelegt wurden. Doch in Yazd und Umgebung ereigneten sich die blutigsten Ausschreitungen, zu denen es während der ganzen Wirkenszeit Abdu'l-Bahás kam. Dort wurde Hájí Mírzá-i-Halabí-Sáz gnadenlos ausgepeitscht, und als sich seine Frau schützend über ihn warf, wurde sie dafür ebenfalls schwer geschlagen; danach wurde ihm der Schädel mit dem Fleischerbeil zerhackt. Sein elfjähriger Sohn wurde erbarmungslos verprügelt, mit Messern zerstochen und zu Tode gefoltert. In einem halben Tag wurden neun Leute umgebracht. Eine etwa sechstausendköpfige Menge beiderlei Geschlechts ließ ihre Wut an den hilflosen Opfern aus; einige tranken sogar das Blut. In manchen Fällen, wie bei Mírzá Asadu'lláh-i-Sabbágh, plünderten sie die Habe und schlugen sich um den Besitz. Sie erwiesen sich als derart grausam, daß sogar einige Regierungsbeamte angesichts der Schreckensszenen, bei denen die Frauen offensichtlich eine beschämende Rolle spielten, Tränen vergossen.

+20:7

In Taft wurden mehrere Personen getötet; einige von ihnen wurden erschossen und ihre Körper durch die Straßen geschleift. Ein erst kürzlich zum Glauben gekommener achtzehnjähriger Junge namens Husayn wurde von seinem Vater denunziert und vor den Augen seiner Mutter in Stücke gerissen; Muhammad-Kamál wurde mit Messern, Spaten und Spitzhacken zerstückelt. In Manshád, wo die Verfolgungen neunzehn Tage lang wüteten, wurden ähnliche Scheußlichkeiten verübt. Ein achtzigjähriger Mann namens Siyyid Mírzá wurde im Schlaf durch zwei große Steine getötet, die auf ihn geworfen wurden. Mírzá Sádiq bekam, als er um Wasser bat, ein Messer in die Brust gestoßen, wonach sein Peiniger das Blut von der Klinge ableckte. Eines der Opfer, Shátir Hasan, verteilte vor seinem Tod Süßigkeiten und die Kleider, die er noch besaß, unter seine Peiniger. Eine fünfundsechzigjährige Frau, Khadíjih-Sultán, wurde von einem Hausdach gestürzt. Ein Gläubiger namens Mírzá Muhammad wurde an einen Baum gebunden als Zielschreibe für Hunderte von Kugeln, sein Leichnam wurde ins Feuer geworfen. Ustád Ridáy-i-Saffár küßte seinem Mörder die Hand, dann wurde er erschossen und sein Leichnam geschändet.

+20:8

In Banáduk, Dih-Bálá, Farásháh, Abbás-Ábád, Hanzá, Ardikán, Dawlat-Ábád und Hamadán wurden ähnliche Verbrechen begangen. Besonders hervorgehoben sei der Fall einer hochgeachteten, mutigen Frau namens Fátimih-Bagum, die ein wilder Mob schmählich aus ihrem Haus zerrte, ihr den Schleier vom Kopf riß, die Kehle durchschnitt, den Leib aufschlitzte, sie mit allen möglichen Waffen schlug, an einem Baum aufhängte und schließlich verbrannte.

+20:9

In Sárí wurden in den Tagen, als die Auseinandersetzungen um die Verfassung sich dem Höhepunkt näherten, ebenfalls fünf Bürger von Stand, Gläubige, die man später Shuhadáy-i-Khamsih, die »fünf Märtyrer«, nannte, getötet; in Nayríz wurde von den Feinden ein wilder Sturm angezettelt, der lebhaft an Yazd erinnert und bei dem neunzehn Bahá'í - darunter der fünfundsechzigjährige Mullá Abdu'l-Hamíd, ein Blinder, den sie erschossen und dessen Leichnam sie schändeten - ums Leben kamen; es wurde viel geplündert, viele Frauen und Kinder mußten um ihr Leben fliehen, in Moscheen Zuflucht suchen, sich in den Ruinen ihrer Häuser verstecken oder obdachlos auf der Straße bleiben.

+20:10

In Sírján, Dúgh-Ábád, Tabríz, Ávih, Qum, Najaf-Ábád, Sangsar, Shahmírzád, Isfahán und Jahrum töteten, folterten, plünderten und mißbrauchten furchtbare, grausame Gegner, religiöse wie politische, unter den verschiedensten Vorwänden weiter die Mitglieder einer Gemeinde, die sich zu widerrufen oder auch nur um Haaresbreite von dem durch ihre Vorbilder vorgezeichneten Pfad abzuweichen, standhaft weigerte - selbst dann noch, als der Sháh im Jahr 1906 die Verfassung unterzeichnet hatte, auch während der Regierungszeit seiner Nachfolger Muhammad-Alí Sháh und Ahmad Sháh. Selbst während Abdu'l-Bahás Reisen im Westen und nach Seiner Rückkehr ins Heilige Land, ja bis an Sein Lebensende erhielt Er immer noch schmerzliche Nachrichten vom Martyrium Seiner Getreuen und von den Ausschreitungen der unersättlichen Feinde gegen sie. In Dawlat-Ábád wurde ein Prinz königlichen Geblüts namens Habíbu'lláh Mírzá, ein Glaubensanhänger, der sein ganzes Leben dem Dienst geweiht hatte, mit der Axt erschlagen und sein Leichnam verbrannt. In Mashhad wurde der gelehrte und fromme Shaykh Alí-Akbar-i-Qúchání erschossen. In Sultán-Ábád wurden Mírzá Alí-Akbar und sieben Angehörige seiner Familie, darunter ein vierzig Tage altes Kind barbarisch hingeschlachtet. Auch in Ná'ín, Shahmírzád, Bandar-i-Jaz und in Qamsar brachen mehr oder minder schwere Verfolgungen aus. In Kirmánsháh war der Märtyrer Mírzá Ya'qúb-i-Muttahidih, ein glühender fünfundzwanzigjähriger jüdischer Konvertit, der letzte, der in Abdu'l-Bahás Zeit sein Leben gab; seine Mutter in Hamadán feierte nach seinem Wunsch seinen Märtyrertod mit beispielloser Seelenstärke. In jeder Situation bewiesen die Gläubigen den unbezähmbaren Geist und die zähe Unbeugsamkeit, die das Leben und den Dienst der persischen Anhänger des Glaubens Bahá'u'lláhs stets auszeichnete.

+20:11

Trotz dieser periodisch wiederkehrenden schweren Verfolgungen wuchs der Glaube, der in seinen Helden einen so seltenen Opfergeist erweckt hatte, still und stetig. Nachdem er in den trüben Tagen, die auf den Märtyrertod des Báb folgten, einige Zeit von der Bildfläche verschwunden und fast erloschen schien und während der ganzen Wirkenszeit Bahá'u'lláhs im Verborgenen glomm, begann er nach Dessen Hinscheiden unter der unbeirrbaren Führung und nimmermüden Fürsorge des weisen, achtsamen und liebevollen Meisters seine Kräfte zu sammeln und allmählich die noch keimhaften Institutionen zu entwickeln, die später den Weg für die Errichtung seiner Verwaltungsordnung bahnen sollten. In dieser Zeit nahm die Zahl seiner Anhänger rasch zu, sein Verbreitungsgebiet, das nun schon alle Provinzen des Reiches umfaßte, erweiterte sich stetig, und die Frühformen seiner späteren Geistigen Räte entstanden. Damals, also zu einer Zeit, wo es in jenem Land praktisch noch keine staatlichen Schulen und Hochschulen gab, wo die Ausbildung in den vorhandenen religiösen Institutionen jämmerlich schlecht war, wurden seine ersten Schulen gegründet: zuerst die Tarbíyat-Schulen für Knaben und Mädchen in Tihrán, dann die Ta'yíd- und die Mawhibat-Schule in Hamadán, die Vahdat-i-Bashar-Schule in Káshán und ähnliche Lehranstalten in Bárfurúsh und Qazvín. In diesen Jahren erfuhr die Bahá'í-Gemeinde des Landes in geistiger wie in materieller Hinsicht tatkräftige und wirksame Hilfe aus Europa und Amerika durch reisende Lehrer, Krankenschwestern, Fachkräfte und Ärzte. Sie bildeten die Vorhut einer Schar von Helfern, von denen Abdu'l-Bahá sagte, daß sie eines Tages kommen würden, um das Wohl des Glaubens und seines Ursprungslandes zu fördern. In diesen Jahren wurde in Persien auch allgemein die Bezeichnung Bábí für die Anhänger Bahá'u'lláhs aufgegeben zugunsten des Wortes Bahá'í; unter Bábí verstand man hinfort nur noch die rasch dahinschwindende Zahl der Anhänger Mírzá Yahyás. Damals wurden auch die ersten systematischen Versuche unternommen, die Lehrarbeit der persischen Gläubigen zu organisieren und anzuregen; dadurch wurden einerseits die Grundlagen der Gemeinde neu gefestigt und zum andern verschiedene bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Persien, darunter einige prominente Mitglieder der schiitischen Geistlichkeit und selbst Nachkommen einiger der schlimmstern Verfolger des Glaubens, für die Sache gewonnen. In diesen Jahren wurde auch das Haus des Báb in Shíráz, das Bahá'u'lláh Seinen Anhängern zum Pilgerort bestimmt hatte und das als ein solches auch schon bekannt war, auf Anordnung Abdu'l-Bahás und mit Seiner Hilfe wiederhergestellt. Es wurde damit mehr und mehr zu einem Brennpunkt des Bahá'í-Lebens und -Wirkens für die Gläubigen, denen es nicht möglich war, das Größte Haus in Baghdád oder das Heiligste Grab in Akká zu besuchen.

+20:12

Noch weitaus bemerkenswerter als alle diese Unternehmungen war jedoch der Bau des ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt in 'Ishqábád, einem zur Zeit Bahá'u'lláhs gegründeten Zentrum, wo schon zu Seinen Lebzeiten die ersten tastenden Schritte zu seiner Errichtung getan worden waren. Der Bau, in allen Phasen seiner Entwicklung von Abdu'l-Bahá gefördert und im Jahre 1902, gegen Ende des ersten Jahrzehnts Seiner Amtszeit, eingeweiht, wurde ausgeführt unter persönlicher Aufsicht des ehrwürdigen Vakílu'd-Dawlih Hájí Mírzá Muhammad-Taqí, eines Vetters des Báb, der sein ganzes Vermögen für den Bau gestiftet hatte und dessen irdische Überreste nun am Fuße des Karmel im Schatten des Grabmals seines geliebten Anverwandten ruhen. Das Werk, ausgerichtet nach den Anweisungen, die der Mittelpunkt des Bundes selbst niedergelegt hatte, wird immerdar ein Zeugnis für den Eifer und den Opfersinn der orientalischen Gläubigen sein, die fest entschlossen waren, das im Kitáb-i-Aqdas niedergelegte Gebot Bahá'u'lláhs in die Tat umzusetzen. Es erfüllt nicht nur den Rang des ersten großen Unternehmens, das Seine Anhänger mit vereinten Kräften im Heroischen Zeitabschnitt Seines Glaubens begannen, es zählt vielmehr für immer zu den glänzendsten Leistungen in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts.

+20:13

Der Bau selbst - der Grundstein war in Gegenwart des Generals Krupatkin gelegt worden, des Generalgouverneurs von Turkestan als Stellvertreter des Zaren bei dieser Feier - wurde von einem Bahá'í aus dem Westen, der den Tempel besuchte, so beschrieben: »Der Mashriqu'l-Adhkár liegt mitten in der Stadt. Seine hohe Kuppel überragt Bäume und Hausdächer und ist, wenn man sich der Stadt nähert, schon meilenweit zu sehen. Er steht mitten in einem von vier Straßen begrenzten Garten. An den vier Ecken des Areals stehen vier Gebäude: eines ist die Bahá'í-Schule, eines das Gästehaus, wo Pilger und Reisende untergebracht werden, eines ist für die Verwalter und das vierte wird als Krankenhaus benützt. Neun Wege gehen strahlenförmig von verschiedenen Seiten auf den Tempel zu. Einer davon, der Hauptweg, führt vom Haupttor des Geländes zum Hauptportal des Tempels.« Weiter schreibt er: »Nach dem Plan besteht der Bau aus drei Teilen: die Zentralrotunde, das sie umgebende Umgang oder die Wandelhalle, und die Loggia, die um das ganze Gebäude herumgeht. Erbaut ist er auf dem Grundriß eines regelmäßigen neunseitigen Vielecks. Die eine Seite wird von dem großartigen, von Minaretten flankierten Haupteingang ausgefüllt - ein hochgewölbtes Portal, zwei Stockwerke hoch, erinnert in seiner Anordnung an die Architektur des weltberühmten Taj Mahal in Agra in Indien, das Entzücken aller Reisenden; viele bezeichnen ihn als den schönsten Tempel der Welt. Der Haupttorweg weist in die Richtung nach dem Heiligen Land. Das gesamte Gebäude ist von zwei Reihen Loggien, einer oberen und einer unteren, umgeben, die nach dem Garten zu offen sind und in Harmonie mit der üppigen subtropischen Vegetation eine wunderbare architektonische Wirkung haben... Das Innere des Kuppelraums ist in fünf besondere Geschosse gegliedert. Das erste, eine Reihe von neun Bögen und Pfeilern, trennt den Kuppelraum vom Umgang. Das zweite, ähnlich ausgeführt mit Balustraden, welche die Säulengalerie über dem Seitenschiff - sie ist über zwei zu beiden Seiten des Haupteingangs in Loggien eingebaute Treppen zu erreichen - vom Kuppelraum trennt. Das dritte ist eine Reihe von neun leeren, mit Gitterwerk verzierten Bögen, zwischen denen Wappenschilder mit dem Größten Namen angebracht sind. Das vierte ist ein Fries von neun großen Bogenfenstern. Das fünfte ein Fries von achtzehn Rundfenstern. Darüber wölbt sich, auf einer Kranzleiste ruhend die halbkugelförmige Kuppel. Das Innere ist reich mit Stuckrelief verziert ... Der ganze Bau beeindruckt durch seine Größe und Kraft.«

+20:14

Erwähnt seien auch die beiden Schulen für Knaben und Mädchen, die in dieser Stadt gegründet wurden, das Pilgerheim, das in der Nachbarschaft des Tempels eingerichtet wurde, der Geistige Rat und seine Hilfskörperschaften, die zur Wahrung und Verwaltung der Angelegenheiten einer wachsenden Gemeinde und der neuen Tätigkeitszentren in verschiedenen Städten und Orten der Provinz Turkestan gebildet wurden - alle von der Vitalität kündend, die der Glaube seit seiner Einführung in diesem Land immer bewies.

+20:15

Eine ähnliche, wenn auch weniger auffällige Entwicklung konnte im Kaukasus beobachtet werden. Nachdem in Bákú, einer von Bahá'í-Pilgern, die in wachsender Zahl von Persien über die Türkei nach dem Heiligen Land reisten, stets besuchten Stadt, das erste Zentrum und der erste Geistige Rat gebildet waren, begannen sich neue Gruppen zu bilden, die sich später zu festgegründeten Gemeinden entfalteten und in zunehmendem Maße mit ihren Brüdern in Turkestan und Persien zusammenarbeiteten.

+20:16

In Ägypten ging eine stetig wachsende Zahl der Glaubensanhänger mit einer allgemeinen Ausweitung der Aktivitäten einher. Die Gründung neuer Zentren, die Festigung des in Kairo schon bestehenden Hauptzentrums, der vor allem den unermüdlichen Bemühungen des gelehrten Mírzá Abu'l-Fadl zu verdankende Übertritt mehrerer prominenter Studenten und Lehrer der Azhar-Universität - deutliches Vorzeichen des verheißenen Tages, an dem, wie Abdu'l-Bahá sagte, Banner und Signum des Glaubens in das Herz dieses altehrwürdigen Sitzes islámischer Wissenschaft gepflanzt werde -, ferner die Übersetzung einiger der wichtigsten auf persisch offenbarten Schriften Bahá'u'lláhs und anderer Bahá'í-Schriften ins Arabische und ihre Verbreitung, die Drucklegung von Büchern, Abhandlungen und Flugschriften von Bahá'í-Autoren und Gelehrten, die Veröffentlichung von Presseartikeln zur Verteidigung des Glaubens und zur Verbreitung seiner Botschaft, die Bildung erster Verwaltungseinrichtungen in der Hauptstadt wie in nahegelegenen Zentren; die Bereicherung des Gemeindelebens durch den Beitritt neuer Gläubiger kurdischer, koptischer und armenischer Herkunft - dies waren die ersten Früchte in diesem Land, das durch die Fußstapfen Abdu'l-Bahás gesegnet war, das in späteren Jahren eine historische Rolle bei der Emanzipiation des Glaubens spielen sollte und dem vermöge seiner einzigartigen Stellung als intellektuelles Zentrum der arabischen wie der islámischen Welt naturgemäß ein maßgeblicher Anteil an der Verantwortung für die schließliche Einführung des Glaubens im ganzen Orient zukommt.

+20:17

Noch bemerkenswerter war die Ausweitung der Bahá'í-Tätigkeit in Indien und Birma, wo die stetig wachsende Gemeinde, die jetzt auch ehemalige Zoroastrier, Muslime, Hindus, Buddhisten und Sikhs umfaßte, ihre Vorposten bis nach Mandalay und das Dorf Daidana Kalazoo im birmanischen Hanthawaddy-Distrikt ausdehnen konnte. Im letztgenannten Dorf lebten nicht weniger als achthundert Bahá'í, die eine eigene Schule, ein eigenes Gericht und ein eigenes Krankenhaus besaßen, ferner Land zur gemeinsamen Bebauung, dessen Ertrag sie für die Förderung der Interessen ihrer Religion verwenden.

+20:18

Im Iráq, wo das Haus, in dem Bahá'u'lláh gewohnt hatte, wieder vollständig neu hergerichtet war und eine kleine, aber tapfere Gemeinde trotz aller Widerstände darum kämpfte, ihre Angelegenheiten zu regeln und zu verwalten; in Konstantinopel, wo ein Bahá'í-Zentrum bestand; in Tunis, wo das Fundament zu einer örtlichen Gemeinde gelegt wurde; in Japan, China und Honolulu, wohin Bahá'í-Reiselehrer zogen, sich ansiedelten und lehrten - überall machte sich vielfältig die lenkende Hand Abdu'l-Bahás bemerkbar, und deutlich greifbar waren die Erfolge, die Sein unermüdlicher Eifer und Seine stetige Fürsorge zeitigten.

+20:19

Auch die entstehenden Gemeinden in Frankreich, England, Deutschland und den Vereinigten Staaten erfuhren nach dem denkwürdigen Besuch Abdu'l-Bahás weiterhin Zeichen Seiner besonderen Anteilnahme und Seiner Sorge um ihr Gedeihen und ihren geistigen Fortschritt. Seine Anweisungen, die stetige Flut Seiner Sendschreiben an die Mitglieder jener Gemeinden und Seine ständige Ermutigung zu ihren Bemühungen führten dazu, daß sich die Bahá'í-Zentren vermehrten, öffentliche Vorträge gehalten, neue Zeitschriften herausgegeben und Übersetzungen einiger der bekanntesten Werke Bahá'u'lláhs und Schriften Abdu'l-Bahás in englischer, französischer und deutscher Sprache gedruckt und verbreitet wurden und die neu entstandenen Gemeinden die ersten Schritte unternahmen, sich zu organisieren und ihre Basis zu festigen.

+20:20

Besonders in Nordamerika boten die Mitglieder der blühenden Gemeinde, begeistert von Abdu'l-Bahás Segen, Seinem Beispiel und Seinen Taten während Seines langen Besuches in ihrem Land, berechtigte Hoffnungen auf das großartige Werk, das sie in späteren Jahren ausführen sollten. Sie erwarben die zwölf restlichen Grundstücke, die zum Gelände ihres geplanten Tempels gehörten, entschieden sich auf den Sitzungen während der Jahrestagung 1920 für den Plan des Bahá'í-Architekten Louis Bourgeois aus französisch Kanada, schlossen den Vertrag für die Ausschachtung und den Bau der Fundamente ab und konnten bald darauf die nötigen Vorkehrungen für den Bau des Sockels treffen: Maßnahmen, die die gewaltigen Anstrengungen ankündigten, welche nach Abdu'l-Bahás Hinscheiden in der Errichtung des Baues und der Vollendung seiner äußeren Verzierung gipfelten.

+20:21

Der Krieg von 1914-18, den Abdu'l-Bahá während Seiner Reisen im Westen in düsteren Warnungen mehrfach angekündigt hatte und der acht Monate nach Seiner Rückkehr ins Heilige Land ausbrach, warf wiederum gefährliche Schatten auf Sein Leben - die letzten, die die Jahre Seines arbeitsreichen und doch so strahlenden Amtes verdüstern sollten.

+20:22

Der späte Eintritt Amerikas in diesen weltumwälzenden Kampf, die Neutralität Persiens, die Abgelegenheit Indiens und des fernen Ostens von den Bühnen des Geschehens bot der überwältigenden Mehrheit Seiner Anhänger Schutz; und so konnten sie, obgleich sie größtenteils für eine Reihe von Jahren vom geistigen Mittelpunkt ihres Glaubens völlig abgeschnitten waren, ihre Tätigkeit fortsetzen und sich die Früchte ihrer jüngst errungenen Erfolge in verhältnismäßiger Sicherheit und Freiheit erhalten.

+20:23

Wenn auch im Heiligen Land der gewaltige Kampf letzten Endes das Herz und Zentrum des Glaubens für immer vom türkischen Joch befreite, einem Joch, das dem Glaubensstifter und dessen Nachfolger so lange derart schwere, demütigende Beschränkungen auferlegt hatte, hörten die schweren Nöte und Gefahren, die seine Bewohner die meiste Zeit des Kriegs über bedrohten, nicht auf, und eine Zeitlang war auch die Bedrohung wieder akut, der Abdu'l-Bahá in den Jahren Seiner Gefangenschaft in Akká ausgesetzt war. Die große Not, die die Bevölkerung bedrückte infolge krasser Unfähigkeit, schändlicher Nachlässigkeit, Grausamkeit und stumpfer Gleichgültigkeit der zivilen und militärischen Machthaber, wurde - obgleich sehr gelindert durch Abdu'l-Bahás Güte und Großmut, Umsicht und liebevolle Fürsorge - noch verschärft durch eine strenge Blockade. Ständig war Haifa von Bomben der Alliierten bedroht, und einmal war die Gefahr so groß, daß Abdu'l-Bahá mit Seiner Familie und den dortigen Gemeindemitgliedern vorübergehend nach Abú-Sinán umziehen mußte, einem Dorf vor den Hügeln östlich von Akká. Der türkische Oberkommandeur, der brutal despotische, skrupellose Jamál-Páshá, ein unversöhnlicher Feind des Glaubens, hatte auf Grund eigener unbegründeter Verdächtigungen und der Hetze der Glaubensfeinde Abdu'l-Bahá schon schwer zugesetzt und äußerte jetzt die Absicht, Ihn zu kreuzigen und Bahá'u'lláhs Grabstätte einzuebnen. Abdu'l-Bahá litt noch an den Folgen der Erschöpfung und der gesundheitlichen Beeinträchtigung, die Seine anstrengende dreijährige Reise mit sich gebracht hatten. Der faktische Abbruch der Verbindung mit den meisten Bahá'í-Zentren in aller Welt traf Ihn hart. Der Anblick des Gemetzels unter den Menschen, die Seine Rufe überhört, Seine Warnungen in den Wind geschlagen hatten, erfüllte Ihn mit Seelenqual. Sorgen zuhauf mehrten jetzt die Last der Prüfungen und Wechselfälle, die Er seit Seiner Kindheit so heldenhaft um der Sache Seines Vaters willen und in ihrem Dienst ertragen hatte.

+20:24

Aber gerade in diesen dunklen Tagen, die in ihrer Trostlosigkeit an die Bedrängnis erinnerten, die Abdu'l-Bahá während der gefährlichsten Zeit Seiner Haft in der Gefängnisfestung Akká durchlitt, fühlte sich der Meister, wenn Er am Grab Seines Vaters, in Seinem Haus in Akká oder im Schatten des Grabmals des Báb auf dem Karmel weilte, bewogen, der Gemeinde Seiner amerikanischen Freunde noch einmal, zum letzten Mal im Leben, ein besonderes Zeichen Seiner Gunst zu schenken, und betraute sie am Abend vor dem Ablauf Seiner irdischen Sendung durch Seine Sendschreiben zum göttlichen Plan mit einer Weltmission, deren Folgerungen uns heute, nach einem Vierteljahrhundert, letztlich noch immer verhüllt sind, und deren bisherige Entfaltung, obgleich noch ganz im Anfangsstadium, doch die geistigen wie die administrativen Annalen des ersten Bahá'í-Jahrhunderts sehr bereicherte.

+20:25

Das Ende des schrecklichen Krieges, der ersten Stufe einer von Bahá'u'lláh lang vorhergesagten gewaltigen Erschütterung, bedeutete das Ende der türkischen Herrschaft über das Heilige Land und besiegelte das Schicksal des militaristischen Despoten, der Abdu'l-Bahá zu vernichten gelobt hatte; es vernichtete darüber hinaus auch ein für allemal die letzte Hoffnung, die bei dem Rest der Bundesbrüchigen noch geschwelt hatte, die trotz der bitteren Niederlagen noch immer unbelehrbar gehofft hatten, das Licht des Bundes Bahá'u'lláhs erlöschen zu sehen. Das Kriegsende brachte auch die umwälzenden Veränderungen mit sich, die einerseits die düsteren Prophezeiungen Bahá'u'lláhs im Kitáb-i-Aqdas erfüllten und es einem großen Teil der »aus Israel Verbannten«, dem »Rest« der »Herde«, gemäß biblischer Verheißung ermöglichten, sich wieder im Heiligen Land zu »sammeln« und wieder zu ihrem »Pferch« und in »ihr eigenes Land« im Schatten des »unvergleichlichen Zweiges« zurückzukehren, wovon Abdu'l-Bahá in Seinen Beantworteten Fragen spricht, und die zum andern zur Bildung des Völkerbundes führten, des Vorläufers jenes Welttribunals, das, wie dieser »unvergleichliche Zweig« verhieß, die Völker und Nationen der Erde notgedrungen gemeinsam begründen werden.

+20:26

Es muß nicht betont werden, daß die englischen Gläubigen, sobald sie erfuhren, daß Abdu'l-Bahás Leben wieder in Gefahr sei, energische Schritte zu Seiner Sicherheit unternahmen, daß man unabhängig davon Lord Curzon und andere Mitglieder des Britischen Kabinetts von der kritischen Lage in Haifa unterrichtete, daß Lord Lamington sich sofort einschaltete und an das Auswärtige Amt schrieb, um dort »die Bedeutung der Stellung Abdu'l-Bahás klarzustellen«, daß der Außenminister, Lord Balfour, am selben Tag, da er diesen Brief erhielt, eine Depesche an General Allenby schickte mit der Weisung, »Abdu'l-Bahá, Seiner Familie und Seinen Freunden jeden Schutz und jede Rücksicht angedeihen zu lassen«, daß der General nach der Einnahme Haifas nach London zurücktelegrafierte und die Behörden bat, »der Welt mitzuteilen, daß Abdu'l-Bahá in Sicherheit« sei, daß derselbe General dem für die Kampfhandlungen bei Haifa zuständigen Kommandeur Befehl gegeben, für die Sicherheit Abdu'l-Bahás zu sorgen - womit die dem britischen Geheimdienst bekannt gewordene Absicht des türkischen Oberkommandanten vereitelt war, »Abdu'l-Bahá und Seine Familie« im Fall, daß die türkische Armee Haifa räumen und sich nach Norden zurückziehen müßte, »auf dem Karmel zu kreuzigen«.

+20:27

Die drei Jahre zwischen der Befreiung Palästinas durch die britischen Streitkräfte und dem Hinscheiden Abdu'l-Bahás zeichneten sich dadurch aus, daß das Ansehen, das der Glaube an seinem Weltzentrum trotz Verfolgungen erlangt hatte, weiter zunahm und das Feld seiner Lehrtätigkeit sich weit in die verschiedenen Teile der Welt ausdehnte. Die Gefahr, die nicht weniger als fünfundsechzig Jahre lang das Leben der Glaubensstifter und des Mittelpunkts des Bundes bedroht hatte, war durch den Krieg endgültig und völlig beseitigt. Nachdem die seitherige korrupte Verwaltung einem neuen, liberalen Regime weichen mußte, erfreuten sich das Oberhaupt des Glaubens und die beiden heiligen Schreine in der Ebene von Akká und am Hang des Karmel zum erstenmal der Freiheit von Beschränkungen, was später dann zur deutlicheren Anerkennung der Institutionen der Sache führte. Die britischen Behörden beeilten sich, die Rolle Abdu'l-Bahás bei der Linderung der Not, die während der dunklen, qualvollen Kriegstage auf der Bevölkerung des Heiligen Landes gelastet hatte, zu würdigen. Daß Abdu'l-Bahá im Sitz des britischen Gouverneurs in Anwesenheit der Notabeln verschiedener Gemeinden bei einer eigens Ihm zu Ehren veranstalteten Feier in Haifa die britische Ritterschaft verliehen wurde, daß General Allenby und seine Gattin Ihn besuchten, in Bahjí bei Ihm zu Tisch saßen und Er selbst sie zu Bahá'u'lláhs Grab führte, daß Er in Seinem Haus in Haifa ein Gespräch mit König Feisal führte, der kurz darauf Herrscher im 'Iráq wurde, daß Sir Herbert Samuel (der spätere Viscount Samuel of Carmel) Ihn verschiedentlich vor und nach seiner Ernennung zum Hochkommissar von Palästina besuchte, daß Er mit Lord Lamington zusammentraf, der Ihn ebenfalls in Haifa aufsuchte, desgleichen mit dem damaligen Gouverneur von Jerusalem, Sir Ronald Storrs, daß Er vielfach Beweise der Anerkennung Seiner hohen und einzigartigen Stellung seitens der religiösen Gemeinden erfuhr, seien sie muslimisch, christlich oder jüdisch, daß Ströme von Pilgern aus Ost und West ins Heilige Land kamen, um nun verhältnismäßig leicht und unbehelligt die heiligen Gräber in Akká und Haifa zu besuchen, Abdu'l-Bahá ihre Verehrung darzubringen, den besonderen Schutz zu preisen, unter den die Vorsehung den Glauben und seine Anhänger gestellt hatte, und nun ihren Dank abzustatten für die Befreiung seines Oberhaupts und seines Weltzentrums vom türkischen Joch - all dies trug, jedes in seiner Art, dazu bei, das Ansehen, das die Religion Bahá'u'lláhs durch die geistvolle Führung Abdu'l-Bahás stetig gewann, zu mehren.

+20:28

Indes Abdu'l-Bahás Wirkenszeit sich dem Ende zuneigte, mehrten sich in Ost und West die Zeichen, daß der Glaube sich unaufhaltsam und vielfältig entfaltete, seine Institutionen sich herausformten und festigten, und das Feld seiner Aktivität und seines Einflusses wuchs. In 'Ishqábád wurde der Bau des Mashriqu'l-Adhkár, den Abdu'l-Bahá selbst angeregt hatte, erfolgreich zu Ende geführt. In Wilmette wurden die Ausschachtungsarbeiten für den Muttertempel des Westens erledigt und der Vertrag für den Bau des Fundaments abgeschlossen. In Baghdád wurden nach Seiner Anweisung die ersten Schritte zur Verstärkung der Fundamente und zur Wiederherstellung des Größten, mit dem Gedächtnis Seines Vaters verbundenen Hauses unternommen. Im Heiligen Land wurde auf Anregung der Heiligen Mutter und mit Spendenhilfe von Freunden aus Ost und West östlich vom Grabmal des Báb ein ausgedehntes Stück Land erworben für den späteren Bau der ersten Bahá'í-Schule am administrativen Weltzentrum des Glaubens. Für ein Westpilgerhaus wurde ein Bauplatz nahe dem Haus Abdu'l-Bahás gekauft und das Gebäude von amerikanischen Freunden bald nach Seinem Hinscheiden errichtet. Für das östliche, bald nach der Beisetzung der Überreste des Báb von einem Gläubigen aus 'Ishqábád am Karmel erbaute Pilgerhaus für orientalische Besucher gewährten die Zivilbehörden Steuerfreiheit (ein zum erstenmal seit dem Einzug des Glaubens ins Heilige Land zugestandenes Privileg). Der berühmte Gelehrte und Entomologe Dr. Auguste Forel wurde durch einen Sendbrief Abdu'l-Bahás an ihn, eine der gewichtigsten Schriften, die der Meister je verfaßte, für den Glauben gewonnen. Ein anderer Sendbrief von weittragender Bedeutung war Seine Antwort auf eine vom Exekutivausschuß der »Zentralorganisation für dauernden Frieden« an Ihn gerichtete Anfrage, die Er durch eine besondere Delegation in Den Haag überreichen ließ. Ein neuer Kontinent tat sich für die Sache auf, als die Sendschreiben zum göttlichen Plan bei der ersten Jahrestagung nach dem Krieg bekanntgegeben wurden, denn unter ihrem Eindruck verließ der hochherzige und mutige Hyde Dunn im vorgerückten Alter von zweiundsechzig Jahren ohne weiteres seine kalifornische Heimat und übersiedelte, unterstützt und begleitet von seiner Gattin, als Pionier nach Australien, wo es ihm gelang, die Botschaft in nicht weniger als siebenhundert Städte in diesem Land zu tragen. Ein neuer Abschnitt begann, als die strahlende Dienerin Bahá'u'lláhs, die unbezwingliche, unsterbliche Martha Root, die der Meister den »Herold des Gottesreichs« und die »Botin des Bundes« nannte, sich ebenfalls unter dem Eindruck dieser Sendschreiben und ihres Aufrufs unverzüglich auf die erste ihrer historischen Reisen begab, die sich über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erstrecken und sie mehrmals rund um die Erde führen sollten. Nur der Tod, der sie fern ihrer Heimat und mitten im tatkräftigen Wirken für die von ihr so sehr geliebte Sache ereilte, konnte ihrer Arbeit ein Ende setzen. Diese Geschehnisse kennzeichnen den Ausklang eines Amtes, das den Triumph des Heroischen Zeitabschnitts der Bahá'í-Sendung besiegelte und als eine der glorreichsten und fruchtbarsten Phasen des ersten Bahá'í-Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.





Kapitel 21
Abdu'l-Bahás Abschied von dieser Welt

+21:1

Abdu'l-Bahás großes Werk war nun getan. Die historische Aufgabe, mit der Ihn Sein Vater vor neunundzwanzig Jahren betraut hatte, war ruhmreich vollbracht. Ein denkwürdiges Kapitel in der Geschichte des ersten Bahá'í-Jahrhunderts war abgeschlossen. Das Heroische Zeitalter der Bahá'í-Sendung, an dem Er seit dessen Beginn beteiligt war und in dem Er eine einzigartige Rolle spielte, war zu Ende. Er hatte gelitten wie keiner der Glaubensjünger, die den Kelch des Martyriums leerten, Er hatte gearbeitet wie keiner der größten Heroen. Er hatte aber auch Triumphe erlebt, wie sie weder der Herold des Glaubens, noch sein Stifter je erlebten.

+21:2

Am Ende Seiner anstrengenden Reisen nach dem Westen, die Ihn den letzten Rest Seiner schwindenden Kraft gekostet hatten, schrieb Er: »Freunde, die Zeit naht, da ich nicht mehr bei euch sein werde. Ich habe getan, was getan werden konnte. Ich habe der Sache Bahá'u'lláhs nach besten Kräften gedient. Ich habe alle Jahre meines Lebens Tag und Nacht gearbeitet. O, wie sehne Ich mich darnach, die Gläubigen die Verantwortung für die Sache auf ihre Schultern nehmen zu sehen... Meine Tage sind gezählt, und außer diesem bleibt Mir keine Freude mehr.« Schon einige Jahre früher hatte Er auf Sein Hinscheiden angespielt: »O meine treu Geliebten! Sollten im Heiligen Land irgendwann schmerzliche Ereignisse eintreten, laßt euch dadurch nicht beunruhigen oder aufregen. Habt keine Angst und grämt euch nicht. Denn was immer geschieht, dient zur Erhöhung des Wortes Gottes und zur Ausbreitung Seiner göttlichen Düfte.« Und wiederum: »Denkt stets daran, daß ich immer bei euch sein werde, ob ich auf Erden weile oder nicht.« In einem Seiner letzten Sendbriefe ermahnte Er Seine Freunde: »Seht nicht auf die Person Abdu'l-Bahás, denn Er wird einmal von euch allen fortgehen; richtet euren Blick vielmehr auf das Wort Gottes ... Die Geliebten Gottes müssen sich mit solcher Festigkeit erheben, daß nichts auf der Welt ihren ... Dienst an der Sache Gottes beeinträchtigen oder schwächen kann, selbst wenn Hunderte von Seelen wie Abdu'l-Bahá sogleich zur Zeilscheibe für die Pfeile des Leides werden.«

+21:3

In einem wenige Tage vor Seinem Hinscheiden an die amerikanischen Gläubigen geschriebenen Sendbrief drückte Er Seinen verhaltenen Wunsch aus, diese Welt zu verlassen: »Ich habe der Welt und den Menschen darin entsagt ... Im Käfig dieser Welt flattere ich wie ein erschreckter Vogel und sehne mich jeden Tag darnach, meinen Flug zu Deinem Königreich zu nehmen. Yá Bahá'u'l-Abhá! Laß mich aus dem Kelch des Opfers trinken und lasse mich frei.« Etwa sechs Monate vor Seinem Hinscheiden offenbarte Er ein Gebet zu Ehren eines Verwandten des Báb und schrieb darin: »O Herr! Mein Gebein ist schwach geworden und weißes Haar schimmert auf meinem Haupt ... und jetzt bin ich alt und meine Kraft schwindet dahin... Ich habe keine Kraft mehr, um aufzustehen und Deinen Geliebten zu dienen... O Herr, mein Herr! Beschleunige meinen Aufstieg zu Deiner erhabenen Schwelle ... und meine Ankunft am Tor Deiner Gnade im Schatten Deines größten Erbarmens ...«

+21:4

Seine Träume, Seine Gespräche und Seine Sendschriften deuteten immer mehr darauf hin, daß Sein Ende nahte. Zwei Monate vor Seinem Hinscheiden erzählte Er Seiner Familie einen Traum, den Er hatte. »Mir war«, sagte Er, »als stünde ich in einer großen Moschee im innersten Heiligtum auf dem Platz des Imáms, der Gebetsrichtung zugewandt. Da merkte ich, daß eine große Menschenmenge in die Moschee strömte. Immer mehr kamen herein und nahmen hinter mir in Reihen Platz, bis eine riesige Menge beisammen war. Ich stand da und stimmte laut den Ruf zum Gebet an. Plötzlich kam mir der Gedanke, die Moschee zu verlassen. Als ich mich draußen wiederfand, sagte ich mir: `Warum bin ich eigentlich weggegangen, ohne das Gebet geleitet zu haben? Aber es macht nichts; jetzt, da ich den Gebetsruf erschallen ließ, wird die große Mnschenmenge von selbst das Gebet singen.`« Ein paar Wochen später im Garten Seines Hauses, wo Er sich an einem lauschigen Platz aufhielt, erzählte Er den Umstehenden von einem anderen Traum. »Mir träumte«, sagte Er, »ich sähe die Gesegnete Schönheit¹ zu mir treten und sagen: `Zerstöre diese Kammer.`« Niemand von den Anwesenden begriff, was der Traum bedeutete, bis Er bald darauf hingeschieden war und ihnen klar wurde, daß mit der »Kammer« Sein leiblicher Tempel gemeint war.

¹ Bahá'u'lláh


+21:5

Einen Monat vor Seinem Tod - Er starb in Seinem achtundsiebzigsten Lebensjahr in den frühen Morgenstunden des 28. November 1921 - wies Er ausdrücklich auf ihn hin mit einigen tröstlichen Worten, die Er einem den Verlust seines Bruders betrauernden Gläubigen zukommen ließ. Und etwa zwei Wochen vor Seinem Heimgang sprach Er zu Seinem treuen Gärtner auf eine Art, die klar erkennen ließ, daß Er Sein Ende nahe wußte. »Ich bin so müde«, sagte Er zu ihm, »die Stunde ist da, daß ich alles verlassen und Abschied nehmen muß. Ich bin zu schwach, um spazierenzugehen.« Und Er fügte hinzu: »Als ich in den der letzten Tagen der Gesegneten Schönheit einmal damit beschäftigt war, Seine Papiere zu sammeln, die in Seinem Schreibzimmer in Bahjí über den Diwan verstreut lagen, wandte Er sich mir zu und sagte: `Es nützt nichts, sie zu sammeln, Ich muß sie lassen und gehen`. Auch ich habe mein Werk getan. Ich kann nichts mehr tun, so muß ich es lassen und Abschied nehmen.«

+21:6

Abdu'l-Bahá verströmte bis zum letzten Tag Seines irdischen Lebens Seine unwandelbare Liebe auf hoch und niedrig, lieh den Armen und Niedergedrückten denselben Beistand und versah die gleichen Pflichten im Dienst für den Glauben Seines Vaters, wie Er es seit Kindertagen gewohnt war. Am Freitag vor Seinem Heimgang wohnte Er trotz großer Schwäche dem Mittagsgebet in der Moschee bei und verteilte hernach Almosen unter die Armen, wie Er dies immer zu tun pflegte. Er diktierte verschiedene Sendbriefe - Seine letzten -, segnete die Eheschließung eines treuen Dieners, wobei Er darauf bestanden hatte, daß sie an diesem Tag stattfand; dann ging Er zu der üblichen Zusammenkunft der Freunde in Seinem Haus. Am nächsten Tag bekam Er Fieber und war am folgenden Sonntag außerstande, das Haus zu verlassen, schickte aber alle Gläubigen zum Grabmal des Báb zum Besuch eines Festes, das ein Parsí-Pilger aus Anlaß des Jahrestags der Erklärung des Bundes veranstaltete. Am gleichen Nachmittag empfing Er trotz zunehmender Schwäche mit stets gleicher liebenswürdiger Höflichkeit den Muftí, den Bürgermeister und den Polizeichef von Haifa, und ehe Er sich zur Nacht zurückzog - der letzten Seines Lebens -, erkundigte Er sich nach dem Wohlbefinden eines jeden Mitglieds Seines Haushalts, der Pilger und der Freunde in Haifa.

+21:7

Nachts um Viertel nach eins stand Er auf und ging zum Tisch in Seinem Zimmer, trank etwas Wasser und legte sich wieder hin. Etwas später bat Er eine Seiner beiden Töchter, die aus Sorge um Ihn wach geblieben waren, das Moskitonetz aufzuschlagen, und klagte über Atembeschwerden. Man brachte Ihm etwas Rosenwasser, von dem Er trank, worauf Er sich wieder hinlegte. Als man Ihm etwas zum Essen anbot, sagte Er klar: »Ihr wollt, daß ich esse, jetzt, da ich gehe?« Eine Minute später schwang sich Sein Geist auf zum Flug in die ewige Heimat, um endlich zur Herrlichkeit Seines Vaters versammelt zu werden und die Freude ewiger Vereinigung mit Ihm zu genießen.

+21:8

Die Nachricht von Seinem plötzlichen, unerwarteten Hinscheiden verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt, wurde sofort telegraphisch weit über die Erde verbreitet und stürzte die Gemeinde der Anhänger Bahá'u'lláhs in Ost und West in tiefe Trauer. Botschaften kamen von fern und nah, von hoch und niedrig, per Telegramm oder durch Briefpost, und übermittelten den Mitgliedern der leiderfüllten, untröstlichen Familie vielfach den Ausdruck des Lobpreises, der Hingabe, des Schmerzes und des Mitgefühls.

+21:9

Der britische Kolonialminister Winston Churchill wies den Hochkommissar von Palästina, Sir Herbert Samuel, telegrafisch an, »der Bahá'í-Gemeinde im Namen der Regierung Seiner Majestät Mitgefühl und Beileid zu übermitteln.« Viscount Allenby, der Hochkommissar von Ägypten, bat den Hochkommissar von Palästina telegrafisch, »den Angehörigen des verstorbenen Sir Abdu'l-Bahá Abbás Effendi und der Bahá'í-Gemeinde seine aufrichtige Teilnahme zum Verlust ihres verehrten Oberhaupts« zu übermitteln. Der Ministerrat in Baghdád wies den Premierminister Siyyid Abdu'r-Rahmán an, »der Familie Seiner Heiligkeit Abdu'l-Bahá zu ihrem Verlust sein Beileid« auszudrücken. Der Oberbefehlshaber der ägyptischen Expeditionsstreitkräfte, General Congreve, ersuchte den Hochkommissar von Palästina brieflich, »der Familie des verstorbenen Sir Abbás Bahá'í sein tiefstes Mitgefühl zu übermitteln«. General Sir Arthur Money, der frühere Chefadministrator von Palästina, brachte schriftlich seine Trauer, Hochachtung und Bewunderung für Abdu'l-Bahá zum Ausdruck und seine Anteilnahme an dem Verlust, den Seine Familie erlitt. Eine im akademischen Leben der Universität Oxford hochgeachtete Persönlichkeit, ein berühmter Professor und Gelehrter, schrieb in seinem und seiner Frau Namen: »Der Heimgang hinter den Schleier in ein vollkommeneres Leben muß besonders wundervoll und gesegnet sein für Den, dessen Gedanken immer nach oben gerichtet waren und der darnach strebte, schon hienieden ein erhabenes Leben zu führen.«

+21:10

Die verschiedensten Zeitungen wie die Londoner Times, die Morning Post, die Daily Mail, die New York World, Le Temps, die Times of India und andere würdigten in verschiedenen Sprachen und Ländern einen Mann, welcher der Sache der Brüderlichkeit und des Friedens so hervorragende, unvergängliche Dienste geleistet hatte.

+21:11

Der Hochkommissar Sir Herbert Samuel schickte sofort eine Botschaft, in der er seinen Wunsch zum Ausdruck brachte, persönlich am Begräbnis teilzunehmen, um, wie er später schrieb, »meine Hochachtung vor Seinem Glauben und meine Verehrung für Seine Person zum Ausdruck zu bringen«. Am Begräbnis selbst, das am Dienstag morgen stattfand - ein Begräbnis, wie es Palästina nie zuvor sah - nahmen mindestens zehntausend Menschen aus allen Schichten, Religionen und ethnischen Gruppen des Landes teil. Der Hochkommissar berichtete später einmal: »Eine große Menschenmenge war zusammengekommen, tief bekümmert über Seinen Tod, aber zugleich froh, daß Er gelebt hatte.« Sir Ronald Storrs, damals Gouverneur von Jerusalem, schrieb über das Begräbnis: »Nie erlebte ich einen einmütigeren Ausdruck der Trauer und der Hochachtung, als er hier bei der äußerst einfachen Feier zutage trat.«

+21:12

Der Sarg mit den sterblichen Überresten Abdu'l-Bahás wurde auf den Schultern Seiner Geliebten zu seiner letzten Ruhestätte getragen. Der Leichenzug wurde von der Stadtpolizei als Ehrengarde angeführt, anschließend folgten der Reihe nach die Pfadfinder der muslimischen und der christlichen Gemeinden mit ihren Fahnen, dann eine Schar muslimischer Chorsänger, die ihre Verse aus dem Qur'án sangen, die Leiter der muslimischen Gemeinde unter der Führung des Muftí, und eine Anzahl Priester der katholischen, der orthodoxen und der anglikanischen Kirche. Hinter dem Sarg gingen die Mitglieder Seiner Familie, der britische Hochkommissar Sir Herbert Samuel, der Gouverneur von Jerusalem Sir Ronald Storrs, der Gouverneur von Phönizien Sir Steward Symes, Beamte der Regierung, in Haifa residierende Konsuln verschiedener Länder, Notabeln aus Palästina, Muslime, Juden, Christen und Drusen, Ägypter, Griechen, Türken, Araber, Kurden, Europäer und Amerikaner, Männer, Frauen und Kinder. Unter den Klagen und dem Schluchzen manch kummerbeladenen Herzens bewegte sich der lange Trauerzug langsam den Hang des Karmel hinauf zum Grabmal des Báb.

+21:13

Nahe dem östlichen Eingang zum Schrein wurde der Sarg auf einen schlichten Tisch gestellt, und vor der großen Trauergemeinde hielten neun Sprecher als Vertreter der muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubensbekenntnisse, darunter auch der Muftí von Haifa, ihre Trauerreden. Danach trat der Hochkommissar an den Sarg und erwies Abdu'l-Bahá gesenkten Hauptes vor dem Schrein die letzte Ehre; die anderen Beamten der Regierung folgten seinem Beispiel. Dann wurde der Sarg in einen Raum des Schreins gebracht und dort ernst und ehrerbietig an seinem letzten Ruheplatz in einer Gruft neben derjenigen, in der die Gebeine des Báb liegen, beigesetzt.

+21:14

In der Woche nach Seinem Hinscheiden wurden täglich fünfzig bis hundert Arme von Haifa in Seinem Hause gespeist, und in Seinem Namen wurde am siebten Tag unter etwa tausend von ihnen Korn verteilt, ohne Ansehen der ethnischen oder Glaubenszugehörigkeit. Am vierzigsten Tag veranstaltete man eine eindrucksvolle Feier zu Seinem Gedächtnis, zu der über sechshundert Teilnehmer aus Haifa, Akká und angrenzenden Gebieten Palästinas und Syriens geladen waren, darunter Beamte und Notabeln unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft. Und an diesem Tag wurden über hundert Arme gespeist.

+21:15

Einer der anwesenden Gäste, der Gouverneur von Phönizien, sprach einen Nachruf zum Gedächtnis Abdu'l-Bahás und sagte: »Die meisten von uns, glaube ich, haben ein klares Bild von Sir Abdu'l-Bahá Abbás vor Augen: Seine würdevolle Gestalt, wie sie gedankenvoll durch unsere Straßen geht, Seine höfliche, gütige Art, Seine Freundlichkeit, Seine Liebe zu kleinen Kindern und zu Blumen, Seine Freigebigkeit und Fürsorge für die Armen und Leidenden. So bescheiden war Er und so einfach, daß man in Seiner Gegenwart fast vergaß, daß Er auch ein großer Lehrer war und daß Seine Schriften und Gespräche Hunderten und Tausenden von Menschen in Ost und West Trost und Erleuchtung brachten.«

+21:16

So ging die Amtszeit Dessen zu Ende, der vermöge des Ihm von Seinem Vater verliehenen Ranges eine leibhaftige Institution war, für die es in der ganzen Religionsgeschichte keine Parallele gibt, ein Amt, mit welchem das Apostolische, das Heroische, das herrlichste Zeitalter der Sendung Bahá'u'lláhs abschließt.

+21:17

Durch Ihn wurde der vom Stifter der Bahá'í-Offenbarung hinterlassene Bund, dieses »ganz besondere, unschätzbare Erbe«, verkündet, verfochten und geschützt. Die Ihm durch dieses göttliche Instrument verliehene Kraft ließ das Licht des jungen Gottesglaubens in den Westen dringen, sich bis über die pazifischen Inseln verbreiten und den Saum des australischen Erdteils erleuchten. Seiner persönlichen Initiative ist es zu danken, daß die Botschaft, deren Träger die Härte lebenslänglicher Gefangenschaft zu kosten hatte, laut verkündet wurde, daß zum erstenmal in ihrer Geschichte vor aufgeschlossenen und repräsentativen Auditorien in den Hauptstädten Europas und Nordamerikas öffentlich über ihre Art und ihre Ziele gesprochen wurde. Unter Seiner unermüdlichen Achtsamkeit wurden die heiligen Gebeine des Báb aus ihrer fünfzigjährigen Verborgenheit geholt, sicher ins Heilige Land gebracht und für immer an der Stelle, die Bahá'u'lláh selbst dafür bezeichnet und mit Seiner Gegenwart gesegnet hatte, würdig bestattet. Auf Seine kühne Anregung hin wurde der erste Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt in Zentralasien, im russischen Turkestan, errichtet, während infolge Seiner unfehlbaren Ermutigung ein ähnliches Unternehmen noch größeren Umfangs im Herzen des nordamerikanischen Erdteils in Angriff genommen und das Grundstück dazu von Ihm selbst geweiht wurde. Durch die Gnade, die Ihn stärkte und seit der Übernahme Seines Amtes über Ihm waltete, wurde Sein königlicher Gegner zutiefst gedemütigt, der Erzfeind des Bundes Seines Vaters vernichtet und die seit der Verbannung Bahá'u'lláhs auf türkischen Boden das Glaubenszentrum stets bedrohende Gefahr endgültig abgewendet. In Verfolg Seiner Anweisungen und in Übereinstimmung mit den von Seinem Vater verkündeten Grundsätzen und erlassenen Gesetzen wurden die ersten Institutionen, die die förmliche Einführung der nach Seinem Hinscheiden zu errichtenden Verwaltungsordnung ankündigten, gegründet und nahmen Gestalt an. Mit Seiner unablässigen Arbeit - widergespiegelt in Seinen Abhandlungen, in Tausenden von Sendbriefen, die Er schrieb, in den Gesprächen, die Er führte, den Gebeten, Gedichten und Kommentaren, die Er der Nachwelt hinterließ, die meisten in persischer, viele in arabischer und einige in türkischer Sprache - rückte Er die Gesetze und Prinzipien, Kette und Schuß der Offenbarung Seines Vaters, ins Licht, formulierte und erläuterte ihre Grundlagen, wendete ihre Lehrsätze im einzelnen an und bewies der Öffentlichkeit voll und ganz den Wert und die unbestreitbare Gültigkeit ihrer Wahrheiten. Seine Warnrufe setzten eine unachtsame, in Materialismus versunkene und gottvergessene Menschheit, die in ihrer hartnäckigen Widerspenstigkeit schon die ersten Schrecken dieses bis zum heutigen Tage die Grundfesten menschlicher Gesellschaft zerrüttenden Weltaufruhrs ertragen mußte, über die Gefahren in Kenntnis, die ihr geordnetes Leben zu vernichten drohen. Und schließlich setzte Er durch den Auftrag, den Er einer tapferen Gemeinde erteilte, die mit ihren gemeinsam errungenen Erfolgen schon großartigen Glanz auf die Geschichte Seiner Amtszeit warf, einen Plan in Gang, durch den kurz nach seinem Beginn der australische Kontinent für die Sache erschlossen und später das Herz einer Anhängerin aus königlichem Hause für die Sache Seines Vaters gewonnen werden konnte und der heutzutage mit dem Aufblühen all seiner Möglichkeiten das geistige Leben der lateinamerikanischen Republiken wunderbar belebt und damit die Chronik eines ganzen Jahrhunderts würdig beschließt.

+21:18

Der Überblick über die hervorragenden Züge einer so gesegneten und fruchtbaren Amtszeit darf nicht die Prophezeiungen übergehen, welche die nie irrende Feder des erwählten Mittelpunkts des Bundes Bahá'u'lláhs niederschrieb. Diese sagen die heftigen Angriffe voraus, die der unaufhaltsame Vormarsch des Glaubens im Westen, in Indien und im Fernen Osten hervorrufen muß, wenn er auf die altehrwürdigen geistlichen Systeme der christlichen, der buddhistischen und der Hindu-Religion stößt. Sie sagen den Aufruhr voraus, den seine Emanzipation von den Fesseln der religiösen Orthodoxie auf dem amerikanischen, europäischen, asiatischen und afrikanischen Kontinent verursachen wird. Sie künden die Sammlung der Kinder Israels in ihrem alten Heimatland an, ferner die Entfaltung des Banners Bahá'u'lláhs im ägyptischen Bollwerk des sunnitischen Isláms, das Erlöschen des machtvollen Einflusses der schiitischen Geistlichkeit in Persien, das drückende Elend, das unausweichlich über den kläglichen Rest der Feinde des Bundes Bahá'u'lláhs im Weltzentrum Seines Glaubens kommen muß. Abdu'l-Bahá sagt ferner die glanzvollen Einrichtungen voraus, die der sieghafte Glaube an den Hängen des Berges zu gründen hat und die so mit der Stadt Akká verbunden sein werden, daß eine einzige große Metropole entsteht, die den geistigen wie den Verwaltungssitz der künftigen Bahá'í-Weltgemeinde umschließen wird; Er spricht von der besonderen Ehre, die die Bewohner des Geburtslandes Bahá'u'lláhs allgemein und seine Regierung im besonderen in ferner Zukunft genießen werden, weist auf die einzigartige und beneidenswerte Stellung hin, die die Gemeinde des Größten Namens auf dem nordamerikanischen Kontinent in unmittelbarer Folge der Durchführung der ihr anvertrauten Weltmission einnehmen wird, und sieht schließlich als Ergebnis und Krönung all dessen voraus, daß das »Banner Gottes unter allen Nationen gehißt« werden und es zur Vereinigung des ganzen Menschengeschlechts kommen wird, wenn einmal »alle Menschen einer Religion angehören, ... zu einer Rasse verschmolzen und ein einziges Volk sein werden«.

+21:19

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die umwälzenden Veränderungen, die sich während Seiner Amtszeit in der großen Welt begaben und von denen die meisten sich unmittelbar aus den Warnungen ableiten, die der Báb in der Erklärungsnacht Seiner Sendung in Shíráz im ersten Kapitel Seines Qayyúmu'l-Asmá' niederschrieb und die später durch gewichtige Stellen in der Súriy-i-Mulúk und dem Kitáb-i-Aqdas bekräftigt wurden, in denen sich Bahá'u'lláh an die Könige der Erde und die geistlichen Führer der Welt wendet. Die Umwandlung der portugiesischen Monarchie und des chinesischen Reichs in Republiken, der Zusammenbruch des russischen, des deutschen und des österreichischen Reichs und das schmachvolle Schicksal, das ihre Herrscher ereilte, die Ermordung Násiri'd-Dín Sháhs, der Sturz des Sultáns Abdu'l-Hamíd - all dies kann man als weitere Stadien in einem unheilvollen Prozeß ansehen, dessen Beginn sich schon zu Lebzeiten Bahá'u'lláhs in der Ermordung des Sultáns Abdu'l-Azíz, dem dramatischen Sturz Napoleons 111. und der Vernichtung seines Dritten Kaiserreichs, sowie in der selbstauferlegten Gefangenschaft und dem schließlichen Ende der weltlichen Herrschaft des Papstes ankündigte. Nach Abdu'l-Bahás Hinscheiden beschleunigte sich dieser Prozeß durch das Erlöschen der Qájárendynastie in Persien, den Sturz der spanischen Monarchie, den Zusammenbruch des Sultanats und des Kalifats in der Türkei, den raschen Niedergang des schiitischen Isláms und der christlichen Missionen im Osten und das grausame Schicksal, das so viele gekrönte Häupter Europas heimsucht.

+21:20

Zum Schluß dieser Betrachtungen seien ganz besonders die Namen jener Gelehrten und hochangesehenen Männer genannt, die zu verschiedenen Zeiten während des Wirkens Abdu'l-Bahás nicht nur Ihn selbst, sondern auch den Glauben Bahá'u'lláhs würdigten. Namen wie Graf Leo Tolstoj, Prof. Arminius Vambery, Prof. Auguste Forel, Dr. David Starr Jordan, der ehrwürdige Archidiakon Wilberforce, Prof. Jowett von Balliol, Dr. T. K. Cheyne, Dr. Estlin Carpenter von der Universität Oxford, Viscount Samuel of Carmel, Lord Lamington, Sir Valentine Chirol, Rabbi Stephen Wise, Prinz Muhammad Alí von Ägypten, Shaykh Muhammad Abdu, Midhat-Páshá und Khurshíd-Páshá bezeugen durch ihre Würdigungen den großen Fortschritt, den der Glaube Bahá'u'lláhs unter der glanzvollen Führung Seines erhabenen Sohnes gemacht hat - eindrucksvolle Würdigungen, die in späteren Jahren noch unterstrichen werden sollten von den historischen, wiederholten schriftlichen Zeugnissen einer berühmten Königin, der Enkelin der Königin Victoria, die sie aus eigenem Antrieb der Nachwelt als Beleg ihrer Anerkennung der prophetischen Sendung Bahá'u'lláhs hinterließ.

+21:21

Was die Feinde betrifft, die sich emsig bemüht hatten, das Licht des Bundes Bahá'u'lláhs auszulöschen, so erlitten sie nicht minder bezeichnend ihre wohlverdiente Strafe wie diejenigen, die in einer früheren Periode niederträchtig die Zukunft eines aufsteigenden Glaubens zu zerstören und seine Grundlagen zu vernichten trachteten.

+21:22

Die Ermordung des Despoten Násiri'd-Dín Sháh und damit das Erlöschen der Qájárendynastie wurden schon erwähnt. Sultán Abdu'l-Hamíd wurde nach seiner Absetzung zum Staatsgefangenen und war verdammt, ein völlig zurückgezogenes, gedemütigtes Leben zu fristen, verachtet von den übrigen Herrschern und geschmäht von seinen Untertanen. Der blutdürstige Jamál Páshá, der beschlossen hatte, Abdu'l-Bahá zu kreuzigen und Bahá'u'lláhs heiliges Grabmal dem Erdboden gleich zu machen, mußte um sein Leben fliehen und fiel als Flüchtling im Kaukasus durch die Hand eines Armeniers, dessen Landsleute er so erbarmungslos verfolgt hatte. Der Ränkeschmied Jamálu'd-Dín Afghání, dessen schonungslose Feindseligkeit und machtvoller Einfluß dem Fortschritt des Glaubens in den nahöstlichen Ländern so sehr geschadet hatte, wurde nach einer wechselhaften Laufbahn voller Brüche von Krebs befallen und verkam, nachdem er bei einer erfolglosen Operation einen Teil seiner Zunge verloren hatte, in Elend. Die vier Mitglieder der berüchtigten Untersuchungskommission, die von Konstantinopel gesandt worden waren, um Abdu'l-Bahás Schicksal zu besiegeln, erlitten der Reihe nach ihre Demütigungen, die kaum weniger hart waren als das, was sie Ihm zugedacht hatten. 'Árif Bey, der Chef der Kommission, wurde beim Versuch, nachts heimlich vor den grimmigen Jungtürken zu fliehen, von einem Wachposten erschossen. Adham Bey konnte nach Ägypten entkommen, wurde aber unterwegs von seinem Diener seiner Habe beraubt und mußte schließlich die Bahá'í von Kairo um finanzielle Unterstützung bitten, die ihm nicht verweigert wurde. Später suchte er Hilfe bei Abdu'l-Bahá, der alsbald die Gläubigen anwies, ihm in Seinem Namen einen Geldbetrag zu schenken, was sie aber nicht ausführen konnten, weil er plötzlich verschwunden war. Von den beiden anderen Mitgliedern wurde der eine an einen abgelegenen Ort verbannt, und der andere starb bald darauf in äußerster Armut. Der berüchtigte Yahyá Bey, Polizeichef in Akká, ein williges und mächtiges Werkzeug in der Hand Mírzá Muhammad-Alís, des Erzfeinds des Bundes Bahá'u'lláhs, mußte erleben, wie all seine Hoffnungen fehlschlugen, er verlor seinen Posten und mußte am Ende Abdu'l-Bahá um finanzielle Hilfe angehen. Im Jahr des Sturzes Abdu'l-Hamíds wurden in Konstantinopel nicht weniger als einunddreißig Würdenträger des Staates, darunter Minister und andere hohe Regierungsbeamte, viele davon grimmige Feinde des Glaubens, an einem einzigen Tag gefangengenommen und zum Galgen verurteilt, eine deutliche Vergeltung für die Rolle, die sie als Stützen eines tyrannischen Regimes in dem Bestreben gespielt hatten, den Glauben und seine Institutionen auszutilgen.

+21:23

In Persien verloren außer dem Herrscher, der in der Hochflut seiner Hoffnungen und der Fülle seiner Macht so erschreckend von der Bühne gefegt wurde, eine ganze Anzahl von Prinzen, Ministern und Mujtahids, die sich wie der Ná'ibu's-Saltanih Kámrán Mírzá, der Jalálu'd-Dawlih, der Atábik-i-A'zam Mírzá Alí Asghar Khán und der »Sohn des Wolfes« Shaykh Muhammad-Taqíy-i-Najafí aktiv an der Unterdrückung der verfolgten Gemeinde beteiligt hatten, einer nach dem andern ihr Ansehen und ihren Einfluß, versanken im Dunkel, mußten alle Hoffnungen auf ihre böswilligen Ziele aufgeben, und mancher von ihnen erlebte noch, wie die Sache, die er so sehr gefürchtet und so grimmig gehaßt hatte, aufzusteigen begann.

+21:24

Wenn wir sehen, wie im Heiligen Land, in Persien und in den Vereinigten Staaten von Amerika Repräsentanten christlicher Kirchen, wie Vatralsky, Wilson, Richardson oder Easton, den kraftvollen Fortschritt des Bahá'í-Glaubens in christlichen Ländern verfolgen, ihn manchmal fürchten und zu hemmen suchen, wenn wir beobachten, wie ihr Einfluß neuerdings immer mehr dahinschwindet, ihre Macht zerfällt, in ihren Reihen Verwirrung herrscht, ihre altgedienten Missionen und Institutionen in Europa, im Orient und in Ostasien in Auflösung begriffen sind - müssen wir diesen Niedergang nicht dem feindlichen Widerstand zuschreiben, den Repräsentanten verschiedener christlicher Kirchen in der Amtszeit Abdu'l-Bahás gegen die Anhänger und Institutionen des Glaubens leisteten, der nichts weniger als die Verheißungen Jesu Christi zu erfüllen und das Reich Gottes, um das Er gebetet und das Er vorausgesagt, zu errichten behauptet?

+21:25

Und Mírzá Muhammad-Alí schließlich, der vom Augenblick der Geburt des göttlichen Bundes bis zu seinem Lebensende grimmigeren Haß als die genannten Feinde Abdu'l-Bahás gezeigt, heftiger als irgend jemand sonst gegen Ihn gewühlt und Seines Vaters Glauben schlimmer geschändet hatte als alle anderen äußeren Feinde - dieser Mensch mußte, zusammen mit der niederträchtigen Bundesbrecherbande, die er angestiftet und irregeführt hatte, in noch stärkerem Maße als Mírzá Yahyá und seine Helfershelfer erleben, wie all seine üblen Anschläge fehlschlugen, all seine Hoffnungen zunichte wurden, wie seine wahren Beweggründe ans Licht kamen, wie sein vormaliges Ansehen und sein ganzer Ruhm erloschen. Sein Bruder Mírzá Díyá'u'lláh starb vorzeitig; Mírzá Áqá Ján, den er zum Narren gehalten, folgte diesem drei Jahre später ins Grab; Mírzá Badí'u'lláh, sein Hauptkomplize, verriet seine Sache, unterschrieb und veröffentlichte ein Geständnis seiner Übeltaten, ging dann aber wieder zu ihm über, stieß jedoch auf Ablehnung wegen des schandbaren Betragens seiner Tochter. Mírzá Muhammad-Alís Halbschwester Furúghíyyih starb an Krebs, und ihr Gatte, Siyyid Alí, wurde von einem Herzschlag hinweggerafft, noch ehe seine Söhne ihm helfen konnten; der älteste von ihnen wurde später in der Blüte seiner Jahre vom selben Übel betroffen. Muhammad-Javád-i-Qazvíní, ein berüchtigter Feind des Bundes, ging elend zugrunde. Shu'á'u'lláh, der, wie Abdu'l-Bahá in Seinem Testament bezeugt, mit der Ermordung des Mittelpunkts des Bundes gerechnet hatte und der von seinem Vater in die Vereinigten Staaten geschickt worden war, um sich mit Ibráhím Khayru'lláh zu verbünden, kehrte abgeschlagen und mit leeren Händen von seiner unrühmlichen Mission zurück. Jamál-i-Burújirdí, Mírzá Muhammad-Alís fähigster Fähnrich in Persien, fiel einer ekelerregenden tödlichen Krankheit zum Opfer; Siyyid Mihdíy-i-Dahají starb, nachdem er Abdu'l-Bahá die Treue gebrochen und sich mit den Bundesbrechern zusammengetan hatte, vergessen im Elend, gefolgt von seinem Weib und seinen beiden Söhnen; Mírzá Husayn-Alíy-i-Jahrumí, Mírzá Husayn-Shírázíy-i-Khurtúmí und Hájí Muhammad-Husayn-i-Káshání, die Hauptfeinde des Bundes in Persien, Indien und Ägypten, scheiterten gänzlich mit ihren Vorhaben, während der gierige und selbstgefällige Ibráhím-i-Khayru'lláh, der zwanzig Jahre lang das Banner der Rebellion in Amerika hochhielt, der die Frechheit besaß, Abdu'l-Bahá schriftlich »Irrlehren, falsche Darstellung der Bahá'í-Lehre und Heuchelei« vorzuwerfen und Seinen Besuch in Amerika als den »Todesstoß für die Sache Gottes« zu bezeichnen, fand bald nach dieser Bezichtigung den Tod, völlig verlassen und verachtet von sämtlichen Mitgliedern der Gemeinde, deren Väter er selbst zum Glauben geführt hatte, und in dem Land, in dem sich die Beweise mehrten für den sicheren Aufstieg Abdu'l-Bahás, dessen Autorität er in seinen späteren Jahren zu untergraben entschlossen war.

+21:26

Von denjenigen, die sich offen für die Sache des Erzfeindes des Bundes Bahá'u'lláhs stark gemacht hatten oder heimlich mit ihm liebäugelten, während sie nach außen hin zu Abdu'l-Bahá hielten, bereuten einige schließlich, und es wurde ihnen vergeben; andere verloren völlig ernüchtert den Glauben ganz; einige fielen von ihm ab, und der Rest löste sich auf, so daß er am Ende, mit ein paar Angehörigen, einsam und verlassen dastand. Der Abdu'l-Bahá so dreist ins Gesicht gesagt hatte, daß er nicht sicher sein könne, Ihn zu überleben, mußte dies nun fast zwanzig Jahre - und somit Zeuge des völligen Zusammenbruchs seiner Sache werden. Er fristete diese Zeit über ein elendes Dasein in einem Haus, das einst scharenweise seine Helfershelfer beherbergt hatte, während ihm die Zivilbehörden die Schlüsselgewalt über das Grab seines Vaters aberkannten, seit er im Anschluß an den Tod Abdu'l-Bahás törichterweise einen Streit vom Zaun gebrochen hatte. Einige Jahre später mußte er dieses Haus, das er völlig verkommen ließ und das nun baufällig war, verlassen. Er wurde von einer halbseitigen Lähmung befallen und lag monatelang von Schmerzen geplagt im Bett, ehe er starb. Er wurde nach muslimischem Zeremoniell in unmittelbarer Nähe eines muslimischen Schreins begraben; sein Grab hat bis heute keinen Grabstein - eine erbarmungswürdige Erinnerung an die Hohlheit seiner Ansprüche, an die tiefe Schande, in die er gesunken war, und an die strenge Vergeltung, die seine Taten völlig verdienten.









VIERTE PERIODE
Beginn der Gestaltungszeit des Bahá'í-Glaubens : 1921-1944
Kapitel 22
Anfänge und Bau der Bahá'í-Verwaltungsordnung

+22:1

Als Abdu'l-Bahá verschied, waren vom ersten Jahrhundert der Bahá'í-Zeit, deren Beginn mit Seiner Geburt zusammenfällt, über drei Viertel verstrichen. Siebenundsiebzig Jahre zuvor war in Shíráz am Horizont das Licht des vom Báb verkündeten Glaubens angebrochen, es blitzte auf am Himmel Persiens und vertrieb das jahrhundertealte Dunkel, das sein Volk umfangen hielt. Ein ungemein gräßliches Blutbad, von Regierung, Klerus und Volk einmütig ohne Sinn für dieses Licht und blind für seinen Glanz angerichtet, hätte seinen Ruhmesglanz in seinem Geburtsland fast ausgelöscht. Zur dunkelsten Stunde im Schicksal des Glaubens wurde Bahá'u'lláh, der Gefangene in Tihrán, berufen, seine Lebenskraft neu zu entfachen, und beauftragt, seinen letztlichen Sinn und Zweck zu erfüllen. Als das Jahrzehnt zwischen der ersten Andeutung dieses Auftrags und seiner Erklärung verstrichen war, enthüllte Er in Baghdád das im keimhaften Glauben des Báb verborgene Geheimnis und brachte dessen Frucht zum Vorschein. In Adrianopel wurde die in der Bábí- und allen früheren Sendungen verheißene Botschaft an die Menschheit verkündet und ihr Anspruch an die Herrscher der Erde in Ost und West verlautbart. In den Mauern der Gefängnisfeste Akká erließ der Träger der neuen Gottesoffenbarung die Gesetze und verfaßte die Grundsätze, welche Kette und Schuß Seiner Weltordnung bilden sollten. Und vor Seinem Hinscheiden stiftete Er den Bund, der bei der Grundlegung dieser Weltordnung als Führung und Stütze dienen und ihren Erbauern die Einigkeit gewährleisten soll. Mit diesem unvergleichlichen, mächtigen Werkzeug ausgerüstet, pflanzte Abdu'l-Bahá, Sein ältester Sohn und der Mittelpunkt Seines Bundes, das Banner des väterlichen Glaubens auf den nordamerikanischen Kontinent und legte den unerschütterlichen Grund für seine Institutionen in Westeuropa, Asien und Australien. Er erläuterte in Seinen Werken, Briefen und Reden die Grundsätze des Glaubens, erklärte seine Gesetze, baute sein Lehrgebäude aus und schuf die ersten Einrichtungen seiner zukünftigen Verwaltungsordnung. In Rußland erbaute Er das erste Haus der Andacht, und am Hang des Karmel errichtete Er ein würdiges Grabmal für den Herold des Glaubens und bestattete Dessen sterblichen Überreste dort mit eigener Hand. Durch Seine Besuche in mehreren Städten Europas und auf dem nordamerikanischen Kontinent verkündete Er die Botschaft Bahá'u'lláhs den Völkern des Abendlands und mehrte das Ansehen der Sache Gottes in nie zuvor erreichtem Maße. Und schließlich erteilte Er an Seinem Lebensabend der Gemeinde, die Er selbst ins Leben gerufen, gehegt und genährt hatte, mit Seinen Sendschreiben zum göttlichen Plan Seinen Auftrag - ein Plan, der ihre Mitglieder in künftigen Jahren befähigen wird, das Licht des Glaubens zu verbreiten und sein administratives Netz über alle fünf Erdteile hinweg zu knüpfen.

+22:2

Für diesen unsterblichen, die Welt belebende Geist, der in Shíráz geboren, in Tihrán neu entzündet, in Baghdád und Adrianopel zur offenen Flamme entfacht und, nach dem Westen lodernd, nun die Umrisse von fünf Kontinenten erleuchtete - für diesen Geist war nun die Zeit gekommen, in Institutionen Gestalt anzunehmen, welche die aus ihm strömenden Energien fassen und sein Wachstum fördern sollten. Abgeschlossen war die Zeit, welche die Geburt und den Aufstieg des Glaubens erlebte. Die heldische, die Apostelzeit der Sendung Bahá'u'lláhs, diese Frühzeit, da ihre Stifter lebten, da sie ins Leben trat, da ihre größten Helden kämpften und den Kelch des Martyriums leerten, da die ersten Steine zu ihren Grundmauern gelegt wurden - eine Zeit, mit deren Glanz kein noch so strahlender Sieg heute oder in ferner Zukunft sich messen kann - war zu Ende mit dem Hinscheiden Dessen, dessen Sendung man als Bindeglied sehen kann zwischen der Zeit, da die junge Glaubenssaat keimte, und den Zeiten, die ihre Blüte und schließliche Frucht schauen werden.

+22:3

Nun setzte die Gestaltungsperiode ein, das Eiserne Zeitalter dieser Sendung, die Zeit, da die Institutionen des Glaubens Bahá'u'lláhs auf örtlicher, nationaler und internationaler Ebene Gestalt annehmen, sich entwickeln und festigen sollen. Das dritte, letzte, das Goldene Zeitalter wird dann erleben, wie eine weltumspannende Ordnung entsteht, welche die letzte Frucht der jüngsten Gottesoffenbarung für die Menschheit birgt, eine Frucht, deren Reifeprozeß eine Weltkultur schaffen und festlich das Reich des Vaters auf Erden eröffnen wird, wie von Jesus Christus verheißen.

+22:4

Auf diese Weltordnung hatte schon der Báb während Seiner Haft in den Bergfesten von Ádhirbáyján in Seinem Persischen Bayán, dem Urbuch der Bábí-Sendung, ausdrücklich hingewiesen, hatte ihr Kommen angesagt und mit dem Namen Bahá'u'lláhs verknüpft, dessen Sendung Er ankündigte. »Wohl dem«, lauten Seine bedeutsame Worte im 16. Kapitel des 3. Váhid, »der seinen Blick auf die Ordnung Bahá'u'lláhs richtet und seinem Herrn dankbar ist. Denn Er wird gewiß offenbar werden...« Diese Ordnung war gemeint, als später Bahá'u'lláh die Gesetze und Grundregeln offenbarte, die das Walten einer solchen Ordnung lenken werden, wenn Er im Kitáb-i-Aqdas, dem Urbuch Seiner Sendung, sagt: »Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten durch die Schwungkraft dieser größten, dieser neuen Weltordnung. Das geregelte Leben der Menschheit ist aufgewühlt durch das Wirken dieses einzigartigen, dieses wundersamen Systems, desgleichen kein sterbliches Auge je gesehen hat.«¹ Ihre Umrisse wurden von Abdu'l-Bahá, ihrem großen Baumeister, in Seinem Testament entworfen, und nach Ihm werden heute, in der formgebenden Zeit der Bahá'í-Sendung, von Seinen Anhängern in Ost und West die Fundamente zu ihren ersten Institutionen gelegt.

¹ vgl. ÄL 70/1


+22:5

Die letzten dreiundzwanzig Jahre des ersten Bahá'í-Jahrhunderts können so als Auftakt zur Gestaltungszeit des Glaubens gelten, eine Zeit des Übergangs und zugleich der Entstehung und Festigung der Bahá'í-Verwaltungsordnung, auf der letzten Endes im Goldenen Zeitalter, das die Vollendung der Bahá'í-Sendung erleben wird, die Institutionen des künftigen Bahá'í-Weltstaatenbundes gebaut werden müssen. Das Grundgesetz, das diese Verwaltungsordnung ins Leben rief, ihre Züge umriß und sie in Gang setzte, ist Abdu'l-Bahás Testament, Sein größtes Vermächtnis an die Nachwelt, die glänzendste Ausstrahlung Seines Geistes und das mächtigste Werkzeug, um die bruchlose Folge der drei Zeitalter zu sichern, die die Sendung Seines Vaters ausmachen.

+22:6

Der Bund Bahá'u'lláhs ist allein kraft Seines Willens und Seines Zieles gestiftet. Abdu'l-Bahás Testament wiederum kann als die Frucht der mystischen Verbindung Dessen gesehen werden, der die Kräfte eines gottgegebenen Glaubens entband, mit Dem, der sein einziger Interpret wurde und als vollkommenes Vorbild anerkannt ist. Die vom Stifter des Gottesgesetzes in diesem Zeitalter ausgelöste schöpferische Energie stieß auf den Geist Dessen, der zu Seinem unfehlbaren Ausleger erwählt war, und ließ Ihn dieses Werkzeug hervorbringen, dessen unermeßlichen Folgerungen selbst unsere Generation dreiundzwanzig Jahre später noch nicht ganz zu fassen vermag. Dieses Werkzeug, richtig eingeschätzt, ist weder von Dem, der den Anstoß zu seiner Erschaffung gab, noch von Dem, der es dann erdachte, zu trennen. Wie gesagt, hatte die Absicht des Stifters der Bahá'í-Offenbarung den Geist Abdu'l-Bahás so völlig durchdrungen, Sein Geist so tief Dessen Wesen geprägt, waren beider Ziele und Beweggründe so völlig miteinander verschmolzen, daß man eine Grundwahrheit des Glaubens leugnen würde, wollte man die Lehre Bahá'u'lláhs von dem erhabenen Werk trennen, das mit der Sendung Abdu'l-Bahás verknüpft ist.

+22:7

Es sei gesagt, daß die mit diesem historischen Dokument geschaffene Verwaltungsordnung kraft ihres Ursprungs und ihrer Eigenart in der Geschichte der religiösen Systeme der Welt einzig dasteht. Man kann bestimmt sagen, daß bis vor Bahá'u'lláh von keinem Propheten, auch nicht von Muhammad, dessen Buch die Gesetze und Gebote der islámischen Sendung klar festlegt, irgend etwas maßgebend und schriftlich festgesetzt wurde, das mit der Verwaltungsordnung zu vergleichen wäre, die der befugte Ausleger der Lehren Bahá'u'lláhs schuf, einer Ordnung, die kraft der administrativen Regeln, die ihr Schöpfer formulierte, und der Institutionen, die Er schuf, sowie des Rechtes der Auslegung, das Er ihrem Hüter verlieh, den Glauben, dem sie entstammt, vor Spaltungen bewahren muß und wird, in einer Weise, wie es bei keiner früheren Religion der Fall war. Auch das ihre Wirkungsweise beherrschende Prinzip ist ganz anders als bei allen theokratischen oder sonstigen Systemen, die Menschengeist für die Lenkung menschlicher Einrichtungen ersann. Bei der Verwaltungsordnung des Glaubens Bahá'u'lláhs kann man weder von ihrer Theorie noch ihrer Praxis sagen, sie stimme mit irgendeiner Form demokratischer Regierung überein, mit irgendeinem autokratischen System, einer rein aristokratischen Ordnung oder einer der verschiedenartigen Theokratien wie die jüdische, die christliche oder die islámische, die die Menschheit in der Vergangenheit erlebte. Sie weist in ihrem Aufbau bestimmte Züge auf, die in jeder der drei bekannten Formen weltlicher Herrschaft zu finden sind, besitzt aber nicht deren eigentümliche Mängel, sondern vereinigt die heilsamen Wahrheiten, die sie alle zweifellos enthalten, ohne jedoch die göttlichen Wahrheiten in ihrer Reinheit im mindesten zu verfälschen, auf denen sie wesentlich beruht. Das erbliche Amt, das der Hüter der Verwaltungsordnung auszuüben berufen ist, und das Recht, die Heiligen Schriften auszulegen, das ihm allein verliehen ist, die Vollmachten und Vorrechte des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, das allein befugt ist, für Angelegenheiten, die im Heiligsten Buch nicht ausdrücklich offenbart sind, Gesetze zu erlassen, die Verfügung, welche die Hausmitglieder von jeder Rechenschaft gegenüber denen, die sie vertreten, und von jeder Pflicht, mit deren Ansichten, Überzeugungen oder Gefühlen übereinzustimmen, entbindet, die besonderen Vorkehrungen, wonach die Menge der Gläubigen in freier, demokratischer Wahl die Körperschaft zu wählen hat, die das einzige gesetzgebende Organ in der weltweiten Bahá'í-Gemeinde darstellt - dies sind einige Wesenszüge, welche die mit der Offenbarung Bahá'u'lláhs verbundene Ordnung von jedem bestehenden System menschlicher Herrschaft abheben.

+22:8

Und die Feinde, die diese Verwaltungsordnung seit der Stunde ihrer Einsetzung und in den dreiundzwanzig Jahren ihres Bestehens in Ost und West, von innen und außen falsch darstellten, herabwürdigten, verunglimpften, ihr Vordringen aufzuhalten und die Reihen ihrer Anhänger zu spalten versuchten, sind mit ihren bösen Absichten gescheitert. Die Mühen eines ehrgeiziger Armeniers, der in den ersten Jahren in Ägypten die Verwaltungsordnung durch eine »Wissenschaftliche Gesellschaft« zu ersetzen suchte, die er in seiner Kurzsichtigkeit erdacht hatte und vertrat, verfehlten ihr Ziel völlig. Die Umtriebe einer verirrten Dame, die in den Vereinigten Staaten und in England mit viel Eifer nachzuweisen suchte, daß das Schöpfungsdokument der Verwaltungsordnung nicht authentisch sei, und dafür sogar die Zivilbehörden in Palästina zum gesetzlichen Einschreiten veranlassen wollte - ein Ansinnen, das zu ihrem großen Ärger schroff zurückgewiesen wurde -, diese Umtriebe blieben ebenso erfolglos wie der Abfall eines der ältesten Pioniere und Gründerväter des Glaubens in Deutschland, den diese Dame so schlimm verleitet hatte. Die Bücher, die ein unverschämter Apostat in Persien zur selben Zeit verfaßte und dreist verteilte, nicht nur um jene Ordnung zu stören, sondern auch den Glauben, der sie gebar, zu untergraben, waren ebenso fruchtlos. Was sich die Überreste der Bundesbrecher ausdachten, als der Inhalt des Testamentes Abdu'l-Bahás bekannt wurde und sie unter der Anführung Mírzá Badí'u'lláhs dem berufenen Hüter des heiligsten Schreins der Bahá'í-Welt das Wächteramt zu entreißen suchten, führte zu nichts und brachte sie in noch schlechteren Ruf. Eine Reihe von Angriffen seitens bestimmter christlicher Fundamentalisten in christlichen und nichtchristlichen Ländern mit dem Ziel, die Grundlagen dieser Ordnung umzustoßen und ihre Wesensart zu verfälschen, waren nicht imstande, die Treue ihrer Anhänger zu erschüttern oder sie von ihrem hohen Ziel abzulenken. Nicht einmal die schändlichen, heimtückischen Machenschaften eines früheren Sekretärs Abdu'l-Bahás, der nichts gelernt hat aus der Strafe, die einen früheren Sekretär Bahá'u'lláhs traf, und nichts aus dem Schicksal verschiedener anderer Sekretäre und Dolmetscher seines Meisters in Ost und West, und der noch heute versucht, die Zielsetzung der unvergänglichen Urkunde zu verfälschen und ihre wesentlichen Bestimmungen, die der Ordnung ihre Autorität verleihen, für nichtig zu erklären - nicht einmal dies vermochte den Fortschritt ihrer Institutionen auf dem ihr von ihrem Urheber bestimmten Kurs auch nur für einen Augenblick zu hemmen oder nur im geringsten die Reihen ihrer treuen, hellwachen und unerschütterlichen Anhänger zu sprengen.

+22:9

Das diese Ordnung begründende Dokument, das Grundgesetz einer zukünftigen Weltkultur, das in einigen Ausführungen als Ergänzung zu einem so gewichtigen Buch wie dem Kitáb-i-Aqdas angesehen werden kann, das von Abdu'l-Bahá eigenhändig geschrieben, unterzeichnet und gesiegelt wurde, dessen erster Teil in einer der dunkelsten Perioden Seiner Festungshaft in Akká entstand, verkündet kategorisch und unzweideutig die grundlegenden Überzeugungen der Glaubensanhänger Bahá'u'lláhs, enthüllt in unmißverständlicher Sprache den zwiefältigen Charakter der Sendung des Báb, erklärt voll und ganz die Stellung des Stifters der Bahá'í-Offenbarung und sagt, daß »alle andern nur Seine Diener sind und Seine Befehle ausführen«, betont die Bedeutung des Kitáb-i-Aqdas, verfügt die Institution des Hütertums als erbliches Amt und umreißt seine wesentlichen Aufgaben, sieht die Maßnahmen für die Wahl des Internationalen Hauses der Gerechtigkeit vor, setzt dessen Aufgabenbereich fest und legt seine Beziehungen zum Hüteramt dar, schreibt die Pflichten der Hände der Sache Gottes vor, betont ihre Verantwortung und preist die Kraft des unzerstörbaren Bundes Bahá'u'lláhs. Ferner lobt das Dokument den standhaften Mut der Anhänger des Bundes Bahá'u'lláhs und spricht von den Leiden seines ernannten Mittelpunktes, erinnert an das schändliche Betragen Mírzá Yahyás, der die Warnungen des Báb in den Wind schlug, prangert mehrmals die Treulosigkeit und Widersetzlichkeit Mírzá Muhammad-Alís und seiner Komplizen, seines Sohnes Shu'á'u'lláh und seines Bruders Mírzá Badí'u'lláh, an, bestätigt erneut ihre Verstoßung und prophezeit die Vergeblichkeit all ihrer Hoffnungen, ruft die Afnán¹, die Hände der Sache und die ganze Gemeinde der Anhänger Bahá'u'lláhs dazu auf, sich einmütig zu erheben, Seinen Glauben zu verbreiten, sich überall zu verteilen, unermüdlich zu wirken und dem heroischen Beispiel der Apostel Jesu Christi zu folgen, warnt vor den Gefahren des Umgangs mit den Bundesbrechern und gebietet, die Sache vor den Angriffen der Falschen und Heuchler zu schirmen, und es rät ihnen, durch ihren Lebenswandel die Universalität des von ihnen erwählten Glaubens darzutun und seine hohen Lehren zu verteidigen. Im selben Dokument enthüllt der Verfasser den Sinn und Zweck des schon im Kitáb-i-Aqdas festgelegten Huqúqu'lláh², verpflichtet zum treuen Gehorsam gegen alle gerechten Herrscher, gibt Seiner Sehnsucht nach dem Martyrium Ausdruck und betet für Seine Feinde, daß sie bereuen und Vergebung finden.

¹ die Angehörigen des Báb ² das Recht Gottes


+22:10

Dem Aufruf dieses gewaltigen Dokuments gehorsam, erhoben sich die Mitglieder der weitverstreuten Bahá'í-Gemeinden in Ost und West. Ihrer hohen Berufung bewußt, zu Taten gespornt durch den Schock des unerwartet plötzlichen Hinscheidens Abdu'l-Bahás, geführt von dem göttlichen Plan, den ihnen der Architekt der Bahá'í-Verwaltungsordnung anvertraute, unbeeindruckt von den Angriffen der auf ihre wachsende Kraft eifersüchtigen und gegen ihre einzigartige Bedeutung blinden Verräter und Feinde, erhoben sie sich mit klarem Blick und unerschütterlich entschlossen, die Gestaltungszeit ihres Glaubens zu eröffnen, indem sie die Fundamente dieses weltumspannenden Verwaltungssystems legten, das dazu bestimmt ist, sich zu einer Weltordnung zu entwickeln, welche die Nachwelt sicher als die Verheißung und krönende Herrlichkeit aller Sendungen der Vergangenheit begrüßen wird. Die Anhänger des Glaubens Bahá'u'lláhs begnügten sich aber nicht mit dem Aufbau und der Festigung des Verwaltungsgefüges, das die Einheit und wirkungsvolle Betreuung der sich ständig ausbreitenden Gemeinde sichern soll, sondern sie waren entschlossen, in den zwei Jahrzehnten nach dem Hinscheiden Abdu'l-Bahás durch ihre Taten die Unabhängigkeit des Glaubens zu beweisen, seine Grenzen noch weiter auszudehnen und die Zahl seiner erklärten Anhänger zu erhöhen.

+22:11

Bei diesem dreifachen, weltweiten Vorhaben muß die Rolle der amerikanischen Bahá'í-Gemeinde erwähnt werden, die der Entwicklung des Glaubens in der ganzen Welt nach dem Hinscheiden Abdu'l-Bahás bis zum Ausgang des ersten Bahá'í-Jahrhunderts einen stürmischen Impuls gab, die das Vertrauen, das Abdu'l-Bahá in ihre Mitglieder setzte, und das hohe Lob, das Er ihnen zollte, und die frohen Hoffnungen, die Er für ihre Zukunft hegte, völlig rechtfertigte. Ja, ihr Einfluß war so vorherrschend bei der Einführung wie bei der Festigung der Bahá'í-Institutionen, daß ihr Land wohl verdient, als Wiege der Verwaltungsordnung zu gelten, die Bahá'u'lláh ins Auge gefaßt und der Mittelpunktes Seines Bundes durch Sein Testament ins Dasein gerufen hat.

+22:12

Im Zusammenhang damit, daß jetzt nach dem Hinscheiden Abdu'l-Bahás die Verwaltungsordnung in aller Form eingeführt wurde, ist zu beachten, daß die ersten Schritte zur Beschreibung von Aufgabenkreis und Wirkungsweise dieser Ordnung von Ihm und schon von Bahá'u'lláh selbst in den Jahren vor Seinem Hinscheiden unternommen worden waren. Er hatte bestimmte hervorragende Gläubige in Persien zu »Händen der Sache« ernannt; Abdu'l-Bahá hatte in führenden Bahá'í-Zentren in Ost und West örtliche Räte und Beratungsämter eingerichtet; in den Vereinigten Staaten von Amerika war die Bahá'í-Tempelvereinigung gebildet worden; man schuf örtliche Fonds zur Förderung der Bahá'í-Arbeit; man erwarb Grundbesitz für den Glauben und seine künftigen Einrichtungen, gründete Verlage zur Verbreitung von Bahá'í-Literatur, errichtete den ersten Mashriqu'l-Adhkár der Bahá'í-Welt, erbaute das Grabmal des Báb auf dem Karmel und richtete Herbergen ein, um reisende Glaubenslehrer und Pilger unterzubringen - alle diese Leistungen können als Vorläufer der Institutionen betrachtet werden, die nach Abschluß der Heldenzeit des Glaubens in der ganzen Bahá'í-Welt planmäßig und auf Dauer geschaffen werden sollen.

+22:13

Sobald die Bestimmungen der göttlichen Gründungsurkunde, die die Verwaltungsordnung des Glaubens Bahá'u'lláhs im wesentlichen umreißt, Seinen Anhängern bekannt waren, fingen sie an und bauten auf den Fundamenten - dem Lebenswerk der Helden, Heiligen und Märtyrer - die erste Stufe des Gefüges ihrer Verwaltungsinstitutionen. Sie waren sich bewußt, daß sie als erstes eine breite und feste Basis schaffen mußten, auf der anschließend die Pfeiler des mächtigen Baues aufgestellt werden konnten, und sie wußten, daß auf diesen Pfeilern, wenn sie stabil verankert sind, schließlich die Kuppel als krönender Abschluß des ganzen Gebäudes ruhen werde, auch ließen sie sich in ihrem Vorhaben nicht beirren durch die Krise, die die Bundesbrüchigen im Heiligen Land heraufbeschworen hatten, die Hetze, die Aufrührer in Ägypten entfesselt hatten, die Wirren, die entstanden, als die Schiiten das Haus Bahá'u'lláhs in Baghdád besetzten, die wachsenden Gefahren, die dem Glauben in Rußland drohten, oder den abfälligen Spott, auf den die amerikanische Bahá'í-Gemeinde bei ihren ersten Aktivitäten seitens gewisser Kreise stieß, die ihre Absicht völlig mißverstanden - die Pioniere der göttlichen Ordnung übernahmen vielmehr völlig einmütig und trotz ihrer großen Gegensätze in Lebensanschauung, Sitte und Sprache die zwiefache Aufgabe, die örtlichen Räte zu bilden und zu festigen, die von der Gesamtheit der Gläubigen zu wählen sind, um die Arbeit der Mitglieder des weitverbreiteten Glaubens zu lenken, abzustimmen und zu fördern. In Persien, in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, auf den Britischen Inseln, in Frankreich, Deutschland, Österreich, Indien, Birma, Ägypten, im 'Iráq, in Russisch Turkestan, im Kaukasus, in Australien, Neuseeland, Südafrika, in der Türkei, in Syrien, Palästina, Bulgarien, Mexiko, auf den Philippinen, in Jamaika, Costa Rica, Guatemala, Honduras, San Salvador, Argentinien, Uruguay, Chile, Brasilien, Ekuador, Kolumbien, Paraguay, Peru, Alaska, Kuba, Haiti, Japan, auf den Hawaiinseln, in Tunesien, Puerto Rico, Balúchistán, Rußland, Transjordanien, im Libanon und in Abessinien - in all diesen Ländern wurden allmählich solche Räte gegründet als Basis der wachsenden Ordnung eines lange verfolgten Glaubens. Als »Geistige Räte« - die Bezeichnung soll mit der Zeit durch den endgültigen, treffenderen Titel »Häuser der Gerechtigkeit« abgelöst werden, der ihnen vom Autor der Bahá'í-Offenbarung verliehen worden ist - werden sie ohne Ausnahme in allen Städten, Ortschaften und Dörfern gebildet, wo mindestens neun erwachsene Gläubige wohnen; sie werden jedes Jahr am ersten Tag des größten Bahá'í-Festes von allen erwachsenen Gläubigen, Männern wie Frauen, direkt gewählt und besitzen eine Amtsgewalt, die sie zu Handlungen und Entscheidungen befugt, ohne sich vor ihren Wählern verantworten zu müssen; sie sind feierlich verpflichtet, unter allen Umständen den Geboten der »Größten Gerechtigkeit« zu folgen, die allein den Weg zum Reich des »Größten Friedens« weisen können, den Bahá'u'lláh verkündet hat und letztlich herbeiführen wird; sie haben die Pflicht, jederzeit das Wohl der ihnen unterstellten Gemeinden zu fördern, sie mit ihren Plänen und Arbeiten vertraut zu machen und sie aufzufordern, alle Anregungen vorzubringen, die sie zu geben wünschen; sie müssen ihre nicht weniger wichtige Aufgabe darin sehen, mit allen freisinnigen, humanitären Bewegungen zu verkehren und dadurch das Weltumspannende und den Reichtum ihres Glaubens darzutun, doch von allen sektiererischen, religiösen wie weltlichen Vereinigungen müssen sie Abstand halten; sie werden durch Ausschüsse unterstützt, die von ihnen alljährlich ernannt werden und ihnen unmittelbar verantwortlich sind, wobei jedem Ausschuß ein besonderer Zweig der Bahá'í-Arbeit zugewiesen ist, den sie zu studieren und zu behandeln haben; sie werden von örtlichen Fonds getragen, an die alle Gläubigen freiwillige Zuwendungen machen. Diese Räte, die Vertreter und Treuhänder des Glaubens Bahá'u'lláhs - es gibt ihrer heute mehrere hundert, deren Mitglieder aus den verschiedensten Rassen, Bekenntnissen und Bevölkerungsschichten stammen, aus denen die weltweite Bahá'í-Gemeinde besteht - haben durch ihre Leistungen in den letzten zwei Jahrzehnten in reichem Umfang dargetan, daß man in ihnen mit Recht die Nervenstränge der Bahá'í-Gesellschaft und die tragende Grundmauer ihres Verwaltungsgebäudes sieht.

+22:14

»Der Herr hat befohlen«, lautet Bahá'u'lláhs Gebot in Seinem Kitáb-i-Aqdas, »daß in jeder Stadt ein Haus der Gerechtigkeit errichtet werde, in dem sich Beratende in der Zahl Bahá (neun) versammeln sollen. Sollte diese Zahl überschritten werden, so schadet dies nichts... Es geziemt ihnen, die Vertrauten des Barmherzigen unter den Menschen zu sein und sich für alle Erdenbewohner als die von Gott bestimmten Hüter zu betrachten. Es ist ihre Pflicht, miteinander zu beraten, Gott zuliebe auf die Belange Seiner Diener zu achten, wie sie auf ihre eigenen Belange achten, und zu wählen